Deutsche Bank streicht jeden fünften Arbeitsplatz

Von Gustav Kemper und Peter Schwarz
16. Juli 2019

Am 7. Juli segnete der Aufsichtsrat der Deutschen Bank den „weitreichendsten Umbau seit Jahrzehnten“ (Vorstandschef Christian Sewing) ab. Ihm soll weltweit rund jeder fünfte Job, das sind 18.000 Arbeitsplätze, zum Opfer fallen.

Die Beschäftigten bezahlen damit für die kriminellen Geschäfte der Banker während der letzten dreißig Jahre. Die Deutsche Bank war 1989 mit dem Kauf der britischen Bank „Morgan Grenfell“ ins Investmentbanking eingestiegen, das zehn Jahre später mit der Übernahme der US-Investmentbank „Bankers Trust“ zu ihrer Hauptaktivität wurde. 2000 war sie das größte Geldinstitut der Welt. Vorstandschef Josef Ackermann versprach eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent.

Spätestens die Finanzkrise 2008 brachte ans Licht, auf welch zwielichtigen Geschäften diese Bonanza beruhte – und das nicht nur bei der Deutschen Bank. Etlichen Bankern war „jedes Mittel recht, um Profit zu machen“, schreibt rückblickend selbst die Frankfurter Allgemeine Zeitung. „Mit windigen Wetten auf den amerikanischen Hypothekenmarkt zockten Banker die Weltwirtschaft an den Rand des Kollapses. Schrottpapiere wurden aufwendig zu neuen Wertpapieren verpackt und in großem Stil vertrieben.“

Die Deutsche Bank musste in den folgenden Jahren Geldstrafen in Höhe von 15 Milliarden US-Dollar für verschiedene illegale Aktivitäten zahlen. Trotzdem ging die Bereicherungsorgie weiter. Allein zwischen 2012 und 2018 kassierten Trader und Manager Boni in Höhe von etwa 17 Milliarden Euro, während die Bank im selben Zeitraum 6 Milliarden Euro Verlust machte. Auch im letzten Jahr schüttete die Bank unter dem neuen Vorstandschef Sewing noch 1,9 Milliarden an Boni aus.

Der Aktienkurs liegt inzwischen 92 Prozent unter dem Höchststand des Jahres 2007. Eine interne Bad Bank, die im Rahmen des Konzernumbaus gegründet wird, soll Bilanzpositionen in Höhe von 74 Milliarden Euro abwickeln – ein Risikoposten, der die ganze Bank in den Abgrund zu ziehen und eine Rettungsaktion auf Staatskosten auszulösen droht.

Trotzdem wird weiter abkassiert. Der scheidende Chef der verlustbringenden Investmentsparte, Garth Ritchie, erhält eine Abfindung von 11 Millionen Euro. 2018 hatte er für seine „Erfolge“ 8,6 Millionen Euro kassiert. Nach Informationen des Handelsblatts erhalten die drei Vorstandsmitglieder, die das Unternehmen Ende des Monats verlassen – neben Ritchie Regulierungsvorständin Sylvie Matherat und Privatkundenchef Frank Strauß – zusammen rund 26 Millionen Euro.

Die vielen tausend einfachen Bankangestellten, die ihren Arbeitsplatz verlieren, bekommen keinen solchen Geldsegen. Sie dürfen bei der Kündigung noch ihre Privatsachen vom Schreibtisch zusammenraffen und werden dann vom Sicherheitspersonal aus den Bankhäusern geleitet – so geschehen in Tokyo, Hong Kong, Singapur, London und New York. Und sie haben auch niemanden, der sich um ihre Interessen kümmert. Die Gewerkschaften sind voller Lob für die Entlassungspläne.

Der Chef der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, Frank Bsirske, begrüßte „das deutliche Verkleinern des Investmentbankings“ als „radikale Neuausrichtung der Deutschen Bank“. Er fügte lediglich die Hoffnung hinzu, dass die Bank „auf betriebsbedingte Kündigungen“ verzichte – die übliche Formel, mit der die Gewerkschaften dem Abbau von Arbeitsplätzen zustimmen. Die Auswirkungen „auf die Infrastrukturbereiche in Deutschland können wir im Moment nicht beziffern,“ sagte Bsirske der Presse.

Bsirske hat an den Umbauplänen persönlich mitgewirkt. Er sitzt seit sechs Jahren im Aufsichtsrat der Deutschen Bank und kassiert dafür eine jährliche Grundvergütung (diverse Spesen und Extras nicht eingerechnet) von 250.000 Euro.

Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft dbv, Stephan Szukalski, blies ins gleiche Horn: „Ich glaube, dass die beschlossenen Maßnahmen in die richtige Richtung gehen. Es könnte ein echter Neuanfang für die Deutsche Bank sein.“

In den Medien wird der Umbauplan als Ausstieg aus dem Investmentbanking dargestellt, der vor allem die hochbezahlten Trader und Investmentbanker an den Standorten New York und London treffe. Der neue Bankenchef Sewing, der selbst jahrelang in Singapur, Toronto, Tokio und London für die Deutsche Bank tätig war, wird als biederer Bankkaufmann aus Westfalen geschildert, die die Bank „zu ihren Wurzeln“ als Finanzdienstleister zurückführe.

All das ist heiße Luft. Tatsächlich geht es darum, die Bank aus ihren internationalen Abhängigkeiten zu lösen und zu einer nationalen Waffe der deutschen Wirtschaft im globalen Handelskrieg zu machen. Insofern kehrt sie tatsächlich zu ihren „Wurzeln“ zurück. Bei ihrer Gründung im Jahr 1870 hatte sie sich das Ziel gesetzt, „endlich Deutschland auf dem Felde der finanziellen Vermittelung eine Stellung zu erobern...“. In den folgenden Jahrzehnten unterstützte sie finanziell die imperialistische Expansion Deutschlands in Asien, Afrika und Südamerika.

Bankchef Sewing hat in einem ausführlichen Interview mit dem Handelsblatt deutlich gemacht, dass die Bank keineswegs gedenkt, sich aus dem internationalen Geschäft zurückzuziehen. „Das Handelsgeschäft verkleinern wir zwar um 40 Prozent, machen es damit aber auch schlagkräftiger“, sagte er. „Insgesamt werden wir etwas kleiner, aber auch viel effizienter und profitabler.“

Angesprochen auf den Wertpapierhandel, in dem die Bank „ein gigantisches Rad“ gedreht habe, antwortete Sewing: „Wir beenden diese Strategie nicht, wir adjustieren sie nur sehr deutlich. Denn wir bleiben eine globale Bank.“

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hatte schon im Februar in einer „Nationalen Industriestrategie 2030“ für die Bildung von „nationalen Champions“ geworben, von „großen und starken Akteuren, die mit Wettbewerbern aus den USA oder China auf Augenhöhe sind“. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) und sein Staatssekretär Jörg Kukies, der ehemalige Deutschland-Chef von Goldman Sachs, förderten daraufhin das Projekt einer Fusion der Deutschen Bank mit der Commerzbank, das aber scheiterte. Nun soll die Deutsche Bank allein zum „nationalen Champion“ umgebaut werden.

Im Mittelpunkt des Konzernumbaus steht der Rückzug vom Aktienhandel im Investmentbanking und die Konzentration auf vier Geschäftsbereiche.

Die Unternehmensbank soll vor allem deutschen und europäischen Unternehmen Finanzprodukte und Dienstleistungen anbieten, die sie für ihr Auslandsgeschäft brauchen: internationalen Zahlungsverkehr, Sicherung von Liquidität und Handelsfinanzierung. Diese Bank soll mittelständische Firmen unterstützen, die bisher von der Sparte für Privatkunden betreut wurden.

Die anderen drei Bereiche sind das Privatkundengeschäft, das mit der Postbank zur „DB Privat und Firmenkundenbank AG“ zusammengelegt wird, die Fondsgesellschaft DWS, die große Vermögen verwaltet, und das verbleibende Investmentbanking.

Die Kosten des Konzernumbaus werden mit 7,4 Mrd. Euro bis 2022 veranschlagt. Aber schon 2022 soll erstmalig wieder eine Gewinnmarge von 8 Prozent erzielt werden. Die Aktionäre, die in den kommenden zwei Jahren keine Dividende erhalten, sollen dann fürstlich entlohnt werden.

Die Kosten sollen durch Einsparungen bei Gehältern, durch Stellenabbau und die Schließung von Filialen auf die Beschäftigten und durch erhöhte Kontoführungs- und andere Gebühren auf die Kunden abgewälzt werden.

„Natürlich wird auch in Deutschland eine substanzielle Zahl an Stellen wegfallen“, sagte Sewing dem Handelsblatt. Mit genauen Zahlen hielt er sich zurück, aber das Handelsblatt geht davon aus, dass es sich um rund 10.000 der 18.000 Stellen handelt. Darin beinhaltet sind 6000 bei der Postbank, deren Abbau die Deutsche Bank bereits im März bekanntgegeben hatte.