BVG-Streik legt Berlin lahm

Von unseren Reportern
16. Februar 2019

Am Freitag legten tausende Arbeiter der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) die Arbeit nieder. Von 3.30 Uhr bis 12 Uhr standen sämtliche U-Bahnen und Trams der Hauptstadt still und auch die meisten Busse blieben in den Depots. Mit einer Demonstration vor der BVG-Zentrale unterstrichen 4000 Arbeiter ihre Forderungen nach Verkürzung der Arbeitszeit und einer deutlichen Anhebung der Löhne.

Die Demonstration vor der BVG-Zentrale

Während die Wut der Arbeiter enorm ist, setzt die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi alles daran, den Streik unter Kontrolle zu halten und eine Ausweitung zu verhindern. Erst am Mittwoch hatte Verdi die Beschäftigten des öffentlichen Diensts der Hauptstadt zum Streik aufgerufen, ihre Kollegen bei der BVG dagegen erst zwei Tage danach. Eine gemeinsame Bewegung aller Arbeiter in Berlin, Deutschland und ganz Europa soll um jeden Preis vermieden werden.

Gerade bei der BVG hat Verdi eng mit den Senatsparteien zusammengearbeitet, um den Betrieb in ein Niedriglohnunternehmen zu verwandeln und auf Kosten der Arbeiter Rekordprofite einzufahren. Die Wut, die darüber existiert, will Verdi nun mit orchestrierten Protestaktionen unter Kontrolle bringen. Doch selbst auf der von Verdi organisierten Kundgebung vor der BVG-Zentrale gelang dies kaum.

„Wenn jetzt nichts passiert, platzt bei der BVG die Bombe“, erklärte etwa der Industriemechaniker David, der in den BVG-eigenen Werkstätten arbeitet. Das Problem sei der Senat, der für alles Mögliche Geld habe, aber nicht bereit sei, die Arbeiter anständig zu bezahlen. „Dabei hat die BVG so viel Plus gemacht. Davon sollen sie doch mal die Löhne erhöhen“, fügt sein Kollege Marco hinzu.

Marco und David

Wie viele andere auf der Demonstration berichtet Marco, dass er von seinem Gehalt nicht leben könne. Nach Abzug der Fixkosten blieben ihm gerade einmal 400 Euro. „Dafür kann ich mir kein Auto leisten, keinen Urlaub und nicht mal die Reparatur von Haushaltsgeräten.“ Deshalb hat er sich um einen Zweitjob in einer Sicherheitsfirma bemüht, bei der er an den Wochenenden arbeiten kann.

Auch David beklagt die niedrigen Löhne. Er sei als Industriemechaniker ausgebildet und mache auch die entsprechenden Tätigkeiten, werde von der BVG aber deutlich schlechter als Fahrzeugschlosser bezahlt. Hinzu käme, dass er als Neubeschäftigter 2,5 Stunden mehr arbeiten müsse, aber bis zu 1000 Euro weniger Lohn bekomme als die Kollegen, die vor 2005 eingestellt worden seien. „Wir wollen die Angleichung, damit es nicht mehr die Differenzen zwischen den Kollegen gibt“, sagt er.

Der Busfahrer Orkan sagt, er bekomme 1600 Euro netto und müsse dafür 39 Stunden fahren. Als er mit seiner Frau und seinen drei Kindern aufgrund von Arbeitslosigkeit Grundsicherung beziehen musste, erhielt er hingegen 1.980 Euro. „Wenn meine Frau nicht auch bei der BVG angefangen hätte, müsste ich trotz meiner Arbeit zum Amt, um aufzustocken.“

„Die Bedingungen für Busfahrer sind in Berlin sehr schlecht“, sagt ein anderer Kollege, der seit sechs Jahren für die BVG fährt und seinen Namen nicht nennen will. „Wir haben mittlerweile Münchener Verhältnisse bei den Mieten, aber Berliner Verhältnisse bei der Bezahlung.“ Besonders belastend sei der wachsende Stress. „Wir müssen oft acht Stunden hintereinander voll konzentriert fahren. Es ist ein Wunder, dass dabei nicht mehr Unfälle passieren.“

„Wenn der Bus vor einem ausgefallen ist, steigt der Stress enorm, und den nimmt man dann mit nach Hause“, sagt Burak. Auch er klagt über die niedrigen Löhne. „Eigentlich arbeiten wir nur für die Miete“, sagt er. „Wenn Verdi dieses mal wieder mit einem Hungerlohn abschließt, dann treten wir aus. Ich hoffe aber, dass es diesmal zwei- bis dreihundert Euro mehr im Monat gibt.“ Zwar wird im Moment noch der Manteltarif verhandelt, doch starten im März auch die Lohnverhandlungen.

Auch David und Marco sind skeptisch, ob Verdi ernsthafte Verbesserungen durchsetzen wird. „Viele ältere Kollegen haben gesagt, dass sie heute nicht kommen, weil sie Verdi nicht unterstützen“, erklärt David. Sie hätten seit 2005 immer mehr ihres Reallohnes verloren und die Arbeitsbedingungen hätten sich verschlechtert. „Wir werden sehen, wie es jetzt mit Verdi läuft. Anschließend werden wir dann sehen, ob wir dabei bleiben oder nicht.“

Neben Verdi haben auch die kleineren Gewerkschaften NahVG und GKL zum Streik aufgerufen. Sie bauten ihren Streikposten vor der Zentrale der BVG-Tochter BT auf, die eigens gegründet worden war, um Löhne und Arbeitsbedingungen weiter zu verschlechtern.

Arbeiter vor der BT-Zentrale in Wedding

Der 30-jährige BVG-Arbeiter Christoph erklärt dort: „Ich streike für mehr Geld. Die Bezahlung ist nicht gerade rosig, und wir leben in einer Stadt, wo die Mieten und die Lebenskosten immer weiter steigen.“ Dies sei „ein allgemeines Thema in Berlin“, betont er, und verweist auf den Streik der Lehrer und anderer Beschäftigter im öffentlichen Dienst nur zwei Tage zuvor. „Es ist nötig, dass wir endlich ein Zeichen setzen“.

Das Problem dabei sei nicht die Kampfbereitschaft der Arbeiter, sondern die Gewerkschaften. „Verdi sagt zwar, ‚Wir wollen jetzt streiken‘, aber am Ende knicken sie ziemlich schnell ein. Seit sieben Jahren gab es keinen richtigen Streik, und man wurde immer wieder abgespeist mit 2,5 Prozent.“ Verwunderlich sei das allerdings nicht, da Verdi den Berliner Senat und die Politik der Großen Koalition unterstütze. Vor allem die Politik der militärischen Aufrüstung verurteilt er scharf. „Ich finde es schwachsinnig, dass man Geld in die Aufrüstung steckt. Dass die Bundesregierung zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts ins Militär stecken will, wie es Donald Trump fordert, ist höchst gefährlich.“

Unterstützer der Sozialistischen Gleichheitspartei (SGP) verteilten an beiden Streikposten den Aufruf des Europawahlkandidaten und Busfahrers Andy Niklaus, der seine Kollegen aufruft, mit den Gewerkschaften zu brechen und unabhängige Aktionskomitees aufzubauen. „In der tiefsten Krise des Kapitalismus seit den 1930er Jahren können Arbeiter keines ihrer Rechte verteidigen und keine Verbesserungen durchsetzen, ohne mit den Gewerkschaften zu brechen und den Kampf selbst in die Hand zu nehmen“, heißt es darin.

Noch am gleichen Tag erhielt Niklaus sowohl von Altbeschäftigten, die aus Protest gegen Verdi nicht zum Streikposten gekommen waren, als auch von Teilnehmern der Kundgebung Zuschriften, die Interesse an der Bildung eines unabhängigen Aktionskomitees bekundeten.

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