Terroranschlag auf BVB-Mannschaftsbus

Von Dietmar Henning
14. April 2017

Auch 48 Stunden nach dem gezielten Bombenanschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund (BVB) liegen die Hintergründe im Dunkeln. Weder auf Täter noch auf das Tatmotiv gibt es klare Hinweise.

Am Dienstagabend um 19:15 explodierten drei mit Metallstiften bestückte Sprengsätze, als der Mannschaftsbus auf der Fahrt vom Hotel ins heimische Stadion war. Dort sollte der BVB im Champions-League-Viertelfinale auf die Mannschaft des AS Monaco treffen. Die Sprengsätze befanden sich hinter einer Hecke und wurden ferngezündet. Ihre zerstörerische Kraft hat hundert Meter weit gereicht.

Trotz seiner Panzerung wurde der Bus schwer beschädigt. Der spanische BVB-Verteidiger Marc Bartra verletzte sich schwer am Handgelenk. Seine Speiche brach am rechten Handgelenk, in dem sich zusätzlich Einsprengungen von Metall- und Glassplittern befanden. Der Spieler ist noch am Abend operiert worden, ihm geht es den Umständen entsprechend gut.

Ein Metallteil verfehlte die BVB-Spieler nur knapp und bohrte sich in die Kopfstütze eines Sitzes. „Wir können von Glück sagen, dass nichts Schlimmeres passiert ist“, sagte die Sprecherin des Generalbundesanwalts, Frauke Köhler.

Am Tag nach dem Anschlag hatte sie erklärt, dass sie von einem „terroristischen Hintergrund“ ausgehe und daher die Bundesanwaltschaft auch das Verfahren übernommen habe. Die oberste staatliche Ermittlungsbehörde ist in Deutschland automatisch für terroristische Verbrechen zuständig.

Bereits kurz nach der Detonation fanden Polizeibeamte in der Nähe des Tatorts drei wortgleiche Bekennerschreiben, die der oder die Täter dort hinterlassen haben müssen. In den Schreiben wird als Auftraggeber der „Islamische Staat“ angegeben. Vieles spricht jedoch dafür, dass dies eine bewusst gelegte, falsche Fährte ist.

Dies wäre das erste Bekennerschreiben, das ein IS-Attentäter am Tatort hinterlassen hätte. In dem per Computer geschriebenen Brief fehlt der übliche Eid auf den IS-Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi, das IS-Logo und jede weitere religiöse Formel. Das 14-zeilige Schreiben ist zudem in fehlerhaftem Deutsch verfasst, was noch mehr Zweifel aufbringt. Denn während – offensichtlich bewusst – Rechtschreibfehler eingebaut worden sind, gelingen dem Verfasser oder den Verfassern schwierigere grammatikalische Formulierungen.

Neu wäre auch, dass die Attentäter in dem Bekennerschreiben Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) direkt anreden: „Aber anscheinend scherst du dich Merkel nicht um deinen kleinen dreckigen Untertanen. Deine Tornados fliegen noch immer über dem Boden des Kalifats, um Muslime zu Ermorden“, heißt es inklusive Fehlern.

Die Attentäter fordern außerdem konkret den Abzug von Tornados aus Syrien und die Schließung der „Ramstein Air Base“, des größten amerikanischen Militärstützpunkts in Deutschland. Bis das erfüllt sei, stünden „alle ungläubigen Schauspieler, Sänger, Sportler und sämtliche Prominente in Deutschland und anderen Kreuzfahrer-Nationen auf Todesliste des Islamischen Staates“.

Die Ermittler der Bundesanwaltschaft und des Bundeskriminalamts nahmen noch in der Nacht zum Mittwoch zwei Männer aus Nordrhein-Westfalen fest. Spezialkräfte stürmten am frühen Mittwochmorgen die Wohnungen eines 25-jährigen Irakers in Wuppertal und eines Deutschen in einem kleinen Nachbarort von Unna. Sie sollen einen islamistischen Hintergrund haben.

Der Iraker, der in seinem Heimatland dem IS angehört haben soll, sei abgehört worden. In den Tagen vor dem Anschlag in Dortmund soll einer seiner Gesprächspartner am Telefon erklärt haben, dass ein Sprengsatz fertig sei. Daher sei er nach dem Anschlag sofort verhaftet worden. Gegen ihn ist Haftbefehl erlassen worden, die Bundesanwaltschaft ermittelt wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung. Am Donnerstag hieß es, die Ermittlungen hätten „bislang keinen Beleg dafür ergeben, dass der Beschuldigte an dem Anschlag beteiligt gewesen“ sei.

Auch beim zweiten Verdächtigen schließen die Behörden aktuell aus, dass er irgendetwas mit dem Attentat zu tun hatte. Er wurde daher auch nicht verhaftet.

Die drei per Fernzündung zur Explosion gebrachten Bomben waren nach Angaben von NRW-Landesinnenminister Ralf Jäger (SPD) hochprofessionell gebaut. Er messe den Drohungen mit weiteren Anschlägen in dem Bekennerschreiben grundsätzlich hohe Bedeutung zu. In einer Telefonkonferenz mit Entscheidungsträgern der Polizei kündigte Jäger zusätzliche Einsatzkräfte zur Absicherung der Allgemeinheit und von Großereignissen an.

Ein zweites Bekennerschreiben, das auf der Internetseite Indymedia veröffentlicht worden war, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit unecht. „Weder Inhalt noch Sprache deuten auf einen linken Hintergrund hin, deshalb haben wir es bereits sehr kurz nach der Veröffentlichung gelöscht“, teilte die Plattform mit. Die Ermittlungsbehörden sehen dies ähnlich. In dem Eintrag hatte es geheißen, der Bus sei als „Symbol für die Politik des BVB“ attackiert worden, der sich nicht genügend gegen Rassisten, Nazis und Rechtspopulisten engagiere.

Da der BVB im Jahr 300.000 Euro für „Nazi-Prävention“ ausgibt – er subventioniert damit Fahrten von Schülern und Fans zu KZ-Gedenkstätten wie Dachau oder Sachsenhausen – halten sowohl die Ermittler als auch viele Fußball-Fans es für möglich, dass rechte Fußball-Hooligans für den Anschlag auf den BVB verantwortlich sein könnten. Zumal der BVB nach überfallartigen Angriffen von rund 500 BVB-Ultras auf Fans des Fußballvereins RB Leipzig Anfang Februar gegen die meist rechten „Fans“ vorgeht.

Nur eine Woche später hatte die hessische Polizei mehrere Busse, in denen vor allem Mitglieder der Gruppe „0231 Riot“ (0231 ist die Telefonvorwahl Dortmunds) saßen, noch auf der Autobahn an der Weiterfahrt gehindert. Die „0231“-Schläger waren auf der Fahrt zum Auswärtsspiel des BVB in Darmstadt und rekrutieren sich fast ausschließlich aus der rechtsextremen Szene.

Da der BVB „an der Festnahme der kampfbereiten Reisegruppe mitgewirkt und im Nachgang für Stadionverbote gesorgt“ hatte, wie die Süddeutsche Zeitung schreibt, sei der Frust groß gewesen. Nur wenige Tage später fand die Polizei in Dortmund „ein Graffito mit der Drohung der Gruppe gegen den BVB-Chef Hans-Joachim Watzke“: „Aki Watzke, aus der Traum, bald liegst du im Kofferraum!“

Die Ermittlungsbehörden halten es aber auch für denkbar, dass sich gewaltbereite Anhänger des RB Leipzig an den Borussen rächen wollten. Zudem seien die Forderungen aus dem mutmaßlichen islamistischen Bekennerschreiben nach Abzug deutscher Tornado-Aufklärungsflugzeuge aus Syrien und der Schließung der US-Luftwaffenbasis in Rammstein beinahe identisch mit den Forderungen des Leipziger Pegida-Ablegers „Legida“.

Trotz des Anschlags wurde aum darauffolgenden Tag gespielt. Bereits unmittelbar nach der Explosion hatte die UEFA, der europäische Fußballverband, beschlossen, dass Spiel zwischen dem BVB und AS Monaco nur 22 Stunden später stattfinden zu lassen. Der Dortmunder Trainer Thomas Tuchel hatte sein Unverständnis dazu bereits auf der Pressekonferenz unmittelbar nach dem Spiel geäußert. „Die Termine werden vorgegeben und wir haben zu funktionieren“, sagte er. Er und die Mannschaft hatten das Gefühl, sie seien behandelt worden, „als wäre eine Bierdose an unseren Bus geflogen“. Die Mannschaft hätte gern mehr Tage gehabt, um den Schock des Bombenanschlags zu verarbeiten.

Auch die Spieler äußerten sich nach dem Spiel in teilweise emotionalen Interviews verständnislos über die Entscheidung der UEFA. BVB-Innenverteidiger Sokratis sagte: „Die UEFA muss verstehen, dass wir keine Tiere sind. Wir sind Menschen, die eine Familie und Kinder zuhause haben. Ich bin froh, dass alle Spieler und Betreuer am Leben sind.“

Der in der zweiten Halbzeit eingesetzte Nuri Sahin verriet im Interview mit einem norwegischen TV-Sender: „Bis ich in der zweiten Halbzeit auf dem Platz stand, habe ich überhaupt nicht an Fußball gedacht, um ehrlich zu sein.“ Sein Mitspieler Matthias Ginter sagte den Ruhrnachrichten: „Von uns wollte niemand heute spielen.“ Der BVB verlor das Spiel mit 2:3. Gerade in der ersten Halbzeit stand die Mannschaft komplett neben sich.

BVB-Chef Watzke hatte allerdings in Absprache mit der UEFA dem Anstoß am Mittwochabend zugestimmt, als „Zeichen gegen den Terror“. Unterstützung erhielt er von Kanzlerin Merkel, die ihn persönlich mittwochmorgens anrief.

Im Internet und über die sozialen Netzwerke gab es hingegen sofort nach dem Anschlag und auch nach dem Spiel zahllose Bekundungen der Solidarität für den BVB und Kritik am Beschluss der UEFA. Weil die Partie verschoben wurde, standen zudem Hunderte von Monaco-Fans, die nach dem Spiel ihre Heimreise geplant hatten, vor dem Problem, dass sie eine Übernachtungsmöglichkeit brauchten. Bereits kurz nach der Spielabsage wies der BVB die Gästefans auf den Hashtag #bedforawayfans hin. Unter diesem boten zahlreiche Twitter-User Übernachtungsmöglichkeiten an.

Die Solidarität, die die Dortmunder bewiesen, brachte zahlreiche ermutigende Geschichten hervor. Das Foto, das Twitter-User „Vespafoto“ postete und ihn zusammen mit vier Monaco-Fans aus der Nähe von Paris an seinem Esstisch zeigt, wurde innerhalb weniger Stunden fast 15.000 Mal geretweetet und bekam mehr als 26.000 Likes. Und Nutzer Jay Jay twitterte, die Mutter seines Freundes sei zum Bahnhof gegangen, um zwei französischen Fußballfans einen Schlafplatz anzubieten. „Sie kam zurück mit acht! Sie haben eine großartige Zeit!” Das dazu gepostete Foto beweist dies.