Streik des Chicago Symphony Orchestra:

Sozialismus und die Verteidigung der Kultur

23. April 2019

Die Musiker des Chicago Symphony Orchestra (CSO), die nun bereits in der siebten Woche in Folge streiken, benötigen die aktive Unterstützung der gesamten Arbeiterklasse, in den Vereinigten Staaten und international. Es geht nicht nur um ihre Gehälter, ihre Gesundheitsversorgung und Renten, sondern auch um das Schicksal der Kultur, einschließlich des CSO als Orchester von Weltrang.

Der Streik beinhaltet grundlegende Klassenfragen. Wie CSO-Klarinettist John Bruce Yeh zu Recht erklärte: „Es scheint ein Klassenkrieg zu sein, und wir werden das nicht akzeptieren.“ Die Musiker stehen dem Vorstand des Orchesters, der Chicago Symphony Orchestra Association (CSOA), gegenüber, an deren Spitze Führungskräfte von Energiekonzernen, Investmentbanker und Immobilieninvestoren stehen.

Die 128-jährige Geschichte des CSO ist Zeugnis eines Kulturschatzes, der erhalten werden muss. Die Orchesterspieler bilden eine internationale, multiethnische Gruppe von hochqualifizierten Fachleuten. Musiker auf diesem Niveau verbringen Jahre damit, sich auf ein Vorsingen für einen Platz in einem Orchester wie dem CSO vorzubereiten. Diejenigen, die einen solchen Platz gewinnen, widmen in den meisten Fällen den Rest ihres künstlerischen Lebens dem Orchester und seiner Musik.

Die Direktoren und Dirigenten des CSO gehörten im 20. Jahrhundert zu den renommiertesten Namen im Musikgeschäft, darunter Georg Solti, Daniel Barenboim, Claudio Abbado und Pierre Boulez. Der derzeitige CSO-Musikdirektor Riccardo Muti hat eine bewundernswerte Position eingenommen und erklärt: „Ich bin hier mit meinen Musikern“, was ihm Kritik von den reaktionären Hohlköpfen in den großen Medien wie der Chicago Tribune einbrachte.

Das Orchester, das durch die Bemühungen von Fritz Reiner in den 1950er Jahren international bekannt wurde, erweckt in seinen mehr als hundert jährlichen Veranstaltungen die Kulturschätze von Bach, Beethoven, Brahms, Rimsky-Korsakov, Debussy und Dutzenden anderer Komponisten zum Leben.

Die Behauptung, es gebe unzureichende Ressourcen, um die Bezahlung und die Leistungen aufrechtzuerhalten, die für den Aufbau und die Pflege eines Weltklasse-Orchesters erforderlich sind, müssen mit Verachtung zurückgewiesen werden. Das CSO feierte kürzlich ein Rekordjahr hinsichtlich seiner Ticketverkäufe. Das CSO-Management verfügt über mehr als 300 Millionen Dollar an Stiftungsfonds und 60 Millionen Dollar an Investmentfonds.

In Chicago konzentriert sich heute mehr Reichtum als je zuvor in der Geschichte dieser Stadt, vor allem in den Taschen derer, die von der Deindustrialisierung und Privatisierung von Schulen und anderen öffentlichen Gütern profitiert haben.

Die Metropolregion Chicago ist laut Forbes die Heimat von 17 Milliardären. Dazu gehören der Chef von Citadel Investments, Ken Griffin (Nettowert 10 Milliarden Dollar); der notleidende Investor Sam Zell (5,5 Milliarden Dollar), Ehemann der CSOA-Vorstandsvorsitzenden Helen Zell; der politisch gut vernetzte Pritzker-Clan, bestehend aus den Erben des Hyatt-Hotel-Vermögens – Thomas (4,2 Milliarden Dollar), Gigi (3,2 Milliarden Dollar), Penny (2,7 Milliarden Dollar) und J.B., der jetzt auch Gouverneur von Illinois ist (3,4 Milliarden Dollar); Joseph Grendys von Koch Foods (2,8 Milliarden Dollar) und Neil Bluhm, Immobilien- und Glücksspielmagnat und großzügiger Spender der Demokratischen Partei (4 Milliarden Dollar).

Das Vermögen des Gouverneurs von Illinois könnte das gesamte Betriebsbudget des CSO (etwa 73,7 Millionen Dollar) für 45 Jahre abdecken. Seine Schwester Penny, die den Wahlkampf von Barack Obama großzügig finanzierte, könnte weitere 36 Jahre abdecken. Und dies unter der Annahme, dass das CSO keine weiteren Einnahmen erhalten würde, auch nicht aus dem Ticketverkauf. Das ist der Zustand der sozialen Ungleichheit in Chicago, und ebenso in anderen Städten der USA und auf der ganzen Welt.

Da lokale, Staats- und Bundesregierungen die Steuern für die Reichen senken und die Ausgaben kürzen, sind Orchester und andere kulturelle Institutionen zunehmend dem aristokratischen Prinzip verpflichtet. Die Existenz von Orchestern, Museen und anderen kulturellen Institutionen hängt zunehmend vom Wohlwollen der sagenhaft Reichen ab.

Laut der Studie „Wie die Künste in den USA finanziert werden“, die 2012 vom National Endowment for the Arts veröffentlicht wurde, erhielten amerikanische gemeinnützige Organisationen für darstellende Künste nur 1,2 Prozent ihrer Mittel von der Bundesregierung und weitere 5,5 Prozent von lokalen und bundesstaatlichen Regierungen. Mehr als ein Fünftel (20,3 Prozent) der gesamten gemeinnützigen Kunstförderung kam von Einzelpersonen.

Unterfinanzierte Orchester in Philadelphia, Honolulu und Syracuse (New York) haben in den letzten Jahren Insolvenz angemeldet. Das Orchester in Philadelphia meldete Konkurs an in dem Bestreben, seinen Pensionsverpflichtungen gegenüber seinen Musikern zu entgehen. Die Musiker des Detroit Symphony Orchestra führten 2010/11 einen erbitterten Kampf, aber weil der Streik isoliert blieb, mussten sie schließlich Zugeständnisse machen, die dem Orchester erheblich schadeten.

Die Musiker finden in der Arbeiterklasse von Chicago breite Unterstützung. In jedem der verschiedenen Stadtteile, in denen die CSO-Musiker aufgetreten sind, haben sie ihre kostenlosen Konzerte – auch in Arbeitervierteln im Süden und Westen der Stadt – vor ausverkauftem Publikum gespielt. Die Musiker haben richtig erkannt, dass der Erfolg ihres Kampfes von einem Appell an die breite Bevölkerung abhängt.

Die Gewerkschaften haben, wie vorhersehbar war, nichts getan, um Unterstützung für die streikenden Musiker zu mobilisieren. Die Chicago Federation of Labor hat keinerlei Hinweis auf den Streik auf der Startseite ihrer Website und hat keine Erklärung zur Unterstützung der Musiker abgegeben. Die AFL-CIO hat vor mehr als einem Monat eine oberflächliche Erklärung abgegeben und es seither dabei belassen.

Politiker der Demokratischen Partei haben ebenfalls nichts gesagt. Bernie Sanders hat inmitten seines zweiten Präsidentschaftswahlkampfes zum CSO-Streik geschwiegen. Barack Obama, dessen politische Heimat Chicago ist, hat keine Erklärung abgegeben. Chicago wird von den Demokraten regiert, die nicht weniger als die Republikaner und die Trump-Regierung die verschärften Angriffe auf die Arbeiterklasse und die Umverteilung des Reichtums an die Reichen unterstützen.

Die Arbeiterklasse ist die soziale Basis für die Verteidigung und Entfaltung der Kultur. Die Verteidigung der CSO-Musiker muss mit der Forderung verbunden sein, dass alle Arbeiter das Recht auf Kultur haben müssen. Dazu gehört auch die Beendigung des Angriffs auf die öffentliche Bildung, der die Eliminierung wichtiger Programme in Kunst und Musik beinhaltet.

Das grundlegende Problem ist die Unvereinbarkeit des Kapitalismus – einer Gesellschaft, die auf Profit und der Anhäufung von Reichtum durch die Wenigen mittels der Ausbeutung der riesigen Mehrheit basiert – mit der Erhaltung und Erweiterung der Kultur. Die gegenwärtige kulturelle Lage bestätigt Leo Trotzkis Beobachtung von 1938: „Die Kunst, die den komplexesten, empfindlichsten und verwundbarsten Teil der Kultur darstellt, leidet ganz besonders unter dem Niedergang und Zerfall der bürgerlichen Gesellschaft.“

Die Verteidigung und Ausdehnung des Zugangs zur Kultur erfordert den Kampf für den Sozialismus. Das Vermögen der Unternehmens- und Finanzoligarchie muss enteignet werden, um den sozialen Bedürfnissen gerecht zu werden. Es müssen Milliarden bereitgestellt werden, um alle kulturellen Einrichtungen, einschließlich Orchestern und Museen, vollständig zu finanzieren, die für alle zugänglich gemacht werden müssen. Alle Arbeiter müssen über ein lebenswertes Einkommen, Freizeit und alle wirtschaftlichen und sozialen Voraussetzungen verfügen, um die großen kulturellen Schätze der Menschheit nutzen und erleben zu können.

Die World Socialist Web Site ruft alle Arbeiter in den Vereinigten Staaten und international dazu auf, die streikenden CSO-Musiker zu unterstützen und den Kampf der Musiker mit den Kämpfen aller Arbeiter gegen Ungleichheit und das kapitalistische System zu verbinden.

Kristina Betinis