„Gelbwesten“ würdigen die Pariser Kommunarden

Von Will Morrow
28. Mai 2019

Am Samstag demonstrierten in der 28. Woche in Folge Zehntausende von „Gelbwesten“ in ganz Frankreich gegen die Regierung von Präsident Emmanuel Macron, seine Austeritätspolitik, die Arbeitslosigkeit und soziale Ungleichheit.

Laut der Facebookseite „Yellow Number“, die die Teilnehmerzahlen genauer schätzt als die Regierung und auch kleinere Proteste berücksichtigt, nahmen zusammen etwa 40.000 Menschen an Demonstrationen teil, darunter in allen Großstädten. Das waren etwa genauso viele wie letzte Woche. Das Innenministerium berichtete von nur 12.000 Teilnehmern – eine deutlich zu niedrig angesetzte Zahl.

In Toulouse, Amiens und Paris demonstrierten mehrere Tausend Menschen, gegen die die Polizei erneut mit brutaler Gewalt vorging. In Toulouse setzte die Polizei Wasserwerfer und Tränengas gegen Demonstranten ein, die den ganzen Nachmittag über friedlich demonstrierten. Alleine in Paris wurden Berichten zufolge 64 Menschen verhaftet und mehr als 5.000 kontrolliert sowie durchsucht.

In Paris kam es zu einem höchst bedeutsamen politischen Ereignis. Etwa 1.000 Menschen versammelten sich am Morgen vor dem Friedhof Père Lachaise und zogen zur Mur des Fédérés (Mauer der Föderierten), dem Denkmal für die Pariser Kommunarden. An dieser Stelle wird Zehntausenden von Arbeitern und ihren Familien gedacht, die vor 148 Jahren während der blutigen Unterdrückung der Pariser Kommune massakriert wurden. Am 28. Mai 1871 wurden 147 Föderierte an dieser Mauer erschossen und in ein Massengrab geworfen.

„„Gelbwesten“ ziehen über den Friedhof Père Lachaise zur Mur des Fédérés

Mehr als 100 Menschen sangen an der Mauer die Internationale, das Lied der internationalen Arbeitersolidarität.

Die Sozialarbeiterin Martine erklärte gegenüber Reportern der World Socialist Web Site: „Wir fordern das Gleiche wie damals die Kommune. Eine Revolution, das ist es, in was wir hineingedrängt werden. Letzten Endes hört man uns nicht zu, und sobald wir sagen, dass die Dinge nicht in Ordnung sind, kesseln sie uns ein und setzen Gas ein. Die Kommunarden wurden erschossen, so weit sind wir noch nicht. Aber die Gummigeschosse sind trotzdem Waffen, die gegen uns benutzt werden. Sie treiben uns also zur Revolution.“

Gewerkschaftsfunktionäre wie Philippe Martinez, der durch seine Zusammenarbeit mit den Arbeitgebern und die jahrzehntelange Unterdrückung des Widerstands der Arbeiterklasse mitverantwortlich für die Umverteilung des Vermögens an die Reichen und die Verelendung breiter Teile der Bevölkerung ist, haben die „Gelbwesten“-Proteste von Anfang an als rechts oder sogar faschistisch verunglimpft. Doch dieses Ereignis zeigt, dass die Proteste der „Gelbwesten“ von linkem Widerstand gegen die soziale Ungleichheit angetrieben werden, und verdeutlicht die in der Arbeiterklasse tief verwurzelten Traditionen des Sozialismus.

Gedenktafel an der Mur des Fédérés

Marie, eine Sozialarbeiterin aus dem Vorort Nanterre nördlich von Paris, erklärte den Reportern der WSWS, sie habe an den Protesten der „Gelbwesten“ teilgenommen, weil „wir seit Jahren mit unseren Gehältern nicht mehr über die Runden kommen. Deshalb mache ich mit, um zu versuchen, die Dinge zu ändern. Die Behinderten und die Alten werden auch nicht respektiert. Deshalb bin ich für sie da, weil sie nicht demonstrieren können.“

„Sie haben keine Würde. Ich sehe heute immer wieder, wie alte Leute aus Mülleimern essen. Ich sehe Leute, die ihr ganzes Leben lang gearbeitet haben und denen jetzt die Rente nicht reicht. Es ist absolut pervers. Nichts ändert sich, egal wer an der Regierung ist und wer der Präsident ist. Wenn der Präsident und die anderen Funktionäre zurücktreten, werden sie für den Rest ihres Lebens Bezüge und Gehälter haben. Das ist Geld, das für Sozialleistungen benutzt werden könnte. Deshalb trage ich eine gelbe Weste.“

Marie

Marie hat 20 Jahre lang als Pflegerin gearbeitet, und in dieser Zeit „wurde die Zeit, die wir mit einem Patienten verbringen können, immer weiter verringert, wir müssen für immer mehr Leute da sein. Heute sind dreizehn Patienten mit dreien von uns in einem Raum, und wenn jemand krank ist, kommt keine Vertretung.“ Sie verdient 1.300 Euro im Monat und erklärte: „In Paris ist das schwierig, und es ist nichts, wenn man bis 22 Uhr und am Wochenende arbeitet.“

Sie erklärte: „Wir haben die üblichen Gewerkschaften“, u.a. die Confédération générale du travail und die Force Ouvrière, „aber denen glaube ich nicht. Sie sind nicht unbedingt auf unserer Seite. Sie repräsentieren uns nicht und kämpfen nicht für uns.“ Weiter erklärte sie, die Reaktion der Macron-Regierung auf die Proteste habe gezeigt, „dass wir heute bereits in einer Diktatur leben. Keine Protestbewegung wurde so brutal unterdrückt wie die ,Gelbwesten‘. Tränengas, Gummigeschosse, Blendgranaten, Wasserwerfer. Es stört die Regierung, dass wir hier sind und dass wir eine berechtigte soziale Unzufriedenheit friedlich äußern.“

Sie erklärte: „Wir sind diejenigen, die die Arbeitsstätten am Laufen halten, das hat schon Marx gesagt.“

Antoine

Antoine, ein junger Arbeiter aus Mayenne, erklärte unseren Reportern, die Probleme, gegen die die „Gelbwesten“ kämpfen, würden „ganz Europa und sogar die ganze Welt betreffen. Überall herrscht Armut, und das ist das Ergebnis des Kapitalismus. Solange er existiert, wird es Menschen geben, die deklassiert werden. Wir kämpfen für alle.“

Antoine wusste von der Verfolgung des WikiLeaks-Journalisten Julian Assange und erklärte, er halte ihn für einen Helden. „Für mich ist das ein großes Wort. Aber er ist ein Held, weil er die ganzen Kriegsverbrechen der amerikanischen Regierung im Irak enthüllt hat. Und was ist mit ihm passiert? Er wurde verhaftet. Und davor verbrachte er sieben Jahre eingesperrt in einem Raum in der Botschaft. Er hat nicht mal Asyl bekommen. Er hätte von einem anderen Land Asyl bekommen sollen. Er verdient es nicht, im Gefängnis zu sitzen. Er hat seine Bürgerpflicht getan.“

Antoine erklärte, die Kriege, an deren Aufdeckung Assange beteiligt war, wurden „nicht umsonst geführt. [...] Ich glaube, in Wirklichkeit ging es dabei um Öl. [...] Es ist ihnen egal, ob es Kriege, Hungersnöte und all das gibt. Sie denken nur an ihre Interessen. Und obendrein sagen sie uns nicht alles. Zum Beispiel haben Journalisten nachgewiesen, dass Frankreich Waffen an Saudi-Arabien verkauft hat. Und was passiert dann? Ihnen drohen Geld- und Haftstrafen, weil sie enthüllt haben, was passiert.“