100 Jahre seit der Gründung der Kommunistischen Internationale

Von Peter Schwarz
18. März 2019

Vor 100 Jahren, vom 2. bis 6. März 1919, tagte in Moskau der Gründungskongress der Dritten, Kommunistischen Internationale. Obwohl die Anreise aufgrund des tobenden Bürgerkriegs und der imperialistischen Blockade schwierig war, nahmen 51 Delegierte an dem Kongress teil – 35 stimmberechtigte, die Organisationen aus 17 Ländern vertraten, und 16 mit beratender Stimme aus weiteren 16 Ländern. Innerhalb der folgenden Jahre sollten sich Millionen revolutionär gesinnte Arbeiter auf der ganzen Welt den Kommunistischen Parteien der Dritten Internationale anschließen.

Der Zusammenbruch der Zweiten Internationale

Die Gründung der Dritten Internationale war die Antwort auf den Zusammenbruch der Zweiten zu Beginn des Ersten Weltkriegs. Am 4. August 1914 hatte deren mächtigste und einflussreichste Sektion, die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, im Reichstag für die Kriegskredite gestimmt und sich damit hinter die Kriegspolitik des deutschen Imperialismus gestellt. Mit Ausnahme der russischen und der serbischen folgten alle anderen Sektionen dem Beispiel der SPD und unterstützten das imperialistische Gemetzel.

Mit der Zustimmung zu den Kriegskrediten verrieten die sozialdemokratischen Führer die elementarsten Grundsätze des internationalen Sozialismus. Wenige Wochen zuvor hatten sie den Krieg noch verurteilt und feierlich versprochen, die Arbeiterklasse dagegen zu mobilisieren. Nun wechselten sie ins Lager des Imperialismus, schlossen einen Burgfrieden mit der herrschenden Klasse des eigenen Landes, unterdrückten den Klassenkampf und trieben ihre Mitglieder in die Schützengräben, wo sie sich gegenseitig abschlachteten.

Ein politischer Verrat von diesem historischen Ausmaß konnte nicht mit subjektiven Motiven erklärt werden. Er hatte tiefgehende objektive Ursachen. Die verschiedenen Internationalen waren keine Zufallserscheinungen, ihre Entstehung, ihre Politik und ihre Arbeitsweise waren eng mit bestimmten Epochen der gesellschaftlichen Entwicklung verbunden.

Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation 1864 in London (Marx links neben dem Redner)

Die Erste Internationale, die 1864 unter aktiver Mitwirkung von Marx und Engels entstand, hatte vorbereitenden Charakter. Sie nahm die künftige Entwicklung vorweg und bereitete sie politisch und theoretisch vor. Nach der Niederschlagung der Pariser Kommune, des ersten heroischen Versuchs der Arbeiterklasse, die Macht zu erobern, wurde sie im Laufe der 1870er Jahre wieder aufgelöst.

Die Zweite Internationale wurde 1889 gegründet und entsprach einer anderen Epoche. Unter den Bedingungen einer raschen wirtschaftlichen Expansion entwickelten und konsolidierten sich mächtige Arbeiterorganisationen. Sie bekannten sich zwar zum Internationalismus, doch die objektiven Bedingungen verliehen ihren Anschauungen und praktischen Aktivitäten einen vorwiegend nationalen Charakter. Ihre Praxis konzentrierte sich auf den Kampf um demokratische und soziale Reformen und auf die organisatorische Stärkung von Partei und Gewerkschaften.

Es war eine Epoche der langsamen, organischen Entwicklung, die den sozialdemokratischen Parteien keine Gelegenheit für einen revolutionären Ansturm auf die Staatsmacht bot. Karl Kautskys berühmter Satz, „Die Sozialdemokratie ist eine revolutionäre, nicht aber eine Revolutionen machende Partei“, den er 1893 in der Neuen Zeit formulierte, gab das Verhältnis zwischen subjektivem und objektivem Faktor für die damalige Zeit durchaus korrekt wieder.[1]

Das Spannungsverhältnis zwischen revolutionärer Perspektive und reformistischer Praxis schuf einen fruchtbaren Boden für opportunistische Strömungen, die die revolutionäre Perspektive ablehnten. Sie fanden Unterstützung unter privilegierten Parteifunktionären, Gewerkschaftsbürokraten und bessergestellten Arbeitern, denen, wie Lenin erklärte, die Bourgeoisie in einer langen Periode verhältnismäßig friedlicher Expansion „Brocken von den Profiten des eigenen nationalen Kapitals zukommen ließ“ und die er „von dem Elend, den Leiden und den revolutionären Stimmungen der verelendeten und bettelarmen Masse losriss“.[2]

Diese „Arbeiteraristokratie“ identifizierte ihre Interessen in Friedens- wie in Kriegszeiten zunehmend mit den wirtschaftlichen und politischen Erfolgen des „eigenen“ Imperialismus. Auf den Kongressen der SPD blieben sie und ihr bekanntester Wortführer Eduard Bernstein zwar stets in der Minderheit. Doch sie wurde als legitimer Bestandteil der SPD geduldet und gewann im Parteiapparat und in den Gewerkschaften zunehmend an Gewicht.

Kongress der Zweiten Internationale 1907 in Stuttgart. Rosa Luxemburg spricht zu einer Kundgebung

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Sommer 1914 kennzeichnete den Beginn eines neuen internationalen Entwicklungsstadiums des Kapitalismus, der Epoche des Imperialismus, einer Epoche von Kriegen und Revolutionen. Die Weltpolitik dominierte die nationale Politik; es wurde unmöglich, im Rahmen des Nationalstaats eine revolutionäre Orientierung beizubehalten. Das war der Grund für den Zusammenbruch der Zweiten Internationale. Der Opportunismus, der vor dem Krieg für Reformismus und Klassenzusammenarbeit eingetreten war, zeigte nun sein wahres Gesicht, schlug in Chauvinismus und offene Kriegsbegeisterung um und riss alle unentschiedenen und halbherzigen Elemente mit sich.

„Der objektive Sinn des Krieges besteht in der Zertrümmerung der gegenwärtigen nationalwirtschaftlichen Zentren im Namen der Weltwirtschaft,“ fasste Leo Trotzki wenige Wochen nach Ausbruch des Kriegs dessen Bedeutung zusammen. „Die sozialistischen Parteien der nun abgeschlossenen Epoche waren nationale Parteien. Mit allen Verzweigungen ihrer Organisationen, ihrer Tätigkeit und Psychologie waren sie mit den nationalen Staaten verwachsen, und entgegen den feierlichen Beteuerungen ihrer Kongresse erhoben sie sich zur Verteidigung der konservativen staatlichen Gebilde, als der auf nationalem Boden großgewordene Imperialismus mit dem Schwert die überlebten nationalen Schlagbäume durchschlug. In ihren historischen Zusammenbruch ziehen die nationalen Staaten die nationalen sozialistischen Parteien mit hinein.“ [3]

Aufgaben der Dritten Internationale

Für Lenin und für Trotzki stand daher fest, dass es unmöglich war, die Zweite Internationale nach ihrem Zusammenbruch wieder zu beleben. Die dringendste politische Aufgabe bestand darin, die Dritte Internationale aufzubauen, deren Aufgaben und Methoden sich grundlegend von jenen ihrer Vorgängerin unterschieden.

Gründungskongress der Kommunistischen Internationale 1919 (in der Mitte Lenin, dahinter Trotzki)

Als Erstes war es unmöglich, weiterhin mit den Opportunisten in einer gemeinsamen Organisation zu arbeiten. Die Marxisten innerhalb der Zweiten Internationale hatten jahrelang gegen den Opportunismus gekämpft, trotzdem hatte dieser zwar als Abweichung, „aber doch als ein legitimer Bestandteil der sozialdemokratischen Partei“ gegolten. Das konnte nicht so bleiben, wie Lenin betonte: „Einheit mit den Opportunisten bedeutet jetzt in der Praxis Unterwerfung der Arbeiterklasse unter die ‚eigene‘ nationale Bourgeoisie, Bündnis mit dieser Bourgeoisie zur Unterdrückung fremder Nationen und zum Kampf für die Großmachtprivilegien, also Spaltung des revolutionären Proletariats aller Länder.“ [4]

Zweitens hatte sich das Verhältnis zwischen objektivem und subjektivem Faktor stark verändert. Die Zweite Internationale hatte die Frage der Machteroberung nur theoretisch gestellt, für die Dritte war die sozialistische Revolution dagegen kein allgemeines Fernziel, sondern eine praktische Aufgabe. Kautskys Diktum, die Sozialdemokratie sei keine „Revolutionen machende Partei“, und es falle ihr „daher auch gar nicht ein, eine Revolution anstiften oder vorbereiten zu wollen“, [5] die in den 1890er Jahren noch ihre Berechtigung gehabt hatte, stand nun der Revolution im Wege und war grundfalsch.

Die Dritte Internationale vertrat eine andere Auffassung von revolutionärer Führung. Deren Aufgabe beschränkte sich nicht darauf, die Unvermeidlichkeit der Revolution vorauszusagen, sondern sie musste sie vorbereiten und führen. Das ergab sich aus dem Charakter der imperialistischen Epoche, in der alle ökonomischen Voraussetzungen für die sozialistische Revolution herangereift waren. Der Konflikt zwischen Privateigentum und gesellschaftlicher Produktion, zwischen Weltwirtschaft und Nationalstaat erzeugte heftige gesellschaftliche Spannungen. Doch deren unvermeidliche Explosion konnte nur dann zur sozialistischen Revolution führen, wenn eine revolutionäre, marxistische Partei bewusst intervenierte.

„Wenn die Erste Internationale die künftige Entwicklung vorausgesehen und ihre Wege vorgezeichnet, wenn die Zweite Internationale Millionen Proletarier gesammelt und organisiert hat, so ist die Dritte Internationale die Internationale der offenen Massenaktion, der revolutionären Verwirklichung, die Internationale der Tat“, heißt es dazu im Manifest des Gründungskongresses der Dritten Internationale, das Leo Trotzki verfasste.[6]

Und drittens war die Dritte Internationale keine Föderation nationaler Sektionen, sondern eine Weltpartei, die eine internationale Strategie verfolgte. Das bedeutete nicht, dass die Lage in jedem Land die Gleiche war, dass die Revolution überall zur selben Zeit stattfinden würde oder dass keine spezifischen Taktiken für bestimmte Länder erforderlich waren. Es bedeutete, dass eine korrekte nationale Politik nur im Rahmen einer globalen Analyse entwickelt werden konnte, dass jede Sektion ihr Programm „unmittelbar aus der Analyse der Bedingungen und Tendenzen der Weltwirtschaft und des politischen Weltsystems als eines Ganzen“ ableiten musste, wie Trotzki betonte, der 1928 schrieb: „In der gegenwärtigen Epoche muss und kann die nationale Orientierung des Proletariats in noch viel größerem Maße als in der Vergangenheit nur aus der internationalen Orientierung hervorgehen und nicht umgekehrt. Das bildet den grundlegenden und ursächlichen Unterschied zwischen der Kommunistischen Internationale und allen Abarten des nationalen Sozialismus.“[7]

Das erklärt den ungeheuren politischen und theoretischen Reichtum der Arbeit der Dritten Internationale in den ersten Jahren ihrer Existenz. Sie war eine Schule der internationalen Strategie, die sich intensiv mit den Problemen und Aufgaben der Kommunistischen Parteien auf der ganzen Welt befasste. Durch sie konnte die Arbeiterklasse die Theorie und Praxis der internationalen Arbeiterbewegung als Ganzer verfolgen, sich mit ihren komplexen politischen Problemen auseinandersetzen und daraus lernen. Die Resolutionen und Protokolle der ersten vier Kongresse, die zusammen mehrere Bände füllen, sind eine unerschöpfliches Lehrbuch der revolutionären Strategie und Taktik.

Die Oktoberrevolution 1917

Der Aufbau der Dritten Internationale die wichtigste Schlussfolgerung, die Lenin aus dem Verrat von 1914 zog. Das war keine abstrakte, akademische Frage. Sie bestimmte die Perspektive und das Programm der Bolschewistischen Partei im Revolutionsjahr 1917. Zusammen mit Trotzkis Theorie der permanenten Revolution bildete sie die Grundlage für den Sieg der Oktoberrevolution.

Lenin war seit Beginn des Krieges für einen vollständigen Bruch mit den Opportunisten und für die Umwandlung imperialistischen Kriegs in einen Bürgerkrieg (d.h. in die sozialistische Revolution) eingetreten. Mit dieser Position blieb er aber selbst auf der internationalen Antikriegskonferenz, die im September 1915 im schweizerischen Zimmerwald tagte, in der Minderheit. Die Mehrheit der sozialistischen Kriegsgegner forderte einen Frieden ohne Annexionen, d.h. eine Rückkehr zum Status Quo vor dem Krieg. Doch nur zwei Jahre später sollte sich Lenins Perspektive dramatisch bestätigen.

Die Menschewiki und Sozialrevolutionäre, die im Februar 1917 in Russland durch einen revolutionären Massenaufstand gegen das Zarenregime an die Macht gelangten, lehnten es ab, auch nur eine revolutionäre Forderung der Massen zu erfüllen, und bewiesen damit, dass es keinen Ausweg aus dem Krieg auf kapitalistischer Grundlage gab. Sie setzten den imperialistischen Krieg fort, verweigerten eine Landreform und gingen gewaltsam gegen rebellierende Arbeiter vor. Die Arbeiterklasse rückte weiter nach links und wandte sich den Bolschewiki zu. Diese ergriffen im Oktober unter der Führung von Lenin und Trotzki die Macht und errichteten den ersten Arbeiterstaat der Geschichte.

Lenin und Trotzki waren sie sich im klaren, dass die Arbeitermacht im ökonomisch rückständigen Russland langfristig nur Bestand haben konnte, wenn sie zum Auftakt der sozialistischen Weltrevolution wurde. Diese Perspektive war realistisch. Die folgenden Jahre waren von Massenkämpfen der Arbeiterklasse in Europa und von antikolonialen Kämpfen in China, Indien und zahlreichen anderen Ländern geprägt, die nur deshalb nicht zur siegreichen Revolution führten, weil die Führung zu unerfahren oder nicht ausreichend in den Massen verankert war.

Zweiter Kongress der Kommunistischen Internationale ( Dritter v.l. Trotzki neben Paul Levi und Sinowjew)

In Deutschland breitete sich die Revolution im November 1918 wie ein Lauffeuer über das gesamte Land aus, zwang den Kaiser zum Rücktritt und ließ überall Arbeiter- und Soldatenräte entstehen. Die SPD übernahm die Macht und würgte die Revolution ab, indem sie sich mit der obersten Heeresleitung verbündete und die revolutionären Führer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordete. In Bayern entstand für mehrere Tage, in Ungarn für mehrere Monate eine Räterepublik, die aber beide durch konterrevolutionäre Truppen niedergeschlagen wurden. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich die Kommunistische Internationale rasch zum Zentrum der Weltrevolution.

Stalinistische Entartung

Die zentrale Rolle, die der subjektive Faktor im Zeitalter des Imperialismus spielte, war gleichzeitig das Hauptproblem, das die Dritte Internationale lösen musste. Sie musste die Kluft zwischen der Reife der politischen Lage und der Unreife der revolutionären Führung überwinden. Dieses Problem, ein Erbe der vorangegangenen Entwicklung, hätte mit der Zeit überwunden werden können. Doch ein politischer Degenerationsprozess, der innerhalb der Russischen Kommunistischen Partei einsetzte, wirkte dem in wachsendem Maße entgegen.

Als im November 1922 der Vierte Kongress der Kommunistischen Internationale tagte, hatte Lenin bereits seinen ersten Schlaganfall erlitten. Kurz danach, im März 1923, hinderte ihn ein erneuter schwerer Schlaganfall an jeder weiteren politischen Aktivität. Trotzki, der führende Theoretiker der sozialistischen Weltrevolution, geriet unter den Druck einer nationalistisch orientierten Partei- und Staatsbürokratie unter der Führung von Stalin.

1924 verkündete Stalin die Theorie vom „Sozialismus in einem Land“, laut der es möglich war, den Sozialismus unabhängig von der Weltwirtschaft im nationalen Rahmen der Sowjetunion aufzubauen. Sie wurde zur Staatsdoktrin des stalinistischen Regimes. Theoretisch bedeutete sie die Rückkehr zum nationalen Sozialismus des rechten Flügels der Sozialdemokratie, politisch die Unterordnung der Kommunistischen Internationale unter die nationalen Interessen der Sowjetbürokratie.

Trotzki und die Linke Opposition führten jahrelang einen intensiven Kampf gegen diese nationalistische Degeneration. 1928 verfasste Trotzki, der ein Jahr zuvor aus der Kommunistischen Internationale ausgeschlossen worden war, eine vernichtende Kritik ihres Programmentwurfs. Er wies nach, dass die Theorie vom „Sozialismus in einem Land“ verheerende Folgen für die Wirtschaftspolitik der Sowjetunion hatte, die durch die Machtergreifung des Proletariats „in keiner Weise aus dem System der internationalen Arbeitsteilung ausgeschlossen“ worden war.[8] Und dass sie die Ursache katastrophaler Niederlagen der internationalen Arbeiterklasse war, die 1927 in der Zerschlagung der Kommunistischen Partei Chinas gipfelten.

Trotzki und alle, die die Perspektive der sozialistischen Weltrevolution verteidigten, wurden nach und nach aus den Kommunistischen Parteien ausgeschlossen, eingesperrt, in die Verbannung geschickt und schließlich im Großen Terror der Jahre 1937/38 zu Zehntausenden ermordet. Trotzki selbst fiel im August 1940 einem Mordanschlag der stalinistischen Geheimpolizei zum Opfer.

Die Vierte Internationale

Bis 1933 hatten Trotzki und die internationale Linke Opposition versucht, den Kurs der Kommunistischen Internationale zu korrigieren. Doch nachdem die Kommunistische Partei Deutschlands unter dem Einfluss Stalins eine Einheitsfront mit der SPD gegen die Nazis strikt abgelehnt und damit die kampflose Machtübernahme Hitlers ermöglicht hatte, und als keine einzige Sektion der Komintern dagegen protestierte, rief Trotzki zum Aufbau der Vierten Internationale auf, die im September 1938 gegründet wurde.

Die Vierte Internationale stützte sich auf die Errungenschaften der ersten vier Kongresse der Dritten Internationale. In einer Zeit, in der die Welt in Barbarei, Krieg und Faschismus versank, bewahrte sie die Kontinuität des Marxismus und bereitete eine neue Epoche revolutionärer Klassenkämpfe vor. Aber sie setzte nicht einfach nur die Arbeit iher Vorgängerin fort. Zum einen hatten sich die gesellschaftlichen Widersprüche seit deren Gründung weiter verschärft. Die Welt stand am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Trotzki sprach von der „Todeskrise des Kapitalismus“. Zum anderen war die Lösung der Krise der proletarischen Führung durch das Wachstum der stalinistischen Bürokratie komplexer geworden.

Leo Trotzki in Mexiko

Die Kommunistische Internationale hatte nach der deutschen Katastrophe einen offen konterrevolutionären Kurs eingeschlagen. Im Namen der „Volksfront“ verbündete sie sich mit bürgerlichen Parteien und unterdrückten jede revolutionäre Regung der Arbeiterklasse, die sich der bürgerlichen Herrschaft widersetzte. In Frankreich erstickte die Volksfront 1936 den Generalstreik und ebnete Marschall Pétain den Weg, der vier Jahre später ein Nazi-freundliches, autoritäres Regime errichtete. In Spanien ermordete die sowjetische Geheimpolizei hinter den Fronten des Bürgerkriegs revolutionäre Kämpfer und ermöglichte so den Sieg der Franco-Faschisten. In der Sowjetunion liquidierte das stalinistische Regime im Rahmen der Moskauer Schauprozesse fast die gesamte Führung der Oktoberrevolution. 1943 löste Stalin die Kommunistische Internationale offiziell auf, weil sie seinem Bündnis mit dem amerikanischen und britischen Imperialismus im Wege stand.

Seit 1939 musste die Vierte Internationale auch gegen opportunistische Tendenzen in den eigenen Reihen kämpfen, die sich unter dem Druck von Krieg und Faschismus an die „demokratischen“ imperialistischen Mächte oder an den Stalinismus anpassten. Dieser Druck verschärfte sich nach dem Zweiten Weltkrieg, als die konterrevolutionäre Rolle des Stalinismus und die gewaltigen ökonomischen Ressourcen des US-Imperialismus dem Kapitalismus eine Atempause verschafften.

1953 wurde das Internationale Komitee der Vierten Internationale (IKVI) ins Leben gerufen, um die Auflösung der Vierten Internationale in den stalinistischen und reformistischen Apparaten sowie diversen nationalen Befreiungsbewegungen durch die revisionistische Tendenz von Michel Pablo und Ernest Mandel zu verhindern. Seither hat es unter schwierigsten Umständen unnachgiebig die Perspektive der sozialistischen Weltrevolution gegen zahlreiche opportunistische Strömungen verteidigt, die sich in der Nachkriegsperiode zu Unrecht auf den Trotzkismus beriefen.

Dieser Kampf erreichte 1985 einen Höhepunkt. In der Auseinandersetzung mit den Renegaten der britischen Workers Revolutionary Party bekräftigte das IKVI seine Kontinuität mit der gesamten Geschichte der Vierten Internationale und den Kämpfen, die sie gegen den Stalinismus, den bürgerlichen Nationalismus und den kleinbürgerlichen Opportunismus geführt hatte.

1988 wies das Internationale Komitee in einem Perspektivdokument, das die politische Bedeutung seiner Geschichte rekapitulierte, auf den raschen Fortschritt der Globalisierung, die Entstehung transnationaler Konzerne und deren Auswirkungen auf die Entwicklung der sozialistischen Revolution hin. Es sagte voraus, dass das nächste Entwicklungsstadium des Klassenkampfs durch eine außergewöhnliche Internationalisierung geprägt, dass der Klassenkampf nicht nur seinem Inhalt, sondern auch seiner Form nach international sein werde. Ausgehend von dieser Einschätzung konstituierte es seine Sektionen als Sozialistische Gleichheitsparteien und entwickelte mit der World Socialist Web Site ein internationales Organ, das in zwanzig Sprachen erscheint, auf der ganzen Welt gelesen wird und der Arbeiterklasse jeden Tag eine politische Orientierung gibt.

Während sich die zahlreichen pseudolinken Tendenzen vollständig in die bürokratischen Apparate und den Staatsapparat integriert haben, bürgerliche Regierungen unterstützen und für imperialistische Kriege werben, vertritt das Internationale Komitee heute als einzige politische Tendenz ein internationales sozialistisches Programm, das in der revolutionären Tradition der ersten vier Kongresse der Dritten und der Vierten Internationale steht.

100 Jahre nach Gründung der Dritten Internationale ist keiner der Widersprüche gelöst, die das zwanzigste Jahrhundert zum gewaltsamsten der menschlichen Geschichte machten. Krasse soziale Ungleichheit, heftige Krisen der globalen Wirtschaft, die Unterjochung ganzer Länder durch die imperialistischen Mächte, der Zusammenbruch der parlamentarischen Demokratie, der Aufstieg faschistischer Bewegungen, erbitterte Konflikte zwischen den Großmächten und die unmittelbare Gefahr eines Weltkriegs bedrohen wieder die Menschheit.

Nachdem der Klassenkampf jahrzehntelang von den bürokratischen Apparaten unterdrückt wurde, betritt die Arbeiterklasse wieder die Bühne und meldet ihre eigenen unabhängigen Interessen an. Der Ausbruch sozialer Massenkämpfe in Frankreich, Algerien, den USA und zahlreichen anderen Ländern markiert den Anbruch einer neuen revolutionären Periode.

Die Arbeiterklasse steht vor denselben Aufgaben, deren Lösung die Dritte Internationale vor hundert Jahren in Angriff nahm: Sturz des Kapitalismus, Überwindung des Nationalstaats und Reorganisation der gewaltigen Mittel der Weltwirtschaft im Interesse der ganzen Gesellschaft statt der Profitinteressen einer kleinen, reichen Minderheit. Die objektiven Voraussetzungen zu ihrer Lösung sind vorhanden. Die Reihen der Arbeiterklasse sind heute um ein Vielfaches größer, die Weltwirtschaft ist enger verzahnt und die technischen Mittel sind viel weiter entwickelt als vor hundert Jahren.

Alles hängt jetzt davon ab, eine revolutionäre Führung aufzubauen, die diesen Aufgaben gewachsen ist. Das können – aufgrund ihrer Geschichte, ihrer Tradition und ihrer Programme – nur das Internationale Komitee der Vierten Internationale und seine Sektionen, die Sozialistischen Gleichheitsparteien, sein.

Anmerkungen

1) Von Kautsky selbst zitiert in: Karl Kautsky, „Der Weg zur Macht“ (1909), Kapitel V

2) W.I. Lenin, „Der Zusammenbruch der II. Internationale“, Werke Band 21, S. 238

3) Leo Trotzki, “Der Krieg und die Internationale“, in: Europa im Krieg, Essen 1998, S. 377, 382

4) W.I. Lenin, „Sozialismus und Krieg“, Werke Band 21, S. 312

5) Zitiert in: Karl Kautsky, „Der Weg zur Macht“ (1909), Kapitel V

6) „Manifest der Kommunistischen Internationale an das Proletariat der ganzen Welt“, in: Die Kommunistische Internationale, Manifeste, Leitsätze, Thesen und Resolutionen, Band 1, Köln 1984, S. 37

7) Leo Trotzki, Die Dritte Internationale nach Lenin, Essen 1993, S.25

8) Ebd. S.63