Streik in Matamoros droht Autoindustrie in Nordamerika lahmzulegen

22. Januar 2019

Der Streik von 70.000 Arbeitern bei Autozulieferern im mexikanischen Matamoros zeigt erste Auswirkungen auf Montagewerke in den USA. Er könnte die Autoproduktion in ganz Nordamerika zum Stillstand bringen.

Matamoros liegt ganz im Norden von Mexiko, direkt an der Grenze zum US-Bundesstaat Texas. In den Maquiladoras entlang der Grenze zwischen den USA und Mexiko werden unter extremen Ausbeutungsbedingungen fast zwei Drittel der mexikanischen Exporte produziert.

Arbeiter in den USA berichten der World Socialist Web Site, dass das Management die Produktion in den Montagewerken von General Motors und Ford infolge des Streiks zurückfährt. Die Produktion im Ford-Montagewerk in Flat Rock (Michigan) wird diese Woche eingestellt, weil wegen des Streiks die Komponenten ausgehen.

Durch ihre mutige Arbeitsniederlegung könnten die Belegschaften von 50 Betrieben in Matamoros eine der großen Branchen der Weltwirtschaft in die Knie zwingen.

Der Streik ist ein Beweis für die objektive Einheit und die gemeinsamen Klasseninteressen der US-amerikanischen, kanadischen und mexikanischen Arbeiter. Er ist die Antwort der Arbeiterklasse auf Donald Trumps rassistische Drohung, eine Mauer zwischen den USA und Mexiko zu bauen. Er ist auch die Antwort auf das nationalistische Gift, das von den Gewerkschaften UAW und Unifor verbreitet wird, um amerikanischen und kanadischen Arbeitern weiszumachen, ihre Feinde seien nicht die Autobosse und das kapitalistische Profitsystem, sondern die Kollegen in Mexiko.

Die Arbeiter von Matamoros beginnen, ihre Kraft zu erkennen. Gestern marschierten Tausende von ihren Betrieben zum zentralen Platz der Stadt und riefen: „Bourgeoisie raus!“ In einem über die sozialen Medien verbreiteten Aufruf fordern die Streikenden „alle mexikanischen Arbeiter“ zu einem landesweiten Generalstreik auf, den sie „Tag ohne Arbeiter“ nennen.

Ein Teil der gestrigen Massendemonstration marschierte unter dem Banner: „Die Gewerkschaft und das Unternehmen bringen die Arbeiterklasse um“. Streikende Arbeiter erklärten, die Berichte auf der World Socialist Web Site hätte „jeder gelesen“.

“Die Gewerkschaft und das Unternehmen töten die Arbeiterklasse”

Es gibt Anzeichen dafür, dass sich der Streik ausbreiten könnte. Am Freitag entließ der Autozulieferer Aptiv Hunderte von Arbeitern in der Grenzstadt Reynosa, weil sie in vorübergehenden Arbeitsniederlegungen eine 100-prozentige Lohnerhöhung gefordert hatten. Die Entlassungen lösten bei den Arbeitern helle Empörung aus.

Eine Million Arbeiter in den Maquiladoras nahe der US-mexikanischen Grenze verfolgen den Kampf in Matamoros mit Spannung.

Der Streik macht deutlich, dass die internationale Verflechtung der Automobilindustrie für die Arbeiter eine Quelle großer Stärke ist. Die Unternehmen haben die Globalisierung genutzt, um die Ausbeutung von Arbeitern auf der ganzen Welt zu steigern. Doch wie der Streik in Matamoros zeigt, haben die Arbeiter an jeder Produktionsstätte die Hebel in der Hand, um die gesamte Maschinerie der globalen profitorientierten Produktion lahmzulegen.

Zehntausende von Arbeitern auf der ganzen Welt verfolgen die Berichterstattung der World Socialist Web Site über den Streik, und immer mehr Menschen senden Unterstützungsbotschaften:

- Ein GM-Mitarbeiter aus dem kanadischen Oshawa schreibt: „Die Unternehmen versuchen, alle diese Arbeiter auf der anderen Seite der Grenze auszubeuten. Ich habe es satt! Das haben Kanada, die USA und Mexiko nicht verdient. Wir werden genau verfolgen, was die mexikanischen Arbeiter tun. Unsere Gewerkschaft tut nicht viel für uns. Ihr müsst diesen Kampf führen und gewinnen. Lasst euch nicht unterkriegen.“

- Ein rumänischer Arbeiter bei Autoliv – einem der in Mexiko bestreikten Unternehmen – erklärte gegenüber der WSWS: „Die Bedingungen in Mexiko sind eine Schande. In Rumänien ist es auch nicht gut. Wir arbeiten 12 Stunden für 20 Euro pro Tag. Die Gewerkschaften in Rumänien sind genauso wie die in Mexiko. Sie sind kleine Bosse. In Mexiko und Rumänien müssen wir bessere, anständige Bedingungen bekommen.“

- Ein Arbeiter von GM Silao im mexikanischen Guanajuato pflichtet ihm bei: „Wir müssen es hier in Silao genauso machen. Die Gewerkschaft taugt überhaupt nichts.“

- Ein Autoarbeiter in Detroit sagte: „Es freut mich, dass ihr über diese illusorischen nationalen Grenzen hinweg euren arbeitenden Brüdern und Schwestern im Norden die Hand reicht. Wir müssen als vereinte globale Kraft zusammenstehen. Wir werden nicht zulassen, dass US-Unternehmen mexikanischen Arbeiter im Namen des Kapitalismus etwas antun. Ihr seid unsere Kollegen, ihr lebt nur zufällig in einem anderen Land.“

Diese Botschaften der Klassensolidarität entlarven die Lüge der Gewerkschaften, dass die Arbeiter der drei Länder Nordamerikas unterschiedliche Interessen hätten. In jedem Land versuchen die Gewerkschaften den Arbeitern einzureden, dass sie mit ihren Kollegen konkurrieren müssten, anstatt sich zu vereinen, um ihre gemeinsamen Feinde zu bekämpfen. Die Gewerkschaften erzählen den Arbeitern in den reicheren Ländern, dass sie Kürzungen bei Löhnen und Sozialleistungen akzeptieren müssten, um zu Hause Arbeitsplätze zu „retten“.

Diese Strategie war eine Katastrophe für die Autoarbeiter. Weite Teile des US-amerikanischen und kanadischen Mittleren Westens wurden durch Werksschließungen und Zugeständnisse der Gewerkschaften verwüstet, während die Gehälter von Unifor- und UAW-Bürokraten in sechsstellige Bereiche abhoben. Jetzt plant GM den Abbau weiterer 15.000 Arbeitsplätze, unter anderem durch die Schließung von Werken in den USA und Kanada, die vom Streik bei den Zulieferbetrieben in Mexiko betroffen sind.

Der Streik in Matamoros ist ein Ereignis von internationaler Bedeutung. Hier findet ein offener Klassenkrieg statt. Die Konzerne entlassen Hunderte von Arbeitern und drohen ihre Familien ins Elend zu stürzen. Die Unternehmen sperren Arbeiter in die Werke ein und blockieren die Ausgänge mit Barrieren. Die mexikanische Marine und die Polizei eskortieren die Demonstrationen der Arbeiter mit den Fingern am Auslöser ihrer Sturmgewehre. Innerhalb einer Woche haben die Arbeiter den Unternehmen Gewinneinbußen in Höhe von 100 Millionen Dollar beschert.

Und doch ist bisher in den US-Medien kein einziger Bericht über den Streik erschienen. Mit fast der gleichen Beharrlichkeit haben ihn die überregionalen mexikanischen Medien totgeschwiegen.

Während US-Zeitungen wie die New York Times meterweise Spalten auf Fragen der sexuellen und ethnischen Identität verschwenden, zensieren sie die Überlebensfragen der Arbeiterklasse und verschweigen ihre Kämpfe.

Die herrschende Klasse – einschließlich der Gewerkschaften – wagt es nicht, auch nur ein Wort über den Streik in Matamoros zu sagen, weil sie Angst hat, dass er zum Vorbild für Arbeiter rund um die Welt wird.

Denn die Arbeiter in Matamoros zeigen, was möglich ist:

Sie organisieren sich unabhängig von den Gewerkschaften und wählen ihre eigenen Ausschüsse, mit zwei Vertretern aus jedem Betrieb, die den Streiks koordinieren, Informationen zwischen den bestreikten Werken austauschen und die gesamte Arbeiterklasse zur Unterstützung aufrufen. Dies kristallisiert sich als zentrales Thema des Klassenkampfs 2019 heraus.

Wichtige erste Schritte sind gemacht. Aber wir warnen die Arbeiter von Matamoros, dass die Unternehmen und die Gewerkschaften eine Strategie von Zuckerbrot und Peitsche anwenden, um ihren Kampf zu schwächen. Abgesehen von Drohungen mit Entlassungen und Gewalt stützen sich die Unternehmen und die Hauptgewerkschaft auf karrieresüchtige Arbeitsrechtler, die Unterstützung für die Arbeiter vortäuschen. Sie fordern bei gemeinsamen Auftritten mit den Gewerkschaftsbürokraten dazu auf, die Gewerkschaft zu „reformieren“, anstatt zu „eigenmächtigen Aktionen“ zu greifen.

Ähnliche Appelle richten sie an den neu gewählten mexikanischen Präsidenten Andrés Manuel López Obrador, der öffentlich seine Unterstützung für die Banken und Unternehmen zugesagt hat. Sie werden auf taube Ohren stoßen.

Wenn die Arbeiter diesem Rat folgen, geben sie die Initiative aus der Hand. Ihre wahre Stärke liegt gerade in der Unabhängigkeit von den Gewerkschaften und den kapitalistischen Parteien. Der wirkliche Weg vorwärts besteht darin, an die Kollegen in den Maquiladoras und an die Klassengenossen in den USA und Kanada zu appellieren.

Die Streikenden von Matamoros beweisen, dass alle Arbeiter unabhängig von Rasse oder Nationalität von den gleichen Unternehmen ausgebeutet werden und die gleiche Sprache des Klassenkampfs sprechen. Die internationale Einheit der Arbeiterklasse ist die Grundlage für den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft ohne Krieg, ohne nationale Gegensätze und ohne soziale Ungleichheit.

Eric London