Was steckt hinter der Kampagne gegen Daniel Barenboim?

Von Clara Weiss
14. März 2019

Der weltbekannte Dirigent und Pianist Daniel Barenboim ist seit einigen Wochen das Zielobjekt einer heftigen Kampagne. Der in Argentinien geborene israelische Musiker wird im Stil von #MeToo angegriffen. Die Vorwürfe in der deutschen und Berliner Presse, die sich auf sein angebliches „Mobbing“ fokussieren, bezwecken seine Diskreditierung und gehen mit der Forderung nach seiner Absetzung einher.

Barenboim ist seit 1992 Musikdirektor der Berliner Staatskapelle, die in der Staatsoper residiert. Er wird weltweit als einer der größten lebenden Musiker betrachtet und steht beispielhaft für das letzte Jahrhundert Musikgeschichte. Meisterhaft sind seine Interpretationen jeglicher Musik, vom 18. Jahrhundert bis heute. Er ist zudem – ungewöhnlich und mutig für jemanden in seiner Position – ein freimütiger Kritiker von Israels Politik gegen die palästinensische Bevölkerung.

Der Vorwurf des „Mobbings” wurde zuerst anonym von mehreren Musikern erhoben, die in der Vergangenheit mit ihm in der Staatskapelle gearbeitet hatten. Der erste Artikel erschien im Februar in der deutschen Zeitung für klassische Musik Van. Er trug den höhnischen Titel „Der Poltergeist. Wer hat Angst vor Daniel Barenboim?“

Der Artikel zeichnete Barenboim als fast unkontrollierbaren Tyrannen, der nur auf die Gelegenheit lauert, Musiker und andere Mitarbeiter anzuschreien und zu erniedrigen. Van zitierte einen Angestellten, der behauptet, Barenboim würde eine „Atmosphäre der Angst“ erzeugen. Der Musiker wurde als „jähzornig und launisch“ bezeichnet. Ein ehemaliger Angestellter der Staatskapelle behauptete, dass das Verhalten des Dirigenten für die Depressionen verantwortlich sei, die er verschiedene Male während seiner Zeit bei diesem Orchester erlitten habe.

Daniel Barenboim in Vienna, 2008 (Credit: Alkan)

Der Artikel ging so weit, nicht nur Barenboim, sondern auch seine erste Frau, Jacqueline du Pré, anzugreifen. Du Pré, eine der größten Cellistinnen des 20. Jahrhunderts, litt an Multipler Sklerose, welche zunächst die Künstlerin auf tragische Weise ihrer Spielfähigkeit beraubte und dann ihren verfrühten Tod im Alter von 42 Jahren im Jahr 1987 verursachte. Sowohl du Pré als auch Barenboim, wie der Artikel suggeriert, seien kaltherzige Wichtigtuer, die ihrem eigenen Leben größere Bedeutung zumessen als dem geringerer Talente.

Die anonymen Mobbing-Klagen wurden schnell von der Berliner Presse aufgegriffen, insbesondere vom Tagesspiegel und der Berliner Zeitung, die darauf drängten, Barenboims Vertrag, der im Jahr 2022 ausläuft und zurzeit in Verhandlung steht, nicht zu verlängern. Auch die unvermeidliche New York Times fiel im Februar in diesen Chor ein.

Als eine Andeutung, was die Motive für die gegenwärtigen Angriffe auf Barenboim sein könnten, teilt der Van-Artikel in einer längeren Passage mit, dass die Staatskapelle sich unter Barenboim bedeutende Geldquellen der Bundesregierung sichern konnte, während andere Opernhäuser Berlins gezwungen wurden, sich auf lokale Zuwendungen zu beschränken. Es besteht kein Zweifel daran, dass Barenboim über die Jahre viele Kämpfe führte, um eine maximale finanzielle Unterstützung für die Staatskapelle sicherzustellen. Er hatte Erfolg dabei, aber nicht, weil er sich irgendwelcher hinterlistigen Manöver bediente, sondern in erster Linie aufgrund der wohlverdienten internationalen Reputation des Ensembles und seines Dirigenten.

Nur vier Musiker haben Barenboim offen kritisiert. Einer von ihnen hat zwölf Jahre mit Barenboim zusammengearbeitet. Eine andere, die zurzeit bei der Staatskapelle engagiert ist, übersandte Berichten zufolge Barenboim einen Brief, nachdem ihre Äußerungen in der Presse zitiert wurden, und entschuldigte sich bei ihm, weil sie gegen ihn „instrumentalisiert“ worden sei.

Es ist Barenboim hoch anzurechnen, dass er nicht bereit ist, dieser „Kampagne“ (wie er sie selbst nennt) zur Verhinderung einer Vertragsverlängerung klein beizugeben. Er erklärte, er bedaure es, wenn er Menschen verletzt haben sollte, fühle sich jedoch nicht schuldig, das Orchester auf diktatorische Weise geführt zu haben. Er habe keine Verbrechen begangen.

In einem Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit beantwortete Barenboim überzeugend die „Patriarchats“-Vorwürfe. „Dass man alt und erfahren ist, berechtigt zu gar nichts. Aber wenn ein Mensch etwas geschaffen hat und das auch an die nächsten Generationen weitergeben kann, darf er schon erwarten, dass man ihm ab und zu Gehör schenkt.“

Mehrere Musiker haben Barenboim verteidigt. Der weltbekannte mexikanische Tenor Rolando Villazón schrieb in der Frankfurter Allgemeine Zeitung, dass „ein Probenraum kein Picknick, keine Therapiesitzung und auch kein geselliges Beisammensein [ist]. Ein Probenraum ist ein Ort, an dem jeder sein Bestes mitbringen muss, damit gemeinsam Exzellenz erreicht werden kann. Alle tragen diese Verantwortung, aber musikalisch gesehen gibt es eine Person, die die Gesamtverantwortung tragen muss – der Dirigent oder die Dirigentin. Und niemand erfüllt diese Verantwortung mit mehr Leidenschaft, Respekt, Autorität und Liebe als Daniel Barenboim. Er hat dieser Verantwortung sein ganzes Leben gewidmet.“

Die Angriffe auf Barenboim tragen bestimmte Merkmale, die auch in verschiedenen #MeToo-Kampagnen der vergangenen zwei Jahre bestimmend waren. Sie basieren auf einer Mischung aus zumeist anonymen Beschuldigungen, die nur schwer, wenn überhaupt, zu beweisen sind und keine rechtliche Relevanz beanspruchen können, sowie offensichtlich von Journalisten fabrizierten Verdrehungen und Beschuldigungen. Das Ziel besteht darin, Skandal zu provozieren und sorgfältiges Nachdenken zu vermeiden, um einen großen Musiker und Intellektuellen zu diskreditieren und seinen beruflichen Fortgang zu zerstören.

Die Attacke auf Barenboim erinnert an die Kampagne gegen den schwedischen Theaterregisseur und Kulturfunktionär Benny Fredriksson, den Ehemann der bekannten schwedischen Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter. Fredriksson wurde anonym des „Mobbings“ sowie sexueller und psychologischer Belästigung beschuldigt. Diese Beschuldigungen führten zu seinem Rücktritt vom Posten als Geschäftsführer des Stockholmer Kultur- und Theaterzentrums und schließlich im März 2018 zu seinem Selbstmord. Eine Untersuchung enthüllte später, dass keine Beweise für sexuelle Belästigung vorlagen.

Barenboim wurde keiner Sache beschuldigt, die auch nur entfernt als illegal angesehen werde könnte. Die von den Musikern geäußerten Vorbehalte, ob berechtigt oder nicht, sind von der Art, wie sie allgemein im Konzert- oder Opernhaus im internen Rahmen von Schlichtung und Diskussion anzutreffen sind. Der Direktor der Staatskapelle hat bereits interne Diskussionen und Vermittlungen angekündigt, und Barenboim erklärte sich einverstanden, an ihnen teilzunehmen.

Es darf davon ausgegangen werden, dass persönlicher Karrierismus, ebenso wie langjährige Rivalitäten über Finanzen und Prestige zwischen Berliner Opernhäusern, in dieser Kampagne eine wichtige Rolle bei der Mobilisierung verwirrter Individuen und Schichten spielten.

Eine weitere Frage muss jedoch gestellt werden: Was sind die tieferliegenden Motive dieser Angriffe auf einen führenden Künstler und Intellektuellen in Deutschland? Diese Frage kann nur beantwortet werden, wenn man Barenboims politische Ansichten und den politischen und kulturellen Kontext der Angriffe auf ihn berücksichtigt.

Die Angriffe auf Barenboim finden inmitten einer eskalierenden Kampagne in Deutschland und weltweit statt, die jegliche Kritik am zionistischen Staat Israel als „antisemitisch“ diskreditiert. In den jüngsten Monaten ging diese Kampagne dazu über, jegliche linke Opposition gegen den Kapitalismus als „antisemitisch“ zu diffamieren. Sie soll einen ideologischen und juristischen Rahmen schaffen, um Kapitalismuskritik zu kriminalisieren.

Barenboim wird als ein wesentliches Hindernis für diese Kampagne betrachtet. Im heutigen Deutschland ist er wohl der prominenteste israelische Intellektuelle, der sich der rechtsextremen Politik der israelischen Regierung entgegenstellt.

Barenboim dirigiert eine Probe des West-Eastern Divan Orchestra, Spanien, 2005

Im Jahr 1999 gründete Barenboim zusammen mit dem verstorbenen palästinensischen Schriftsteller und Intellektuellen Edward Said das West-Eastern Divan Orchestra (benannt nach dem „West–östlichen Divan“ von 1819, einer Gedichtsammlung von Johann Wolfgang von Goethe, inspiriert von dem persischen Dichter Hafis aus dem 14. Jahrhundert). Das Orchester bringt junge israelische und palästinensische Musiker zusammen. Vor wenigen Jahren gründete er in Berlin die Barenboim-Said-Akademie, um eine neue Generation talentierter Musiker aus dem Nahen Osten heranzubilden. Im Jahr 2008 wurde Barenboim die palästinensische Ehrenstaatsbürgerschaft verliehen.

Kürzlich kritisierte Barenboim das rassistische Nationalstaatsgesetz Israels, das eine jüdische Vorherrschaft in der Staatsverfassung festschreibt. „Ich schäme mich heute, ein Israeli zu sein“, erklärte er im britischen Guardian und verurteilte das neue Gesetz als „eine sehr deutliche Form von Apartheid“. Er schrieb: „Wie passt Okkupation und Herrschaft über ein anderes Volk mit der Unabhängigkeitserklärung zusammen? Liegt ein Sinn darin, wenn der eine seine Unabhängigkeit auf Kosten der Grundrechte des anderen genießt? Kann das jüdische Volk, dessen Geschichte eine endlose Abfolge von Leid und unaufhörlicher Verfolgung ist, sich erlauben, gegenüber den Grundrechten und dem Leid eines Nachbarvolkes teilnahmslos zu sein?“

Vor fast fünf Jahren bemerkte die WSWS nach einem israelischen Angriff auf Palästinenser im Gazastreifen: „Barenboim zieht mit seinem Mitgefühl für Palästinenser den Hass und sogar Drohungen der reaktionären und faschistischen Elemente auf sich, die in Israel unter dem Schlachtruf ‚Tod den Arabern‘ mobilisieren.“

Barenboim ist zudem ein konsequenter und unverblümter Kritiker der zunehmenden Propagierung von Antisemitismus, Rassismus und der extremen Rechten in Deutschland und anderen europäischen Staaten.

Seine Ansichten sind von demokratischen und humanistischen Prinzipien geprägt. Sie haben ihm die erbitterte Feindschaft von Teilen der deutschen Kulturelite und politischen Führung eingebracht, ebenso des zionistischen Establishments und der antisemitischen extremen Rechten in Deutschland. Es gibt nicht den geringsten Zweifel, dass die aktuellen Angriffe auf ihn von solchen Kräften begrüßt, wenn nicht gar aktiv ermuntert werden.

Die Kampagne gegen Barenboim hat nicht nur die Vernichtung seines guten Rufs und seiner Karriere zum Ziel. Sie geht viel weiter. Sie soll all jene einschüchtern und zum Schweigen bringen, die es wagen, sowohl gegen den Antisemitismus der extremen Rechten in Deutschland als auch gegen die rechtsextreme Politik des Zionismus Stellung zu beziehen. Alle denkenden Intellektuellen, Künstler, Arbeiter und Jugendliche müssen ihr entgegentreten.