Young Euro Classic 2018 – Grenzenlose Musizierfreude und symphonische Poesie

Von Verena Nees
30. August 2018

Eine Rekordzahl von über 25.000 Besuchern hat in diesem Sommer das Festival Young Euro Classic in Berlin besucht. Es fand zum 19. Mal statt und endete am 20. August mit einer mitreißenden Hommage an den vor hundert Jahren geborenen amerikanischen Komponisten, Musiker und Dirigenten Leonard Bernstein.

Mehr als in den Jahren zuvor, so scheint es, setzten die 20 nahezu ausverkauften Konzerte von international besetzten jungen Orchestern einen deutlichen musikalischen Kontrapunkt zur offiziellen Politik, die immer heftiger Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus schürt.

Wer, wenn nicht Leonhard Bernstein, steht für das Credo dieses Jugendmusikfestivals, durch gemeinsames Musizieren eine friedliche Zukunft und Völkerverständigung zu fördern. Und wer, wenn nicht das Schleswig-Holstein Festival Orchestra, das Bernstein vor 31 Jahren gegründet hat, war prädestiniert, zum Abschluss des Festivals zu spielen.

Auf dem Programm stand Bernsteins Symphonische Suite „On the Waterfront“, Symphonische Tänze aus „West Side Story“ und die Ouvertüre zu Candide, sowie das Violinkonzert D-Dur des Wiener Komponisten im amerikanischen Exil, Erich Wolfgang Korngold, das die schwelgerische Wiener Spätromantik mit Filmmusik in Stil von Hollywood verbindet. Eine wahrhaft grenzüberschreitende Musik, die sich aus unterschiedlichen Traditionen des alten Europa und der neuen Welt Amerikas speist, und die das Orchester und der Solo-Geiger Charles Young unter Leitung des britischen Dirigenten Wayne Marshall mit jugendlichem Enthusiasmus und Sinn für berührende Poesie spielten.

Bernstein und Korngold, in vielem gegensätzlich, gehören beide zu einer Künstlergeneration aus jüdischen Familien Europas und Russlands, die in ihrer musikalischen Arbeit hin- und hergerissen waren zwischen beiden Kontinenten. Der in den USA geborene, aus russisch-jüdischer Familie stammende Bernstein förderte in den USA strittige europäische Komponisten wie Gustav Mahler, dessen sämtliche Symphonien er auf Platten aufnahm, den finnischen Komponisten Jean Sibelius und den sowjetischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch, dessen Werke er mutig während der antikommunistischen McCarthy-Prozesse dirigierte. Besonders Mahler fühlte sich Bernstein seelenverwandt, der einmal sagte, er fühle sich dreimal heimatlos – als Böhme in Österreich, als Österreicher in Deutschland und als Jude in der Welt.

Bernstein gehörte auch zu den wenigen Künstlern, die nach 1945 wieder in Deutschland auftraten. Am 9. Mai 1948 dirigierte er, gerade mal 29 Jahre alt, das Bayerische Staatsorchester in München, am 10. Mai 1948 spielte er mit 20 Holocaust-Überlebenden und 10.000 Lagerinsassen im Publikum in den Konzentrationslagern Feldafing und Landsberg.

Bei seinen Konzerten in Berlin am 23. und 25. Dezember 1989 anlässlich des Falls der Mauer, in dem er Beethovens 9. Symphonie dirigierte, taufte Bernstein die „Ode an die Freude“ in „Ode an die Freiheit“ um, in der Hoffnung, das Ende des Kalten Kriegs könne ein friedliches Zusammenleben aller Nationen einleiten. Er versammelte für diese Konzerte eigens Musiker aus den Ländern der vier Besatzungsmächte einschließlich der Sowjetunion. Heute würde er angesichts der dauernden Kriege Beethovens Ode wohl nicht mehr umbenennen.

Die explosive, mal romantische, dann wieder humorvolle und jazzige Verbindung von U- und E-Musik (Unterhaltungs- und ernster Musik), um die sich Bernstein so leidenschaftlich bemüht hat und die ihn der jungen Generation nahe brachte, setzte am Ende des Festivals eine optimistische Note, die niemanden im voll besetzten Konzerthaus kalt ließ.

Dazu passt die kleine Jam-Session, die Wayne Marshall am Piano und Charles Yang mit einer zur Gitarre umfunktionierten Geige als Zugabe gaben, rhythmisch begleitet vom Publikum. Am Ende liegen sich die Orchestermitglieder in den Armen.

Das Konzert vermittelt eine Botschaft, die dem aggressiven antiamerikanischen Auftreten des Bundesaußenministers und mancher Leitmedien in diesen Tagen entgegentritt: die Sehnsucht nach friedlichem Zusammenleben und kultureller Gemeinsamkeit auch mit Amerika. Oder wie Leonard Bernstein einmal sagte: „Die Zukunft unserer Welt wird allen Völkern gemeinsam sein – oder sie wird sich als eine sehr unwirtliche Zukunft erweisen.“

Das Schleswig-Holstein Festival Orchestra mit Sologeiger Charles Yang. © Kai Bienert, MUTESOUVENIR

Diese Grundstimmung von Internationalität und Freude am grenzenlosen gemeinsamen Musizieren durchzieht Young Euro Classic wie ein roter Faden.

Schon das Auftaktkonzert mit dem südafrikanischen Orchester MIAGI, das aus Bildungsprojekten im südafrikanischen Slum von Soweto hervorgegangen ist, war ein rauschendes multinationales und multikulturelles Fest.

Während in diesen Tagen Bundesinnenminister Seehofer ein Massenlagersystem für Flüchtlinge aus Afrika und dem Nahen Osten errichtet und durch das Grenzregime der EU Tausende Menschen im Mittelmeer ertrinken und in der Sahara verdursten, feierte der Auftritt von MIAGI die kulturelle Verbindung auch mit dem verarmten Kontinent Afrika.

Das Konzert begann mit Beethovens revolutionären Klängen der „Egmont-Ouvertüre“, gefolgt von einem eigenwillig und einfühlsam gespielten „Feuervogel“ von Igor Strawinsky. Danach schlug es den Bogen über die wild-virtuose und swingende Jazz-Komposition von Leonard Bernstein „Prelude, Fugue and Riffs“ (Soloklarinette Visser Liebenberg) zur Orchestersuite „Rainbow Beats“, die der erst 29-jährige britische Dirigent Duncan Ward komponiert und dem ebenfalls vor hundert Jahren geborenen Nelson Mandela gewidmet hat.

Er selbst nennt sie „Überraschungsreise durch die afrikanische Klanglandschaft“. In der Tat ist das Stück von überraschenden Kontrasten gezeichnet, fließen afrikanische, arabische, latein- und nordamerikanische, europäischen Melodien und Tanzrhythmen ineinander. Zum Schluss tanzt und singt das ganze Orchester, der Dirigent legt einen gekonnten Break-Dance hin und der Konzertsaal swingt und klatscht mit.

Im Einführungsgespräch wies Duncan Ward die Vorstellung zurück, afrikanische Jugendliche hätten Schwierigkeiten, die europäische Musiksprache seit der Aufklärung zu verstehen. Musik sei eine „universelle Sprache“, sagte er, und die MIAGI-Mitglieder seien „junge wilde Spieler“ mit „schierer Leidenschaft“ und einem großen „Hunger zu lernen“.

Das Miagi-Jugendorchester aus Südafrika. © Kai Bienert, MUTESOUVENIR

Es gab viele Höhepunkte im diesjährigen Young Euro Classic Festival. Beispielsweise der Auftritt des traditionsreichen European Union Youth Orchestra (EUYO), für das jährlich die besten jungen Musikerinnen und Musiker aus allen 28 EU-Staaten ausgewählt werden. Schon beim Einzug des Orchesters in den Konzertsaal begrüßte es das Publikum mit donnerndem Applaus und Fußtrampeln. Vor zwei Jahren geriet das Vorzeigeprojekt europäischer Kulturpolitik in finanzielle Nöte und wurde erst nach heftigen Protesten weiterfinanziert. Inzwischen muss es sein Büro wegen des Brexit aus London nach Italien verlegen.

Dem Titel im Programmheft – „Pianistische Poesie gegen symphonische Selbstzweifel – und ein Stück purer Lebensfreude“ wurde das Orchester vollkommen gerecht. Die deutsche Erstaufführung von „Fireworks“ der polnischen Komponistin Agata Zubel, ein spritziges kurzes Werk, in dem man regelrecht die Feuerwerkskörper durch die Luft zischen und flirren hört, erhielt am Ende den Komponistenpreis der Publikumsjury. Die Komponistin sagt selbst zu ihrem Werk: „Meine Absicht für Fireworks war, dem Zuhörer Stärke zu verleihen und ihn zu aktivieren, seinen Enthusiasmus zu bündeln, statt eine Debatte über die tatsächliche oder geforderte Identität jedes Einzelnen anzuzetteln.“

Nach dem Klavierkonzert Nr. 2 von Chopin (Solist Seong-Jin Cho) bewies das Orchester vor allem mit einer bewegenden Interpretation von Tschaikowskis düsterer Symphonie Nr. 5 e-Moll sein musikalisches Fingerspitzengefühl.

Insgesamt sind in diesem Jahr über 35 Werke des 20. und 21. Jahrhunderts aufgeführt worden, darunter 13 deutsche Erst- und Uraufführungen. Große Aufmerksamkeit fand u.a. das Ensemble Georgian Sinfonietta, das Bachs Klavierkonzert d-Moll BWV 1052 mit Techno-Musik fusionierte.

Youth Chamber Orchestra St. Petersburg mit Karina Flores, Sopran. © Kai Bienert, MUTESOUVENIR

Bei aller Musizier- und Experimentierfreude und Feststimmung fiel beim diesjährigen Festival aber auch die große Ernsthaftigkeit auf, mit der die jungen Musiker die klassischen Werke interpretierten.

Ein gutes Beispiel dafür ist die authentische Interpretation, mit der das Nationale Jugendorchester Rumäniens die 11. Symphonie von Schostakowitsch zum Gedenken an den Petersburger Blutsonntag von 1905 spielte. Man hört förmlich die Attacken der zaristischen Soldateska auf die Demonstranten, fühlt die Trauer über die Toten im dritten Satz, ist elektrisiert beim Finale, wenn Marschrhythmen die Entschlossenheit der Arbeiter untermauern, die Revolution fortzusetzen, begleitet von Anklängen an das ukrainische Revolutionslied „Seht euch vor, Tyrannen“ und an die polnische Warschawjanka.

Beeindruckend und geradezu erschütternd ist die Darbietung der 14. Symphonie für Sopran, Bass und Kammerorchester von Dmitri Schostakowitsch (1969) durch das Youth Chamber Orchestra St. Petersburg unter Leitung von Migran Agadshanyan. In diesem Werk will der Komponist „im Namen des Lebens auf der Erde“ gegen den unausweichlichen, ungerechten und manchmal vorzeitigen Tod protestieren. Grundlage der Symphonie sind elf Gedichte von Federico Garcia Lorca, Guillaume Apollinaire, Rainer Maria Rilke und dem deutsch-russischen Dichter Wilhelm Küchelbecker, die von Krieg, Kerkerhaft und Selbstmord handeln. Die Instrumentierung und der Gesang (Karina Flores, Sopran; Felix Kudryavtsev, Bass) sind in einem lakonisch-fatalistischen Ton gehalten, ohne jede religiöse Verklärung.

Die düsteren Todesgesänge hallen lange nach. In die Feststimmung bei Young Euro Classic mischen sich so tief empfundene Töne der Trauer und Empathie für die Opfer von Kriegen und Unterdrückung.

Die jungen Musiker seien erstaunlich ernst, „fast zu ernst …“, bemerkte dazu ein Radioreporter des RBB. Doch, so könnte man ihm antworten, ist es die heutige ernste Weltlage, die die Zukunft der jungen Generation bedroht und in diesem Konzertfestival trotz aller jugendlichen Lebensfreude mitschwingt.

Einige der Konzerte von Young Euro Classic können noch bei Arte Concertnachgehört werden, darunter:

Bis 11. September: Youth Chamber Orchestra St. Petersburg

Bis 13. September: European Youth Orchester

Bis 16. September: Georgian Sinfonietta