Ende des Steinkohlebergbaus im Ruhrgebiet

Eine ganze Region fällt ins Bergfreie

Von Dietmar Henning
29. Dezember 2018

Mit dem Jahr 2018 endet auch der Steinkohlebergbau in Deutschland. Seit Jahrzehnten steht der kontinuierliche Rückgang der Kohleförderung beispielhaft für grundlegende Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft: Industriearbeitsplätze werden durch Niedriglohnjobs ersetzt.

Der „zentrale Festakt“, mit dem am 21. Dezember in Bottrop die Schließung der letzten Zeche in Deutschland besiegelt wurde, war daher an Heuchelei und Zynismus kaum zu überbieten. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wurde feierlich das letzte abgebaute Stück Kohle überreicht. Auch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU), EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sowie weitere Politiker und Gewerkschaftsfunktionäre nahmen an dem Festakt teil.

Steinmeier beschwor in seiner Rede, dass die Kohle einen großen Teil zum Wohlstand des Landes beigetragen habe. In der Tat waren die Kohle- und etwas später mit ihr die Eisen- und Stahlindustrie der Motor der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Sie stehen auch für den Wirtschaftsaufschwung nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs. Steinmeier ging aber nicht auf die vielen Tausend Bergarbeiter ein, die mit ihrem Leben für diesen Wohlstand bezahlt haben. Im Laufe der letzten gut 200 Jahren starben mindestens 10.000 Bergarbeiter in den Zechen. Beim größten Unglück auf der Zeche Grimberg in Bergkamen kamen am 20. Februar 1946 405 Bergarbeiter durch eine Schlagwetterexplosion ums Leben.

Erst kurz vor Weihnachten wurde ein 29-jähriger Industrie-Mechaniker bei einem Arbeitsunfall im Bergwerk Ibbenbüren getötet. In der Zeche, die im August als vorletzte die Kohleförderung einstellte, fanden noch Demontage-Arbeiten statt. Kollegen fanden den jungen Bergmann unter Tage, eingeklemmt unter einer massiven Wettertür.

Der Job unter Tage war extrem hart und gefährlich, die Arbeitsbedingungen forderten von allen ihren Tribut. Im Ruhrgebiet und den anderen ehemaligen Revieren gibt es kaum jemanden, der nicht im Familien- und/oder Freundeskreis einen ehemaligen Kumpel kennt, der an einer Staublunge litt und meistens daran starb. NRW-Ministerpräsident Laschet erklärte im Deutschlandfunk zu diesen Opfern lapidar: „Die sind großzügig aufgefangen worden, wie übrigens auch alle die, die ihre Arbeit verloren haben.“

Diese Behauptung, dass kein Bergarbeiter ins „Bergfreie“ gefallen sei, ist ein Mythos. Es mag individuell für die meisten der Bergarbeiter in den letzten Jahrzehnten gelten. Doch mit dem Arbeitsplatzabbau in der Montanindustrie sind die ehemaligen Reviere ins „Bergfreie“ gestürzt.

Die Bergleute zählten immer zum militantesten Teil der Arbeiterbewegung. Schon Friedrich Engels begrüßte den ersten Massen-Bergarbeiterstreik an der Ruhr von 1889: „…das ganze Kaiserreich zitterte vor diesen streikenden Arbeitern“. Durch den ruhrgebietsweiten Bergarbeiterstreik im Jahr 1905 wurde erstmals eine Begrenzung der täglichen Arbeitszeit auf 8½ Stunden erreicht.

Und auch in der Novemberrevolution von 1918 standen die Bergarbeiter im Ruhrgebiet an vorderster Front. Von Duisburg-Hamborn gingen schon im November 1918 Streiks der Bergleute aus. In Mülheim stürmten Arbeiter das Anwesen von August und Fritz Thyssen, die ihr Firmenimperium im 19. Jahrhundert durch Kohle und Stahl aufgebaut hatten.

Im April 1919 streiken und kämpften mehr als 300.000 Bergleute. Die SPD unter Reichsministerpräsident Philipp Scheidemann hatte zuvor die Novemberrevolution blutig niedergeschlagen.

Industriebarone wie die Thyssens oder Krupps setzten ab 1932 auf Adolf Hitler und finanzierten ihn kräftig. Ihre Fabriken wurden zu den Waffenschmieden des Deutschen Reiches. Sie verdienten Milliarden mit der Aufrüstung für den Zweiten Weltkrieg, der ganz Europa in Schutt und Asche legte und über 65 Millionen Menschen tötete.

Unmittelbar nach dem Krieg besetzten die Bergarbeiter die Zechen und forderten ihre Nationalisierung. Nur mit Mühe gelang es der diskreditierten SPD und den Gewerkschaften in Westdeutschland, die Arbeiter erneut dem Kapitalismus unterzuordnen. Die Politik der stalinistischen Bürokratie in der Sowjetunion und der DDR war maßgeblich dafür verantwortlich, dass die SPD und die Gewerkschaften diese Rolle wieder einnehmen konnten.

Der Nachkriegsaufschwung auf den Trümmern des Kriegs – getragen von der Kohle- und Stahlindustrie – führte zu einem wachsenden Wohlstand im Ruhrgebiet. Duisburg war in den 1950er Jahren eine der Städte mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen in der Bundesrepublik. 1960 holten die rund 600.000 Bergleute in den 146 Zechen im Ruhrgebiet 142 Millionen Tonnen Kohle aus der Erde.

Die harte Arbeit schweißte zusammen. Arbeiter aus Ost- und Südeuropa, insbesondere der Türkei, kamen ins Ruhrgebiet und wurden integriert. Die Solidarität unter den Kumpeln kannte keine Nationalität. „Da unten war’n wir ja eh alle schwatt“, wie es ein ehemaliger Dortmunder Bergmann in der TV-Dokumentation (Wir die Wand) über die Südtribüne des BVB formulierte.

Doch bereits Ende der 1950er Jahre begann mit der ersten Kohlekrise der langsame Abstieg des Steinkohlenbergbaus. Bis 1963 wurden im Ruhrgebiet 33 Zechen geschlossen. Als 1966 Zehntausende von Bergarbeitern gegen Zechenstilllegungen und für höhere Löhne auf die Straße gingen, führte dies zum Sturz der Bundesregierung unter Ludwig Erhard (CDU). Die Industriegewerkschaft Bergbau und Energie (IGBE) drängte auf die Bildung der Großen Koalition aus CDU und SPD. Diese Koalition legte mit ihrem Wirtschaftsminister Karl Schiller (SPD) 1967 jedoch weitere Zechen still. Die Bergarbeiter protestierten, verlangten die Enteignung der Zechenbarone und warfen der SPD Verrat vor.

Um revolutionäre Kämpfe im Ruhrgebiet abzublocken und gleichzeitig die Subventionen für den Bergbau auf ein Mindestmaß zu beschränken, wurde Ende November 1968 die Ruhrkohle AG gegründet. Im gleichen Jahr wurden zum ersten Mal für ausscheidende Bergleute Abfindungen im Rahmen eines „Gesamtsozialplans“ vereinbart. An all diesen Vereinbarungen waren IGBE-Funktionäre sowie SPD-Politiker federführend beteiligt. Zuletzt ließen sie Mitte der 1990er Jahre Proteste der Bergarbeiter ins Leere laufen, als der damalige Kanzler Helmut Kohl (CDU) die Stilllegung des Bergbaus forderte.

Doch während die IGBE die Arbeiter bis in die 70er Jahre mit Hilfe von Zugeständnissen und Sozialplänen den Interessen der RAG unterordnete, ging sie im Zuge der Globalisierung – die Importkohle war nun bedeutend günstiger als die in Deutschland geförderte – dazu über, gemeinsam mit der RAG die Schließung der Zechen zu organisieren.

Anfang 2007 beschlossen die Bundesregierung (CDU/CSU/SPD), die Landesregierungen von NRW (CDU/FDP) und dem Saarland (CDU/FDP/Grüne), die RAG und die IGBCE (die IGBE hatte sich inzwischen mit der IG Chemie verschmolzen) das Aus des Steinkohlenbergbaus Ende 2018.

Die IGBE bzw. IGBCE hatte während der gesamten Nachkriegszeit immer einen stramm nationalistischen Standpunkt vertreten. Die Kohle sah sie lange Zeit als Garant der Unabhängigkeit Deutschlands von Kohleimporten im Fall eines Krieges. Auch ihre enge Kooperation mit der RAG, in der zahlreiche IGBCE-Funktionäre über die Montanmitbestimmung hochbezahlte Posten übernahmen, trug zu ihrer nationalen Sichtweise bei.

Die Personifizierung dieser rechten gewerkschaftlichen Politik ist Guido Reil, IGBCE-Mitglied und bis zuletzt Betriebsrat auf Prosper Haniel in Bottrop. Nach 26 Jahren Mitgliedschaft in der SPD ist er im Juli 2016 in die AfD gewechselt. In der kommenden Europawahl tritt er auf Listenplatz 2 der AfD an.

Die AfD konnte von der De-Industrialisierung des Ruhrgebiets profitieren, weil die SPD und die Gewerkschaft eine soziale Katastrophe organisiert haben.

Einst Europas größtes Industriegebiet ist das Ruhrgebiet inzwischen zum Armenhaus der Republik geworden. Fast 5 Millionen Menschen leben entlang der Ruhr zwischen Duisburg und Dortmund. Vor allem die nördlichen Stadtteile der Ruhrgebietsstädte versinken im Elend. Stadtteile mit 60, 70 und 80 Prozent Armenanteil sind keine Seltenheit. Hier wohnen fast ausschließlich Hartz-IV-Empfänger, unter ihnen viele Migranten. Bereits 2012 nannte der Paritätische Wohlfahrtsverband das Ruhrgebiet neben Berlin die „Problemregion Nummer 1“.

Kurz vor Weihnachten berichtete das Statistische Landesamt NRW, dass die Armut im Land 2017 auf eine neue Rekordhöhe gestiegen sei. Drei Millionen Menschen mussten im vergangenen Jahr mit einem Armutseinkommen auskommen, ein neuer Höchststand. Am höchsten war die Armut in den Ruhrgebietsstädten Bottrop, Gelsenkirchen und Recklinghausen, wo fast jeder Vierte der Einwohner betroffen war.

Die hohe Armut ist auf den Abbau gut bezahlter Arbeitsplätze zurückzuführen. Anfang der 1960er wurde der Abbau im Bergbau teilweise noch durch Industriearbeitsplätze aufgefangen. So entstand das Opel-Werk in Bochum ab 1960 auf dem Gelände der stillgelegten Zeche Dannenberg. 20.000 Arbeiter standen hier einst in Lohn und Brot. Vor vier Jahren schloss das Opel-Werk.

Neue Arbeitsplätze entstehen fast ausschließlich im Niedriglohnbereich. Die Leih- und Teilzeitarbeit, die geringfügige und die befristete Beschäftigung ersetzen gut bezahlte Industriearbeitsplätze. Allein in Duisburg hat sich die Anzahl der Leiharbeiter laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung in den Jahren von 2003 bis 2016 fast vervierfacht. Zwar loben sich die Duisburger SPD-Stadtoberen und die örtliche Arbeitsagentur für die steigende Zahl der Beschäftigten. Doch fast 60 Prozent aller Jobs in der westlichsten Ruhrgebietsstadt sind atypische Beschäftigungsverhältnisse.

NRW-Ministerpräsident Laschet lobte im bereits zitierten Interview mit dem Deutschlandfunk, dass sich auf dem ehemaligen Zechengelände, wo Opel fast 50 Jahre Autos montieren ließ, nun Firmen und Institute für IT-Sicherheit ansiedeln. Dortmund und Duisburg profilierten sich derweil als Logistikzentren. Doch eines machte Laschet deutlich: „So gut bezahlte Arbeit wie in der Steinkohle, die gibt es so schnell nicht wieder.“