Zum 200. Geburtstag von Theodor Fontane

Von Sybille Fuchs
6. Februar 2020

Vom Barrikadenkämpfer zum Redakteur der „Kreuzzeitung“

Buchbesprechung: Iwan-Michelangelo D´Aprile, „Fontane– Ein Jahrhundert in Bewegung“, Rowohlt Verlag 2019, 544 S.

Das ganze Jahr 2019 über war Fontane-Jahr. Der Autor wurde am 30. Dezember 1819 geboren und ist am 20. September 1898 gestorben. Zu seinem 200. Geburtstag häuften sich Ausstellungen, Veranstaltungen, Zeitungsartikel und neue Biografien.

Theodor Fontane 1894

Theodor Fontane war einer der wenigen deutschen Autoren des poetischen Realismus, dessen Romane an die seiner internationalen Vorbilder wie Honoré de Balzac oder Charles Dickens heranreichen. Er schildert vor allem das Schicksal von Personen aus verschiedenen Schichten des Kleinbürgertums, des Bürgertums und des Adels seiner Zeit in ihren Beziehungen und Konflikten. Auch Bedienstete, Heimarbeiterinnen ober Handwerker, seltener Industriearbeiter, treten auf. Präzise und plastisch schildert er die Landschaft, die städtische Umgebung und das häusliche Milieu, worin sich seine Menschen bewegen. Sie reisen mit Kutschen oder der Eisenbahn, sie nehmen die technologischen Neuerungen, die politischen Ereignisse oder die bildende Kunst und Musik ihrer Gegenwart wahr und kommentieren oder kritisieren sie.

Fontanes Erzählweise ist relativ traditionell, doch seine Figuren werden vor allem durch ihre Gespräche, Plaudereien und Auseinandersetzungen als typische Vertreter ihrer Klasse mit all ihren persönlichen Eigenschaften lebendig. Sie verteidigen oder verurteilen gesellschaftliche Vorurteile und Konventionen, unter denen sie selbst, ihre Kinder oder ihre Partner leiden. All das wird mit kritischer Distanz, oft mit leisem Humor geschildert, so dass implizit eine Kritik an der gesellschaftlichen Gegenwart der letzen Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts aufscheint.

Im Gegensatz zu vielen seiner zeitgenössischen Kollegen wird Fontane bis heute nicht nur von Germanisten und Literaturwissenschaftlern gelesen. Etliche seiner Romane, die er alle erst in seinem letzten Lebensjahrzehnt schrieb, allen voran „Effi Briest“, wurden verfilmt. Eine besonders sehenswerte Filmversion stammt von Rainer Werner Fassbinder.

Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ gelten bis heute als Bestseller und werden erfolgreich zur Förderung des Tourismus eingesetzt. Aber auch seine Rolle als Briefschreiber, Theaterkritiker, Balladendichter und Lyriker und erfinderischer Wortschöpfer wurde 2019 in vielen Artikeln gewürdigt. Nach dem Untergang der DDR machte ihn Günter Grass unter dem Namen Fonty zum Helden seines Wenderomans „Ein weites Feld“. der Titel ist ein beliebtes Fontanezitat.

Die tiefen Widersprüche in Fontanes Biographie, seine Anpassung an den reaktionären Preußenstaat und seine persönlichen Schwächen wurden eher vereinzelt angesprochen. Sicher muss Fontanes Romanwerk als solches unabhängig von den persönlichen Schwächen des Autors gewürdigt werden. Dennoch ist es zum Verständnis seiner Persönlichkeit und seines Gesamtwerks nötig, auch seine nicht gerade fortschrittlichen Seiten einzubeziehen.

Eine der neuen Biografien, die dies leistet, hat der Potsdamer Literaturwissenschaftler und Historiker Iwan-Michelangelo D´Aprile vorgelegt. D´Aprile ist nicht nur eine spannende Biografie Fontanes gelungen, sondern auch eine überzeugende Darstellung der Entwicklung seiner Persönlichkeit in der bewegten Geschichte des 19. Jahrhunderts in all seinen Widersprüchen und Umbrüchen. Es ist ein Buch, das wertvolle historische Einsichten und Materialien erschließt und in seinem methodischen Herangehen an den vielschichtigen Autor und die Zeitumstände, in denen er lebte, überzeugt.

D´Aprile gelingt es, Fontane und seine Literatur vom Image der verstaubten Pflichtlektüre zu befreien, ihn als modernen Autor zu präsentieren und so den Leser neugierig zu machen, seine Werke erneut oder erstmals zur Hand zu nehmen. Er hat in der Schilderung der Biografie des Autors, angefangen bei seiner schwieriger Kindheit und Jugend und dem gezwungenermaßen als Broterwerb zunächst erlernten Apothekerberuf, immer nicht nur die privaten, sondern zugleich die politisch-gesellschaftlichen Umstände im Auge.

D’Aprile ermöglicht es auch zu verstehen, was den jungen Fontane 1848 auf die Barrikaden trieb, was ihn später zum preußischen Agenten in London und zum Redakteur der stockkonservativen Kreuzzeitung, des reaktionären Lieblingsblattes von Kaiser Wilhelm II., machte und was ihn im Alter zu einem Vorkämpfer für eine fortschrittliche, internationalistische Literatur- und Theaterszene sowie zu einem hellsichtigen Beobachter des poltischen Geschehens werden ließ, der in der Sozialdemokratie und der Arbeiterklasse die entscheidende Kraft der Zukunft sah, auch wenn er niemals zu ihrem Parteigänger geworden wäre.

Wie D ´Aprile zusammenfassend in der Einleitung schreibt: „Epochale Ereignisse, Schreiben und Leben bilden bei Fontane eine untrennbare Einheit. Ohne Vormärz und Teilnahme an den Berliner Barrikadenkämpfen wäre er kein politischer Journalist geworden. Ohne die gegenrevolutionäre staatliche Pressepolitik hätte es den regierungsamtlichen Korrespondenten Fontane nicht gegeben. Ohne den Krimkrieg (1853-1858) wäre Fontane nicht als Presseagent nach London gesandt worden, wo er zugleich zum Reiseschriftsteller wurde. Ohne die Einigungskriege 1864, 1866 und 1870/71 gäbe es nicht den Zeithistoriker Fontane, der seine Kriegsbücher als wichtige Vorschule für die späteren Romane betrachtete.“ (S. 10)

Wie D´Aprile betont, ist Fontanes Entwicklung als Schriftsteller ohne dessen lebenslange Tätigkeit als professioneller Journalist nicht zu begreifen. „Mit seinem an Zeitungen geschultem Blick widmet er dabei scheinbar Alltäglichem und Nebensächlichem dieselbe Aufmerksamkeit wie Großereignissen, bildet das thematische Allerlei der Zeitung in den unzähligen Gesprächen seiner Romanfiguren ab, sucht zu jeder Position meist auch die Gegenposition und lässt unterschiedliche Stimmen und Perspektiven zu Wort kommen.“ (S. 13)

Dabei geht D´Aprile auch auf die antisemitischen Äußerungen Fontanes ein, die in jüngster Zeit immer wieder hervorgeholt und sensationalisiert wurden. Er stellt sie in den zeithistorischen Zusammenhang, ohne sie zu entschuldigen. Er hebt aber gleichzeitig hervor, dass Fontane enge Freundschaften mit jüdischen Intellektuellen und gute freundschaftliche Beziehungen zu jüdischen Kollegen und Verlegern pflegte. Er schildert am Ende des Buches die versuchte Vereinnahmung Fontanes durch den Nationalsozialismus, die nicht ohne das Zutun von Fontanes Sohn Friedrich erfolgte. Auch heute wieder wird von Rechtsradikalen versucht, Fontane als „Heimatdichter“ zu vereinnahmen.

Vom Barrikadenkämpfer zum Redakteur der Kreuzzeitung

Theodor Fontane entstammt einer Berliner Hugenottenfamilie. Sein Vater Louis Henri Fontane hat den einträglichen Beruf eines Apothekers gelernt, konnte es aber nie zu Wohlstand bringen, weil er spielsüchtig war. Er musste die angesehene Löwenapotheke in Neuruppin, Fontanes Geburtsort, verkaufen, und erwarb eine im pommerschen Swinemünde. Aber auch diese musste er wegen Verschuldung wieder aufgeben, um für weitere Stationen seines Niedergangs in den Oderbruch zu ziehen. An ein Universitätsstudium des Sohnes war unter diesen Umständen nicht zu denken. Die Jahre seiner Kindheit und das problematische Verhältnis der Eltern beschreibt Fontane in dem autobiografischen Roman „Meine Kinderjahre“.

Autobiographie "Von Zwanzig bis Dreißig" mit Fontane-Portait (Foto: H.-P.Haack)

D´Aprile weist nach, wie Fontane aus dem nicht sehr geliebten Beruf des Apothekers methodisch Nutzen für seine spätere schriftstellerische Arbeit zu ziehen vermag, aber gleichzeitig in Cafés und Clubs seinen literarischen und politischen Interessen folgt und sich durch umfangreiche Lektüre bildet, womit er versucht, die ihm verwehrte akademische Ausbildung zu kompensieren. Fontane kann in dieser Zeit auch bereits einige Gedichte und eine Novelle veröffentlichen. Literarische Bekanntschaften knüpft er im Club „Tunnel über der Spree“, in den ihn sein Freund aus der Militärzeit Bernhard von Lepel 1844 einführt.

Fontane bleibt rund 20 Jahre Mitglied dieser Vereinigung. Dort kann er wöchentlich mit Autoren, literarisch Interessierten und Amateurdichtern aus militärischen, aber auch Zeitungs- und Unternehmerkreisen eigene und fremde Texte diskutieren und „neben dem Apothekerberuf einen Fuß in der Literatur behalten und entsprechende Netzwerke .knüpfen“. (S. 126) Der „Tunnel“ dient Fontane zugleich als Jobbörse.

Während seiner Ausbildung in Leipzig 1841/42 war Fontane Mitglied des Studentenvereins Herwegh-Club, benannt nach Georg Herwegh, dem politischen Lyriker des Vormärz, Freiheitskämpfer und Dichter des Bundeslieds der Arbeiter („Mann der Arbeit aufgewacht“). In seiner Leipziger Zeit und in Dresden, dem damals im Vergleich zu Preußen liberaleren Sachsen, knüpfte Fontane Kontakte zu demokratisch und revolutionär gesinnten Literaten und Journalisten.

Wilhelm Wolfsohn um 1855

Führendes Mitglied im Leipziger Herwegh-Club war der Student und spätere Literaturwissenschaftler Wilhelm Wolfsohn aus der jüdischen Gemeinde in Odessa, mit dem Fontane zeitlebens befreundet blieb. Ebenfalls Mitglied war dort der Publizist Robert Blum, der im November 1848 wegen seiner Teilnahme an der Revolution hingerichtet wurde.

Über Fontanes Engagement in der Revolution 1848 schreibt D´Aprile: „Fontane war von den ersten Unruhen in Berlin im Frühjahr 1848 bis zu den letzten Freischärler-Aufgeboten auf längst verlorenem Posten in Schleswig-Holstein im Sommer 1850 während aller Phasen des Revolutionsverlaufs aktiv dabei: als Barrikadenkämpfer des März, als Wahlmann für das erste deutsche Parlament der Frankfurter Paulskirche und als Journalist bei zwei revolutionären demokratischen Zeitungen.“ (S. 133) Wie ernsthaft sein Engagement dort wirklich war, darüber gibt es allerdings keine unabhängigen Quellen, nur seineAutobiografie„Von Zwanzig bis Dreißig“, in der er seine Rolle etwas herunterspielt.

Dort schildert Fontane, wie sich am 18. März im Tiergarten die Massen versammelten und auf dem Schlossplatz eine Verfassung für Preußen fordern. „Dann beschreibt er, wie mit den Schüssen zweier Soldaten in die Menge die Situation eskalierte und es zu den Barrikadenkämpfen kam, die sich bis zum nächsten Morgen hinzogen. Mit durchaus soziologischem Blick beschreibt Fontane die Schichten der Berliner Bevölkerung und deren Rolle in der Revolution vom Armutsproletariat, seiner Hauptkundschaft in der Jung´schen Apotheke bis zum liberalen Bürgertum, das weniger unter ökonomischen oder existenziellen Zwängen litt als unter den hoffnungslos antiquierten politischen Verhältnissen... Für die Kämpfe selbst jedoch wird diese Klasse von Fontane als unbrauchbar bis lächerlich dargestellt.“ (S.134) Die blutigen Auseinandersetzungen in Berlin kosteten 300 Zivilisten und Aufständische das Leben.

Märzrevolution in Berlin

Seine eigene Rolle als Radikaler schilderte Fontane im Rückblick als „reine Farce“, während er die Handwerker und Maschinenarbeiter, „lauter ordentliche Leute“, als Hauptprotagonisten ausgemacht habe, die „zuguterletzt die Sache durchfochten“. (S. 134f) Ob er damals wirklich bereits solche Gedanken hatte, muss wohl bezweifelt werden, sonst hätte er kaum so kurze Zeit später die Seiten wechseln können. Vielleicht war es eher so, dass ihm das revolutionäre Engagement der Arbeiter und Handwerker Angst gemacht hat.

Nach der „Contre-Revolution“ im September 1848 schreibt Fontane einen Brief an seinen Freund Lepel und wirft diesem quasi Verrat an seinen liberalen Prinzipien vor: „Schande jedem, der zwei Fäuste hat mit Hand ans Werk zu legen, und sie pomadig in die Hosentasche steckt.“ (S.137f) Aber es dauert nicht lange, bis er selbst tief hinein ins andere Lager wechselt.

Nach den Kämpfen setzt Fontane sein Engagement noch einige Zeit durch Beiträge für die Berliner demokratische Zeitungshalle, das Publikationsorgan des Centralausschusses der Demokraten Deutschlands fort, und lieferte vier radikale Texte. Im Oktober lädt er den Dichter und Freiheitskämpfer Ferdinand Freiligrath zu sich ein, der für sein Gedenkgedicht an die Gefallenen des 18. März „Die Todten an die Lebenden“ wegen Hochverrats verurteilt worden war.

Ein Jahr später kann Fontane wegen der wieder aufgehobenen Pressefreiheit in Preußen, vermittelt durch Wolfsohn, nur noch einige Korrespondenzberichte an die Dresdener Zeitung, das Organ der sächsischen demokratischen Fortschrittspartei verfassen, in denen er die Zustände der um sich greifenden Gegenrevolution und den preußischen „Polizeistaat“ und sein „Schreckensregiment“ schildert. Er vertritt dort die Auffassung, Preußen müsse untergehen, damit ein demokratischer deutscher Nationalstaat entstehen könne.

Radikaler Seitenwechsel und Verdingung beim preußischen Staat

In Deutschland ist Fontane als Autor damals weniger bekannt als durch Vorträge seines Freundes Wolfsohn in Russland, der als Erster sein literarisches Talent erkannt hatte. Am meisten Erfolg hat er mit seinen Balladen, einer volkstümlichen Gattung, mit der er versucht, an die Beliebtheit der Balladendichtungen von Schiller und Goethe oder auch Heinrich Heine anzuknüpfen. Viele Stoffe dafür hat er Werken des schottischen Autors Walter Scott entnommen, andere allerdings aus der preußischen Geschichte, worin sich, wie D´Aprile glaubt, weniger preußischer Patriotismus und Anpassung an die postrevolutionäre Reaktion in Preußen ausdrückt, als vielmehr eine Beschwörung und Verklärung der Zeit Friedrich des Großen, die im Gegensatz zur Unterdrückung und Unfreiheit der Gegenwart von Toleranz und Pressefreiheit gekennzeichnet gewesen sei.

Hier scheint mir die Einschätzung des Biografen etwas zu wohlwollend. Die Verklärung Friedrichs zum Symbol von Toleranz und Volksnähe war ein Mythos, den der Marxist Franz Mehring in seiner „Lessing-Legende“ gründlich entlarvte. Sie diente dem deutschen Bildungsbürgertum dazu, seinen Verzicht auf demokratische Bestrebungen, seine Unterordnung unter die Monarchie und seine Unterstützung des autoritären Bismarckstaats zu rechtfertigen. Von derartigen ideologischen Anwandlungen seiner Zeitgenossen ist Fontane sicher nicht freizusprechen.

Einige seiner Balladen kann er in verschiedenen Zeitschriften und schließlich auch als Buch veröffentlichen sowie erfolgreich im zusehends konservativer werdenden „Tunnel über der Spree“ präsentieren. Dort ist er nach wie vor Mitglied und kann er mit seiner Ballade „Archibald Douglas“ sogar einen ersten Preis erringen. Aber seine Honorare für die Balladenveröffentlichungen sind minimal. Bemerkenswert ist unter Fontanes Balladen der Hemmingstädter Aufstand, die Geschichte der Dithmarscher Bauern, die über ein Ritterheer des dänischen Königs siegen, wodurch den sie ihre Unabhängigkeit als freie Bauern bewahren können, ein Stoff, den auch Friedrich Engels aufgreift. (S. 159)

Durch die nach dem Scheitern der 1848er Revolution einsetzende politische Reaktion zerschlägt sich Fontanes Hoffnung vollends, als freier Schriftsteller leben zu können. Er gilt Verlegern als „Roter“. Seine finanzielle Lage verschärft sich 1850. Seine Verlobte Emilie Rouanet-Kummer kann er nicht heiraten, weil seine befristete Anstellung als Apothekenausbilder für Diakonissen ausgelaufen ist. Er bewirbt sich erfolglos auf vielerlei Stellen: als Privatlehrer, „als Hilfsbibliothekar (Staubabwedler-Posten in der königlichen Bibliothek)“, auch eine Anstellung bei der Eisenbahn, „sei es als ‘Kutschenaufschlagmacher’ oder als Eisenbahnschaffner“, schlägt fehl.

Einzig der durch Wolfsohn vermittelte Posten als Korrespondent bei der Dresdener Zeitung bringt ihm ein mehr als dürftiges Einkommen. In seiner Verzweiflung ist er zu fast allem bereit. „Versteckt in einer langen Liste von in Frage kommenden Tätigkeiten, die er….gegenüber Lepel aufzählt, nennt Fontane auch die Möglichkeit, sich als ‘Redacteur einer gesinnungslosen Zeitschrift’ und ‘ministerieller Zeitungsleser und Berichterstatter’ anzudienen.“ (S. 164)

Dramatisch schildert Fontane selbst, wie er damals durch den Regierungsspitzel Wilhelm von Saint-Paul, den er flüchtig kennt, in einer eiskalten Januarnacht die Aufforderung erhält, sich am übernächsten Tag beim preußischen Gehheimen Regierungsrat und berüchtigten Polizeispitzel Franz Hugo Hesse, einem „Lump vom reinsten Wasser“, wegen einer Anstellung zu melden. Er weiß, dass er kaum tiefer sinken kann. „Wer Protektoren wie St. Paul hat, der mag einpacken“, schreibt er, zumal Saint Paul ihm noch sein letztes Geld als Vermittlergebühr aus der Tasche gezogen hatte.

Saint Paul, ein verkrachter Jurastudent, hatte sich seit Mitte der 1840er Jahre schon als Polizeispitzel in Kreisen der Junghegelianer und Freien um Max Stirner, Bruno und Edgar Bauer und dem späteren Zeughausstürmer Gustav Adolph Techow bewegt und für die staatliche Zensurbehörde gearbeitet, unter anderem, um die von Karl Marx geleitete „aufmüpfige Rheinische Zeitung ‘totzumachen’, wie Fontane es drastisch, aber durchaus angemessen formuliert“. (S. 166)

Mit dieser nächtlichen Begegnung ist für Fontane ein Weg vorgezeichnet, den er Ende 1850 wirklich einschlägt und durch den er in den kommenden Jahrzehnten seine Familie über Wasser halten kann.

Dass Fontane diesen Weg einschlagen kann, zeigt, wie wenig er wirklich im demokratisch revolutionären Milieu verankert war. Anderen vom preußischen Staat nach 1848 verfolgten Revolutionären wäre so eine opportunistische Lösung der finanziellen und existentiellen Notlage nicht in den Sinn gekommen. Karl Marx z. B. wählte das Exil und nahm großes Elend für sich und seine Familie in Kauf.

Fontane jedoch vollzieht bewusst den Seitenwechsel „ Ich habe mich der Reaction für monatlich dreißig Silberlinge verkauft… Man kann nun mal als anständiger Mensch nicht durchkommen“, schreibt er an Lepel. Und in einem späteren Brief heißt es: „Wie ich´s drehn und deuteln mag – es ist und bleibt Lüge, Verrath, Gemeinheit.“ (S. 170) Fontane beginnt bei der Regierungszeitung Deutsche Reform. Er heiratet kurz darauf seine Verlobte. Auf diesem Weg bleibt er die nächsten zwanzig Jahre.

Im August 1850 tritt er zunächst eine Anstellung im Literarischen Kabinett an, einer Art Pressestelle der Regierung. Aber nach dem Regierungsantritt des erzkonservativen Ministerpräsidenten Otto von Manteuffel werden dessen Mitglieder alle entlassen und beginnen einen Streik. Fontane wird als Rädelsführer ausgemacht (was er bestreitet), und so ist es nach fünf Monaten bereits mit dieser sicheren Anstellung vorbei.

Wieder muss er sich und seine junge Familie mit allerlei Gelegenheitsjobs durchschlagen. Schließlich kann er mit wesentlich geringerem Gehalt bei der inzwischen zur „Centralstelle für Preßangelegenheiten“ umbenannten Regierungsstelle für Öffentlichkeitsarbeit wieder anfangen, wo er zum Einstand sogar ein „Glorifications-Gedicht“ auf Manteuffel anfertigen muss. Immer wieder drückt er sich in den nächsten Jahren gelegentlich durch Krankmeldung vor ähnlich kompromittierenden Aufgaben.

London 1852

Schließlich erhält er 1855 eine lange ersehnte Stelle als Englandkorrespondent in London, wo er drei Jahre bleiben kann. Er soll dort anlässlich des Krimkriegs „der in Großbritannien zunehmenden Kritik an der mühsam als ‘Neutralitätspolitik Preußens’ getarnten russisch-preußischen Allianz pressepolitisch entgegenwirken“. (S. 176) Seine scheinselbständige „Agentur“ ist nur mit einem mageren Etat ausgestattet, entsprechend erfolglos und wird alsbald liquidiert.

Aber er kann als Presseattaché des Botschafters in London bleiben und seine Familie nachholen. In den drei Jahren in London schafft er es, sich zu einem professionellen Journalisten auszubilden. Er beobachtet und studiert die britische Presselandschaft und ist begeistert vor allem von der Times und ihrer freien, umfassenden Berichterstattung. Er selbst aber erfüllt vor allem seine Rolle als eine Art Lobbyist Preußens. Seine Kontakte zu deutschen Emigranten beschränken sich auf liberale Journalisten.

Zu seinen Aufgaben gehört nach dem Tode des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. ausdrücklich auch die Beobachtung der deutschen Emigrantenszene in London. Dabei ging es darum, festzustellen, wen davon man nach einem Wechsel zu einer etwas liberaleren Regierung im Staat brauchen könnte. Karl Marx oder Freiligrath zum Beispiel kamen dafür natürlich nicht in Frage. Von ausdrücklichen Denunziationen seitens Fontanes ist allerdings nichts bekannt.

Interessant ist aber, dass Fontane nicht müde wird, die politisch-gesellschaftlichen, aber auch technisch fortschrittlichen Seiten Grobbritanniens hervorzuheben, und sie damit unausgesprochen, aber unmissverständlich den reaktionären preußischen Verhältnissen entgegensetzt. Die grauenvollen sozialen Zustände, die Engels in seiner „Lage der arbeitenden Klasse in England“ oderMarx im „Kapital“ schildert, ignoriert er in seinen offiziellen Stellungnahmen allerdings völlig.

Nach seiner Rückkehr aus London wird Fontane von 1860 bis 1870 fest als Redakteur bei der pietististisch-christlichen Neuen Preußischen (Kreuz)Zeitung, dem reaktionärsten Blatt in Berlin,angestellt, für das er zuvor bereits als Korrespondent tätig war. Er schreibt dort über Kulturelles und verfasst wie schon zuvor im Literarischen Kabinett auch sogenannte Korrespondentenberichte, gestützt auf seine Recherchen in der englischen Presse. Welche politischen Artikel er schrieb, ist heute nicht mehr festzustellen, da diese nicht namentlich gezeichnet waren.

Diese Arbeit verschafft ihm, sehr zur Freude seiner Frau, ein sicheres Einkommen von 9000 Talern Jahresgehalt.

Reisebücher, Kriegsbücher und Theaterkritiken

Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Genauso wichtig wie der Journalismus und die lebenslange obsessive Zeitungslektüre sind seine Reisetätigkeit und seine andauernde Begeisterung für das Vereinigte Königreich Großbritannien für Fontanes spätere Arbeit als Romanschriftsteller.

Als noch einträglicher als die Anstellung bei der Kreuzzeitung erweist sich die Beziehung zu dem Verleger Wilhelm Hertz, mit dem er das Projekt der „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ beginnt. Fontane knüpft dabei an seine früheren Reiseberichte aus England an. Denn Reisefeuilletons machen neben dem Journalismus seit seiner ersten Englandreise im Mai 1844 einen großen Teil seines Werks aus. Fontane hatte damals dank einer finanziellen Unterstützung seines Freundes Hermann Scherz an einer der ersten organisierten Reisen nach London teilgenommen.

Aus den "Wanderungen durch die Mark Brandenburg"

Sein Konzept eines literarisierten Reiseführers verwirklicht und perfektioniert er zusammen mit Hertz in den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Dabei stützt er sich sowohl auf eigene Erfahrungen und umfangreiche Notizen und Tagebuchaufzeichnungen, als auch auf Berichte und Erzählungen von Landpfarrern, Lokalpolitikern und Recherchen in Archiven, um die brandenburgischen Orte, ihre Bewohner, die einfachen Leute, die adligen Familien und ihre Geschichte zu beschreiben. Die „Wanderungen“ erwiesen sich als Fontanes beliebteste Publikationen und sind es bis heute geblieben.

Ein wunderbares Beispiel ist seine Beschreibung des Friedhofs und der Kirche von Bornstedt, das am Fuße des Nordabhanges des Schlosses Sanssouci liegt. Es lohnt sich, seiner Beschreibung zu folgen und die Gräber der Beamten des Potsdamer Hofes zu besichtigen, von denen noch viele erhalten sind. In der Kirche befindet sich das Grabmal des Freiherrn Jacob von Gundling, der wegen seines ausschweifenden Lebenswandels auf Befehl Friedrich Wilhelms I. in einem Weinfass beerdigt werden musste.

All seine Romanhandlungen verlegt Fontane später in ihm persönlich gut bekannte Orte, die er durch seine Wanderungen (die meist Kutschfahrten waren) oder Reisen und eigenen Wohnaufenthalte, darunter insbesondere das gründerzeitliche Berlin, kennengelernt hatte. Diese schildert er authentisch in vielen Einzelheiten und versieht sie mit soziologischen Beobachtungen.

Kriegsbücher

Mit dem preußischen Regierungswechsel und dem Erstarken der Nationalbewegung zur deutschen Einheit unter Preußens Führung begann das Jahrzehnt der preußischen Kriege von 1864, 1866 und 1870/1871, die Fontane begrüßt. Sie boten ihm ein weiteres wichtiges Arbeitsfeld. Er steht zunächst voll hinter Bismarck und dessen Politik. Er verfasst mehr oder weniger offiziöse, finanziell lukrative Kriegskorrespondenzen und -berichterstattungen für die Hofdruckerei Rudolf von Deckers. Er begibt sich auch an die Kriegsschauplätze, um eigenhändig dort zu recherchieren. Zum größten Teil bestehen seine Kriegsbücher jedoch, ähnlich wie die „Wanderungen“ aus Kompilationen von Augenzeugenberichten, aber auch aus Zusammenfassungen und Übersetzungen englischer oder französischer Presseberichte.

Seine Recherche am Ort des Geschehens in Paris kostete ihn 1870 beinahe das Leben. Kurz nach der Schlacht bei Sedan und der Gefangennahme Napoleons III. wollte er die Schauplätze der Kämpfe in Augenschein nehmen und bei der Gelegenheit den Geburtsort von Jeanne d´Arc besichtigen. Dort wurde er von Freischärlern als mutmaßlicher preußischer Spion festgenommen. Ihm drohte die Hinrichtung.

Maßgeblich zu seiner Befreiung trug sein jüdischer Freund Moritz Lazarus bei, der seine internationalen Kontakte zur Alliance Israélite Universelle und Adolphe Crémieux mobilisierte, um bei der französischen Regierung zu intervenieren. Gleichzeitig hatte Fontane selbst seine Bekannten und Freunde aus Adels- und Kirchenkreisen kontaktiert. Marie von Wangenheim hatte den Bischof von Besançon mobilisiert, der ebenfalls an die französische Regierung appellierte. Vom Gericht wurde er daraufhin vom Spionagevorwurf freigesprochen, blieb jedoch zunächst als Kriegsgefangener auf der französischen Atlantikinsel Oléron in Haft.

Fontane-Denkmal in Neuruppin (Lienhard Schulz, CC-BY-SA-3.0)

Schließich führten all diese Bemühungen dazu, dass Bismarck selbst eine Note an den amerikanischen Gesandten Washburne verfasste mit der Bitte, sich für die Freilassung des „harmlosen Gelehrten“ Fontane einzusetzen. Andernfalls würde man „eine gewisse Anzahl von Personen“ in verschiedenen französischen Städten verhaften und als Geiseln nach Deutschland bringen lassen.

Letztlich wurde Fontane gegen einen gefangenen Colonel ausgetauscht und konnte nach Berlin zurückkehren. Seine Freilassung kommentiert er später seinem Freund August von Heyden gegenüber: „Alles bei uns ist roh, kommissig, dämlich … oh du himmlischer Vater! Deshalb haben mir auch Anno 70 alle preußischen Offiziere gesagt: ‚Bei uns wären sie erschossen worden.‘“ (S. 278)

Fontane begrüßt zunächst die deutsche Einheit, hat aber später erhebliche Kritik an Bismarck und den polizeistaatlichen Maßnahmen, den „Angstapparaten“ und der „Mogelei“ um des eigenen Vorteils willen. (S. 279) Bismarck nennt er nur den „Schwefelgelben“ nach den Abzeichen der Uniform seines Regiments.

Theaterkritiker bei der Vossischen Zeitung und Erster Sekretär bei der Akademie der Künste

Im April 1870 vollzieht Fontane eine ziemlich abrupte Kehrtwende. Einerseits fällt ihm offensichtlich die Anpassung an den immer reaktionäreren Kurs derKreuzzeitung und deren giftigen Antisemitismus immer schwerer. Andererseits möchte er endlich seinen Traum verwirklichen, als freier Schriftsteller zu arbeiten. Sehr zum Entsetzen seiner Frau, die sich um die Haushaltskasse sorgt, gibt er die Redakteursstelle bei der Kreuzzeitung auf. Er zählt seiner Emilie auf, mit welchen Einkünften er sicher in Zukunft rechnen könnte, und setzt seinen Plan durch. Als sicheres Standbein hat er zunächst nur eine Anstellung als Theaterkritiker bei der liberalen bürgerlichen Vossischen Zeitung in Aussicht. Die erhält er und füllt sie dann für die nächsten 20 Jahre gewissenhaft aus, auch wenn das Honorar nicht gerade üppig ist.

Botho von Hülsen

Einmal in der Woche sitzt er auf dem Parkettplatz 23 im Königlichen Schauspielhaus und sieht sich die Premieren an. Anschließend schreibt er zu Hause seine Kritiken. Der Spielplan setzt sich vor allem aus Inszenierungen der deutschen Klassiker und gelegentlichen Shakespeare-Inszenierungen zusammen. Dazu kommen zeitgenössische Historiendramen, Mantel- und Degen-Stücke, die vor allem der Verherrlichung der preußischen und deutschen Geschichte dienen. Der Theaterintendant ist ein ehemaliger Offizier Botho von Hülsen. Er hatte zusammen mit dem „Kartätschenprinzen“, dem späteren Kaiser Wilhelm I., den Aufstand 1848 in Dresden niedergeschlagen und kleine Stücke zur Motivation der Soldaten verfasst, war aber ohne jede Ahnung vom Theater.

Fontane kritisiert die Aufführungen unterhaltsam, gelegentlich scharf und mit Ironie und Satire, aber meist ausgewogen, sowohl was das Stück, die Inszenierung, das Bühnenbild als auch die Darsteller angeht. Er hält regen Kontakt mit Schauspielern und Publikum und antwortet auf Beschwerden, wenn jemand mit seiner Kritik nicht einverstanden ist.

In einem Fall weigert er sich, ein Stück und seine Aufführung zu besprechen. Es handelt sich um ein Schauspiel mit dem Titel „Cleopatra“, das ein dilettierender Hohenzollernprinz, Georg von Preußen, verfasst hat. Er schreibt an den Chefredakteur: „Pflichtgemäß war ich heute im Theater, um mir die prinzliche ‚Cleopatra‘ anzusehen. Es war in jedem Sinne kümmerlich. Blech nach Inhalt, Form, Darstellung. Sie werden also einverstanden sein, dass ich über solche Leistung schweige.“ (S. 309).

Unabhängig von seinen Verpflichtungen bei der Vossischen Zeitung setzte sich Fontane sehr für die Freie Bühne ein, die als Verein organisiert war und vorbei an der strengen Zensur für ihre Mitglieder moderne Stücke von Henrik Ibsen und Gerhart Hauptmann aufführte. Mit dem Initiator und Vorsitzenden der Freien Bühne Otto Brahm war Fontane befreundet.

Er erkennt das große Talent Hauptmanns und lobt sein Stück „Die Weber“, das in konservativen Kreisen einen Skandal auslöst: „Was Gerhart Hauptmann für seinen Stoff begeisterte, das war zunächst wohl das Revolutionäre darin; aber nicht ein berechnender Politiker schrieb das Stück, sondern ein Dichter, den einzig das Elementare, das Bild von Druck und Gegendruck reizt. Die Weber wurden als Revolutionsdrama gefühlt, gedacht und es wäre schöner und wohl von noch mächtigerer Wirkung gewesen, wenn es sich ermöglicht hätte, das Stück in dieser Einheitlichkeit durchzuführen.“

Mit dem letzten Satz spielt Fontane auf den versöhnlerischen Schluss des Stücks an, den er so kommentiert: „Dass etwas entstand, was revolutionär und antirevolutionär zugleich ist, müssen wir hinnehmen und trotz des Gefühls einer darin liegenden Abschwächung doch schließlich auch gutheißen. Es ist am besten so. Denn das Stück erfüllt durch dieses Doppelgesicht auch eine doppelte Mahnung, eine, die sich nach oben und eine, die sich nach unten wendet und beiden Parteien ins Gewissen spricht.“ (veröffentlicht in: Das litterarische Echo, Berlin, Heft 2, 15.10.1898, Sp. 133-134)

Dass der alte Fontane Hauptmann in dieser Weise schätzt und propagiert, zeigt nicht nur sein Verständnis für einen jungen Autor, dessen Kunst Kaiser Wilhelm II. als „Rinnsteinkunst“ diffamiert, sondern auch seine veränderte politische Haltung. Während er durch seine „Wanderungen“ noch als vaterländischer Chronist und Bewahrer der Traditionen des brandenburgischen Adels gilt, beginnt er zunehmend die Bedeutung des Vierten Standes zu begreifen. So schreibt er bereits 1871 in einer Besprechung von Eugen Scribes Lustspiel „Feenhände“: „Die Welt liegt in den Wehen, wer will sagen, was geboren wird! Der Sturz des Alten bereitet sich vor. Gut, die Dinge gehen ihren ewigen Gang, tut eure Maulwurfsarbeit, die ihr unten seid. Millionen leben, die an dem Fortbestand dessen, was ist, kein besonderes Interesse haben können.“

In einem Brief vom 8. Juni 1878 drückt er noch deutlicher seine veränderte Einstellung und seine Reaktion auf den wachsenden Einfluss der Sozialdemokratie aus: „Das war alles Kinderspiel, man befand sich einer stupiden Masse gegenüber. Das ist jetzt anders. Millionen Arbeiter sind gerade so gescheit, so gebildet, so ehrenhaft wie Adel und Bürgerstand und vielfach sind sie ihnen überlegen.“ Darin drückt sich allerdings weniger eine revolutionäre Haltung aus, als eine Hoffnung, dass sich durch den Druck von unten demokratischere Verhältnisse durchsetzen.

Weniger glücklich als sein Wechsel ins journalistische Kulturmilieu verläuft Fontanes Anstellung als Erster Sekretär bei der Akademie der Künste, die er über seine Tunnel-Netzwerke 1876 erhalten hat. Es ist eine Anstellung mit Aussicht auf eine Beamtenpension.

Fontane hält sie nur wenige Monate durch. Dabei hatte er sich intensiv durch die Lektüre kunsthistorischer Literatur und ausführliche Besuche der italienischen Kunststädte mit ihren Museen und Sammlungen darauf vorbereitet und gehofft, als eine Art Geschäftsführer die Kunstszene in Berlin beeinflussen zu können. Außerdem war er mit zeitgenössischen Malern wie Adolph Menzel, Walter Leistnikow u.a. befreundet oder gut bekannt.

Kaiserproklamation Wilhelms I. in Versailles am 18. Januar 1871 von Anton von Werner

Sein unmittelbarer Vorgesetzter war der erheblich jüngere Historien- und Hofmaler Anton von Werner. Von diesem stammten die bei Hofe so beliebten Schlachtengemälde und Historienschinken wie z. B. wie „Die Proklamierung des deutschen Kaiserreiches (18. Januar 1871)“, „Moltke vor Paris“ oder „Moltke vor Sedan (1882/83)“. Von Werner betrachtete Fontane als seinen Hilfsarbeiter und Aktensortierer. Er diktierte ihm „mit der entsprechenden Arroganz Arbeitsaufträge“, was dieser als kränkende Herabwürdigung empfand. Daher reichte er „untertänigst“ beim Kaiser sein Entlassungsgesuch ein, dem nach einigen Verzögerungen stattgegeben wurde. (S. 282f) Damit war Fontanes Zeit in Diensten Preußens endgültig vorbei und die lange ersehnte Arbeit eines freien Schriftstellers konnte beginnen.

Autor realistischer Gesellschaftsromane

Endlich konnte Fontane, mittlerweile 60 Jahre alt, mit der Romanproduktion beginnen, in die er letztlich all seine Erfahrungen als Journalist, passionierter Zeitungsleser, als Reisender und Teilnehmer an den Diskursen in literarischen Zirkeln einbringen konnte. D´Aprile beschreibt anschaulich, wie Fontane seinen „Romanschriftseller-Laden“ mit zahlreichen Notizbüchern, Zettelkästen unter tätiger Mithilfe von Ehefrau und Kindern systematisch aufbaut. Er sammelt interessante Notizen und Nachrichten über das Berliner Wissenschafts-, Kultur- und Theaterleben und entwickelt daraus seine Romanentwürfe, die er in der Regel erst vervollständigt, wenn er einen Abnehmer dafür gefunden hat.

Theodor Fontane an seinem Schreibtisch, 1896

Letzteres war keineswegs ein Selbstläufer. Buchverlage waren sehr zögerlich bei der Annahme. Die meisten seiner Romane und Novellen kann er, wenn überhaupt, nur in Zeitschriften als Fortsetzungsromane unterbringen. Und auch dies ist recht schwierig, weil die populären Blätter mit hohen Auflagen, wie die Gartenlaube, nur Geschichten nach einem festgelegten Muster annehmen. Sie müssen Liebesabenteuer, dürfen aber keine zu erotischen Andeutungen enthalten, Ehebruch und Suizid sind tabu und die Liebesgeschichten müssen gut ausgehen.

Bei Fontane gibt es Liebe, Ehebruch, Herz und Schmerz, aber immer auch einen gesellschaftlichen Hintergrund, der gewissermaßen die Hauptrolle spielt. Gesellschaftskritik in Romanform, wie sie Fontane vorschwebt, ist vor allem in den Familienblättern, den damals wichtigsten Publikationsorganen für ein breiteres Publikum, nicht gefragt. Was er schreibt, entspricht eher dem Gegenteil des Gartenlaube-Schemas. Dennoch gelingt es ihm – nicht ohne Mühe und Trickserei – in den Jahren seiner Tätigkeit als Romanautor 17 Romane in diversen Zeitschriften mit unterschiedlichem Erfolg und Honorar zu veröffentlichen. In Buchform erscheinen sie immer erst im Nachhinein und mit erheblich geringerer Vergütung. Dazu kommen die beiden autobiografischen Schriften.

Mit seinem ersten Roman, mit dem Fontane an seine „Wanderungen“ anknüpfen möchte, hofft er auf ein an preußisch-brandenburgischer, „vaterländischer“ Geschichte interessiertes Publikum. Es ist der historisch-zeitgeschichtliche Roman „Vor dem Sturm“, der um die Zeit der napoleonischen Kriege 1813 spielt. Er ist ausgesprochen handlungsarm und besteht hauptsächlich aus Gesprächen der um die hundert Personen. Von Kriegs- und Schlachtendarstellungen, „diesem ganzen patriotischen Krempel“, hatte Fontane genug, entsprechend friedlich fällt die Handlung aus. Die wenigen Leser von „Vor dem Sturm“, die womöglich dramatische und kriegerische Beschreibungen der antinapoleonischen Kriege erwarteten, waren meist ziemlich enttäuscht. Jedenfalls erleichterte dieser Einstieg es Fontane nicht gerade, seine weiteren Projekte zu vermarkten.

Auch sein zweiter Roman „Schach von Wuthenow“ spielt nicht in der Gegenwart sondern in den 1840er Jahren. Dennoch handelt es sich um einen auch zu Fontanes Zeiten noch durchaus aktuellen Konflikt um gesellschaftliche Konventionen und Fragen der „Ehre“, der tragisch endet. Er greift darin eine authentische Geschichte auf und ändert die Namen der Protagonisten und Protagnistinnen nur jeweils um einen Buchstaben.

Schach – die historische Figur hieß Schack – schwängert die Tochter einer Witwe, die einen beliebten Salon führt. Da das Gesicht der ehemals für ihre Schönheit berühmten jungen Frau infolge einer Pockenkrankheit entstellt ist, wird er von seinen Regimentskameraden durch in Umlauf gebrachte Karikaturen verspottet, zumal er zunächst ein Auge auf die schöne Mutter geworfen hatte. So entschließt er sich, vom Königshaus unter Druck gesetzt, die Schwangere zu heiraten. Er verabschiedet sich mit dem Versprechen einer Hochzeitsreise von der Braut, erschießt sich aber unmittelbar danach in seiner Kutsche.

Notizbuch Fontanes (Miriam Guterland CC-BY-SA 4.0)

Die nächsten Romane spielen eher in Fontanes unmittelbarer Gegenwart, die meisten davon ganz oder zu großen Teilen in Berlin, der aufstrebenden Hauptstadt des deutschen Kaiserreichs. Dabei liefert ihm das gründerzeitliche Berlin aktuelle Stoffe gleichsam frei Haus. Immer wieder macht er sich Zeitungsnotizen über zeittypische Konflikte, gesellschaftlichen Klatsch, Kriminalfälle, Gerüchte usw. zunutze.

Auch bei Fontane geht es um Liebe „soviel wie möglich, aber auch so dünn wie möglich“, schreibt er an den Verleger von Westermanns Monatsheften. In der Regel handelt es sich um Beziehungen, die an Klassenschranken oder Konventionen scheitern. „Der Gesellschaftszustand, das Sittenbildliche, das versteckt und gefährlich Politische, das diese Dinge haben … das ist es, was mich so sehr daran interessiert.“ (S. 346) Das gilt auch für Fontanes Kriminalromane „Unterm Birnbaum“ und „Quitt“, die nicht nur spannend zu lesen sind, sondern auch viel Zeitgeschichtliches enthalten.

„Quitt“ entsprach eigentlich ganz und gar nicht dem gewünschten Schema der Gartenlaube, die ihn dennoch abdruckte. Dabei handelt es sich um die Geschichte des jungen Stellmachers Lehnert Menz, der liberale Blätter liest und unter seinen Freunden und Bekannten für Demokratie und Gleichheit wirbt, die er in Amerika verwirklicht glaubt. Er lebt in ständigen Auseinandersetzungen mit seinem Nachbarn, dem gräflichen erzkonservativen Förster Opitz. Dieser verkörpert für ihn den preußischen Obrigkeitsstaat. Opitz hatte ihn bereits in seiner Militärzeit übervorteilt und diskriminiert. Er schikaniert Menz ständig weiter, weil der ihm angeblich die ihm zustehende Ehrerbietung schuldig bleibt und immer wieder wildert. Eines Tages erschießt Menz ihn voller Wut.

Als sich die Schlinge der Strafverfolger um ihn zu schließen droht, flieht er in sein Traumland Amerika. Dort wird er in einer deutschstämmigen Mennonitengemeinde aufgenommen, in der auch der ehemalige Pariser Communarde Camille L’Hermite lebt, mit dem er Freundschaft schließt. Kurz vor seiner Hochzeit mit der Tochter des Gemeindeoberhaupts sucht er in der Wildnis nach dessen bei einer Jagd vermisstem Sohn. Er verunglückt und verblutet ähnlich wie der von ihm ermordete Förster und hinterlässt einen Zettel, auf dem er mitteilt, dass er jetzt für seine Tat gesühnt habe. Jetzt sei er mit Opitz „quitt“.

Titelblatt der ersten Buchausgabe von Effi Briest

Gerade das „versteckte Gefährlich-Politische“ ist es, was Fontanes Romane immer noch spannend und auch für heutige Leser interessant macht. Auch wenn sich die Gesellschaft ziemlich gewandelt hat und die Spannungen heute, in der Phase des kapitalistischen Niedergangs zum Teil zwischen anderen Schichten verlaufen, sind es immer noch die Klassenschranken und die gesellschaftliche Ungleichheit, die Menschen ausgrenzen, ihnen jede sinnvolle und gut bezahlte Tätigkeit im Leben unmöglich machen und Konflikte und Verzweiflung erzeugen.

Es würde zu weit führen, in diesem Rahmen die einzelnen Romane Fontanes vorzustellen. Aber allein die Tatsache, dass Fontanes Romane bis heute immer wieder erfolgreich verfilmt worden sind, spricht dafür, dass sie heutigen Lesern durchaus einiges zu sagen haben. Sicher duelliert man sich heute nicht mehr, aber dass Frauen oder Männer unter Trennungen, menschlicher und gesellschaftlicher Kälte leiden, ihnen wie Effi Briest ihre Kinder durch Gerichtsurteile oder Behörden entzogen und entfremdet werden, all das gibt es immer noch. Fontanes Menschen sind in dem Sinne nicht nur Kinder ihrer Zeit, sondern moderne Menschen.

Fontane und der Antisemitismus

Auch wenn Fontane sich einen großen Teil seines Lebens beim preußischen Staat verdingt hat, ist er doch nie in den Hurrapatriotismus verfallen oder hat den Militarismus verherrlicht. Im Gegenteil, im Alter wurde er dem Bismarck- und Kaiserreich gegenüber immer kritischer. Das heißt aber nicht, dass seine Ansichten ohne Widersprüche waren. Auch wenn Fontane nie einen so ausdrücklich gegen Juden gerichteten Roman geschrieben hat wie Gustav Freytags „Soll und Haben“, lassen sich bei ihm antijüdische Bemerkungen finden.

In den letzten Jahren wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass Fontane sich in seinen Briefen wiederholt antisemitisch geäußert habe. Das ist nicht zu bestreiten. In einem Brief, den Fontane an den Philosophen Friedrich Paulsen schrieb, stellt er z. B. eine Unvereinbarkeit zwischen Deutschen und Juden fest. Die Juden seien, so erklärt er, „ein schreckliches Volk“, das sich mit der „arischen Welt nun mal nicht vertragen kann“ (12. Mai 1898).

Ambivalent ist wohl auch sein Gelegenheitsgedicht zu seinem 75. Geburtstag einzuschätzen, obwohl es von seinen jüdischen Gästen mit Beifall bedacht wurde. Er beklagt darin ironisch-sarkastisch, dass der märkische Adel, „die Stechows, Bredows, Quitzows, Rochows und Itzenplitze“ nicht zum Gratulieren erschienen seien. Anders dagegen die Vertreter des „prähistorischen Adels“, wie er die Juden nannte. „Die Pollocks, die Mayers und Isaaks sowie diejenigen, deren Namen mit ‘-berg’ oder ‘-heim’ enden.“ Sie erschienen, wie es in dem Gedicht heißt, in Scharen. „Alle haben sie mich gelesen, Alle kannten mich lange schon,/ Und das ist die Hauptsache ... kommen Sie, Cohn!“ Friedrich Cohn war der Geschäftspartner im Verlag von Fontanes Sohn Friedrich. Er gehörte zu den jüdischen Bekannten, die Fontane sehr schätzte.

Wie D´Aprile schreibt, verwiesen die inkriminierten Zitate aus Fontanes Briefen aber „weniger auf seine besonders exponierte Stellung als Antisemit, sondern eher darauf, wie weit verbreitet und allgegenwärtig antisemitische Vorurteile, Ressentiments und Stereotypen waren. Diese konnten von den alten Herrschaftseliten in der Auseinandersetzung um Demokratie, Liberalisierung und Nationalstaatsbildung seit der napoleonischen Zeit über die 1848er Revolution bis hin zu den Sozialistengesetzen immer wieder politisch instrumentalisiert und geschürt werden.“ (S. 448) Er weist dann auf die Untergangsszenarien von einer jüdischen Weltverschwörung hin, die Fontanes Kreuzzeitungskollegen George Hesekiel und Hermann Goedschen in ihren Sensationsromanen verbreiteten. Sie fantasierten von einer Übernahme Berlins durch die Juden. (S. 449)

Ganz anders geartet ist Fontanes prinzipielles Eintreten für den Kollegen Paul Marx, der von der liberalen Vossischen Zeitung seiner jüdischen Herkunft wegen entlassen wird. Fontane engagiert sich zusammen mit seinen Freunden und Bekannten von der Freien Bühne, wie Paul Schlenther und Otto Brahm, für Marx, der sich vor Gericht gegen die Entlassung wehrt. Auch Franz Mehring schreibt im Januar 1892 in der Neuen Zeit über den Fall Marx einen langen Leitartikel, in dem er die Vossische Zeitung und deren Herausgeber geißelt – übrigens einen Enkel des Bruders der Aufklärers und Verfechters religiöser Toleranz Gotthold Ephraim Lessing. Mehring zieht in dem Artikel zugleich gegen den Widersinn des Antisemitismus zu Felde.

Als Fontanes „letztes geschriebenes Wort gilt eine Randnotiz auf der Abendausgabe der Vossischen Zeitung vom 20. September 1898, mit der er einen kritischen Artikel gegen die antisemitische Verleumdungskampagne französischer Adels- und Militärkreise gegen Alfred Dreyfus mit dem Prädikat ‘Ausgezeichnet!’ kommentiert hat“. (S.424)

Fontanes Stechlin

Fontanes letztes Werk „Stechlin“, dessen Veröffentlichung in Buchform er nicht mehr erlebte, hat er selbst als „politischen Roman“ bezeichnet. Er hat von 1895 bis kurz vor seinem Tod daran gearbeitet. Er versucht in gewisser Weise darin eine Synthese der beiden Welten, in denen er sich bewegt und die er immer wieder dargestellt hat: Die Krisen und Umbrüche des ländlichen Adels und der Landbevölkerung auf der einen und die großstädtische Gesellschaft Berlins auf der anderen Seite.

Theodor Fontane 1897, Portrait von Hanns Fechner

Er beginnt den Roman mit der Beschreibung der geheimnisvollen Eigenschaft des Sees Stechlin in der Grafschaft Ruppin, an dem sich das Schloss des alten Dubslaw Stechlin befindet. Er liege still da, doch „von Zeit zu Zeit wird es an ebendieser Stelle lebendig. Das ist, wenn es weit draußen in der Welt sei´s auf Island, sei´s auf Java zu rollen und zu grollen beginnt oder gar der Aschenregen der Hawaiischen Vulkane bis weit auf die Südsee hinausgetrieben wird. Dann regt sich´s auch hier und ein Wasserstrahl springt auf und sinkt wieder in die Tiefe.“ Mit diesem genialen Bild deutet Fontane an, wie sich im Lokalen die explosiven und revolutionären Veränderungen der weltweiten Gesellschaft widerspiegeln und gleichsam die Globalisierung der kapitalistischen Welt ausdrücken, die in den Gesprächen und Plaudereien seiner Protagonisten über scheinbar unbedeutende Ereignisse aufscheint.

D`Aprile beschreibt den „Stechlin“ so: „Ein ‘politischer Roman’ in dem Sinn, dass es keine nennenswerte Handlung gibt, sondern stattdessen die Spannungsverhältnisse von Altem und Neuem, Traditionellem und Modernem, Lokalem und Globalem, Provinz und Metropole, Nähe und Ferne, Enge und Weite selbst zum zentralen Gegenstand des Romans werden. So entsteht das vielstimmige Epochenbild einer Gesellschaft im Umbruch. Thema des Stechlins sind alle Lebensbereiche – Sozialstruktur, politische Ordnung, Moralvorstellungen, Sprache, Kleidung, Geschlechterverhältnisse, Alltagsleben und ästhetische Standards – und selbst die hintersten ‘Waldwinkel’ der Provinz tangierenden beschleunigten Prozesse des sozialen Wandels.“ (S. 425f)

Um alle vorkommenden Anspielungen zu verstehen, müsste der moderne Leser am besten Folianten, Digitalisate oder Mikrofiche zeitgenössischer Zeitungen, bzw. ausführliche Chroniken der Zeit danebenliegen haben. Einen Großteil dieser Arbeit nimmt uns D´Aprile mit seinem Fontane-Buch ab, indem er uns gleichzeitig mit der Biografie viele der politischen Ereignisse und Umbrüche erklärt, die das Leben dieses Autors bestimmt haben und auf die er reagierte.

Es geht sowohl um Weltereignisse, die im „Stechlin“ kommentiert werden, als auch aktuelle politische Berliner Debatten, wie z. B. die „Umsturzvorlage“, mit der der Kaiser am liebsten die Sozialistengesetze Bismarcks wieder in Kraft gesetzt hätte, um die erstarkende Sozialdemokratie zu unterdrücken, ein Vorhaben, das er jedoch im Parlament nicht durchsetzen konnte.

Auch die in den Seiten „Vermischtes“ oder auf Reklame- und Anzeigenseiten der Presse vorkommenden Ereignisse werden im Roman ebenso besprochen wie technologische Neuerungen. Telefon und Telegraphie. Neue Verkehrsmittel werden mit den alten langsamen Kommunikations- und Fortbewegungsmöglichkeiten kontrastiert, neueste wissenschaftliche Erkenntnisse werden auf den Menschen übertragen und in medizinischen Behandlungsmethoden erprobt. Die gleichsam erstarrte Vergangenheit drückt sich in den verfallenden Mauern des Klosters Wutz und seinen Bewohnerinnen aus, während der Graf Barby oder der Journalist Doktor Pusch die „weltpolitischen Herausforderungen“ erklären. D´Aprile konstatiert: „Ganze Figurengruppen repräsentieren die durch die Weltvernetzung entstehende Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.“ (S. 430)

All das wird im Bild des seismographischen Sees gefasst und spiegelt sich in den Gesprächen, Beziehungen und Reaktionen der Personen des Romans. „Der ‘Stechlin’ des Titels bezeichnet in diesem Sinne auch den Roman selbst“, schreibt D´Aprile. Er zitiert die Worte von Melusine, eine von Fontanes Lieblingsfiguren, die ein Resumée nicht nur dieses, sondern eines großen Teils von Fontanes Romanwerk überhaupt ausdrücken: „Ich respektiere des Gegebene. Daneben aber freilich auch das Werdende, denn eben dies Werdende wird über kurz oder lang abermals ein Gegebenes sein. Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollten wir eigentlich leben.“ (S. 433)