USA: Herrschende Klasse fordert tödliche Wiedereröffnung der Schulen

14. Juli 2020

Am vergangenen Freitag haben die Vereinigten Staaten mit 71.787 neuen Covid-19-Fällen einen neuen Tagesrekord aufgestellt. Am Sonntag stellte Florida mit 15.300 Fällen einen Ein-Tages-Rekord für einen einzelnen Bundesstaat auf. Die Zahl der täglich gemeldeten Fälle nimmt in 46 Bundesstaaten zu, und die Zahl der täglichen Todesfälle steigt erneut, mit fast 1.000 pro Tag in der vergangenen Woche.

Diese Katastrophe ist das Ergebnis der von der Trump-Regierung geführten, aber vom gesamten politischen Establishment unterstützten Kampagne, die darauf abzielt, die Arbeiterinnen und Arbeiter ohne ernsthafte Bemühungen zur Eindämmung der Pandemie in die Fabriken und an die Arbeitsplätze zurückzudrängen.

Die Absicht, die Schulen im Herbst unter den Bedingungen der explosionsartigen Verbreitung von Covid-19 wieder zu öffnen, ist ein Schlüsselelement einer bewussten, überparteilichen Politik des Klassenkampfes, bei der Menschenleben zugunsten von Unternehmensgewinnen geopfert werden.

Ein Vater hilft seinem Kind beim Aufsetzen einer Maske vor der Bradford-Schule in Jersey City, New Jersey, am 10. Juni 2020 (AP Photo/Seth Wenig)

Mehr als in jedem anderen Land steht die amerikanische herrschende Klasse dem menschlichen Leben gleichgültig gegenüber. Sie ist bereit, das Leben unzähliger Schüler und Lehrer zu opfern, um ihre mörderische Politik der Rückkehr an den Arbeitsplatz zu erleichtern, die verlangt, dass Kinder in unsichere Schulen getrieben werden, damit ihre Eltern in unsicheren Fabriken Profite für die Unternehmen erwirtschaften können.

In diesem Zusammenhang stellte sich die New York Times, die für die Demokratische Partei und die mit den Demokraten verbündeten Teile der Finanzoligarchie spricht, an die Seite von Donald Trump und drängte auf die Wiedereröffnung der Schulen. Einer ihrer am Wochenende veröffentlichten Leitartikel trug die Überschrift „Die Wiedereröffnung der Schulen wird ein gewaltiges Unterfangen sein. Es muss getan werden.“

Im März hatte der führende Kolumnist der Times, Thomas Friedman, den von Trump zur Rechtfertigung der Wiedereröffnung der Wirtschaft verwendeten Satz geprägt: „Die Heilung darf nicht schlimmer sein als die Krankheit.“ Jetzt intensiviert die Zeitung ihre Bemühungen, die Klassenkriegspolitik der herrschenden Elite zu legitimieren.

Der Leitartikel beginnt mit der Feststellung: „Amerikanische Kinder brauchen im Herbst wieder geöffnete Schulen [...] Sie brauchen Essen und Freundschaften; Bücher und Basketballplätze; Zeit abseits der Familie und einen sicheren Ort, um sie verbringen zu können.“

Das ist spitzfindig. Was ist die fehlende „Zeit abseits der Familie“ verglichen mit dem Trauma, einen Elternteil, Großeltern oder Lehrer durch die Pandemie zu verlieren? Die Times schert sich nicht darum, was Kinder brauchen. Sie schert sich nur darum, was die Wall Street braucht. Und die Wall Street braucht Kinder in der Schule, damit ihre Eltern für Leute wie Jeff Bezos und Elon Musk schuften können.

Die Zeitung deutet dies an: „Auch Eltern brauchen öffentliche Schulen. Sie brauchen Hilfe bei der Erziehung ihrer Kinder, und sie müssen arbeiten gehen.“ Im weiteren Verlauf stellt sie fest: „Das Beratungsunternehmen McKinsey schätzt, dass 27 Millionen amerikanische Arbeitnehmer Kinderbetreuung, einschließlich Schulen, benötigen, um wieder eine Vollzeitbeschäftigung aufnehmen zu können.“

Was die Schulen betrifft, die einen „sicheren“ Zufluchtsort vor der Pandemie bieten sollen, so ist die Behauptung, dass die heruntergekommenen, unterfinanzierten und allgemein schmutzigen Schulen in Amerika für Kinder oder Pädagogen sicher seien, eine kriminelle Lüge.

Ein Bericht des Rechnungshofes (Government Accountability Office, GAO) vom vergangenen Monat ergab, dass 41 Prozent der Schulbezirke die Heizungs-, Lüftungs- und Klimaanlagen in mindestens der Hälfte ihrer Schulen auf den neuesten Stand bringen oder ersetzen müssen. Ein Bericht der Organisation Center for Green Schools aus dem Jahr 2016 stellte fest, dass 15.000 Schulen im Land eine schlechte Innenluftqualität haben, die als ungeeignet für die Atmung von Schülern und Mitarbeitern erachtet wird.

Unter Bedingungen, unter denen die Weltgesundheitsorganisation zu dem Schluss gekommen ist, dass das Coronavirus über die Luft übertragen wird und fast ein Drittel der Pädagogen einem erhöhten Risiko ausgesetzt ist, an dem Virus zu sterben, bedroht die massenhafte Wiedereröffnung von Schulen das Leben von Zehntausenden von Pädagogen und Schülern. Am 26. Juni starb Kimberley Chavez Lopez Byrd (61), nachdem sie und zwei andere Lehrer aus Arizona sich während einer Sommerschule in einem gemeinsamen Zimmer mit Covid-19 angesteckt hatten.

In einem internen Dokument, das am Freitag der Presse zugespielt wurde, warnten die Gesundheitsbehörden Centers for Disease Control and Prevention (CDC), dass die vollständige Wiedereröffnung der Schulen bis zur 12. Klasse sowie der Universitäten das „höchste Risiko“ für die Verbreitung des Coronavirus darstellen würde.

Die Times schließt sich den heuchlerischen Äußerungen von Trump und seiner rechtsextremen, milliardenschweren Bildungsministerin Betsy DeVos an, die den Schaden beklagen, der den Kindern durch ihre Abwesenheit von der Schule entstünde. Wem wollen sie damit irgendetwas vormachen? Eine Regierung nach der anderen, demokratisch wie republikanisch, haben mit Unterstützung der Times und der übrigen großen Medien das öffentliche Bildungswesen belagert, die Mittel gekürzt, Schulen geschlossen, Lehrer entlassen und gewinnorientierte Privatschulen gefördert.

Die Times konzentriert ihren Vorschlag zur Wiedereröffnung der Schulen darauf, „mehr Geld und mehr Platz“ zu erhalten. Sie schlägt vor, dass Trump „daran arbeiten könnte, den Schulen Geld zukommen zu lassen.“ Der Bankrott dieses Vorschlags wurde am Sonntag unterstrichen, als DeVos in der Sendung „Fox News Sunday“ erklärte: „Wenn die Schulen nicht wieder öffnen [...] sollten sie die Gelder nicht bekommen.“ Stattdessen sollten Bundesmittel für Schulgutscheine verwendet werden, um das Schulgeld an Privatschulen bezahlen zu können.

Um mehr Platz zu gewinnen, schlägt die Zeitung vor, „Turnhallen und Mensen“ umzufunktionieren, den Unterricht „unter freiem Himmel“ oder „unter Zelten ohne Wände“ abzuhalten und sogar „die Straßen um die Schulen herum zu schließen und dort Unterricht abzuhalten.“ Angesichts dieses reaktionären Schwachsinns kann einem nur die Kinnlade herunterfallen. Das, worüber die Times spricht, hat nichts mit wirklicher Bildung zu tun. Es handelt sich vielmehr, mit Jonathan Swift gesprochen, um einen „bescheidenen Vorschlag“, Kinder im Interesse der Konzernprofite bildlich in tödliche Viehgatter zu sperren.

Überall auf der Welt hat die Pandemie die unversöhnlich gegensätzlichen Interessen offenbart, die die Kapitalistenklasse von der Arbeiterklasse trennen. Keine humane oder rationale Lösung für die Pandemie ist möglich ohne einen direkten Angriff auf kapitalistisches Eigentum und die politische Macht.

Als Reaktion auf die mörderische Politik der herrschenden Klasse bildet sich international Widerstand unter Erziehern, Eltern und der breiteren Arbeiterklasse. Der Hashtag #14DaysNoNewCases war ein Trend auf Twitter, mit dem Eltern und Pädagogen die unsichere Wiedereröffnung der Schulen anprangerten. Es haben sich Facebook-Gruppen gebildet, die sich gegen die Wiedereröffnung der Schulen von Großbritannien bis Südafrika wenden. Die Gruppe „Texas Teachers United Against Reopening Schools“ hatte am Montagabend über 7.000 Mitglieder.

Am Wochenende lehnten streikende Krankenschwestern in Joliet (Illinois) einen von der Gewerkschaft Illinois Nurses Association (INA) ausgehandelten Vertrag ab, der einem Ausverkauf gleichgekommen wäre. Autoarbeiter im gesamten Mittleren Westen bilden in den Werken Aktionskomitees für Sicherheit, gegen das Management und die durch und durch korrupte Gewerkschaft United Auto Workers (UAW). Auf internationaler Ebene haben Streiks und Proteste gegen unsichere Arbeitsbedingungen stattgefunden.

Die Gewerkschaften, die behaupten, Lehrer und Pädagogen zu vertreten, darunter die American Federation of Teachers (AFT) und die National Education Association (NEA) in den USA, haben ihre Zustimmung zu der Kampagne zur Wiedereröffnung der Schulen signalisiert. Sie haben dabei höchstens geringfügige taktische Differenzen, während sie behaupten, die Wahl von Joe Biden zum US-Präsidenten werde schon alles lösen.

Die Socialist Equality Party ruft die Pädagogen auf, mit der NEA und der AFT und ihren Vertretern in den Bundesstaaten und vor Ort zu brechen. Stattdessen sollten sie in jeder Schule und jedem Stadtviertel unabhängige Aktionskomitees für Sicherheit bilden, um gegen die unsichere Wiedereröffnung der Schulen zu mobilisieren. Solche Komitees müssen dafür kämpfen, Pädagogen mit der breiteren Arbeiterklasse zu vereinen.

Es müssen Vorbereitungen für einen landesweiten Streik von Lehrern und Schulangestellten getroffen werden, um die unsichere Wiedereröffnung zu blockieren und ein Sofortprogramm zum Wiederaufbau der Schulen und zur Einstellung des notwendigen Personals zu fordern, um eine qualitativ hochwertige, sichere und gleiche Bildung für alle zu gewährleisten. Kein Lehrer und keine Schule sollte bestraft werden, wenn er oder sie sich weigert, unter unsicheren Bedingungen zu arbeiten. Solange die Pandemie andauert, darf es keine Einkommensverluste geben.

Ein landesweiter Streik der Pädagogen hätte einen tiefgreifenden Einfluss auf die Entwicklung des Klassenkampfes und würde breite Schichten der Arbeiterklasse anziehen, darunter Autoarbeiter, Beschäftigte in der Logistik, Angestellte im Gesundheitswesen und all jene, denen erklärt wird, sie sollten ihr Leben auf dem Altar des privaten Profits opfern.

Wie in der globalen Protestwelle nach dem Polizeimord an George Floyd zu sehen war, würde die Entwicklung eines landesweiten Streiks in den USA Schockwellen in der ganzen Welt auslösen.

Wie die World Socialist Web Site festgestellt hat, ist die Pandemie nicht nur eine Krise des öffentlichen Gesundheitswesens. Sie hat eine soziale und politische Krise von gewaltigen Ausmaßen ausgelöst. Nachdem die herrschende Klasse im Februar und März ihre strategische Antwort auf die Pandemie ausgearbeitet hatte, hat sie seither einen unerbittlichen Angriff auf die Beschäftigten durchgeführt. Die Arbeiterklasse muss mit gleicher Entschlossenheit und Rücksichtslosigkeit reagieren. Sie muss für den sozialistischen Umsturz des kapitalistischen Systems kämpfen, das das Leben von Millionen von Arbeitern und Jugendlichen auf der ganzen Welt bedroht.

Evan Blake