Eine „beispielhafte Genossin“: Sylvia Callen, stalinistische Agentin, 40 Jahre lang von der Socialist Workers Party (USA) gedeckt

Teil 1

Von Eric London
14. März 2019

Im Mai 1947 erhielt die Socialist Workers Party Informationen, wonach Sylvia Callen, die persönliche Sekretärin des langjährigen Parteiführers James P. Cannon, eine Agentin der sowjetischen Geheimpolizei GPU war. Schnell wurde klar, dass Callen wichtige Informationen über ihren stalinistischen Hintergrund verschwiegen hatte, als sie 1938 der SWP beitrat. Fast neun Jahre lang hatte Callen uneingeschränkten Zugang zu hoch vertraulichen Informationen der Partei auf Führungsebene. Anstatt jedoch Callens mörderische Rolle als Spionin innerhalb der trotzkistischen Bewegung aufzudecken, entschied sich die Socialist Workers Party für eine Vertuschung.

Im Folgenden veröffentlichen wir den ersten Teil eines vierteiligen Berichts über den historischen Verlauf dieser Vertuschung und ihrer Enthüllung durch das Internationale Komitee der Vierten Internationale. Die Artikelserie wurde jüngst in „Agents: The FBI and GPU Infiltration of the Trotskyist Movementveröffentlicht. Das Buch deckt auf, wie die GPU die Ermordung Leo Trotzkis durchführte und wie der sowjetische Geheimdienst und das FBI in den 1940er Jahren immer stärker die amerikanische Sektion der Vierten Internationale unterwanderten. Ein deutsche Übersetzung von „Agents“ ist in Vorbereitung.

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Am Samstag, den 8. März 1947, erschien die Wochenzeitung der Socialist Workers Party (SWP), The Militant, mit der Schlagzeile:

„Ex-Herausgeber des Daily Worker enthüllt Stalins Schuld an Trotzkis Ermordung: Budenz legt Details über die Vorbereitung des Attentats von 1940 offen und bringt Führer der Kommunistischen Partei mit GPU-Verschwörung in Verbindung.“ [1]

Der Militant schreibt, Budenz‘ Buch „liefert nun schlüssige Beweise dafür, dass Top-Agenten von Stalins Geheimpolizei jahrelang auf amerikanischem Boden den Mord an Trotzki vorbereitet haben“

Der Artikel berichtet ausführlich über Enthüllungen aus dem Buch This is my Story des ehemals führenden amerikanischen Stalinisten Louis Budenz. Die SWP hatte eine Vorabkopie erworben und den Inhalt zum ersten Mal bekannt gemacht.

This is my Story bestätigte, was die Vierte Internationale von Anfang an erklärt hatte: die Ermordung Trotzkis wurde von Stalin angeordnet und von der GPU, der Geheimpolizei des stalinistischen Regimes in der UdSSR, ausgeführt.

John G. Wright

Im Leitartikel des Militant vom 8. März erklärte John G. Wright: „Als Augenzeuge und direkter Teilnehmer liefert Budenz, der dem Kreml zehn Jahre lang treu diente, jetzt schlüssige Beweise dafür, dass Top-Agenten von Stalins Geheimpolizei jahrelang auf amerikanischem Boden den Mord an Trotzki vorbereitet haben.“[2]

Weniger als sieben Jahre waren vergangen, seit ein stalinistischer Agent unter dem falschen Namen Frank Jacson Leo Trotzki in Coyoacan, Mexiko-Stadt, ermordet hatte. Ein Jahrzehnt war erst seit dem Höhepunkt der Massenvernichtungen während des Großen Terrors von 1936 bis 1939 in der Sowjetunion vergangen.

Abgesehen von Trotzkis Attentäter – der schließlich als Ramon Mercader del Rio identifiziert wurde, während er wegen Mordes eine 20-jährige Haftstrafe in einem mexikanischen Gefängnis verbüßte – war niemand wegen der Verbrechen der GPU bestraft oder eingesperrt worden. Budenz‘ Buch enthüllte die Verschwörung hinter Trotzkis Ermordung. Es bestätigte nicht nur, dass das Attentat von Moskau angeordnet wurde; Budenz nannte auch Führer und Mitglieder der amerikanischen Kommunistischen Partei als Komplizen.

Die Titelseite von Budenz‘ Buch This is My Story

Budenz enthüllte, dass ein GPU-Agent ihn im Dezember 1936 um ein geheimes Treffen in einem unscheinbaren Restaurant in der East 14th Street gebeten hatte.

„Ziemlich am Anfang meiner Parteikarriere wurde ich zu einem Treffen mit Mitgliedern der sowjetischen Geheimpolizei bestellt, die auf amerikanischem Boden arbeiteten“, schrieb er.[3] Der Agent, der mit einem starken russischen Akzent sprach, stellte sich als „Richards“ vor. Die beiden saßen in einer Ecke, im Hintergrund das Klappern vom Besteck der anderen Gäste. „Während wir zusammen aßen, nannte mir Richards leise den Grund, warum er mich sehen wollte. Sein Auftrag lautete, den Zustand der Sozialdemokraten zu untersuchen und festzustellen, wer unter ihnen und welche Trotzkisten und ‚Faschisten‘ organisierte Anstrengungen unternahmen, um in die Sowjetunion einzureisen.“ [4]

Nur vier Monate zuvor, im August 1936, war der erste Moskauer Schauprozess zu Ende gegangen. 16 Angeklagte, darunter alte Bolschewiki wie Grigorij Sinowjew und Lew Kamenew, wurden als „trotzkistische Verschwörer“ hingerichtet. Im Zuge der folgenden staatlich organisierten Massenmorde wurden Hunderttausende hingerichtet oder in Arbeitslager gesperrt. Sie dienten dem Ziel, die Opposition gegen das stalinistische Regime zu terrorisieren und zu zerstören. Der bloße Vorwurf der Sympathie für den Trotzkismus kam einem Todesurteil gleich.

Als das Gespräch auf den August-Prozess kam, drückte Budenz seine Unterstützung aus. Die GPU bereitete nun Säuberungen auf internationaler Ebene vor.

Zum Zeitpunkt des Treffens zwischen Budenz und „Richards“ befand sich Trotzki an Bord eines Tankers, der von Norwegen nach Mexiko unterwegs war. Er musste den europäischen Kontinent verlassen, nachdem ihm dort kein Staat Asyl gewährt hatte. Als Trotzki sich in Mexiko niederließ, bereitete die GPU ihre nordamerikanischen Kollegen darauf vor, seine Ermordung auszuführen.

Nach dem Treffen mit „Richards“ begann Budenz seinen Einsatz:

„Wo war mein Platz in einem Unternehmen zum Schutz der Sowjetunion vor Verschwörern? Das wurde mir ohne Weiteres gesagt. Ich sollte alle Informationen sammeln, die ich über Feinde der Sowjetunion in der Linken, in den Reihen der Arbeiter und insbesondere der Trotzkisten erhalten hatte. Ihre Namen sollten weitergegeben werden und alles andere über sie, was für diese Untersuchung relevant sein könnte.“

Die GPU wusste, dass die SWP – die führende Sektion der Vierten Internationale – dafür verantwortlich war, für Trotzkis Sicherheit in Mexiko zu sorgen. Infolgedessen schrieb Budenz, dass „besondere Aufmerksamkeit denen galt, die viel unterwegs waren, besonders im Ausland.“ [5]

Louis Budenz im Jahr 1947

Budenz entlarvte die KP-Führer Earl Browder und Jack Stachel als persönliche Leiter der Unterwanderungsoperation. Mit ihrer Unterstützung war Budenz in der Lage, „durch Manhattan zu pendeln“, GPU-Agenten zu treffen und Informationen über die SWP zu liefern. [6]

Im Jahr 1937 begann Budenz mit einem Agenten namens „Roberts“ zusammenzuarbeiten, auch bekannt als Dr. Gregory Rabinowitz. Er führte einen stalinistischen Spionagerings in den USA und war damit beauftragt worden, ein Netz von Agenten um Trotzki zu spinnen. Budenz sollte helfen, alles bis ins kleinste Detail zu planen. Rabinowitz fragte Budenz: „Kannst du mir sagen, wo die Trotzkisten hier ihre Post von Trotzki in Mexiko City bekommen?“ [7] Budenz verpflichtete sich, seine Quellen nach Informationen anzuzapfen und der GPU zu helfen, näher an Trotzki heranzukommen, immer auf der Suche nach Informationen über die internationale Korrespondenz der SWP.

„Auch Fotografien gehörten zu [Roberts-Rabinowitz‘] Untersuchungsbereich“, schrieb Budenz.

„Er brachte mir einige nacheinander und fragte: „Kennst du diesen Mann? Oder den?“ Zum größten Teil schienen es Männer und Frauen zu sein, die sowjetische Visa beantragten. Dann erkundigte er sich nach bestimmten Namen auf Listen, von denen er sagte, dass sie „trotzkistische Kuriere“ seien. Einer von ihnen war ein unauffälliger Zeitungsmann, der in und außerhalb Chinas arbeitete und später, wie ich glaube, zu Reuters gehörte. Ein anderer Kurier war Sylvia Ageloff, deren Name weithin bekannt wurde als die Frau, die Leo Trotzkis Attentäter „Frank Jacson“ nach Mexiko brachte.“ [8]

Budenz und die GPU bauten ein Netzwerk von Agenten auf, um Informationen über die trotzkistische Bewegung und die Kommunikation der SWP mit Trotzki zu sammeln. Gewöhnlich schlug Rabinowitz Kandidaten für diese Tätigkeit vor, Budenz lieferte Informationen über sie und stellte der GPU seine Einschätzung ihrer politischen Vertrauenswürdigkeit und Spionage-Eignung zur Verfügung.

„Im Allgemeinen fragte er [Rabinowitz] zuerst nach ihrer Geschichte in der Partei und dann, wie sie in die Untergrundarbeit unter den Trotzkisten oder anderen Gruppen passen würden“, schrieb Budenz. „Nachdem ich die Berichte über die Person erhalten hatte, war es meine Aufgabe, sie gemäß ihrer Einstellungen und Verbindungen einzuschätzen (sofern ich sie von früher kannte).“ [9]

Der zentrale Zweck der Infiltration war es, Trotzki zu töten. Zu diesem Zweck enthüllte Budenz, wie er half, die GPU mit Ruby Weil in Kontakt zu bringen, die das Treffen zwischen ihrer Freundin Sylvia Ageloff, einem Mitglied der SWP, und Mercader, Trotzkis zukünftigem Mörder, arrangierte.

Die mexikanische Polizei mit dem Eispickel, mit dem Mercader 1940 Trotzki ermordet hatte

Rabinowitz bat Budenz, „dass ich Fräulein Y [später identifiziert als Ruby Weil], eine junge Frau, von der er erfahren hatte, dass sie eine Freundin von Sylvia Ageloff war, zu einem Treffen in einem Hotel in Chicago mitbringe“. [10] Weil arbeitete später mit dem in Paris ansässigen GPU-Agenten Mark Zborowski (Parteiname „Etienne“) zusammen, um Mercader über Ageloff Zugang zu Trotzkis Haushalt in Mexico City zu verschaffen. Zborowski war zu der Zeit Mitglied der Vierten Internationale.

Das Treffen zwischen Mercader und Ageloff fand 1938 in Paris statt. Anfang 1939 reisten die beiden zusammen nach Mexico City, wo Ageloff Mercader, den Mann, den sie als Frank Jacson kannte, in Trotzkis Haushalt einführte. [11] Die stalinistische Schlinge um Trotzki wurde immer enger gezogen und die Weichen für seinen Tod wurden gestellt.

SWP verlangt Anklage der stalinistischen Spione und KP-Führer von Grand Jury

Als Reaktion auf die Enthüllungen von Budenz begann die SWP sofort, die neuen Informationen so weit wie möglich zu veröffentlichen, und forderte eine Untersuchung über die Rolle der Stalinisten bei der Infiltration der trotzkistischen Bewegung und der Ermordung ihres Gründers und Führers.

All dies wurde auf den Seiten des Militant berichtet. [12] Im Artikel auf der Titelseite vom 8. März 1947 hieß es: „Louis F. Budenz enthüllte schreckliche geheime Details im Zusammenhang mit der Ermordung Leo Trotzkis durch Stalins Auftragskiller in Mexico City im August 1940.“ [13]

Der Militant erklärte, die „Enthüllungen von Budenz ergänzen die fehlenden Glieder in der Beweiskette, die Stalins Schuld an der Ermordung Trotzkis belegt“

Der Militant schrieb, Budenz‘ Buch „liefert nun schlüssige Beweise dafür, dass Top-Agenten von Stalins Geheimpolizei jahrelang auf amerikanischem Boden daran arbeiteten, den Mord an Trotzki vorzubereiten“ und dass „amerikanische Stalinisten, einschließlich Budenz selbst, den Weg für den Attentäter ‚Frank Jacson‘ ebneten, damit er sich Zugang zu Trotzkis Haus verschaffen konnte.“ [14]

Der Militant schilderte ausführlich, wie Budenz in seinem Buch sein Treffen „mit dem GPU-Chef, der für ‚antitrotzkistische‘ Aktivitäten verantwortlich ist“, beschrieb, dem Agenten namens „Richards“. Budenz „wurde zur Auswahl von Spionen herangezogen, um in die trotzkistischen Reihen einzudringen“ und „mindestens einmal in der Woche GPU-Führer zu kontaktieren. Keine Information wurde als zu geringfügig erachtet“.[15]

Der Artikel fuhr fort: „Stalins Mordmaschinerie sammelte insbesondere jede Information über Trotzkisten, die ins Ausland reisten. Sie waren auf der Suche nach einer Person in Europa, die sie in ihren Mordkomplott einbeziehen könnten.“ Budenz‘ Buch zeigte, wie die Stalinisten „schon 1937 in den Vereinigten Staaten alle Vorarbeiten für die Ermordung Leo Trotzkis in Mexiko im Jahr 1940 geleistet hatten“.[16]

Der Militant verkündete: „Die Enthüllungen von Budenz ergänzen die fehlenden Glieder in der Beweiskette, die Stalins Schuld an der Ermordung Trotzkis belegt.“[17]

Auf der Grundlage von Budenz‘ Bericht über die Infiltration durch die GPU und das Mordkomplott gegen Trotzki startete die SWP eine öffentliche Kampagne, um die GPU und die Rolle der amerikanischen Kommunistischen Partei aufzudecken. Die SWP stellte sofort die Forderung auf, den Fall vor eine Grand Jury zu bringen und die wichtigsten Stalinisten vorzuladen. Damit würden die Verantwortlichen für die Infiltration der trotzkistischen Bewegung gezwungen, als Zeugen über ihre Tätigkeit auszusagen. Außerdem forderte die SWP die Entlarvung der noch in der Bewegung verbliebenen Agenten.

Die Enthüllungen und Forderungen nach einer Untersuchung hatten eine immense politische Wirkung in weiten Kreisen der politischen Linken. Unter ihnen wollte die SWP Unterstützung für eine Kommission gewinnen, um zu fordern, dass eine Grand Jury die Rolle der GPU und der Kommunistischen Partei der USA in Zusammenhang mit Trotzkis Tod untersucht.

Am 17. März 1947 überreichte ein von der SWP geführtes Bündnis, zu dem auch der Führer der Sozialistischen Partei, Norman Thomas, gehörte, eine Petition an den Bezirksstaatsanwalt in Manhattan, in der die Einberufung einer Grand Jury gefordert wurde. Die SWP konnte die Unterstützung einer Reihe von führenden Persönlichkeiten aus Politik und Wissenschaft gewinnen, unter ihnen der Autor James T. Farrell und die Akademiker John Dewey und Sidney Hook. Dies spiegelte die weitverbreitete Empörung über die Nachricht von der stalinistischen Verschwörung wider und brachte die Forderung nach einer Grand Jury an eine breite Öffentlichkeit. Das konnte der Staat nicht ignorieren.

Am 22. März lautete die Schlagzeile im Militant: „Beauftragen Sie die Geschworenen, den Mord an Trotzki zu untersuchen – die Delegation fordert eine Untersuchung des Agenten Stalins, der das Attentat in New York geplant hat.“ [18]

Der Militant berichtete, die Delegation habe „ein 45-minütiges Treffen mit Jacob Grumet, dem stellvertretenden Bezirksstaatsanwalt, abgehalten, um Maßnahmen aufgrund der sensationellen Enthüllungen von Louis F. Budenz in seinem kürzlich veröffentlichten Buch ‚This is My Story‘ zu fordern. In seiner Autobiografie bezeugt der ehemalige Redakteur des Daily Worker und Angehörige des Nationalkomitees der Kommunistischen Partei aus persönlicher Kenntnis, dass GPU-Agenten, unterstützt von Führern der amerikanischen Kommunistischen Partei, hier die Schritte planten, die 1940 in Mexico City mit der Ermordung Trotzkis endeten. Die Delegation übergab dem Bezirksstaatsanwalt eine Erklärung, die von einer großen Anzahl prominenter Bürger unterzeichnet war.“ [19]

Die am 17. März 1947 an den stellvertretenden Bezirksstaatsanwalt abgegebene Erklärung lautete auszugsweise:

„Gegen Earl Browder, Jack Stachel, Budenz selbst und alle anderen gegenwärtigen oder früheren Führer der Kommunistischen Partei, von denen bekannt ist, dass sie in Aktivitäten der sowjetischen Geheimpolizei verwickelt waren oder davon Kenntnis hatten, sollten strafrechtliche Ermittlungen und weitere durch Tatsachen gerechtfertigte juristische Maßnahmen ergriffen werden.

Budenz fügt neue und bisher fehlende Verbindungen in der Beweiskette hinzu, die während Jacsons Prozess in Mexiko präsentiert wurde und ihn als sowjetischen Polizeiagenten auswiesen.“ [20]

Der Militant berichtete, dass Norman Thomas den Bezirksstaatsanwalt auch um eine Untersuchung anderer Morde in New York City ersuchte, die ebenfalls den Stalinisten zugeschrieben wurden. Dazu gehörte das Verschwinden von Juliet Stuart Poyntz, eines prominenten Mitglieds der Kommunistischen Partei, die verdächtigt wurde, sich dem stalinistischen Terror zu widersetzen, und der Fall des Anarchistenführers Carlo Tresca, der 1943 erschossen worden war.

Thomas sagte:

„Es gibt viele weitere [Fälle]. Der sogenannte ‚Selbstmord’ des [sowjetischen Überläufers Walter] Krivitsky in Washington – ein ausgemachter Betrug, wenn es je einen gab! Dann der Mord an [Überläufer] Ignaz Reiss in der Schweiz; die Serie von Morden an Trotzkis Sekretären und Mitgliedern seiner Familie. Wir halten die Lage für so gravierend, dass sofortiges Handeln notwendig ist, um diesen politischen Morden Einhalt zu gebieten.“ [21]

Die Bedeutung der Enthüllungen von Budenz und das Gewicht seiner Aussagen als Komplize zwangen den Staatsanwalt, anzuerkennen, „dass das Budenz-Buch viele Hinweise liefern könnte“, wie der Militant berichtete. [22]

In der Ausgabe des Militant vom 3. Mai 1947 erschien ein Artikel von Trotzkis Witwe Natalia Sedowa mit dem Titel: „Stalins Schuld — Budenz‘ Buch liefert Verbindung zum Mord an Trotzki durch GPU“

Die SWP erweiterte ihre Kampagne mit der Veröffentlichung eines Artikels von Trotzkis Witwe Natalia Sedowa am 3. Mai 1947. Er trug den Titel: „Stalins Schuld – Budenz‘ Buch liefert Verbindung zum Mord an Trotzki durch GPU“.[23]

Sedowa schrieb:

„Alles, was wir im Zusammenhang mit dem gewaltsamen Tod von L. D. Trotzki gesagt haben, wird heute durch die Geständnisse von Louis Budenz, einem ehemaligen Führer der amerikanischen „kommunistischen“ stalinistischen Partei, in seinem im März dieses Jahres erschienenen Buch ‚This Is My Story’ vollständig bestätigt. […] Die Geständnisse von Louis Budenz werfen ein grelles Licht auf die gesamte Tätigkeit des geheimen stalinistischen ‚Apparats’, der die Macht an sich gerissen hat und mit blutiger Willkür handelt.“

Sedowa fuhr fort:

„Die Beteiligung der Führer der „Kommunistischen“ Partei der USA an dem von Louis Budenz bezeugten Komplott gegen Trotzki liefert eine ausreichende Grundlage, Budenz selbst, zusammen mit Browder und Stachel, vor Gericht zu stellen und sie an die mexikanischen Justizbehörden zu überstellen.“ [24]

Innerhalb weniger Wochen nach Veröffentlichung der Enthüllungen von Budenz sah sich der Bezirksstaatsanwalt aufgrund der SWP-Kampagne für eine Grand Jury gezwungen, Budenz als Zeugen vorzuladen. Zum ersten Mal seit Trotzkis Ermordung hatte die SWP bewirkt, dass eine Person mit genauer Kenntnis darüber, wie die GPU Trotzki ermordete, in einem amerikanischen Gerichtssaal unter Eid aussagen musste. Die Möglichkeit, die Verbrechen der Stalinisten aufzudecken und ihre Unterwanderung der trotzkistischen Bewegung zu erhellen, war zum Greifen nah.

Aber gerade, als eine echte Untersuchung kurz bevor stand, geschah etwas, das die SWP veranlasste, ihre Kampagne abzubrechen. Sie bezeichnete Budenz als Lügner und gab weitere Bemühungen, stalinistische Agenten innerhalb der trotzkistischen Bewegung zu entlarven, auf.

Ein Besuch von Max Shachtman und Albert Glotzer

Es war sieben Jahre her, seit sich Max Shachtman und Albert Glotzer von der SWP getrennt hatten, um die Workers Party zu gründen. Nun, im Mai 1947, traten die beiden ins Büro des nationalen Sekretärs der SWP, James P. Cannon, am University Place 116 in New York. Trotz ihrer politischen Differenzen mit der SWP hatten beide Männer eine lange Geschichte in der trotzkistischen Bewegung und nahmen eine prinzipientreue Haltung ein, wenn es um den Austausch von Informationen zu Fragen der politischen Sicherheit ging.

James P. Cannon, Martin Abern und Max Shachtman in New York, 1938

Shachtman und Glotzer brachten erschütternde Neuigkeiten. Sie berichteten Cannon, dass sie verlässliche Informationen erhalten hatten, die darauf hindeuteten, dass seine persönliche Sekretärin, Sylvia Callen (Parteiname Caldwell) eine Agentin der GPU sei.

Shachtman und Glotzer sicherten zu, dass die Quelle zuverlässig sei und ihnen in der Vergangenheit korrekte Informationen geliefert habe. Die Quelle hatte Shachtman und Glotzer informiert, dass die Stalinisten Callen 1939 von Chicago nach New York geschickt hatten, um Cannons Büro zu infiltrieren. Weiter gab die Quelle an, dass Sylvia eine Beziehung mit einem jungen Stalinisten aus einer stalinistischen Familie eingegangen war, dessen Vater Arzt war.

Die Kontrollkommission von 1947

Callen war, wie man damals sagte, Cannons „Mädchen für alles“. Sie kümmerte sich um all seine politischen und persönlichen Angelegenheiten. Sie führte Cannons Terminkalender, hatte Zugang zu allen Parteiunterlagen, Finanzen und internationalen Korrespondenzen und nahm das Diktat seiner Briefe, Memoranden und politischen Berichte auf. Wenn Callen eine Agentin war, bedeutete das, dass die Sicherheit der SWP und der Vierten Internationale durch die GPU schwer kompromittiert war. Alle wichtigen Informationen, die über Cannons Schreibtisch liefen, wurden von der GPU gelesen und an den Kreml weitergeleitet, einschließlich Details über Trotzkis Sicherheit in Coyoacan.

Sylvia Callen/Franklin/Caldwell

Außer dem Nachweis von Callens Rolle informierten Shachtman und Glotzer Cannon auch darüber, dass ihr Informant erklärt habe, dass es einen FBI-Agenten in der Parteiführung gäbe.

Am 26. Mai 1947 berief Cannon ein Treffen der Kontrollkommission ein, dem Parteiorgan, das für interne Untersuchungen zuständig war. Das IKVI hat das Protokoll vom 26. Mai 1947 und nachfolgende Kommissionssitzungen im Hoover-Institut der Stanford University eingesehen und veröffentlicht sie hier zum ersten Mal:

Treffen der Kontrollkommission, 26. Mai 1947.

Bericht von Martin [Cannon]:

Seit einigen Jahren schickt die WP uns Berichte, dass sie Informationen habe, aus denen hervorgehe, dass das FBI einen Agenten in unserer Partei habe, weit oben in der Führung. Sie behaupten, ihre Informationsquelle habe sich in mehreren Fällen als richtig erwiesen, und sie halten diese Quelle für zuverlässig.

Kürzlich sprachen Shachtman und Gould [Glotzer] mit Cannon und sagten ihm, dass die gleiche Quelle sie wie folgt informiert habe:

Die Stalinisten haben eine Frau in der SWP und ihr Name ist S.

Sie kam 1939 aus Chicago und arbeitete dort in einer Arztpraxis.

Sie hat oder hatte einen Freund namens Irving.

Gould bestand darauf, dass sie von der YCL [Young Communist League] kam.

Diese Information wies auf Genossin ‚S‘ hin.

ANTRAG: Dass der Fall von der Kontrollkommission gründlich untersucht wird.

Dass wir ein Treffen mit ‚S‘ abhalten, um sie nach ihrer Biografie zu befragen, und anschließend Rücksprache mit Shachtman und Gould halten.

Angenommen.

Erstes Treffen mit ‚S‘ für Do. Abend, 29. Mai 1947 angesetzt.

Drei Tage später, am 29. Mai, erschien Callen vor der Kommission. Die Fakten bezüglich ihres Hintergrunds bestätigten weitgehend die Informationen von Shachtman und Glotzer. Es wurde schnell festgestellt, dass Callen entscheidende Aspekte ihres persönlichen und politischen Hintergrunds und ihrer Verbindungen verschwiegen hatte, einschließlich der Tatsache, dass sie verheiratet war und dass ihr Ehemann, Zalmond Franklin, ein führender Stalinist aus einer prominenten Familie der Kommunistischen Partei in Wisconsin war.

Das Sitzungsprotokoll vom 29. Mai lautete wie folgt:

Fall der Genossin S.

29. Mai 1947.

Auf die Fragen, die die Mitglieder des Sekretariats und der Kontrollkommission in einer gemeinsamen Sitzung gestellt haben, wurde die folgende biografische Skizze gegeben:

Mein Vater heißt John Callen. Er hat viele Jahre als Verkäufer gearbeitet. Weder er noch irgendein anderes Mitglied meiner Familie hatten je andere politische Ansichten als der Durchschnittsbürger.

Ich selbst wusste nicht, dass es so etwas wie eine radikale Bewegung gab, bis ich ungefähr 19 Jahre alt war. Ich lebte bis etwa 1932 in Milwaukee. Ich ging nach Madison, Wisc. um die Universität von Wisconsin zu besuchen. Ich traf Zalmond Franklin und wir heirateten im Februar 1935. Wir waren ungefähr ein Jahr lang zusammen. Ich schloss mein Studium im Juni 1935 ab und verließ die Hochschule. Franklin blieb auf der Hochschule. Nach meinem Abschluss suchte ich Arbeit, fand schließlich eine Stelle in einer Apotheke in Milwaukee und arbeitete dort eine Zeit lang als Verkäuferin.

Im Herbst 1935 oder Frühjahr 1936 ging ich nach Chicago, um bei meiner Familie zu leben. Dort besuchte ich die Universität von Chicago, um soziale Arbeit zu studieren. Ich ging dort vier Quartale zur Schule, arbeitete einen Sommer lang für die Jüdische Sozialdienststelle und ging dann zum Chicagoer Hilfswerk, wo ich arbeitete, bis ich nach New York kam.

Im Sommer 1937 trat ich einer YPSL-Gruppe in Chicago bei [Young Peoples’ Socialist League – die Jugendbewegung der Sozialistischen Partei, in der die SWP damals politisch arbeitete].

Ich kam im Mai 1938 nach New York, um für die Hebräische Gehörlosenvereinigung zu arbeiten. Ich arbeitete dort Teilzeit und half in meiner Freizeit in der Parteizentrale der SWP aus. Im Dezember 1939 [hier ist ein Strich durch die „9“ und eine Linie zu einer Rand-Korrektur, die „1938“ lautet] wurde ich gebeten, in der Parteizentrale der SWP eine Vollzeitstelle anzunehmen, weil die Sekretärin gekündigt und einen Job in der Wirtschaft angenommen hatte.

Auf direkte Befragung durch Cannon wurden folgende Antworten gegeben:

Mit Radikalismus kam ich erstmals an der Wisconsin University in Kontakt, wo es eine Gruppe der National Student League gab. Mein Mann trat im Semester von 1935 in die Liga ein, und ich trat auch ein, weil er es tat. Aber eigentlich wusste ich nicht, worum es ging. Ich weiß nicht, ob die YCL [Young Communist League – Jugendorganisation der stalinistischen Kommunistischen Partei] damals eine Fraktion darin hatte, aber es gab eine radikale Gruppe, Bohèmiens, zu denen auch mein Mann gehörte und die auf dem Campus als die ‚Kommunisten’ betrachtet wurden. Ich wusste nie, ob mein Mann irgendwelche kommunistischen Verbindungen hatte, wusste aber, dass er radikale Ansichten vertrat und möglicherweise Mitglied war. Was ich weiß, ist, dass seine Eltern ihrer Weltanschauung nach entweder Kommunisten waren oder sich im Umfeld der Kommunistischen Partei bewegten. Sie gaben einmal eine Hausparty für die ‚Freunde der Sowjetunion‘.

Vor einigen Jahren erfuhr ich, dass mein damaliger Ehemann während der Revolutionstage in Spanien gewesen war. Ich nehme also an, dass er nach unserer Trennung ein YCLer geworden ist. Oder er könnte wahrscheinlich auch schon vorher einer gewesen. Ich wusste damals nicht genug, um das zu erkennen, und er vertraute mir nie irgendwelche Informationen über seine Aktivitäten an.

„Gehörtest du jemals der YCL an?“

Nein niemals. Ich wusste von der Existenz einer solchen Organisation, lehnte sie aber gefühlsmäßig ab, weil die Leute um meinen Ehemann, die als ‚Kommunisten’ galten, Bohèmiens waren. Aber ich habe nicht wirklich verstanden, was Kommunismus war.

„Wie bist du zur YPSL gekommen? Durch ein Familienmitglied, das am Sozialismus interessiert ist?“

Nein, niemand aus meiner Familie hatte jemals radikale Ansichten. Ich vermute, ich kam zur YPSL, weil ich so einsam war. Ich passte nicht zu den Freunden meiner Familie und ich hatte keinen eigenen Freundeskreis. An der Universität in Madison kam ich erstmals mit dem Radikalismus in Kontakt und hatte das unbestimmte Gefühl, dass Sozialismus eine gute Sache ist. Ich hörte Norman Thomas‘ Rede im Sozialisten-Club der Universität von Chicago und er machte einen tiefen Eindruck auf mich. Ich wollte mehr über Sozialismus wissen, also suchte ich in meiner Einsamkeit im Telefonbuch von Chicago nach der Adresse einer sozialistischen Organisation und fand den Socialist Bookstore.

Zu der Zeit arbeitete ich als Sozialarbeiterin in Chicago. Diese Arbeit tat mir nicht gut. Die bevormundende Einstellung gegenüber den Armen stieß mich stark ab. So besuchte ich dann den Buchladen der Sozialistischen Partei, um mir ihre Literatur anzusehen. Dort traf ich Lydia Beidel. Sie erzählte mir von der Young People’s Socialist League in meiner Nachbarschaft und lud mich ein, daran teilzunehmen. Ich ging hin. Sie trafen sich in Belles Haus. Dort habe ich eine Menge Leute getroffen. Sie schienen sich so sehr von den Leuten zu unterscheiden, die ich kannte, und nahmen mich so herzlich auf, dass ich zu mehreren Treffen zurückkehrte und mich dann dem Kreis anschloss. Sie unterschieden sich von den anderen Radikalen, die ich am College kannte, und ich mochte sie als Menschen. Im Sommer 1937 trat ich dem YPSL-Kreis an der North Side in Chicago bei.

Paul Picquet war der Organisator dieses Kreises. Die meisten Mitglieder dieses Kreises waren bereits Trotzkisten. Ich kam unter ihren Einfluss.

Einige Monate nach der Gründungsversammlung der Socialist Workers Party. [sic] bin ich der Partei beigetreten. Die Ortsgruppe, der ich mich angeschlossen habe, hatte als Mitglieder Goldman, Belle, Helen Judd, Shirley S, Irving Bern und all die anderen Landaus.

Als ich nach New York ging, wurde meine Mitgliedschaft übertragen. Hier war ich der Village-Ortsgruppe angegliedert, die sich bei Luttinger traf. In dieser Gruppe waren Rose Karsner, Frieda Moore, Billie Ramloff.

„Hast du jemals in Chicago oder Milwaukee für einen Arzt gearbeitet?“

Nein, niemals. Der einzige Arzt, den ich damals kannte, war der Vater meines Mannes. Aber ich habe nie für irgendeinen Arzt gearbeitet.

„Hattest du jemals einen Freund namens Irving?“

Ich habe vielleicht zufällig einen Schüler mit diesem Namen gekannt, obwohl ich mich an keinen erinnern kann. Aber ich hatte nie einen engen Freund mit diesem Namen.

Callen gab also zu, dass sie Mitglied der stalinistisch ausgerichteten National Student League gewesen war und dass ihr Ehemann Zalmond Franklin als Stalinist im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatte und aus einer stalinistischen Familie stammte. Bis zu diesem Zeitpunkt, nach acht Jahren Arbeit in der Parteizentrale, hatten die SWP-Führer nicht gewusst, dass Callen verheiratet war, geschweige denn mit einem Stalinisten. Dies war auch das erste Mal, dass die Partei von ihrer Beteiligung an der stalinistischen National Student League erfuhr. Aber die SWP klammerte sich an jeden Strohhalm: Sie bezeichnete die Angaben von Shachtmans und Glotzers Informanten als unglaubwürdig, weil er den Namen von Callens Freund als „Irving“ angegeben hatte. Dabei hatten sämtliche anderen Details sowohl seine Informationen als auch die Enthüllungen von Budenz bestätigt.

Die Fakten, die Callen jetzt enthüllte, ließen keinen Zweifel daran, dass sie über ihre engen Verbindungen mit der Kommunistischen Partei gelogen hatte. Aber Zalmond Franklin war nicht nur ein einfaches KP-Mitglied oder unschuldiges YCL-Mitglied. Informationen, die bei der Einberufung der Kontrollkommission ohne weiteres verfügbar waren, zeigten, dass Callens Ehemann ein prominenter öffentlicher Vertreter der Kommunistischen Partei und Mitglied einer führenden stalinistischen Familie war.

Zalmond David Franklin (1909-1958) und sein Vater, Samuel Nathan Franklin (1882-1958), dienten beide im Spanischen Bürgerkrieg. Samuel Franklin war ein Arzt, der 1918 als Mitglied der Sozialistischen Partei zum County Coroner (Gerichtsmediziner) von Milwaukee gewählt worden war. Samuel Franklin war lange politisch aktiv und leitete in Milwaukee das Medizinische Büro des stalinistisch geführten „Nordamerika-Komitees zur Unterstützung der spanischen Demokratie“ während des Bürgerkrieges. [25]

Samuel Franklin mit seinem Sohn Zalmond – die Tatsache, dass Sylvia Franklins Ehemann ein Stalinist war, wurde von der SWP-Kontrollkommission vertuscht

Laut Aufzeichnungen der Schifffahrtsberichte war Franklin senior von Juli 1937 bis Februar 1938 als medizinischer Berater bei der Abraham Lincoln Brigade in Spanien. [26] Callen selbst gab am 29. Mai zu, dass der Vater ihres Mannes Arzt war.

Ein Artikel aus dem Wisconsin State Journal berichtet über Zalmond Franklins Reisen „irgendwo in Spanien“

Zalmond Franklin war das mittlere von Samuel Franklins drei Kindern und studierte an der Universität von Wisconsin Bakteriologie. Von Juli 1937 bis März 1938 diente er als Agent der GPU in Spanien. In seinem Pass ist eine Adresse in Chicago eingetragen. [27] Ein Artikel mit dem Titel „Zalmond Franklin, Irgendwo in Spanien“ in der Ausgabe des Wisconsin State Journal vom 11. Oktober 1937 nimmt Bezug auf den jungen Stalinisten:

„Zalmond Franklin, ehemaliger Student der Universität von Wisconsin, ist mit seinem Vater, Dr. Samuel N. Franklin, Milwaukee, in einem Krankenhaus einer amerikanischen Basis ‚irgendwo in Spanien’. Zalmond brach Anfang dieses Jahres sein Bakteriologie-Studium ab, um nach Spanien zu gehen, gefolgt von seinem Vater, dem Leiter des in Milwaukee ansässigen medizinischen Büros des Nordamerikanischen Komitees zur Unterstützung der spanischen Demokratie.“ [28]

Ein Artikel aus dem Wisconsin Jewish Chronicle, der die Berichte von Zalmond Franklin – Sylvia Callens Ehemann – über seine ungewöhnlichen Erfahrungen in Spanien ankündigt

In einem Artikel, der am 6. Mai 1938 im Wisconsin Jewish Chronicle erschien, wurde Zalmond Franklin als bekannter Redner für die Stalinisten und ihre Verbrechen in Spanien bezeichnet. In dem Chronicle-Artikel hieß es:

Zalmond Franklin, Doktorand der Bakteriologie, verließ im Juni die Universität von Wisconsin, um im republikanischen Spanien der Sache der Demokratie zu dienen. Er war verantwortlich für alle Laborarbeiten in den vier amerikanischen Krankenhäusern in Spanien. Er verließ Spanien im Februar und kam vor einem Monat in New York an.

Zur Zeit tourt er durch den [Mittleren] Westen und berichtet von dem schrecklichen Kampf in Spanien und von seinen außergewöhnlichen Erfahrungen. Er wird am Samstag, den 7. Mai, um 20 Uhr im Jüdischen Zentrum, 1025 N. Milwaukee Street, sprechen.“ [29]

Als Callen zugab, ihre Ehe mit diesem Stalinisten verschwiegen zu haben, hatte die SWP eigentlich genug Informationen, um zu wissen, dass sie eine Spionin war. Die SWP hätte lediglich die Familie Franklin untersuchen müssen. Sie hätte einfach zum Telefonhörer greifen müssen und den Ortsverband in Milwaukee anrufen können oder sich bei dem SWP-Mitglied Harry Milton erkundigen können, der in Spanien mit der „Arbeiterpartei der marxistischen Einheit“ (POUM) gekämpft hatte, als die Franklins ebenfalls zugegen waren. Leicht zugängliche Berichte in lokalen Zeitungen hätten die Rolle der Franklins als hochkarätige Mitglieder der Kommunistischen Partei bestätigt. Callen hatte der SWP Informationen gegeben, die keinen Zweifel daran ließen, wer sie wirklich war.

Aber als sich die Parteikontrollkommission eine Woche später, am 5. Juni 1947, zum letzten Mal traf, vertuschte sie die Beweise für Callens Ehe mit Zalmond Franklin. Ein stenografischer Bericht des Treffens mit dem Titel „Fall der Genossin S.“ wird hier vollständig wiedergegeben:

„Fall der Genossin S.

5. Juni 1947.

Gemeinsame Sitzung von Kontrollkommission und Sekretariat.

ZWECK des Treffens: Einen Bericht von WP-Mitgliedern über Gerüchte bezüglich Genossin S. zu hören, die ihnen zur Kenntnis gebracht wurden.

Bericht von Shachtman: ‚Etwa ein, zwei oder drei Wochen nach Budenz‘ Buch ‚THIS IS MY STORY‘ kam ein zuverlässiger Freund von uns und erzählte mir, dass ein FBI-Agent ihn besucht habe, um einige Informationen zu erhalten. Im Verlauf des Gesprächs erzählte der FBI-Mann unserem Freund Jones, dass die Stalinisten eine Agentin in der SWP hätten. Er fragte dann, ob Jones eine gewisse ‚S‘ in der SWP kenne, die im Jahr 1939 aus Chicago gekommen war, einen Job im Büro der SWP bekam und dann Privatsekretärin von Cannon wurde. In Chicago arbeitete sie für einen Arzt. Sie hatte einen stalinistischen Freund namens Irving.’

Den WP-Genossen wurde dann die Kurzbiografie von ‚S‘ mitgeteilt, wie sie uns von ihr geschildert worden war.

Genosse G. von der WP erzählte dann von dem ersten Treffen mit ‚S‘ auf einer Mitgliederversammlung in Chicago auf der NW-Seite, etwa im Jahr 1937.

Die WP-Mitglieder versicherten uns, dass sie mit niemandem über die Angelegenheit gesprochen hätten und dies auch nicht tun würden. Sie stimmten zu, dass diese Informationen ausschließlich auf den Angaben eines FBI-Mannes beruhten, fühlten sich aber verpflichtet, uns die Angelegenheit mitzuteilen.

Cannon wies darauf hin, dass die einzigen Fakten, aus denen der FBI-Mann auf ihre Eigenschaft als stalinistische Agentin in der SWP geschlossen hatte, Folgende waren:

1 – Dass diese Genossin 1939 von Chicago nach New York kam.

2 - Dass sie in Chicago für einen Arzt gearbeitet hatte.

3 - Dass sie einen Job als Stenografin im Büro der SWP bekam und später Cannons Privatsekretärin wurde.

4 - Dass sie einen Freund namens Irving hatte oder hat.

Eine Diskussion folgte und der allgemeine Konsens war, dass die oben genannten Tatsachen weder den Gerüchten Glaubwürdigkeit verleihen noch weitere Maßnahmen rechtfertigen.

Nachdem die WP-Mitglieder gegangen waren, wurde die Diskussion fortgesetzt und der folgende Antrag gestellt und angenommen:

ANTRAG: Dass die Aussagen des FBI-Mannes keine Grundlage für den Verdacht gegen Genossin ‚S‘ bieten und wir dies Genossin ‚S‘ mitteilen.

Dass wir den Fall niemandem gegenüber erwähnen und die WP-Genossen bitten, auch nicht darüber zu sprechen.

Dass wir auf Hinweise für Klatsch in dieser Angelegenheit achten und im Falle, dass sich ein solcher entwickelt, umgehend entsprechend der Umstände handeln, die durch die neuen Entwicklungen vorgegeben werden.

Rose Karsner
Kontrollkommission“

Die Reaktion der SWP war eine unaufrichtige Vertuschung. Shachtman und Glotzer hatten der Kontrollkommission klare und belastbare Fakten geliefert. Die öffentlich zugänglichen Informationen über die Rolle der Franklin-Familie als öffentliche Fürsprecherin des Stalinismus bewiesen endgültig, dass Sylvia Callen über ihre Verbindungen zur Kommunistischen Partei gelogen hatte.

Die SWP hätte durchaus das Recht gehabt, eine Untersuchung durch eine GrandJury über Callens Rolle zu verlangen, so wie sie es bei Louis Budenz gefordert hatte. Am 5. Juni 1947, am selben Tag, an dem die zweite Sitzung der SWP-Kontrollkommission stattfand, erschien Budenz endlich vor einer Grand Jury in New York. Die SWP stand in regelmäßigem Kontakt mit dem Bezirksstaatsanwalt von Manhattan, den sie getroffen hatte, um die Petitionen einzureichen, in denen eine Anklage durch die Grand Jury gefordert worden war. Nun hielt die SWP den Beweis in den Händen, dass die GPU die Parteiführung mit einer Agentin unterwandert hatte, die Zugriff auf streng vertrauliches internes Material hatte. Dies war ein wichtiger Durchbruch in den Bemühungen, die Infiltration der trotzkistischen Bewegung durch die GPU aufzudecken.

Aber die SWP unternahm nichts, um Callens Rolle zu untersuchen. Sie hätte Callen ausschließen müssen, weil sie gelogen und ihren Hintergrund verheimlicht hatte. Sie hätte diese Informationen veröffentlichen müssen, sie den Enthüllungen von Budenz und der Flut an Informationen über die Unterwanderung der SWP durch die GPU und deren Rolle bei der Ermordung Leo Trotzkis hinzufügen müssen. Stattdessen ließ die SWP Callen in Ruhe und verabschiedete einen Beschluss, „dass wir den Fall niemandem gegenüber erwähnen und die WP-Genossen [Shachtman und Glotzer] ebenfalls bitten, nicht darüber zu sprechen“. Die Kontrollkommission beschloss, sie werde „im Falle, dass sich ein solcher Klatsch entwickelt, umgehend entsprechend der Umstände handeln, die durch die neuen Entwicklungen vorgegeben werden“. Cannons Frau und Callens gute Freundin, Rose Karsner, war die einzige Unterzeichnerin des stenografischen Berichts vom 5. Juni 1947.

Indem sie diese wichtigen Informationen zurückhielt, blockierte die SWP genau die Untersuchung, die sie ursprünglich gefordert hatte.

Der Nachruf auf Callens Schwiegervater Samuel Franklin

Budenz‘ Entlarvung von Callen war für Cannon ohne Frage ein verheerender politischer und persönlicher Schlag. Er muss die politischen Auswirkungen von Callens Verrat sofort erkannt haben. Die Sicherheit der SWP war schwer kompromittiert worden. Callen hatte Zugang zu Dokumenten, Unterlagen und internationaler Korrespondenz der Partei. Cannon war mit einem Albtraum konfrontiert, der nur allzu real war. Dennoch wären Cannon und die Kontrollkommission politisch unabweislich verpflichtet gewesen, die Wahrheit herauszufinden. Stattdessen verhielten sie sich in einer Weise, die nicht zu rechtfertigen war, und vertuschten bewusst Callens Rolle als stalinistische Spionin.

Callen verließ die Bewegung unmittelbar nach der SWP-Kontrollkommission und zog von New York weg. Ihr plötzliches Verschwinden wurde den Mitgliedern weder mitgeteilt noch erklärt. Darüber hinaus wurde über Budenz‘ Auftritt vor der Grand Jury im Militant kaum berichtet; bald stellte die SWP die Berichterstattung über die Enthüllungen von Budenz insgesamt ein.

Fortsetzung folgt

Anmerkungen:

[1] The Militant, 8. März 1947. Verfügbar unter: https://www.marxists.org/history/etol/newspape/themilitant/1947/v11n10-mar-08-1947.pdf

[2] Ebenda.

[3] Budenz, Louis, This is my story, (New York: McGraw-Hill, 1947), p. 244.

[4] Ebenda., S. 245.

[5] Ebenda, S. 245-46.

[6] Ebenda, S. 246.

[7] Ebenda, S. 257.

[8] Ebenda, S. 258.

[9] Ebenda, S. 259.

[10] Ebenda.

[11] Ebenda, S. 262.

[12] The Militant, 8. März 1947. Verfügbar unter: https://www.marxists.org/history/etol/newspape/themilitant/1947/v11n10-mar-08-1947.pdf

[13] Ebenda.

[14] Ebenda.

[15] Ebenda.

[16] Ebenda.

[17] Ebenda.

[18] The Militant, 22. März 1947. Verfügbar unter: https://www.marxists.org/history/etol/newspape/themilitant/1947/v11n12-mar-22-1947.pdf

[19] Ebenda.

[20] Ebenda.

[21] Ebenda.

[22] Ebenda.

[23] The Militant, 3. Mai 1947. Verfügbar unter: https://www.marxists.org/history/etol/newspape/themilitant/1947/v11n18-may-03-1947.pdf.

[24] Ebenda.

[25] „Samuel Nathan Franklin“, Abraham Lincoln Brigade-Archiv, verfügbar unter: http://www.alba-valb.org/volunteers/samuel-n-franklin

[26] Ebenda.

[27] „Zalmond David Franklin,“ Abraham Lincoln Brigade-Archiv, verfügbar unter: http://www.alba-valb.org/volunteers/zalmond-david-franklin

[28] „Zalmond Franklin, Somewhere in Spain (Irgendwo in Spanien), 11. Oktober 1937, Wisconsin State Journal, S. 2.

[29] „Experiences in Spanish War to Be Recounted“, („Berichtenswerte Erfahrungen aus dem Spanienkrieg“), 6. Mai 1958, Wisconsin Jewish Chronicle.