40 Jahre seit der Erstausstrahlung der Serie „Holocaust“

Von Clara Weiss
6. Februar 2019

40 Jahre nach ihrer Erstausstrahlung im WDR ist die US-amerikanische Fernsehserie Holocaust in den vergangenen Wochen in den deutschen Fernsehsendern WDR, NDR und SDR wieder gezeigt worden.

Die Erstausstrahlung der Serie im Jahr 1979 erschütterte die Bundesrepublik: es wird heute geschätzt, dass jeder zweite Einwohner Westdeutschlands zumindest einen Teil der Serie gesehen hat. Damals bedeutete die Serie für Millionen die größte gesellschaftliche Konfrontation mit dem Holocaust seit dem Kriegsende. 40 Jahre später hat die Serie inmitten eines internationalen Rechtsruckes, dem Einzug der rechtsextremen AfD in den Bundestag und der systematischen Verharmlosung des Nationalsozialismus nichts an ihrer Relevanz verloren.

Die vierteilige Serie erzählt das Schicksal der Familie Weiß, einer assimilierten deutsch-jüdischen Familie in Berlin, unter dem Nationalsozialismus von 1935 bis 1945. Der Vater, Dr. Josef Weiß (Fritz Weaver), ist Arzt und die Mutter (Rosemary Harris) eine begeisterte Liebhaberin der deutschen Kultur, insbesondere der Musik. Sie stellt sich strikt gegen eine Auswanderung der Familie.

Der erste Teil beginnt mit der Hochzeit des ältesten Sohnes Karl (James Woods), einem Künstler, mit der nicht-jüdischen Inga (Meryl Streep), deren Verwandte überzeugte Nationalsozialisten sind. Neben Karl haben die Weiß noch zwei Kinder: Rudi (Joseph Bottoms), der schon im ersten Teil in gewaltsame Konfrontationen mit der Hitler-Jugend gerät, und Anna, die Jüngste (Blanche Baker).

James Woods als Karl Weiß (rechts)

In den folgenden Teilen sehen wir, wie die Familie nach und nach auseinandergerissen wird. Dem Vater wird schon bald die Erlaubnis entzogen, nicht-jüdische Patienten zu behandeln. Der Buchladen des Großvaters wird in der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 brutal überfallen und der Großvater aufs Schlimmste gedemütigt. Karl wird nach der Pogromnacht verhaftet und ins KZ Buchenwald gesteckt. Später kommt er nach Theresienstadt, wo er für Zeichnungen, die er von den Gräueltaten der Nazis angefertigt hat, brutal gefoltert wird. Der Vater wird kurz nach der Reichspogromnacht nach Polen deportiert, wo er schließlich ins Warschauer Ghetto kommt.

Anna erleidet noch in Berlin einen Nervenzusammenbruch, nachdem sie durch Nazis vergewaltigt worden ist. Inga und die Mutter schicken sie in eine Heilanstalt für psychisch Kranke, wo sie wie hunderttausende andere im Rahmen der Aktion T-4 vergast wird. Auch die Mutter wird bald darauf ins Warschauer Ghetto deportiert. Sie wird später in Auschwitz vergast. Karl und der Vater sterben kurz vor Kriegsende: Karl im Konzentrationslager, und der Vater bei einem Todesmarsch aus dem Lager.

Rudi (Joseph Bottoms) überlebt als einziger in der Familie, nachdem er sich sowjetischen Partisanen angeschlossen und gegen die Wehrmacht in der besetzten Ukraine und in Polen gekämpft hat.

Der Familie Weiß wird die Familie von Erik Dorf (Michael Moriarty) gegenübergestellt. Der Sohn eines Bäckers, der aus Verzweiflung während der Wirtschaftskrise Anfang der 1930er Jahre Selbstmord begangen hat, steigt – angetrieben von seiner nationalsozialistischen und ehrgeizigen Frau – innerhalb weniger Jahre vom gelernten, aber arbeitslosen Juristen zur rechten Hand von Reinhard Heydrich auf, dem Chef erst des Sicherheitsdienstes (SD) und dann des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA).

Das RSHA wurde 1939 durch die Zusammenlegung von SS und SD gegründet und spielte die zentrale Rolle bei der Planung und Ausführung des Genozids der europäischen Juden sowie bei der brutalen Verfolgung und Unterdrückung sämtlicher „politischen“ und „Rassefeinde“ des Dritten Reiches. Die SS-Einsatzgruppen, die innerhalb weniger Monate in den besetzten Gebieten der Sowjetunion 1,5 Millionen Menschen durch Massenerschießungen ermordeten, unterstanden Heydrich. Nach Ende des Krieges nimmt sich Erik Dorf, zutiefst involviert in die Verbrechen des RSHA, wie so viele Nazis das Leben, um einem Gerichtsurteil der amerikanischen Behörden zu entgehen.

Durch die Kombination einer Darstellung beider Familien gelingt es dem Film auf beeindruckende Weise, das ganze Ausmaß und die verschiedenen Aspekte des Holocaust – von der Verfolgung in Deutschland, über die Ghettos und Massenerschießungen in Polen und in der besetzten Sowjetunion, bis hin zu den Vergasungen in den Vernichtungslagern – zu schildern. Auch der mutige Kampf der Partisanen gegen die Nazis wird ausführlich gezeigt. Die schauspielerischen Leistungen insbesondere von Meryl Streep als Inga und Michael Moriarty tragen viel zur Eindringlichkeit des Filmes bei.

Wenn auch der Film den Kitsch gelegentlich streift und es einige kleinere historische Ungenauigkeiten gibt (beispielsweise zur Deportation von Josef Weiss oder den Bedingungen im Warschauer Ghetto), ist er doch gerade angesichts seiner historischen Entstehungszeit beeindruckend klar, scharfsichtig und umfassend.

Transport ins KZ

Viele Aspekte des Holocaust, wie zum Beispiel die Bedeutung der Erschießungen durch Einsatzgruppen, aber vor allem auch die Mitschuld der Wehrmacht, wurden in Deutschland noch bis in die 1990er Jahre entweder kaum diskutiert oder kleingeredet. Eine Ausstellung über die enormen Verbrechen der Wehrmacht kam in den 1990er Jahren unter massiven Beschuss und wurde schließlich frühzeitig eingestellt. (Siehe auch: Die Debatte über die Verbrechen der Wehrmacht)

Dieses reaktionäre Klima war ein direktes Ergebnis der Nachkriegsordnung: Die Unterdrückung der revolutionären Kämpfe der Arbeiterklasse in Europe durch den Stalinismus ermöglichten eine Restablisierung des Kapitalismus. Mit dem Beginn des Kalten Krieges beendeten die USA größtenteils die Verfolgung und Verurteilung von Nazi-Verbrechen. Stattdessen wurden führende Nazis und Wehrmachtsoffiziere in den Kalten Krieg gegen die Sowjetunion eingebunden und arbeiteten für die US Army und die CIA. In Deutschland rekrutierten sich die neuen Eliten aus den alten: in allen wesentlichen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, sei es Politik, Wirtschaft oder Kultur, spielten alte Nazi-Größen eine zentrale Rolle.

Auch unter Ärzten und Juristen, den beiden Berufen mit der höchsten NSDAP-Mitgliedschaftsrate, von denen Tausende tief in die Verbrechen der Nazis gegen Juden, politische Gegner und Kranke verstrickt waren, herrschten die alten Seilschaften und Kontinuitäten fort. Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer stieß auf die geballte Opposition des deutschen Justizapparats, der von oben bis unten mit Alt-Nazis besetzt war, als er den ersten Prozess gegen Verbrecher von Auschwitz auf deutschem Boden anstrengte. Bis in die späten 1970er Jahre wurde nicht einmal der Reichspogromnacht regelmäßig und offiziell gedacht.

Deutsche Historiker behandelten den Holocaust bis in die 1980er Jahre fast gar nicht in ihren Arbeiten. Raul Hilberg’s monumentales Buch „Vernichtung der europäischen Juden“, das erste umfassende historische Werk über den Holocaust, wurde in den USA verfasst und fand jahrelang keinen Verleger in Deutschland. 1961 erstmals veröffentlicht, kam es erst 1982 im kleinen Berliner Verlag Olle & Wolter heraus. Wirkliche umfassende Forschungen von deutschen Historikern zur Dynamik des Holocaust sowie des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunionen erschienen größtenteils erst ab den 1990er Jahren.

Vor diesem Hintergrund bedeutete die offene Diskussion des Holocaust durch eine Dramatisierung sowohl der Seite der Opfer als auch der Täter einen enormen Durchbruch: Millionen wurden so direkt mit dem Ausmaß der Verbrechen des Nazis konfrontiert, die damals nur knapp eine Generation zurücklagen.

Die Historikerin Miriam Rürüp erläuterte die Bedeutung des Filmes in einem Interview, „Das wirklich Beeindruckende aber war, wie diese vierteilige Serie, die im Konzept einer Seifenoper aufgezogen war, inhaltlich aufgenommen wurde. Es beginnt mit einer Hochzeit, also ganz klassisch, und dann wird man in die Zeitgeschichte hineingezogen. 1979 ist der Krieg noch nicht so lange her – er ist aber lange genug her, als dass es eine nächste Generation gibt, die ihre Eltern befragt: Wo seid ihr damals gewesen? Habt ihr mit euren Eltern gesprochen? Was ist da passiert? Wieso haben wir davon noch nichts gehört? Das heißt, auch innerfamiliär kann diese Serie ausgelöst haben, dass man sich erstmals damit befasst hat, was eigentlich im Nationalsozialismus passiert ist.“

Umfragen zufolge diskutierten nach dem Film 86 Prozent der Zuschauer den Holocaust mit Freunden oder Familie. Zehntausende riefen beim WDR an, um teilweise unter Tränen ihrem Schock und einem Gefühl der Scham Ausdruck zu geben. Auch ehemalige Wehrmachtssoldaten meldeten sich beim Sender und bestätigten die Gräuel, die in dem Film gezeigt werden. Vor der Ausstrahlung hatten Neo-Nazis versucht, das Senden der Serie durch einen Bombenanschlag auf zwei Sender des WDR zu verhindern.

Auch in der Geschichtswissenschaft ermutigte der Film und die gesellschaftliche Reaktion darauf ein genaueres Studium des Holocaust. Zudem beförderte der Film zahlreiche Projekte der Dokumentation des Nationalsozialismus auf lokaler Ebene, darunter das Projekt „Bayern in der NS-Zeit“ und die Ausstellung „Widerstand und Verfolgung in Essen“. KZ-Gedenkstätten eröffneten mehrere Ausstellungen, die sich so direkt wie noch nie mit der Vernichtung der Juden befassten. Während der 1980er Jahren kam es auch zunehmend zu spontanen Initiativen an Schulen oder einfach von Einwohnern, die Geschichte des Nationalsozialismus in ihrer Stadt oder in ihrem Ort aufzuarbeiten.

Gleichzeitig kam es in diesem politischen Klima zu einer massiven Gegenreaktion der Rechten, angeführt vom Historiker Ernst Nolte, der spätestens seit 1979 systematisch daran arbeitete, die Verbrechen des Nationalsozialismus, allen voran den Holocaust, als „Reaktion auf die Gewaltvorgänge der Russischen Revolution“ zu rechtfertigen. Auschwitz, so Nolte, sei in Wahrheit eine Reaktion auf den „Archipel GULag“ gewesen, und Hitler habe seine „asiatische Tat“ nur vollbracht, weil die Nationalsozialisten „sich und ihresgleichen als potentielle oder wirkliche Opfer einer ‚asiatischen‘ Tat betrachteten“ – d.h. der Russischen Revolution. Damals blieben Nolte und seine Mitstreiter, darunter Andreas Hilgruber und Michael Stürmer, in der Minderheit.

Heute wird der Film unter Bedingungen wieder gezeigt, wo Noltes Standpunkte von der AfD im Bundestag vertreten, von Historikern wie Jörg Baberowski weiterentwickelt und von Politik und Medien verteidigt werden, weil die Rückkehr des deutschen Militarismus eine Verharmlosung der Nazi-Verbrechen voraussetzt. Der Film hat damit nichts an seiner Bedeutung und politischen Relevanz verloren und verdient ein breites Publikum.

Teile der Serie sind noch in der WDR Mediathek erhältlich.

Alle vier Teile sind auf Youtube verfügbar