Bei Opel werden weitere 1100 Stellen abgebaut

Von Marianne Arens
19. Juli 2019

Nach Art der „Salamitaktik“ führen Opel-Vorstand und Betriebsrat immer neue Angriffe auf Arbeitsplätze und Löhne der Autoarbeiter. Kurz vor den Werksferien kam heraus, dass in Rüsselsheim, Eisenach und Kaiserslautern weitere 1100 Stellen gestrichen werden.

Auch im Internationalen Forschungs- und Entwicklungszentrum (ITEZ) ist der Stellenabbau schon seit einem Jahr im Gange. Bis zu 700 Ingenieure und Techniker sollen zum französischen Dienstleister Segula wechseln, während das ITEZ zusätzlich rund 2000 Arbeitsplätze streicht. Damit ist völlig ungewiss, was die bisher noch rund 6000 Angestellten erwartet, wenn sie im August aus den Werksferien zurückkehren.

Im letzten Jahr sind an den Opel-Standorten bereits 3.700 Arbeitsplätze gestrichen worden. Nun kommen in Rüsselsheim weitere 600 Stellen hinzu, pünktlich zu den Feiern zum 120-jährigen Bestehen der Opelwerke Rüsselsheim. Gleichzeitig werden im thüringischen Eisenach erneut 200 Stellen und im Komponentenwerk Kaiserslautern bis zu 300 Stellen abgebaut.

Im Ganzen bedeutet das, dass seit der Übernahme durch PSA von 19.000 Stellen bei Opel jeder dritte Arbeitsplatz verloren geht. Von rund 38.000 Mitarbeiter weltweit waren bis Ende letzten Jahres schon über 8000 abgebaut.

Die Stellenstreichungen sind Bestandteil des sogenannten Sanierungsprogramms „Pace!“ (Tempo). Vor zwei Jahren hat der französische PSA-Konzern (Peugeot, Citroën, DS) Opel und Vauxhall von General Motors übernommen, und schon kurze Zeit später stimmten der Opel-Betriebsrat und die IG Metall dem Programm „Pace!“ zu und lobten den PSA-Chef Tavares in den höchsten Tönen.

Die World Socialist Web Site (WSWS) warnte schon damals: „Vieles deutet darauf hin, dass ein Verkauf den Auftakt für einen umfangreichen Arbeitsplatzabbau bildet. Der Opel-Konzern hat gegenwärtig rund 38.200 Mitarbeiter in Europa, davon über die Hälfte in Deutschland […]. Durch die PSA-Übernahme könnten mehr als 6000 Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren.“ Das hat sich voll und ganz bestätigt.

Obwohl diese Pläne von Anfang an bestanden, kommen sie erst nach und nach ans Licht. Es ist, wie der Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer im Juli 2018 im ZDF sagte: Vorstand und Gewerkschaft hatten „bewusst nicht alles auf einmal bekannt gemacht“, denn sonst „hätte man Angst gehabt, eine Revolution oder einen Streik auszulösen“.

Seit Jahren spielen Betriebsrat und IG Metall eine Schlüsselrolle um den Arbeitsplatzabbau möglichst reibungslos durchzusetzen. Sofort nach der Übernahme durch PSA reisten die Opel-Betriebsräte und IG Metall-Funktionäre nach Paris, um PSA-Vorstandschef Carlos Tavares ihre „vertrauensvolle Zusammenarbeit“ anzubieten.

Schon am 21. Februar 2017 erschien auf der Internetseite der IG Metall ein „Gemeinsames Statement von Gesamtbetriebsrat, IG Metall und dem Europäischen Betriebsrat von Opel/Vauxhall“, in dem die Gewerkschaft das „vertrauensvolle und offene Gespräch“ mit Tavares lobte. Mit „vertrauensvoll“ meinten sie: hinter dem Rücken der Belegschaft.

Seither haben Betriebsrat und IG Metall beim Abbau tausender Arbeitsplätze, der Entlassung tausender Leiharbeiter und der Durchsetzung von Lohnverzicht und Arbeitsdisziplin an allen Standorten jeden Schritt mitgemacht, jede Maßnahme mitgetragen und sie gegen die Belegschaft durchgesetzt. Schon zuvor hatten sie die Schließung der Opel-Werke in Antwerpen und in Bochum mit organisiert.

Im Januar wurde der Personalchef bei Opel ausgetauscht und Ralph Wangemann, der seit 20 Jahren im Management arbeitet, zum neuen Personal und Arbeitsdirektor ernannt. Er soll den gesamten Bereich Human Resources (HR) von Opel und der britischen Schwestermarke Vauxhall leiten. Seine Aufgabe besteht darin, in Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat die Rationalisierungsmaßnahmen und den Arbeitsplatzabbau zu beschleunigen.

Wenige Wochen später kündigte auch der Gesamtbetriebsrat einen Führungswechsel an. Wolfgang Schäfer-Klug, der sieben Jahre lang den Vorsitz des Gesamtbetriebsrats innehatte, trat zurück und übergab den Vorsitz seinem Stellvertreter Uwe Baum. Ob Schäfer-Klug für seine bisherigen Dienste für die Konzernleitung mit einem hoch dotierten Managementposten belohnt wird – wie viele andere Betriebsratsfürsten – ist nicht bekannt.

Er werde sich auf die Leitung des Betriebsrats in Rüsselsheim konzentrieren und auch den Vorsitz des Europabetriebsrats behalten, erklärte Schäfer-Klug. Das kann nur heißen, dass im Stammwerk weitere sehr einschneidende Maßnahmen vorbereitet werden. Der neue Gesamtbetriebsratschef Baum ist als Hardliner bekannt, der jede kritische Stimme im Betrieb unterdrückt.

Die brutalen Machenschaften der IGM-Betriebsräte sind seit langem bekannt. Als Handlanger der Konzernvorstände sind sie vor allem daran interessiert, die Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Sie ordnen die Interessen der Beschäftigten und alle Arbeiterrechte den Profitinteressen des Konzerns unter. Ihr Ziel ist es, die Konzernleitung und Kapitaleigner im verschärften Kampf auf dem Weltmarkt zu unterstützen.

Die ganze Automobilindustrie ist im Umbruch. Faktoren wie der Handelskrieg mit den USA, der Brexit und die schwache Lira der Türkei (wohin Opel exportiert) drücken auf die Profite. Hinzu kommt die kostspielige Umstellung auf E-Mobilität und digitale Technologie. Die Konzerne kennen keinen andern Umgang mit diesen Problemen, als die Kosten dafür auf die Arbeiterklasse abzuwälzen.

PSA-Chef Tavares forderte vor zwei Jahren: „Das Einzige, was Mitarbeiter schützt, ist der Gewinn.“ Laut der Bilanz von Juli 2019 rutscht der PSA-Konzern jedoch immer tiefer in rote Verkaufszahlen. Im ersten Halbjahr 2019 verkaufte PSA mit allen vier Marken rund 1,9 Millionen Fahrzeuge und damit 12,8 Prozent weniger als im Vorjahr. Fast gleichzeitig wurde der neue Stellenabbau bekanntgemacht.

Die Medien betonen gebetsmühlenartig, der Arbeitsplatzabbau erfolge ausschließlich durch „freiwillige“ Maßnahmen. Es gebe keine betriebsbedingten Kündigungen, heißt es immer, sondern nur Altersteilzeit, Vorruhestandsregelungen oder Abfindungen. Das ist alles Geschwätz, denn erstens gilt das nicht für Leiharbeiter, die von heute auf morgen entlassen werden. Und zweitens sind die Stellen, die „sozialverträglich“ abgebaut werden, hinterher auf Dauer weg. Damit werden vor allem die Perspektiven für die junge Generation zerstört. Nur noch sehr wenige Azubis werden übernommen.

Drittens bedeuten die Vorruhestandsregelungen bloß, dass die älteren Arbeiter aus den Werken gedrängt und durch billigere, belastbarere Jüngere ersetzt werden, die dann entsprechend stärker unter Druck gesetzt werden. In Kaiserslautern werden die Frührentenmodelle zurzeit auf die 58-Jährigen (Jahrgang 1961) ausgedehnt.

Gleichzeitig werden auch im Forschungszentrum ITEZ in Rüsselsheim die Daumenschrauben angezogen. Dort haben bisher 1340 Mitarbeiter akzeptiert, das Zentrum über eine Abfindung, Vorruhestand oder Altersteilzeit zu verlassen. Nur 140 haben sich freiwillig gemeldet, um zu Segula zu wechseln. Nun sollen nach den Werksferien weitere 500 dazu gezwungen werden. Weigern sie sich, für Segula zu arbeiten, droht ihnen der Opel-Vorstand, dass ihre Stelle bei Opel in jedem Fall verloren sei, und dass sie auch keine Aussicht auf Abfindung mehr hätten.

Wie die WSWS seit langem betont, können Arbeitsplätze, Löhne und Arbeitsbedingungen nur verteidigt werden, wenn die Arbeiter sich von der Kontrolle durch die Gewerkschaftsbürokratie befreien. Sie müssen Aktionskomitees aufbauen, die von der IG Metall völlig unabhängig sind, um den Widerstand international gemeinsam zu organisieren.

Die Probleme, vor denen die Opel-Arbeiter stehen, sind auch die Probleme der Belegschaften bei VW, Ford und anderen Autokonzernen und ihren Zulieferbetrieben. Sie können nur gelöst werden, wenn die Arbeiter für ein sozialistisches Programm kämpfen, d.h. für eine rational geplante Wirtschaft unter Arbeiterkontrolle, die sich nicht nach den Profiten der Aktionäre richtet, sondern nach den Bedürfnissen der Menschen, sowohl der Produktionsarbeiter als auch der Autofahrer und der ganzen Gesellschaft.

Für eine solche Lösung kämpfen die WSWS und ihr Autoarbeiter-Newsletter.