Covid-19: Senat treibt Berliner Kliniken in den Kollaps

Von Markus Salzmann
1. Dezember 2020

Ein Viertel der Intensivbetten in Berliner Krankenhäusern ist mittlerweile mit Corona-Patienten belegt. Aus dem Lagebericht des Senats vom Samstag ging hervor, dass mit 25,3 Prozent ein höchst kritischer Wert erreicht ist. Damit sind zwei von drei Berliner Corona-Ampeln auf Rot. Schon seit Wochen ist in der Hauptstadt der Grenzwert von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche um das vierfache überschritten. Die sieben-Tage-Inzidenz liegt derzeit bei 200,9 Neuinfektionen, im Bezirk Spandau lag sie zuletzt sogar bei 309.

Mit 1.750 Infektionen pro 100.000 Einwohnern ist Berlin Spitzenreiter an Infektionen im Verhältnis zur Einwohnerzahl. Danach folgen Bayern (1.578), Bremen (1.454) und Nordrhein-Westfalen (1.452). Insgesamt haben sich in Berlin seit Beginn der Pandemie rund 64.000 Menschen mit Covid-19 infiziert, 550 Menschen starben. Diese Zahl wird nun weiter steigen. Derzeit sind in sieben Kliniken die Intensivstationen ausgelastet. Das zeigt das sogenannte DIVI-Intensivregister, in dem Kliniken bundesweit tagesaktuell Kapazitäten melden. Demnach sind in Berlin von insgesamt 1.260 Intensivbetten nur noch 152 frei.

Laut Senatsgesundheitsbehörde werden aktuell 304 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen behandelt, davon 270 beatmet. Damit sind es jetzt mehr als doppelt so viele Covid-19-Intensivpatienten wie während der ersten Pandemie-Phase, bei der die Zahl in der Spitze bei 150 Fällen lag. Dazu werden die Erkrankten auch jünger. In Kalenderwoche 46 lag der Altersdurchschnitt der Infizierten bei 42 Jahren. In Kalenderwoche 16 lag er noch bei 51 Jahren.

Laut Berliner Zeitung meldeten sieben Krankenhäuser am Sonntag, dass sie für bestimmte medizinische Leistungen keine Intensivbetten mehr zur Verfügung haben. Darunter das Auguste-Viktoria-Klinikum in Schöneberg, die DRK Kliniken Berlin Köpenick und das Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe. Selbst Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD), die bislang das Ausmaß der Krise auf das Gesundheitssystem regelmäßig herunterspielte, schrieb am Sonntag auf Twitter: „Die anhaltend hohen Infektionszahlen führen zu einer zunehmenden Auslastung der Intensivbetten für immer mehr schwerstkranke Patient*innen“.

Mit der Vivantes-Klinik in Neukölln, steht eine der größten Kliniken Deutschlands vor einem Aufnahmestopp. Deren Notaufnahme soll möglicherweise sehr bald bei den Rettungsdiensten abgemeldet werden, was zur Folge hätte, dass Feuerwehr und Krankentransporter andere Kliniken anfahren müssten. Derzeit sind in der Klinik rund 85 Prozent der 1200 Betten belegt. „Das Problem sind nicht die belegten Betten, sondern fehlende Pflegekräfte“, sagte der Vivantes-Mediziner Thomas Werner. „Auf den meisten Stationen fehlen rund 15 Prozent der Pflegekräfte – weil sie selbst erkrankt oder in Quarantäne sind“, zitiert der Tagesspiegel den Mediziner.

Die Klinik des ehemals landeseigenen Krankenhauskonzern versorgt jährlich rund 80.000 Patienten, in einem Katastrophenfall wäre die Klinik auch für Verletzte des des neuen Berliner Flughafens BER zuständig. In den Vivantes-Kliniken wurden seit Pandemiebeginn etwa 1.700 Corona-Fälle behandelt.

Dies bringt auch Feuerwehr und Rettungsdienste immer mehr an die Grenzen. „Unsere Rettungswagen fahren jetzt die Krankenhäuser an, die Kapazitäten haben – das sind mitunter leider nicht die am nächsten gelegenen“, so Thomas Kirstein gegenüber der Berliner Zeitung „Das System kommt ins Wanken und wir müssen auch deshalb öfter den Ausnahmezustand im Rettungsdienst ausrufen“, erklärte der Sprecher der Berliner Feuerwehr.

Ungeachtet dieser Entwicklung setzen SPD, Grüne und Linke, die die Regierung in der Hauptstadt stellen, ihren bisherigen Kurs fort und unternehmen nicht nur keine Anstrengungen, um Gesundheit und Leben der Bevölkerung zu schützen, sondern setzten die Politik der „Herdenimmunität“ fort.

Obwohl wissenschaftlich belegt ist, dass Schulen und Kitas Treiber der Pandemie sind, gibt es einen „klaren Konsens im Senat“, die Schulen unter allen Umständen offen zu halten. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) erklärte, der Präsenzunterricht an den Schulen werde auch bei weiter steigenden Zahlen „erste Wahl“ sein. Auf die massive Kritik an dieser Haltung reagierte sie mit der offensichtlich unsinnigen Begründung, ein Teenager könne nicht mehrere Stunden am Computer sitzen und selbstorganisiert lernen. Das Kind würde sich „womöglich bald langweilen und lieber nach draußen gehen“.

Gleichzeitig machte sie deutlich, dass die geplante Anschaffung von 1.200 Luftfiltergeräten für die Schulen keinerlei Priorität hat. „Das falsche Gerät, auch noch schlecht gewartet, kann sogar absolut kontraproduktiv sein. Ich kann es nicht verantworten, einfach aktionistisch irgendwas in die Schulen stellen zu lassen“, erklärte die SPD-Politikerin. Stattdessen riet Scheeres wiederholt zum Lüften der Klassenräume, man wolle ja „die Kinder vor dem Virus schützen“, bemerkte sie zynisch.

Berlin ist nicht das einzige Bundesland mit gefährlicher hoher Auslastung der Intensivbetten. Im gesamten Bundesgebiet geraten immer mehr Kliniken an die Grenzen der Kapazitäten und Intensivbetten werden mit steigenden Infektionszahlen knapper. Von 770 Betten auf den Intensivstationen in Brandenburger Krankenhäusern waren letzte Woche 600 belegt, wie aus Zahlen der DIVI hervorgeht. Im Landkreis Oberspreewald-Lausitz waren alle acht vorhandenen Betten belegt.

Während die Auswirkungen für die Patienten dramatisch sind, sind auch die Beschäftigten von Krankenhäusern und Pflegeheimen extrem belastet, da die Einrichtungen selbst immer mehr zu Hotspots zu werden.

Und auch gegenüber Ärzten und Pflegekräften legen Bundes- und Landesregierungen völlige Skrupellosigkeit an den Tag. So sprach sich Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) erneut für die so genannte „Arbeitsquarantäne“ aus. Dazu sollten positiv getestete Ärzte und Pflegekräfte positiv getestete Patienten betreuen. Spahn erklärte, er gehe davon aus, dass etliche Ärzte und Pflegekräfte trotz Corona-Infektion weiter zur Arbeit gehen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. „Die Wahrheit ist: Ohne diese Ausnahmeregelung wäre in manchen Regionen in Deutschland, in manchen Krankenhäusern und Altenpflegeeinrichtungen Stand heute die Versorgung nicht möglich“, sagte Spahn jüngst bei einer digitalen Diskussionsveranstaltung des Netzwerks Pflege.

Für Spahn gehört diese – für Beschäftigte und Patienten – hochriskante Versorgung zum „Berufsethos“ von Pflegekräften und Ärzten. Dabei ist klar, dass ein solches Vorgehen der Infektionsverbreitung Tür und Tor öffnet. Ein Infizierter, der selbst in strenge Quarantäne gehen und jeden Kontakt vermeiden müsste, wäre dabei in täglichem Kontakt zu erkrankten oder vorerkrankten Menschen, abgesehen von Arbeitswegen und dem unvermeidlichen Kontakt zu nicht-infizierten Personen.

Unterdessen sind Beschäftigte im Gesundheitswesen zunehmend überlastet. Während Politik und Klinikbetreiber immer wieder erklären, das Gesundheitssystem sei gut aufgestellt, zeigte eine Umfrage des Bayrischen Rundfunks das genaue Gegenteil.

In der Umfrage gibt eine bayerische Uniklinik an, positiv getestete Beschäftigte einzusetzen, die für die Patientenbehandlung unentbehrlich seien. Klinikbeschäftigte sagen gegenüber dem BR: „Mündlich kam dann die Ansage, man soll weiterarbeiten, auch wenn man positiv getestet wurde und keine Symptomatik hat. Man soll nur eine FFP2 Maske tragen. Das ist absolut unverantwortlich.“

Weiterhin gibt es auch keine einheitlichen Vorgaben für Testungen von Mitarbeitern. Sieben der 20 befragten Kliniken testen nach eigenen Angaben bei Symptomen. Etwa ein Viertel erklärten, sie testeten im ein- oder zwei-Wochen-Rhythmus regelmäßig das gesamte medizinische Personal. Auch hier kommentierten Ärzte und Pflegekräfte, dass beispielsweise nur getestet wird, „wenn das Gesundheitsamt es anordnet.“ Experten fordern seit Langem einheitliche und engmaschige Testungen bei Ärzten und Pflegepersonal.

Laut BR klagen zahlreiche Beschäftigte über „hunderte Überstunden, Doppelschichten, unterbesetzte Schichten und den Einsatz von Hilfskräften. Das gehe auch zu Lasten der Patienten.“ Eine Pflegekraft schilderte verzweifelt: „Es ist jetzt schon kaum zu packen. Wie wir das schaffen sollen, wenn noch mehr Corona-Patienten zu uns kommen? Ich weiß es nicht.“

Die Regierungen jeglicher Couleur haben Milliarden an die Banken und Konzerne überwiesen und keinen Cent in die kaputt gesparte Pflege investiert. Um die Profite der Reichen zu schützen, halten sie nun Schulen und Betriebe offen und organisieren so den totalen Kollaps des Gesundheitssystems. Pfleger, Lehrer und andere Arbeiter müssen sich unabhängig in Aktionskomitees organisieren, um ihre Leben zu schützen und dieser menschenverachtenden Politik entgegenzutreten.

 

Siehe auch:

Dutzende Schüler-, Eltern- und Lehrervertreter verabschieden Aufruf für Schulstreiks und sichere Bildung
[30. November 2020]