Der Pianist Igor Levit und die Verteidigung der Kultur gegen den Faschismus

23. Oktober 2020

Der 33-jährige russisch-deutsche Pianist Igor Levit zählt zu den wichtigsten Pianisten und Musikern seiner Generation. Seine Brillanz besteht nicht nur in einer makellosen Technik, wie sie mehr oder weniger erwartet wird in der heutigen Zeit, in der Pianisten so intensiv ausgebildet werden, dass es oft – und nur halb im Scherz – heißt, dass sie nie lernen, wie man einen Fehler macht. Levits musikalischer Ruf beruht auf seiner immensen Vorstellungskraft als Interpret, die emotionale Feinsinnigkeit mit großer intellektueller Tiefe verbindet. Seine jüngst eingespielte Interpretation der 32 Beethoven-Sonaten – Werke, die zu den Sternstunden der menschlichen Kultur gehören und dem Pianisten größte körperliche und geistige Fähigkeiten abverlangen – wurde von Kritikern und Publikum in aller Welt mit Begeisterung aufgenommen.

Seine Auffassung der Kunst als Kraft der Aufklärung und Solidarität hat Levit den Respekt und die Zuneigung eines weltweiten Publikums eingebracht. Während der ersten Monate der Pandemie gab er eine außergewöhnliche Reihe abendlicher „Twitter-Konzerte“, die live übertragen wurden. Mehr als 50 Abende hintereinander gab Levit Konzerte, die überall auf der Welt kostenlos zu hören und zu sehen waren. Er begann jeweils mit einer kurzen Einführung in die Bedeutung der Kompositionen, die er anschließend spielte. Levits Twitter-Konzerte zogen Zehntausende Zuhörer in ihren Bann.

Igor Levit spielt Beethoven: Klaviersonate Nr. 14, Opus 27, Nr. 2, die „Mondscheinsonate“ (Opus Klassik 2019)

Dieser große Künstler ist auch in der linken Politik aktiv. In einem Porträt, das im vergangenen Mai im Magazin New Yorker erschien, wurde vermerkt: „Andere Pianisten aus Levits Generation mögen größeren Ruhm auf dem Massenmarkt erlangt haben ... aber keiner hat eine vergleichbare Statur als kulturelle oder gar politische Figur. Im deutschsprachigen Raum ist Levit nicht nur Klassikfans vertraut, sondern auch breiteren Bevölkerungsschichten, die seine linke, internationalistische Weltsicht teilen.“

Levit hat sich zu einer mächtigen Stimme gegen das Wiederaufleben des Neonazismus in Deutschland entwickelt, der im wachsenden politischen Einfluss der Alternative für Deutschland (AfD) seinen übelsten Ausdruck findet. Mit deren Erhebung in den Rang der offiziellen Oppositionsführerin im Bundestag wird der Faschismus von den politischen Eliten erneut als legitime politische Kraft gefördert. In diesem zunehmend reaktionären Umfeld wird neonazistische Gewalt – begleitet von Antisemitismus und gewalttätigen Angriffen auf Juden – zu einer alltäglichen Erscheinung.

Seit letztem Jahr erhält Levit, der Jude ist, antisemitische Morddrohungen. Aber er ließ sich nicht einschüchtern und prangert weiterhin neonazistische Gewalt an. Nach dem Anschlag auf einen jüdischen Studenten in Hamburg am 4. Oktober twitterte Levit: „so müde. so, so müde. und so wütend.“ Am folgenden Tag twitterte er: „Gestern: Hamburg. Heute: Phrasen. Nie wieder-Hashtags. Wie immer. Einfach ermüdend. Ermattend.“ Am 9. Oktober postete Levit eine weitere Twitter-Nachricht: „wie sehr sehr müde diese Zeit doch macht...“ Und am 10. Oktober: „Kaum etwas ist dieser Tage ermüdender als Nachrichten lesen.“

Levits Tweets, die von Tausenden gelesen wurden, überstiegen das Maß dessen, was die AfD und ihre Sympathisanten und Apologeten in den Medien ertragen konnten. Deutschlands führende liberale Zeitung, die Süddeutsche Zeitung (SZ), veröffentlichte am vergangenen Freitag, den 16. Oktober, einen schmutzigen Hetzartikel unter dem zynischen Titel „Levit ist müde“. Der Artikel, geschrieben von Helmut Mauró, bediente sich Sprachbildern und Stereotypen, deren eindeutig antisemitische Konnotationen für ein deutsches Publikum sofort offensichtlich sind.

Der russisch-deutsche Pianist Igor Levit bei einem Konzert in Leipzig 2018 (AP Photo/Jens Meyer)

Zunächst stellte Mauró Levits „theatralisch vorgetragenes Pathos“ dem russischen Pianisten Daniil Trifonov gegenüber, der „in einer völlig anderen Liga“ spiele. Jeder Deutsche, der sich in der Musik auskennt und mit Richard Wagners abstoßenden antisemitischen Tiraden gegen jüdische Musiker vertraut ist, weiß genau, was Mauró damit andeuten will: In Ermangelung echter nationaler Wurzeln ist der Jude in dieser Weltsicht nicht dazu fähig, die emotionale Tiefe eines echten Russen zu erreichen. (Es sei hier darauf hingewiesen, dass Trifonov, der selbst ein wundervoller Pianist ist, keinerlei Schuld daran hat, dass sein Name von Mauró missbraucht wird.)

Nachdem er sich beiläufig über Levits „Legato“ beschwert hat, kommt Mauró zum eigentlichen Gegenstand seiner Wut. Levits Bekanntheit sei nicht auf musikalisches Talent zurückzuführen, sondern auf seine Beziehungen zu „den richtigen Journalisten und Multiplikatoren“ und seine öffentliche politische Haltung. Darüber hinaus seien Levits öffentliche Anklagen gegen die Rechten und den Antisemitismus in Deutschland Teil einer „Opferanspruchsideologie“ und „regelrechte[r] emotionale[r] Exzesse“.

Mauró scheint vergessen zu haben – oder möchte wohl eher nicht daran erinnert werden –, dass die deutsche Regierung, die von 1933 bis 1945 an der Macht war, einen industriellen Massenmord an sechs Millionen Juden organisiert hat. Als Nächstes zweifelt er an, ob Levits politische Tweets überhaupt ernst zu nehmen seien. Die Morddrohungen, die Levit erhielt, werden nicht erwähnt. Derweil erinnert sich Mauró mit Bitterkeit an die Bemerkung Levits in einem Interview, das im Spiegel veröffentlicht wurde. „Deutschland hat ein Menschenverachtungsproblem“, sagte Levit darin. Was erlaubt er sich!

Nachdem sich Mauró über Levits Tweets zum Attentat in Hamburg ereifert hat, stellt er die politischen Anliegen Levits schließlich einem Tweet von Trifonov gegenüber, der seine Follower kürzlich darüber informiert hatte, dass er die Musik von Prokofjew spielt. Ein solches Verhalten, so der Unterton, sei doch wesentlich schicklicher als die Eskapaden Levits, der sich öffentlich über den Angriff auf einen Juden in Hamburg beschwert!

Die Botschaft des Artikels könnte nicht klarer sein: Wenn es dem jüdischen Künstler Levit nicht gefällt, dass die AfD im Deutschen Bundestag sitzt und dass in Deutschland antisemitische Terroranschläge wieder zum Alltag gehören, soll er es für sich behalten. Darüber hinaus, so deutet der Artikel an, hat er auf den obersten Rängen der klassischen Musikszene sowieso nichts zu suchen.

Maurós Artikel weckt Erinnerungen an die brutale Verfolgung und Denunziation jüdischer Künstler durch die Faschisten der 1920er und 1930er Jahre. Unzählige jüdische Künstler und Intellektuelle mussten nach der Machtübertragung an die Nazis aus dem Land fliehen; diejenigen, die blieben, wurden im Holocaust fast ausnahmslos ermordet.

Die Reaktion in der Öffentlichkeit gegen Mauró und die SZ war enorm. In den sozialen Medien prangerten unzählige Nutzer, darunter Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, aber auch viele SZ-Leser und Liebhaber klassischer Musik, den Artikel als einen bösartigen Angriff auf Levit an, der den Gestank des Antisemitismus verströmt. Der Bayerische Rundfunk, einer der wichtigsten Sender für klassische Musik, veröffentlichte eine prinzipielle Antwort, die auf die antisemitischen Untertöne des Artikels aufmerksam machte und festhielt, dass der Artikel alle Grenzen dessen überschritten habe, was als legitime Musikkritik betrachtet werden könne.

Nach einer ersten Stellungnahme, in der sich der Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung hinter den Angriff Maurós auf Levit stellte, entschuldigte sich die Zeitung am Dienstag bei Igor Levit und ihren Lesern. Sie räumte ein, dass eine überwältigende Zahl ihrer Leser und ein erheblicher Teil ihrer eigenen Redakteure den Text als „antisemitisch“ empfand. Da stellt sich natürlich die Frage: Warum wurde er dann überhaupt veröffentlicht?

Der Rückzug der Süddeutschen Zeitung sorgte bei zwei anderen großen Zeitungen des Establishments für Empörung. Der Chefredakteur der rechtsgerichteten Zeitung Die Welt, Ulf Poschardt, erklärte die öffentliche Kontroverse um Levit zum „Kulturkampf“. Er warf der Süddeutschen Zeitung vor, sich vor „den ersten Geigen des Jakobiner-Orchesters“ und der „Twitter-Brigade einer neuen linken Meinungsführerschaft“ verbeugt zu haben. „[G]anz schlimm rechte Köpfe, die wagen, zu widersprechen“, schäumt Poschardt, würden zu „Vogelfreien“ erklärt. Auch die konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung schloss sich Maurós Angriff auf Levit an und warf der Süddeutschen vor, sich vor dem „Druck der Masse“ weggeduckt zu haben.

Die Angriffe gegen Levit erinnern an die Kampagne eben dieser Zeitungen gegen die Sozialistische Gleichheitspartei (SGP) und ihre Jugendorganisation, die International Youth and Students for Social Equality (IYSSE), die sich gegen die Rehabilitierung Adolf Hitlers durch prominente Akademiker wie Jörg Baberowski gestellt haben. Die Warnungen, die die SGP seit 2014 ausgesprochen hat, haben sich voll und ganz bestätigt: Der Aufstieg der AfD stellt eine reale und wachsende Gefahr für demokratische Rechte und die Kulturwelt dar.

Das Anwachsen der faschistischen Kräfte in Deutschland ist das Ergebnis einer bewussten politischen Operation der herrschenden Klasse und einer Verschwörung auf den höchsten Ebenen des Staatsapparats. Der reaktionäre Angriff auf Levit durch einflussreiche Zeitungen steht in krassem Gegensatz zu der massenhaften Verteidigung des beliebten Künstlers durch die Öffentlichkeit.

Der Angriff auf Levit hat eine politische und kulturelle Bedeutung, die über die Grenzen Deutschlands hinausgeht. Die herrschende Klasse fürchtet gesellschaftlich bewusste und politisch engagierte Künstler, die sich für die Hebung des kulturellen Niveaus der Arbeiterklasse einsetzen.

Levit ist nicht nur wegen seiner politischen Haltung zur Zielscheibe der Rechten geworden. Sein Bemühen, die Werke Beethovens und anderer Komponisten breiten Bevölkerungsschichten zugänglich zu machen und damit das Interesse an der Kultur insgesamt zu steigern, wird von der herrschenden Klasse nicht nur mit Argwohn, sondern auch als Bedrohung betrachtet.

Mit seinem Schwerpunkt auf Komponisten wie Beethoven, der stark von der Französischen Revolution beeinflusst war, und Frederic Rzewski, der mit „The People United Will Never Be Defeated!“ den von der CIA unterstützten Putsch in Chile 1973 verarbeitete, bringt Igor Levit darüber hinaus einen Linksruck in den fortschrittlichsten Teilen der kulturellen Intelligenz zum Ausdruck, die ernsthaft über politische Fragen nachdenken. Es ist diese Entwicklung und deren Überschneidung mit einer wachsenden Bewegung der Arbeiterklasse, die die Neofaschisten und die herrschende Klasse in Deutschland hassen und fürchten.

Für die revolutionäre sozialistische Bewegung sind der Kampf für die volle politische Emanzipation der Arbeiterklasse und ihre kulturelle Aufklärung untrennbar miteinander verbunden. Nirgendwo hat sich dies so deutlich gezeigt wie in Deutschland, wo die marxistische Arbeiterbewegung das Ergebnis eines tiefgreifenden politischen, theoretischen und kulturellen Fortschritts war, der nicht nur die wissenschaftlichen Durchbrüche von Marx und Engels, sondern auch die großen Werke ihrer philosophischen und kulturellen Vorgänger umfasste.

Beginnend mit Heinrich Heine, der mit Karl Marx und Friedrich Engels befreundet war, bis hin zu Ferdinand Freiligrath waren bedeutende Persönlichkeiten des Kulturlebens stets sehr eng mit der revolutionären Bewegung verbunden. Der Angriff der Nazis auf die deutsche Arbeiterklasse und ihre Organisationen ging mit einer barbarischen Zerstörung aller echten Kultur und Kulturschaffenden einher.

Der Mut von Igor Levit und die Unterstützung, die er von Tausenden Arbeitern und Jugendlichen in Deutschland erhalten hat, sollten andere Künstler ermutigen und inspirieren, seinem Beispiel zu folgen.

Zur Frage der Beziehung zwischen der Krise der bürgerlichen Gesellschaft und der Kunst schrieb Leo Trotzki 1938: „Die Kunst kann weder der Krise entkommen noch sich von ihr lossagen. Sie kann nicht nur sich selbst retten. Sie wird zwangsläufig verfallen – wie die griechische Kunst unter den Ruinen der Sklavenhalterkultur verfiel –, falls die gegenwärtige Gesellschaft sich nicht zu verändern vermag. Dieses Problem hat einen unbedingt revolutionären Charakter.“

Diese Worte finden heute einen starken Widerhall, angesichts der Pandemie und der Krise des Weltkapitalismus, die das Überleben der großen Kulturinstitutionen sowie unzähliger Künstler bedroht, während die Bourgeoisie dabei ist, alle noch verbliebenen sozialen, demokratischen und kulturellen Rechte der Arbeiterklasse abzubauen.

Die World Socialist Web Site setzt die revolutionäre marxistische Tradition der Verteidigung fortschrittlicher Künstler wie Levit mit stolzer Zuversicht fort und ruft alle ihre Leser auf, die Angriffe auf ihn energisch anzuprangern. Die Verteidigung der Kunst und des Rechts der Arbeiterklasse auf Kultur ist ein untrennbarer Bestandteil des Kampfs gegen die kapitalistische Reaktion und für den Sozialismus.

David North und Clara Weiss

 

Siehe auch:

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[7. Oktober 2020]

Ein Jahr nach dem Terror in Halle: faschistische Netzwerke im Staatsapparat breiten sich aus
[10. Oktober 2020]

Nach massiven Protesten: Uni Leipzig schließt Kritiker von Veranstaltung mit rechtsradikalem Professor Baberowski aus
[22. Oktober 2020]