Berliner Bodendienstarbeiter sind wütend auf Verdi

Von Gustav Kemper und Verena Nees
6. April 2017

 „Verdi hat mit uns gespielt“, „Wir werden Nein sagen“, „Das Ergebnis ist lächerlich“ – auf solche und ähnliche Reaktionen von Arbeitern traf am Mittwochvormittag ein Reporterteam der WSWS am Flughafen Berlin-Schönefeld. Seit Dienstag ist hier wie auch am Flughafen Berlin-Tegel die Urabstimmung der Gewerkschaft Verdi über den Tarifabschluss für die Bodendienste angelaufen. Am Freitag soll das Ergebnis bekanntgegeben werden.

Streikende Bodendienstarbeiter am Flughafen Schönefeld

Die rund 2000 Bodendienstbeschäftigten hatten Mitte März mit großer Entschlossenheit gegen die Billiglöhne von privaten Dienstleistungsfirmen an den beiden Flughäfen gekämpft. Mit fast 99 Prozent hatten sie für einen unbefristeten Streik gestimmt. Aber nach drei Tagen Streik bracht Verdi den Kampf ohne Ergebnis ab und ging in geheime „Sondierungsgespräche“ mit dem früheren SPD-Innensenator Ehrhart Körting als Vermittler.

Das Tarifergebnis, das schließlich Ende März auf dem Tisch lag, bedeutet nicht nur weiterhin Niedriglöhne, sondern auch Streikverzicht für drei Jahre. Die Unzufriedenheit mit dem ausgehandelten Ergebnis ist entsprechend groß. Viele Arbeiter hatten den Artikel der WSWS Stimmt mit ‚Nein’ gegen den Verdi-Abschluss“ vom 1. April gelesen und stimmten mit seiner Einschätzung überein. Ihren Namen wollten sie lieber nicht nennen. Eine Begründung war auch: Wer Verdi kritisiert, kriegt Probleme. Viele sagen, Verdi steckt mit den Arbeitgebern und dem Senat unter einer Decke.

„Verdi hat den Streik nur organisiert, um Dampf abzulassen. Das habt ihr völlig richtig geschrieben“, so ein älterer Vorfeldarbeiter, der seit 32 Jahren an den Berliner Flughäfen arbeitet und inzwischen als zweiter Mann für den Ladegruppenführer eingesetzt ist. Besonders die Kollegen in seiner Lohngruppe EG4 seien erbost, berichtet er weiter. Der Tarifabschluss würde in mehreren Schritten erst in drei Jahren, Ende 2019, rund 230 Euro brutto mehr bringen. „Dafür sollen wir drei Jahre Ruhe halten. Dabei war die Streikbereitschaft sehr hoch. Wir hätten mit 2000 Mitarbeitern in Berlin richtig etwas lahmlegen können“, fügt er hinzu.

„Früher, als ich anfing, war ich noch richtig stolz, am Flughafen arbeiten zu können“, berichtet er weiter. Als aber Lufthansa und Senat die damals mehrheitlich im öffentlichen Besitz befindlichen Bodendienste in die Globeground GmbH überführte, sei es bergab gegangen.

Schon in den 90er Jahren habe die Gewerkschaft ÖTV, die Vorgängerin von Verdi, mit den Arbeitgebern und dem Senat zusammengearbeitet. „Wir sollten plötzlich ein Jahr auf das Weihnachtsgeld verzichten, ein komplettes 13. Monatsgehalt. Die ÖTV hat dann als Ersatz Essensschecks von 120 D-Mark ausgehandelt. Was sollten wir damit anfangen? Es war kein Lohn und hatte keine Auswirkung auf die Rente. Da bin ich aus der Gewerkschaft ausgetreten.“

Zwei junge Angestellte im Check-in und Boarding-Dienst, die in Eile die Treppe vom Abstimmungsbüro hinunterhasten, sagen, sie hätten mit Ja gestimmt, weil ihre Tarifgruppe zumindest ein etwas deutlicheres Lohn-Plus erreicht hätte.

Zugleich kritisieren sie Verdi: „Die Gewerkschaft sollte sich endlich mal um die Arbeitsbedingungen und mehr Personal kümmern, statt lächerliche 1 Euro pro Stunde mehr zu fordern. Die Arbeit wird immer unerträglicher. Wir fertigen zehn Maschinen ohne Pause ab, mit mindestens 60 Gepäckstücken pro Maschine – wir haben nicht einmal Zeit für die Toilette.“

Beide Frauen haben Kinder zuhause, die sie allein oder gemeinsam ernähren müssen „Wenn ich abends nach Hause komme, habe ich kein Gefühl mehr in meinen Füßen“, sagen sie und eilen davon, weil die Schicht beginnt.

„Ich bin nicht Verdi-Mitglied“, bemerkt eine andere junge Angestellte am Check-in-Schalter. „Eigentlich wollte ich wegen des Streiks eintreten. Jetzt bin ich froh, dass ich es nicht gemacht habe. Ich finde das Tarifergebnis einfach lächerlich.“ Eine Kollegin vertritt die gleiche Meinung und sagt, in ihrem Arbeitsbereich gebe es viel Unmut über Verdi.

Zwei türkische Beschäftigte der Gepäckabfertigung, die gerade zur Urabstimmung gehen wollen, rufen: „Ah, die WSWS! Wir haben Euren Artikel gelesen. Wir werden mit Nein stimmen.“ Das Angebot der Gewerkschaft bezeichnen sie als „Blödsinn“.

Sie sind sehr wütend auf die Gewerkschaft. „Verdi hat mit uns gespielt! Es ist alles so gekommen, wie ihr geschrieben habt: der Abbruch des Streiks, die Einbeziehung des Vermittlers, die Einladung an den Arbeitgeber. Am zweiten Streiktag am Montag haben sie gesagt: Wir werden Dienstag auch streiken. Dann am Dienstag hieß es plötzlich: ‚Wir machen jetzt Pause.’ Wir haben uns gefragt, warum jetzt eine Pause machen? Die kannten doch unsere Forderung ganz genau, 1 Euro pro Stunde mehr, ein Jahr Laufzeit. Also konnte der Arbeitgeber ‘Ja’ oder ‘Nein’ sagen. Wenn er Nein sagt, dann können wir weiter streiken. Schließlich haben wir damals mit 99 Prozent für Streik gestimmt.“

Sie hätten die Verdi-Vertreter gefragt, warum sie so etwas überhaupt annehmen. „Aber ihre Antwort war immer wieder: ‚Wir haben noch nicht entschieden, jetzt könnt ihr abstimmen und entscheiden, was ihr möchtet.’“ Dies sei aber sehr kompliziert. Je nach Einkommensgruppe bekommen einige Arbeiter mehr, einige weniger Lohnerhöhung. „Die Arbeiter werden gespalten, und es wird Unstimmigkeiten geben“, fürchten die beiden Bodendienstarbeiter, die schon seit über zehn Jahren am Flughafen tätig sind.

„Wir haben das Gefühl, die Abstimmung ist schon vorbereitet worden, das ganze Verfahren lag schon vorher in der Schublade. Am Ende wird man uns sagen: Tut uns Leid, Leute, mit 25 Prozent Zustimmung ist die Sache durchgekommen. Und dann sind wir auf drei Jahre festgelegt.“

Plötzlich wenden sich die beiden Arbeiter mit einer eigenen Frage an die WSWS-Reporter: „Werdet ihr weiter Druck machen, auch wenn die mit Ja stimmen, werdet ihr weiter kämpfen? Werdet ihr die Gewerkschaft weiterhin angreifen, auch nach dem Abschluss?“

Aufmerksam hören sie zu, als die Reporterauf den Zusammenhang der Gewerkschaftspolitik zur internationalen kapitalistischen Krise verweisen, die zu einer Abwärtsspirale der Löhne an allen Flughäfen, zu Handelskrieg und Krieg führt. Verdi vertrete denselben Standpunkt wie die Arbeitgeber, auf Kosten der Arbeiter die Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Luftverkehrs zu stärken. „Die Arbeiter brauchen eine neue, eine internationale sozialistische Organisation, eine internationale Partei, unabhängig von Verdi und den anderen Gewerkschaften“, so die WSWS.

„Wenn die Airlines schon so wenig zahlen, will unser Chef natürlich auch nicht mehr zahlen“, erwidert darauf der ältere der beiden Arbeiter. „Ryanair zahlt so wenig, die halten sich an irisches Gesetz, die interessieren die Regeln in Deutschland nicht.“ – „Ich habe von Easyjet- und Ryanair-Piloten gehört: Zieht das durch, macht das Beste daraus!“, fügt sein Kollege hinzu. „Alle waren für uns, aber die Gewerkschaft gegen uns. Das ist traurig.“

Immer wieder betonen die beiden, ihr Problem sei Verdi, die nicht kämpfen wolle, die mit ihnen nur ihr Spiel treibe. „Der Verdi-Leiter Rümker stand hier draußen mit dem Megaphon und schrie: Wir brauchen noch mehr Mitglieder! Es reicht nicht für den Streik. Dann sind viele auf den letzten Drücker eingetreten.“ Etliche wollen jetzt wieder austreten.

 Am Ende fragt einer der beiden „Kellerarbeiter“, wie sie die Gepäckabfertiger bezeichnen, noch einmal nach: „Ihr wollt also jetzt eine neue internationale Organisation aufbauen, ja? Ganz unabhängig, was in dieser Urabstimmung herauskommt? Sagen Sie mir: ‚Ja’ oder ‚Nein’? Wir müssen dranbleiben, ganz ehrlich. Glauben Sie mir, die stehen hier alle gegen Verdi, das kann ich sagen. Auch wenn jetzt einige mit Ja stimmen.“