Im Gespräch mit Fordarbeitern

„Arbeiter müssen sich entscheiden, die SGP aufzubauen. Niemand anders vertritt ihre Interessen.“

Von Dietmar Gaisenkersting und Europawahlkandidat der Sozialistischen Gleichheitspartei
25. Mai 2019

Die Ford-Arbeiter sind nicht nur mit einem aggressiven, von Profitgier getriebenen Management konfrontiert, sondern auch mit der IG Metall, die den Arbeitsplatzabbau im Namen der Wettbewerbssteigerung unterstützt und jeden ernsthaften Kampf zur Verteidigung der Arbeitsplätze unterdrückt.

Es wird immer deutlicher, dass sich die Ford-Arbeiter und auch alle anderen Arbeiter einer internationalen sozialistischen Perspektive zuwenden müssen, wenn sie verhindern wollen, dass ihre Arbeitsplätze vernichtet werden. Darüber sprach ich mit Arbeitern am Donnerstagabend vor dem Werkstor in Köln.

Am Montag hatte die Ford-Konzernleitung von in den USA angekündigt, weltweit 7.000 Arbeitsplätze abzubauen. Unmittelbar betroffen sind Angestellte in Entwicklung, Forschung und Verwaltung, bis August soll jeder zehnte von ihnen seinen Job verlieren.

Bereits letzten Monat hatte Ford bekanntgegeben, in Deutschland 5.000 Arbeitsplätze zu vernichten. Der Konzern baut auch Tausende Jobs in Großbritannien, Frankreich, Russland, Brasilien und China ab, mehrere Werke sollen geschlossen werden.

Aus Sicht der Finanzmärkte ist das nur der Anfang. Ein Analyst der US-amerikanischen Investmentbank Morgan Stanley erklärte, dass Ford weitere 23.000 Angestellte entlassen müsste, um seine Kostensenkungsziele zu erreichen.

Ford beschleunigt gegenwärtig seine globale Umstrukturierung. Der Autoproduzent hat dafür extra einen neuen Finanzchef eingestellt, der vorher beim Online-Riesen Amazon gearbeitet hat und jetzt die extremen Ausbeutungsbedingungen von Amazon auf die Autoindustrie überträgt.

Aus den Gesprächen mit Ford-Arbeitern wurde vor allem folgendes sichtbar: Die Tatsache, dass die IG Metall eng mit der Unternehmensleitung zusammenarbeitet und als Teil des Managements fungiert, führt dazu, dass viele Arbeiter verunsichert sind. Sie sind wütend über den Arbeitsplatzabbau im Interesse steigender Renditen, aber die meisten fühlen sich alleingelassen. Ein jeder hadert mit sich allein. „Gebe ich meinen Arbeitsplatz auf und nehme die Abfindung? Suche ich mir eine neue Beschäftigung? Mache ich mich selbständig? Soll ich jetzt schon in Rente gehen?“

Von Seiten der IG Metall und des Betriebsrats ist diese Verunsicherung gewollt. Sie dient dazu einen gemeinsamen Kampf zu verhindern. Beide, Gewerkschaft und Betriebsrat unterstützen den Abbau von 3.400 Arbeitsplätzen in Köln und 1.600 in Saarlouis. Sie behaupten ständig, es handele sich um notwendige Maßnahmen, um die „Wettbewerbsfähigkeit“ des Konzerns – in Deutschland – zu sichern.

Mit dieser reaktionären, nationalistischen Argumentation haben die IG Metall und ihre Betriebsräte in den vergangen Jahren schon viele Werksschließungen gerechtfertigt, Arbeitsplätze abgebaut, Löhne gesenkt und die Arbeitsbedingungen verschlechtert. Erinnert sei nur an die Stilllegung des Opelwerks in Bochum vor fünf Jahren und die üble Rolle die die IG Metall dabei gespielt hat.

In den deutschen Ford-Werken übernehmen nun die IGM-Betriebsräte die Aufgabe die Programme auszuarbeiten, mit denen die Beschäftigten über Abfindungen, andere Entschädigungen und Frühverrentungen aus dem Betrieb gedrängt werden. Für den Konzern rechnet sich das. Er lässt es sich daher etwas kosten, die langjährigen Arbeiter mit Altverträgen und entsprechend hohen Löhnen und Betriebsrentenbeiträgen abzufinden. Einigen Alt-Beschäftigten werden relativ hohe Abfindungen angeboten. Doch schon Arbeiter, die nach 2005, nach der Einführung des Entgelt-Rahmenabkommens von IG Metall und Unternehmen (ERA), zu niedrigeren Löhnen eingestellt wurden, erhalten bedeutend weniger.

Mehrere ältere Arbeiter berichteten uns, sie überlegten, die angebotene Abfindung zu akzeptieren. Sie befinden sich aber im Zwiespalt, weil sie wissen, dass die Arbeitsplätze dann für die junge Generation unwiderruflich weg sind. Und es ist zudem nur eine Frage der Zeit, wann der schleichende Arbeitsplatzabbau soweit gediehen ist, dass der gesamte Standort, die Europazentrale, in der aktuell noch 17.000 Menschen arbeiten, reif für die Stilllegung ist.

Dietmar Gaisenkersting diskutiert mit Ford-Arbeitern

Mehrere Arbeiter befürchteten genau das: „Irgendwann machen die den Laden hier ganz dicht“, sagte ein Arbeiter. Sein Kollege erinnerte an die Schließung des Fordwerks im belgischen Genk. „Das haben die 2014 auch ganz geschlossen.“ „Das ist Kapitalismus“, ergänzte ein Arbeiter sarkastisch und macht damit deutlich, dass der Kampf gegen den Arbeitsplatzabbau einen Kampf gegen den Kapitalismus, das heißt eine sozialistische Perspektive erfordert.

Ein türkischer Arbeiter fasst die Stimmung im Betrieb mit den Worten zusammen: „Hier haben alle Angst um ihren Arbeitsplatz.“ Der Unmut sei sehr groß, aber noch herrsche eine Art gespannte Ruhe.

In vielen Gesprächen ging es darum, die Zwangsjacke der IG Metall zu durchbrechen und aktiv zu werden. Arbeiter müssen sich als Klasse und zwar als internationale Klasse verstehen, nicht als Individuen, die den globalen Konzernen machtlos gegenüberstehen. Die rund 200.000 Ford-Arbeiter weltweit sind geeint eine gewaltige Macht. Nur gemeinsam können sie ihre Arbeitsplätze und Löhne verteidigen. Und sie sind nicht allein. Alle globalen Autokonzerne planen bzw. führen Stellenabbau durch. General Motors streicht 14.000 Arbeitsplätze, Volkswagen 7.000, Jaguar Land Rover (Tata Motors) 4.500 und Tesla 3.000.

Arbeiter stehen auf der ganzen Welt den gleichen Problemen und dem gleichen Feind gegenüber. Sie müssen jetzt ihre Verantwortung wahrnehmen. Notwendig ist, unabhängige Aktionskomitees aufzubauen, um die Verteidigung der Arbeitsplätze in die eigenen Hände zu nehmen. Diese Komitees würden Arbeiter international vernetzen und Streiks vorbereiten, um die geplanten Werksschließungen und Massenentlassungen zu stoppen.

Arbeiter müssen sich mit einem sozialistischen Programm und den internationalen Perspektiven der Sozialistischen Gleichheitspartei (SGP) vertraut machen. Niemand anders vertritt ihre Interessen.

Björn kennt die SGP seit einiger Zeit und damit auch unsere Aufforderung, in den Betrieben von der Gewerkschaft und ihren Betriebsräten unabhängige Komitees aufzubauen. „Unabhängige Organisationen sind notwendig“, sagte er. „Momentan handeln nur die IG Metall und das Management. Die Arbeiter gehen unter, ihre Interessen werden nicht berücksichtigt.“ Er glaubt, dass er und seine Kollegen sich auf weitere Angriffe gefasst machen müssen. „Wenn ich jetzt lese, dass Banker fordern, 23.000 Angestellte zu entlassen, dann weiß ich, da kommt noch mehr auf uns zu.“

Björn (links) und Dietmar Gaisenkersting

Ihn störe vor allem die Gier der Manager und Superreichen. „Ford macht Gewinne, schreibt schwarze Zahlen. Doch das ist den Managern zu wenig. Diese Gier nimmt überhand. Wir sollen das zahlen – für die Superreichen. Das ist inakzeptabel.“

Auf die Europawahl angesprochen sagte er, dass er noch nie gewählt habe. „Mir sagt keine Partei voll und ganz zu. Man hat nur die Wahl zwischen mehreren Übeln.“ Er will aber noch vor Sonntag den Wahlaufruf und andere Erklärungen der SGP lesen. „Ich weiß gar nicht genau warum, aber ich interessiere mich im Moment für Politik. Denn Nichtstun ist keine Lösung.“

Wie Björn ergeht es vielen. Sie erleben, wie sie mit ihren Arbeitsplätzen und Löhnen dafür zahlen, damit die Unternehmensrendite und der Aktienkurs erhöht werden, um letztlich die Aktionäre zu bereichern. Das ist die tagtägliche Realität des Kapitalismus.

Die Antwort darauf kann daher nur der Aufbau einer internationalen sozialistischen Bewegung sein. Am Donnerstag schrieben wir auf der WSWS: „Wenn das Recht der Arbeiter und ihrer Familien auf sichere Arbeitsplätze und Einkommen Vorrang vor den Milliarden-Gewinnen der Bankern und Unternehmenschefs haben soll, dann müssen die Arbeiter die Kapitalisten enteignen und die Autoindustrie in einen öffentlichen Versorgungsbetrieb umwandeln, der der gesamten Arbeiterklasse gehört und von ihr demokratisch kontrolliert wird.“

Dafür tritt die Sozialistische Gleichheitspartei gemeinsam mit ihren Schwesterparteien im Internationalen Komitee der Vierten Internationale ein. In der Europawahl haben wir die zunehmende Wut in den Betrieben über Arbeitsplatzabbau und sinkende Reallöhne mit der steigenden Opposition gegen soziale Ungleichheit, Krieg und Faschismus zusammengebracht.

Ich appelliere an alle Arbeiter, die nicht bereit sind, endlosen Arbeitsplatzabbau, wachsende Armut, den Aufstieg der Rechten und die wachsende Kriegsgefahr hinzunehmen, morgen die SGP zu wählen. Macht die Stimmabgabe für die SGP zum ersten Schritt euch aktiv für eine andere – bessere – Welt einzusetzen. Eine Welt, in der die Bedürfnisse der Arbeiter und ihrer Familien Vorrang haben vor den Profitinteressen der Superreichen und Konzerne. Registriert euch hier als aktive Unterstützer und werdet Mitglied der SGP!