Coronavirus breitet sich weiter aus

Von Benjamin Mateus
28. Januar 2020

Bis zum Montag erkrankten an dem Coronavirus aus Wuhan nachweislich 2.744 Menschen, und mindestens 82 sind gestorben, darunter auch ein Arzt. Der 61-jährige Doktor Lian Wudong hatte erkrankte Patienten behandelt.

Bisher entfielen nahezu alle bestätigten Fälle und alle Todesfälle auf das chinesische Festland, vorwiegend auf Wuhan, das Zentrum der Epidemie. Außerhalb von China sind bisher 44 Menschen erkrankt. Weitere Infektionsfälle wurden in Japan, Südkorea,Vietnam, Singapur, Australien, Thailand, Nepal, Frankreich und den USA diagnostiziert. Der Erreger ist offiziell als 2019-nCoV oder neues Coronavirus bekannt.

Bewohner des Hongkonger Stadtteils Fanling, weit vom Handelszentrum der Stadt entfernt, demonstrierten am Sonntag gegen den Plan, unter Quarantäne gestellte Patienten und medizinisches Personal in ihrem Stadtteil einzuquartieren. [Bild: Vincent Yu/AP]

 

Bisher kann sich das Virus unkontrolliert ausbreiten, was in ganz China Verwirrung und Panik auslöst und die sozialen Spannungen verschärft. Die Regierung hat dreizehn Metropolen mit fast 60 Millionen Einwohnern vollständig abgeriegelt. In Wuhan fordert die Stadtbevölkerung, dass ihre lokale Führung zur Verantwortung gezogen werde. Die Forderung geht von Ärzten aus, die die Opfer des Coronavirus behandeln und offen erklären: „Die Stadtverwaltung muss sofort abgesetzt werden.“

Die Spannungen greifen auch schon auf Shanghai über, die größte Stadt Chinas und wichtigstes chinesisches Wirtschaftszentrum. Dort starb ein 88-Jähriger an den Folgen des Virus, was große Sorge über die Ausbreitung der Krankheit, auch im internationalen Maßstab, auslöste. Der chinesische Präsident Xi Jinping erklärte: „Der neue Coronavirus sorgt für eine immer schnellere Ausbreitung von Lungenentzündung. Angesicht dieser schwerwiegenden Lage müssen wir die Führung unter der Parteizentrale verstärkt zentralisieren und vereinheitlichen.“

Zur Bekämpfung der Epidemie hat die Regierung angekündigt, 1.230 medizinische Experten von der chinesischen Nationalen Gesundheitskommission zur Unterstützung nach Wuhan zu schicken. Auch das Militär schickt medizinisches Personal, und die Stadt hat die Einrichtung von zwei neuen Krankenhäusern innerhalb der nächsten fünfzehn Tage versprochen, um Coronavirus-Patienten zu behandeln.

Die USA, Frankreich, Japan und Russland haben angekündigt, Personal aus ihren Konsulaten aus der Region abzuziehen. Ihre sichere und rasche Ausreise wird mit den chinesischen Behörden koordiniert. Auch die Vereinigten Staaten und die Bundesregierung erwägen die Evakuierung ihrer jeweiligen Staatsangehörigen aus Wuhan.

Auch in Hongkong gibt es bisher sechs bestätigte und 100 mutmaßliche Fälle. Als Notfallmaßnahme hat die Stadt die Feierlichkeiten zum Neujahrsfest und das Versammlungsrecht eingeschränkt. Sie hat das Tragen von Gesichtsmasken zur Pflicht gemacht und die Schulen bis mindestens Mitte Februar geschlossen. Diese Maßnahmen stoßen auf Widerstand, und Demonstranten haben die Eingangsbereiche von zwei Gebäuden angezündet, die als Quarantänestätten für die Epidemie vorgesehen waren.

In China erklärte der Leiter der Nationalen Gesundheitskommission, Ma Xiaowei, vor der Presse: „Die Epidemie befindet sich jetzt am Anfang einer ernsteren und komplexeren Periode.“ Lokale chinesische Medien schrieben, laut chinesischer Gesundheitsbehörde gebe es weitere 3.000 Fälle von Coronavirus, von denen in Kürze mindestens die Hälfte bestätigt werde. Weil die Inkubationszeit bis zu zwei Wochen dauert, können Infizierte die Krankheit auch unwissentlich weiterverbreiten. Das würde bedeuten, dass die Infektion größer und weiter verbreitet ist, als bisher erwartet wird.

Die Krise hat jetzt schon internationale Dimensionen. Drei Fälle wurden in Frankreich bestätigt, fünf in den USA, vier in Australien und 32 im restlichen Asien. Die kanadischen Gesundheitsbehörden beobachten einen Mann, der am 22. Januar aus Wuhan zurückgekehrt ist und mit Atemwegsproblemen im Krankenhaus liegt.

In China selbst verschlimmert das Fehlen von Vorräten die Lage. Wie das medizinische Personal vor Ort erklärt hat, gehen die Bestände an Masken und Hygieneausrüstung rapide zur Neige. Ärzte, Pflegekräfte und Helfer sind im Dauereinsatz, obwohl das Reiseverbot das Pendeln zwischen den Krankenhäusern erschwert. Hinzu kommt, dass Routineaufgaben und andere Formen von medizinischer Versorgung und sogar der Kauf von Lebensmitteln immer schwieriger werden, und das in Bevölkerungszentren von der Größe von New York oder Los Angeles! Die Krankenhäuser müssen in den sozialen Netzwerken um Material- und Geldspenden bitten, um den Betrieb fortsetzen zu können.

Dr. Xu Wenbo, Direktor des nationalen Instituts für Prävention und Bekämpfung von Viruserkrankungen, kündigte am Sonntag vor der Presse an, dass Forscher seiner Einrichtung Viren isoliert hätten. Sie untersuchten nun die Erregerstämme, um einen Impfstoff gegen das Coronavirus zu entwickeln. Auch entsprechende Institute in den Vereinigten Staaten haben erklärt, sie könnten einen Impfstoff in wenigen Monaten entwickeln. Unklar ist jedoch, wie weit diese Forschungsstellen zusammenarbeiten.

Drei Pekinger Krankenhäuser (das Beijing Ditan, das Beijing Youan und das Medizinische Zentrum Nummer 5 des Zentralkrankenhauses der Volksbefreiungsarmee) sind dazu übergegangen, Patienten mit den retroviralen Medikamenten Lopinavir und Ritonavir zu behandeln, die eigentlich für HIV-Patienten gedacht sind. Diese improvisierte Behandlung wird angewandt, obwohl kaum Daten vorhanden sind, die ihre Wirksamkeit belegen oder widerlegen. Die medizinische Fachzeitschrift Lancet gab bekannt, sie habe eine klinische Studie zum Einsatz dieser Medikamente bei neuen Fällen des Coronavirus begonnen.

Lancet veröffentlichte am Freitag außerdem zwei kleinere Studien über den neuen Coronavirus, die mehrere Vermutungen der Gesundheitsbehörden bestätigt haben. Bestätigt wurde u.a. die Vermutung, dass sich der Virus in Krankenhäusern, Wohnungen und Städten von Person zu Person ausbreiten kann. Infizierte können schon während der Inkubationszeit andere Menschen anstecken. Mit anderen Worten: Schon ehe sie selbst Symptome zeigen, geben sie das Virus weiter. Die Studien stellten auch Symptome wie Fieber, Husten, Kurzatmigkeit, Müdigkeit, Schmerzen, Kopfschmerzen, Bluthusten und Durchfall fest. Von 41 Patienten starben sechs.

Die weitgehend unkoordinierten Versuche, das neue Coronavirus zu bekämpfen und ihm Herr zu werden, sind typisch für das öffentliche, zumeist stark heruntergewirtschaftete Gesundheitswesen. So heißt es im Global Risk Report des Weltwirtschaftsforums für 2020: „Weltweit laufen die Gesundheitssysteme Gefahr, funktionsuntüchtig zu werden. Neue Schwachstellen aufgrund sich verändernder gesellschaftlicher, umweltpolitischer, demografischer und technologischer Verhältnisse könnten die großen Verbesserungen in den Bereichen Gesundheit und Wohlstand zunichte zu machen, die die Gesundheitssysteme im letzten Jahrhundert begünstigt haben [aus dem Englischen].“

Die Ursache dafür ist nicht, dass sich neue Viren schneller entwickeln, oder dass nicht genug Fortschritte in der Medizintechnik gemacht würden. Es liegt daran, dass die moderne Medizin dem privaten Profitstreben unterworfen wird.

Der chinesische Vizeminister Wang Jiangping erklärte vor kurzem vor der Presse, in der Provinz Hubei würden täglich mehr als 100.000 Schutzanzüge verbraucht, doch nur 30.000 pro Tag könnten hergestellt werden. Die schieren materiellen Bedürfnisse überwältigen die vorhandenen Kapazitäten. Andererseits gibt es private Unternehmen, die täglich mehr als 50.000 dieser Anzüge für den Export herstellen.