Ford streicht 7000 Stellen

Von Jerry White
22. Mai 2019

Beim Ford-Konzern wiederholt sich gerade, was erst vor wenigen Monaten bei General Motors geschah: Hunderte von Ingenieuren, Abteilungsleitern, Technikern und anderen Angestellten verlieren diese Woche ihren Arbeitsplatz. Bis zum August will Ford weltweit zehn Prozent oder 7.000 Stellen im Verwaltungsbereich streichen.

Der Stellenabbau ist Teil einer Umstrukturierung der globalen Automobilindustrie. In den letzten sechs Monaten haben auch die Konzerne GM (14.000), Volkswagen (7.000), Jaguar Land Rover (4.500) und Tesla (3.000) Stellenstreichungen angekündigt. Dahinter stehen die Wall Street und andere globale Investoren. Weil die Umsätze in den großen Märkten Nordamerikas, Chinas und Europas sinken, drängen sie die Automobilhersteller dazu, Kosten zu senken und die Gewinnmargen zu erhöhen. Weltweit ist die Lage an den Automärkten angespannt, und es mehren sich die Anzeichen für eine neue globale Rezession.

Der Arbeitsplatzabbau entlarvt einmal mehr die Lüge von der „boomenden Wirtschaft“, die die Trump-Regierung verbreitet und die Demokraten untermauern. Während der Aktienmarkt, die Unternehmensgewinne und die Vorstandsgehälter weiter steigen, leben Millionen von Arbeitern in einem Zustand permanenter wirtschaftlicher Unsicherheit.

Zentrale der Ford Motor Company in Dearborn, Michigan

Am Montagnachmittag sagten Mitarbeiter der Welt-Zentrale der Ford Motor Company in Dearborn (Michigan) der World Socialist Web Site, dass schon diese Woche Betriebsversammlungen stattfinden würden, bei denen die Personalchefs ihnen mitteilten, ob sie noch länger Arbeit hätten oder nicht.

Wie ein Damoklesschwert hängt die Drohung geplanter Kürzungen seit sieben Monaten über den Köpfen der Beschäftigten. Im letzten Herbst hatte Jim Hackett, der CEO von Ford, die globale Kostensenkungskampagne des Unternehmens in Höhe von 11 Milliarden Dollar losgetreten. Sie trägt den euphemistischen Namen „Smart Redesign“ – intelligente Neugestaltung.

Wie es in der Detroit Free Press heißt: „Ford-Mitarbeiter packten am Freitag Kartons mit ihrem Hab und Gut und machten sich zum Wochenende auf den Nachhauseweg, ohne zu wissen, was am Montag auf sie zukommen würde. Die Nachricht breitete sich aus, dass jetzt das von den Mitarbeiter befürchtete ‚Armageddon in Dearborn‘ bevorstehe.“

„Viele Leute werden Ford verlassen“, sagte ein Abteilungsleiter der Zeitung. „Es können durchaus Hunderte, wenn nicht gar Tausende sein. Ich selbst weiß nicht, ob ich nach Dienstag noch einen Arbeitsplatz habe.“ Ein anderer sagte: „Die Kürzungen sind offenbar weitgehend Kostensenkungsmaßnahmen im Hinblick auf die künftigen Betriebsrenten.“

In einer internen E-Mail, die der WSWS vorliegt, schreibt Vorstandschef Hackett, dass am Dienstag „die Benachrichtigung der Mitarbeiter in Nordamerika beginnt, die von der vierten Smart Redesign-Welle betroffen sind“. Bis zum 24. Mai werde der größte Teil davon „abgeschlossen“ sein. Hackett fügte hinzu: „Die Restrukturierungsarbeit in Europa, China und Südamerika wird fortgesetzt“, und: „Wir gehen davon aus, dass der Prozess in diesen Märkten bis Ende August abgeschlossen sein wird.“

Im April kündigte die Ford-Zentrale bereits den Abbau von 5.000 Arbeitsplätzen in Deutschland an. Außerdem wird die Produktion im französischen Getriebewerk Blanquefort bei Bordeaux eingestellt, drei Werke in Russland werden geschlossen und das älteste Werk in Brasilien wird im Zuge des Ausstiegs aus dem Nutzfahrzeuggeschäft in Südamerika stillgelegt. Auch in seinem Joint Venture in Chongqing, China, hat Ford 2.000 Mitarbeiter entlassen, nachdem der Umsatz in China um 40 Prozent einbrach.

Laut Ford-Sprechern werden in den USA noch in dieser Woche 500 Angestellte entlassen, bis Juni insgesamt 800 Angestellte. Zusammen mit weiteren 1.500 US-Mitarbeitern, von denen das Unternehmen behauptet, sie hätten eine Abfindungslösung freiwillig akzeptiert, sind es im ganzen 2.300 Ford-Angestellte, die zurzeit in den USA von ihrem Arbeitsplatz vertrieben werden.

Weltweit ist der Stellenabbau vermutlich weit umfassender, als es die Zahl von 7000 Stellen in Hacketts Brief vermuten lässt. Nach früheren Angaben und Schätzungen der Branche könnten die Entlassungen, Aufhebungsverträge und Streichungen infolge von Pensionierung weltweit bei Ford-Betrieben und Zulieferern 25.000 Stellen umfassen.

In einer Geste der Konzern-herrlichen Wohltätigkeit ließ Hackett die „Team-Mitglieder“ wissen, dass Ford sich von früheren Praktiken verabschiedet habe: Damals wurden die Entlassenen gezwungen, das Firmengelände „auf der Stelle“ zu verlassen. Heute stelle der Konzern es ihnen frei, „einige Tage länger zu bleiben, um sich zu verabschieden“. Hackett hat im vergangenen Jahr 17,7 Millionen Dollar kassiert, das ist das 276-Fache des Durchschnittslohns eines Ford-Arbeiters.

Investoren an der Wall Street, die den Aktienkurs von Ford seit längerem abstraften, haben ihn seit Beginn des Aderlasses wieder um 34 Prozent angehoben. Ford beabsichtigt, seine Gewinnmarge zu verdoppeln, um Aktienrückkäufe und Dividendenausschüttungen anzukurbeln. Die letzteren sind im vergangenen Jahr auf 2,3 Milliarden US-Dollar angestiegen.

Wie der Ford-Konzern schon im März bekanntgab, wird er den früheren Finanz-Vizepräsidenten von Amazon, Tim Stone, zu seinem neuen Chief Financial Officer machen. Tim Stone hat bei Amazon die Übernahme der fast 14 Milliarden Dollar schweren Supermarktkette Whole Foods geleitet. Stone, der am 15. Juni bei Ford die Position des Finanzvorstands übernimmt, bringt seine Expertise aus einem Unternehmen ein, das die Ausbeutung seiner Mitarbeiter perfektioniert und jede ihrer Bewegungen bis hin zum Toilettengang elektronisch überwacht, und zwar in einer Art und Weise, dass Henry Fords legendäre Experten für Zeiterfassung vor Neid erblassen würden.

Als vergangenen Monat die Gewinne des ersten Quartals bekanntgegeben wurden, sagte Hackett den Investoren, die Ergebnisse seien ein Beweis dafür, dass sein Projekt, rund um den Globus Kosten zu senken und die Rentabilität zu verbessern, funktioniere. „Wir haben einen soliden Plan, um kurz- und langfristig Werte zu schaffen“, sagte Hackett. „Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass unsere Fitnessmaßnahmen Nutzen bringen. Und das ist erst der Anfang.“

Trotz einmaliger Sonderkosten für das Downsizing erzielte Ford im ersten Quartal einen Gewinn von 1,1 Milliarden US-Dollar (1,0 Mrd. Euro). In Nordamerika erwirtschaftete Ford ein Plus von 14 Prozent gegenüber 2018, wobei die Gewinnmarge von 7,8 auf 8,7 Prozent stieg. Hackett hatte 2019 als das „Jahr der Aktion“ bezeichnet. Wie das Management von GM plant auch das Ford-Management, die Drohung mit Massenentlassungen in diesem Sommer für die Tarifverhandlungen zu nutzen, um von den Gewerkschaften umfassende Zugeständnisse zu erhalten. Sie werden besonders auf Kosten der fast 60.000 Arbeiter gehen, die bei Ford im Stundenlohn arbeiten, und deren Zusatzleistungen, besonders die Krankenversicherung, bedroht sind.

Die Autohersteller bauen auf die jahrzehntelange gute Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft United Auto Workers. In Absprache mit der UAW wollen sie Hunderttausende von Arbeitsplätzen streichen, bei Neueinstellungen die Löhne halbieren und die Zahl der Teilzeitbeschäftigten stark erhöhen. Gegen den Stellenabbauplan bei Ford wird die UAW ohne Zweifel keine Einwände haben, weil sie ihn unterstützt.

Doch unter Arbeitern und Angestellten breitet sich in wachsendem Maß die Einsicht aus, dass sie sich zusammenschließen müssen, um den Entlassungen und Angriffen auf Löhne und Errungenschaften entgegenzutreten, und dass die Arbeiter einen solchen Kampf selbst organisieren müssen, ohne auf die UAW zu bauen.

Diese Einsicht, die immer breitere Teile der Arbeiter erfasst, und die ganz allgemein eine wachsende Stimmung gegen Kapitalismus ausdrückt, spricht aus einem Kommentar eines Ford-Beschäftigten, den die Website thelayoff.com vor kurzem veröffentlicht hat. Darin heißt es:

„Ford ist kein Automobil- oder Mobilitätsunternehmen mehr. Es ist ein Profit-Unternehmen. Der einzige Fokus liegt auf einem guten Quartalsergebnis und auf den Renditen für die Aktionäre. Und dieses Problem beschränkt sich keineswegs nur auf Ford. Wir befinden uns an einem Punkt in unserer Wirtschaft, an dem der einzige Fokus auf Gewinnmargen und Renditen gerichtet wird. Von der Loyalität, die große Unternehmen ihren Mitarbeitern gegenüber in der Vergangenheit zeigten, ist keine Spur mehr vorhanden.“

Weiter schreibt der Arbeiter, er trete „absolut NICHT für so etwas wie die UAW ein, die sich zu einer eigenen Hierarchie entwickelt hat und sich immer wieder mit den Autofirmen, selbst auf Kosten der Lohnarbeiter, verschworen hat. Die UAW ist korrupt und ein schlechtes Beispiel dafür, was kollektive Vertretung sein sollte.

Voneinander getrennt und vereinzelt haben wir keinen Einfluss auf das Unternehmen. Aber wenn wir gemeinsam beschließen, dass die Entlassungen aufhören müssen, oder wenn wir alle die Arbeit niederlegen, dann haben wir Macht über den Konzern. Wir haben in der Vergangenheit oft genug gesehen, wie sich das Muster wiederholt, und auch nach dieser Runde des Kahlschlags werden wir wahrscheinlich in ein paar Jahren wieder vor einer neuen Runde stehen. Diesen Teufelskreis können wir nur stoppen, wenn wir zusammenhalten.“

Mit Blick auf die breiteren Themen schlussfolgert er: „Die Ungleichheit steigt in diesem Land seit Jahrzehnten sprunghaft an, und ich bitte bloß alle, zu erkennen, dass die Gefahr, vor der wir als Arbeiterklasse stehen, nur weiter wachsen wird. In Wahrheit sind wir es, die Arbeiter, die dieses Unternehmen tagtäglich führen. Wir müssen einen Weg finden, uns zusammenzuschließen und sicherzustellen, dass wir auch künftig noch Arbeit haben.“

Tatsächlich macht es der unerbittliche Angriff auf Arbeitsplätze nötig, neue Kampforganisationen aufzubauen, einschließlich Fabrik- und Betriebskomitees, die demokratisch kontrolliert werden und sich nicht dem Diktat der Wall Street beugen. Dabei benötigt der Kampf zur Vereinigung der Autoarbeiter mit Lehrern, Krankenpflegern, Amazon- und anderen Arbeitern, die ebenfalls kämpfen, eine neue Perspektive und Strategie.

Der Kampf für das soziale Recht jedes Arbeiters auf einen gut bezahlten und sicheren Arbeitsplatz erfordert den unversöhnlichen Widerstand gegen den Nationalismus, den Trump, die Demokraten und die Gewerkschaften propagieren. Die Arbeiterklasse der Vereinigten Staaten muss sich mit derjenigen der ganzen Welt auf der Grundlage eines sozialistischen Programms zusammenschließen. Dazu gehört es, alle großen Autokonzerne in öffentliche Unternehmen umzuwandeln, die auf der Grundlage des Bedarfs der Menschen – und nicht des privaten Profits – betrieben werden.