Fridays for Future: Zehntausende demonstrieren in Aachen

Von unseren Reportern
22. Juni 2019

Bei der ersten internationalen Großdemonstration von Fridays for Future gingen in Aachen gestern Schülerinnen und Schüler aus mehreren Ländern Europas gemeinsam auf die Straße. Unter dem Motto: „Climate Justice without borders – United for a Future“ (Klimagerechtigkeit ohne Grenzen – Vereint für eine Zukunft“) forderten rund 40.000 Jugendliche ein schnelles Abschalten der Kohlekraftwerke und andere Maßnahmen.

Demonstrationszug durch Aachen

Während alle seriösen Wissenschaftler sich einig sind, dass der Klimawandel schon gefährlich weit fortgeschritten ist, weigern sich Regierungspolitiker und staatsübergreifende Gremien, die notwendigen Maßnahmen zum Schutz der Umwelt anzupacken, und konzentrieren sich stattdessen auf massive militärische Aufrüstung. Die Staats- und Regierungschefs der EU in Brüssel konnten sich noch am Vorabend der Demonstration nicht einmal darauf einigen, das Klimaziel einer CO2-Neutralität bis 2050 verbindlich zu beschließen.

Aus Protest dagegen zogen Jugendliche aus Deutschland, Holland, Belgien, Frankreich, Italien, Spanien, Großbritannien, der Schweiz, Luxemburg und weiteren Ländern durch die Stadt am deutsch-belgisch-holländischen Dreiländereck. Mehrere „Schweife“ eines Sternmarschs führten durch Aachen bis zum Fußballstadion Tivoli, wo die zentrale Kundgebung stattfand und mehrere Bands und Künstler auftraten. Die vielfältigen und kreativen Aufschriften auf Plakaten und Transparenten lauteten: „There is no Planet B“, „Die Dinos dachten auch, sie hätten Zeit“, „Eure Gier kostet unsere Zukunft“, „Klima 2050 betrifft uns alle“, „Burn Capitalism not Coal“ etc.

Auch ältere Menschen nahmen teil. Wissenschaftler, Künstler, Lehrer und Arbeiter aus dem ganzen Ruhrgebiet und Aachener Bürger marschierten mit, und eine Gruppe von Senioren trug ein Spruchband mit der Aufschrift: „Grannies for Future: Wir sind hier und empört, weil man unsre Enkel nicht hört!“ Dem Mediendienst von Spiegel Online sagte ein ehemaliger Stahlarbeiter, der zuletzt in der Chemieindustrie gearbeitet hatte: „Alle müssen ihr Geld verdienen, aber alle müssen auch atmen und brauchen saubere Luft und gesundes Essen, deshalb laufe ich hier mit.“

Demonstranten in Aachen

Die Sozialistische Gleichheitspartei und ihre Jugendorganisation, die International Youth and Students for Social Equality, wandten sich mit einem Aufruf an die Teilnehmer, in dem sie folgende vier Grundsätze aufstellten:

„1. Die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen ist eine Folge des Profitsystems. / 2. Klimaerwärmung und Umweltzerstörung sind Bestandteil einer umfassenden Krise des globalen Kapitalismus. Dieselbe Krise führt zu Verelendung und Krieg, ruft zugleich aber auch wachsenden Widerstand hervor. / 3. Die einzige Kraft, die diesem Wirtschaftssystem ein Ende bereiten und Lösungen für sich und die gesamte Menschheit auf den Weg bringen kann, ist die internationale Arbeiterklasse, also die große Mehrheit der Menschen. / 4. Wir bauen eine Weltpartei, die Vierte Internationale, auf, um den Kapitalismus abzuschaffen und durch eine sozialistische Gesellschaft zu ersetzen, in der die Bedürfnisse der Menschen und nicht die Profite im Zentrum stehen.“

Diese Punkte stießen auf großes Interesse und lösten zahlreiche Diskussionen aus. So betonte Thomas, ein Student der Sozialarbeit, vor allem den Aspekt, dass die Bewegung international sein müsse. „Das ist ganz wichtig: dass es eine internationale Bewegung ist“, sagte er. „In einem Land allein können wir tatsächlich nichts ausrichten. Die Globalisierung hat alles geändert.“

Thomas

Er könne gut verstehen, so Thomas weiter, „wenn die Menschen eine Revolution fordern“. Allerdings sei er der Meinung, zum jetzigen Zeitpunkt könnte das die Bewegung spalten. „Das muss von der breiten Masse getragen werden, und die haben wir zurzeit noch nicht“, kommentierte Thomas. Er sah seine Aufgabe darin, die Proteste zu unterstützen: „Wir dürfen jetzt nicht nachlassen.“

„Dass es so nicht weitergehen kann, darüber sind sich alle Wissenschaftler einig“, betonte auch Soeren (21), ein Student aus Aachen. Er hoffe, „dass wir mit einer so großen Menge an Leuten ein Zeichen setzen können“.

Soeren

Soeren studiert Luft- und Raumfahrt. Ihm sei es wichtig, zu erreichen, „dass die Politiker das endlich kapieren und die Menschen ernst nehmen“. Er sprach sich stark gegen die AfD und alle rechten politischen Tendenzen aus. Gleichzeitig äußerte Soeren Skepsis, ob die Abschaffung des Kapitalismus wirklich möglich sei. Vielleicht müsse man „finanzielle Anreize schaffen“, damit sich in der Umweltfrage was ändere.

Dagegen trugen viele Teilnehmer Schilder mit offen antikapitalistischen Slogans. Ein Mann hatte auf sein Schild geschrieben: „Der Kapitalismus ist ein System, welches nur durch die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen existieren kann und wegen seiner Überproduktion aus unserer Erde in kürzester Zeit eine Müllkippe macht.“

Die Forderungen der IYSSE und der WSWS erhielten Unterstützung von einigen Teilnehmern, die aus Frankreich angereist waren, darunter Alexi (35), ein Forscher der Kommunikationswissenschaft. Er betonte: „Ich stimme damit überein, was ihr geschrieben habt: Man kann das Klima nicht beeinflussen, wenn man die sozialen Verhältnisse nicht ändert.“

Alexi und sein Freund aus Frankreich

Alexi sagte, er sei nach Aachen gekommen, „weil der Klimawandel uns alle betrifft. Wir alle müssen aktiv werden. Aber wir müssen sehr viel mehr Druck aufbauen“, setzte er hinzu.

Zu den Gelbwesten in Frankreich sagt Alexi, ihr Protest sei berechtigt, denn die soziale Ungleichheit wachse immer stärker an: „Es geht nicht, wenn in einem Land die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden.“ Auch die Umweltfrage habe damit zu tun: „Klimagerechtigkeit hat viel mit sozialer Gleichheit zu tun.“

Man müsse den Einfluss der Lobbies auf die Konzerne und Banken und auch auf die Politik einschränken, fügte Alexi hinzu. Die Gelbwesten in Frankreich hätten die Erfahrung gemacht, dass die Polizei auch gegen friedliche Proteste gewaltsam vorgehe. „Die Reaktion darauf wird sein, dass noch mehr Menschen auf die Straße gehen.“

Auch in Deutschland geht die Polizei immer häufiger gewaltsam gegen friedliche Proteste vor. Viele Teilnehmer werden am heutigen Samstag am nahegelegenen Tagebau Garzweiler weiter demonstrieren, wo das rheinische Braunkohlerevier die größte CO2-Quelle Europas darstellt.

Die Polizei hat schon am gestrigen Freitag begonnen, den rheinischen Braunkohletageabbau in einer riesigen Polizeiübung zu besetzen und abzuriegeln. Ein offiziell angemeldetes Protestcamp des Bündnisses „Ende Gelände“, das gewaltfreie Aktionen des zivilen Ungehorsams organisiert, wurde mehrere Stunden lang von der Umwelt abgeschnitten, als die Polizei den Bahnhof Viersen am Niederrhein vom Zugverkehr abkoppelte.

Auch den Schülern hatte das Polizeipräsidium im Vorfeld der Aachener Demonstration in einem Brandbrief, der an alle Schulen und Elternverbände ging, mit Einkesselung und Strafverfahren gedroht. Dazu sagte Thomas, der Sozialarbeits-Student: „Das ist eine komplette Unverschämtheit. Die Polizei ist in der Sache nicht neutral, sondern vertritt die Interessen des Konzerns RWE. Diese Dinge werden auf oberster Ebene der Politik entschieden.“