Fast eine halbe Million Covid-Fälle pro Tag

WHO warnt: Die Welt ist an einem kritischen Punkt angelangt

Von Benjamin Mateus
26. Oktober 2020

Der für den Herbst und Winter befürchtete dramatische Anstieg der Covid-19-Fälle hat begonnen. In einigen Regionen Nordamerikas und Europas steigt die Zahl der Fälle exponentiell an.

Weltweit wurden bisher mehr als 42,7 Millionen Covid-19-Fälle und mehr als 1,15 Millionen Todesfälle bestätigt. Am Freitag überstieg die Zahl der täglichen Neuinfektionen erstmals die Marke von 500.000. Die Zahl der Todesfälle weltweit ist seit vier Tagen in Folge um mehr als 6.000 täglich gestiegen.

Ein Covid-19-Patient wird am 23. Oktober auf die Verlegung per Hubschrauber aus dem Krankenhaus FlevoZiekenhuis im niederländischen Almere vorbereitet. (AP Photo/Peter Dejong)

Der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Adhanom Ghebreyesus, sprach am Freitag bei einer Pressekonferenz zur Corona-Pandemie eine düstere Warnung aus: „Wir sind in dieser Pandemie an einem kritischen Punkt angekommen, vor allem in der nördlichen Hemisphäre. Die nächsten Monate werden sehr hart werden, und einige Länder befinden sich auf einem gefährlichen Weg. Obwohl wir erst Oktober haben, steigen die Fallzahlen in zu vielen Ländern exponentiell an, sodass Krankenhäuser und Intensivstationen ihre Kapazität fast erreicht oder überschritten haben. Wir fordern die Staats- und Regierungschefs auf, unverzüglich Maßnahmen zu ergreifen, um weitere unnötige Todesfälle, den Zusammenbruch wichtiger Gesundheitsdienste und die erneute Schließung von Schulen zu verhindern. Ich wiederhole, was ich bereits im Februar gesagt habe: ,Dies ist keine Übung.‘“ Er mahnte eindringlich, die Staats- und Regierungschefs der Welt könnten „das Ruder noch herumreißen“.

Während der Fragerunde stellte die Epidemiologin Dr. Maria Van Kerkhove fest, dass die Kapazität der Intensivstationen in vielen Regionen Europas und Nordamerikas in den nächsten Wochen an ihre Grenzen stoßen könnte. Sie rief die Länder eindringlich dazu auf, die Situation sofort „ehrlich einzuschätzen“ und alle verfügbaren Daten zu nutzen, um „Kurskorrekturen und notwendige Änderungen“ durchzuführen und damit die Übertragungsraten zu verringern und Menschenleben zu retten.

Dr. Mike Ryan bekräftigte diese Warnungen: „Die Zahl der Todesfälle im Verhältnis zur Gesamtzahl der Fälle muss nicht notwendigerweise das schreckliche Niveau vom Frühjahr erreichen. Die Dinge haben sich geändert, wir sind besser – wir sind jetzt besser. Wir müssen die Übertragungen verhindern. Aber wir müssen uns auch auf die Senkung der Opferzahlen konzentrieren, die in den kommenden Tagen zweifellos steigen werden. Wir müssen aber auch investieren, damit unsere Pflegesysteme an der Front angesichts der steigenden Zahl von Patienten nicht zusammenbrechen.“

Am Freitag meldeten die USA über 81.000 neue Fälle. Das ist der der höchste Wert seit dem 24. Juli, als die Zahl der täglichen Neuinfektionen die Marke von 79.000 überschritten hatte. Auch der gleitende Sieben-Tages-Durchschnitt der Todesrate stieg auf über 800 an. Noch problematischer war der rasante Anstieg der Zahl hospitalisierter Patienten, die bereits am Donnerstag landesweit 41.000 überstieg – ein Anstieg um 33 Prozent in den letzten drei Wochen.

Das Institute for Health Metrics and Evaluation (IMHE) an der Washington State University erklärte in seinen jüngsten Prognosen für die USA, die Lage werde sich im November und Dezember verschärfen und im Januar ihren Höhepunkt erreichen. Da momentan weniger als 50 Prozent der Bevölkerung Mund-Nasen-Schutz tragen und die Bundesstaatsregierungen weiterhin soziale Distanzierungsmaßnahmen zurücknehmen, werden bis zum 1. Februar laut dem IMHE fast 500.000 vermeidbare Todesfälle zu beklagen sein.

In den Bundesstaaten des „Sun Belt“ steigt die Zahl der täglichen Infektionen und Todesfälle erneut an. Die Bundesstaaten im Süden und im Mittleren Westen (Kentucky, Nebraska, North Dakota, Ohio, Oklahoma, South Dakota, Wisconsin und Wyoming) vermeldeten Rekordzahlen bei den Krankenhauseinweisungen. In zwölf Bundesstaaten liegt der Siebentages-Durchschnitt auf einem Höchststand, während sechs Staaten (Colorado, Indiana, Montana, Ohio, Oklahoma und Utah) ihren bisherigen Höchststand an Fällen erreicht haben.

CNN hat einen Bericht der Coronavirus-Taskforce veröffentlicht, der vom Weißen Haus verheimlicht wurde. Demnach geht der Anstieg der Fälle auf kleinere private Zusammenkünfte zurück. Angesichts der nahenden Feiertage erklärte der Direktor der US-Seuchenschutzbehörde, Dr. Robert Redfield, in einer Telefonkonferenz mit den Gouverneuren der Bundesstaaten: „Wir glauben, es ist von entscheidender Bedeutung, dass in den privaten Haushalten weiterhin die Einhaltung der Eindämmungsmaßnahmen beachtet wird.“

Fast alle kommunalen Gesundheitsbehörden im ganzen Land, von Vermont bis New Mexico, haben Alarm geschlagen. Im Oglala-Sioux-Reservat in South Dakota, wo 391 aktive Covid-19-Fälle unter 20.000 Einwohnern gemeldet wurden, ist ein Lockdown verhängt worden. Im Norden Idahos können die Krankenhäuser keine Patienten mehr aufnehmen, sodass die Behörden sie per Hubschrauber nach Oregon oder Washington verlegen wollen. In Florida haben die Gesundheitsbehörden die Öffentlichkeit aufgerufen, keine Geburtstagspartys für Kinder mehr abzuhalten. In Texas lenkt Gouverneur Greg Abbott die Ressourcen für El Paso um, wo es diese Woche 3.750 Neuinfektionen gab – allein am Donnerstag waren es 1.161.

Nachdem sich die europäischen Regierungen den Sommer über selbst gelobt und in ungerechtfertigtem Stolz gesonnt haben, hat Europa Nordamerika mittlerweile als neues Epizentrum der Pandemie abgelöst. Die Zahl der neuen Covid-19-Fälle ist um das Zehnfache gestiegen. Am Donnerstag machten sie mit mehr als 218.000 Neuinfektionen 45 Prozent der weltweiten Gesamtzahl aus.

Die europäischen Staaten wurden umfassend gewarnt, die Situation könnte sich schnell so weit verschlechtern, dass neue Lockdowns verhängt werden müssen, um die Pandemie unter Kontrolle zu bringen. Um das zu verhindern, hätten die Staaten ihre Kapazitäten für Tests und Kontaktverfolgung ausbauen, Programme zur angemessenen Behandlung und Pflege von Quarantänefällen ausarbeiten und die Krankenhäuser mit genug Material und Personal ausstatten müssen. Doch trotz aller Ratschläge und Warnungen erklärten sie schnell den Sieg über die Pandemie, um ihre Wirtschaft wieder in Gang zu bringen.

Frankreich verzeichnete am Freitag mehr als 42.000 Fälle und fast 300 Todesopfer. Genau wie in Russland und Spanien gibt es in Frankreich mehr als eine Million bestätigte Covid-19-Fälle. Laut Schätzungen wird sich die Zahl der täglichen Neuinfektionen bis November verdoppeln. Obwohl für 46 Millionen von 67 Millionen Einwohnern eine Ausgangssperre von 21 bis 6 Uhr gilt, bleiben Unternehmen und Schulen geöffnet. Nach der jüngsten Zählung werden 2.139 Covid-Patienten mit Beatmungsgeräten behandelt, was einem Drittel der landesweiten Kapazität entspricht.

In Großbritannien stieg die Zahl der Fälle seit vier Tagen in Folge um mehr als 20.000 an. Wales hat am Freitag einen Lockdown verhängt. Die Bevölkerung wurde angewiesen zu Hause zu bleiben, und alle nicht-systemrelevanten Geschäfte, einschließlich Pubs, wurden geschlossen. In Nordirland wurden die Schulen für zwei Wochen, bis zum 2. November, geschlossen. Restaurants und Cafés werden in den nächsten vier Wochen nur in beschränktem Umfang in Betrieb sein. Auch in London ist mit neuen Einschränkungen zu rechnen.

Der Nottingham University Hospital Trust erklärte gegenüber der BBC, dass täglich eine Zahl von „Covid-19-Patienten im Umfang einer ganzen Station“ aufgenommen werden. Das Queen's Medical Centre und das City Hospital verzeichnen laut Patientenzählung im Durchschnitt 14 Einweisungen mit sieben Beatmungspatienten pro Tag.

Tschechien wurde anfangs am stärksten von der zweiten Welle getroffen. Die Fallzahlen steigen exponentiell um fast 15.000 pro Tag, dazu kommen mehr als 100 Tote. Ministerpräsident Andrej Babis erklärte am Mittwoch in einer Ansprache in Prag: „Wir lagen sicherlich falsch, als wir Ende Mai glaubten, wir hätten es hinter uns, und die Öffnungen durchführten.“

Polen verzeichnete am Freitag 13.632 Neuinfektionen und 153 Todesfälle. Die Regierung errichtet derzeit im Nationalstadion ein provisorisches Feldlazarett, um Patienten zu versorgen. Laut Regierungssprecher Piotr Muller sollen in dem Stadion, das fast 60.000 Zuschauer aufnehmen kann, mehr als 500 Patienten mit Sauerstoff versorgt werden. Die Bestände an medizinischem Sauerstoff, der von entscheidender Bedeutung bei der Behandlung von Covid-Patienten ist, gehen wieder zur Neige.

Spanien und Italien verzeichneten am Freitag jeweils fast 20.000 neue Fälle. In Deutschland stieg die Zahl um 13.476, in Belgien um 16.746, in den Niederlanden gab es fast 10.000 Fälle. Auf Europa entfallen fast ein Drittel aller Todesfälle durch Covid-19. Trotz dieses massiven Anstiegs der Infektionen erklärte der umstrittene schwedische Epidemiologe und Regierungsberater Dr. Anders Tegnell in der BBC-Radio-4-Sendung „Today“: „Im Wesentlichen sagen wir den älteren Menschen, ihr müsst euch nicht mehr vollständig isolieren.“

Diese Entwicklungen sind ein Ergebnis des erbärmlichen Versagens einer Politik, die die Bedürfnisse der Finanzmärkte über den Schutz von Menschenleben stellt. Adam Kamradt-Scott, Professor für globale Gesundheit an der Universität von Sydney, erklärte gegenüber Vox: „Es war verständlich, dass die Länder in den ersten Wochen, als das Virus ausbrach und schnell die Gesundheitssysteme überlastet hat, Lockdowns verfügt haben. Aber sechs Monate später sollten die Länder Systeme für die nötige Kontaktverfolgung und sonstige Maßnahmen eingeführt haben, die ausreichen, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen, anstatt auf harte Lockdowns zu setzen.“

Der Analyst Damiano Sandri, der im Auftrag des IWF die Auswirkungen des Virus auf die wirtschaftlichen Aktivitäten untersucht hat, stellte fest: Wirtschaftlicher „Schaden entsteht auch, wenn es eine starke Infektionswelle gibt und Menschen sterben“.

 

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