Bundeswehrwerbung: „Mahnruf an alle jungen Menschen“

Von Werner Siepmann
22. März 2017

Der Autor dieses Artikels, Jahrgang 1931, bat uns, einige seiner persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen an Kindheit und Jugend während der Zeit des Nationalsozialismus und des Weltkriegs zu veröffentlichenals „Mahnruf an alle jungen Menschen, gegen den Lockruf der Bundeswehr an Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen Stellung zu beziehen“.

Werner Siepmann

Meine ersten Erfahrungen, die ich mit dem Weltkrieg verbinde, gehen auf das Jahr 1938 zurück. Am Morgen nach der Reichspogromnacht brannte immer noch eine Synagoge. In einem jüdischen Geschäft waren Fensterscheiben eingeschmissen und die Schaufensterauslagen geplündert worden.

Den ersten menschlichen Verlust erlitt ich bereits im ersten Kriegsjahr. Unsere Familie erhielt die Nachricht, dass der bei uns vorübergehend einquartierte 18-jährige Soldat in Frankreich gefallen war.

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 durch den Überfall auf Polen sollten für meine Geburtsstadt Duisburg Jahre des Luftterrors beginnen. Die Stadt, die eine der Stahlschmieden des Dritten Reichs war, musste von 1940 bis 1945 insgesamt 311 Luftangriffe hinnehmen.

Die erste Fliegerbombe in unserer unmittelbaren Nachbarschaft zertrümmerte eine Gaststätte mit ihren Gästen, darunter befand sich einer meiner Schulkameraden samt Familie. Ein Brandkanister, der in einem Tiefbunker durch die Decke drang und einer Frau schwere Verletzungen zufügte, verfehlte unsere Familie lediglich durch eine Mauer, die uns trennte. In einem Hochbunker, in dem wir Schutz suchten, durchschlug eine Sprengbombe die obere Etage und explodierte. Wir saßen nur eine Etage tiefer.

Durch die ständige Bombardierung des Ruhrgebiets und den daraus resultierenden „Führerbefehl“ Adolf Hitlers, junge Menschen aus luftkriegsgefährdeten Gegenden zu evakuieren, wurde ich zum Leidwesen meiner Eltern nach Pommern und anschließend ins „Protektorat Böhmen und Mähren“ in der ehemaligen Tschechoslowakei verschickt. Hier verbrachte ich, fernab vom Elternhaus, mit meinen Schulkameraden die Zeit nach dem Schulunterricht mit Geländespielen und sonstigen sportlichen Aktivitäten. Das Freund-Feind-Denken erlernten wir durch das Glorifizieren von Führer, Volk, Vaterland, siegreichen Schlachten und heldenhaftem Soldatentum im Gesangsunterricht sowie beim Marschieren durch die Ortschaft.

Doch mit dem Vorrücken der Roten Armee waren unsere Tage in der Tschechoslowakei gezählt. Kurz vor unserer Abreise nach Deutschland wurden noch einmal alle Kinder in den Kurpark beordert. Dort führte der Kompaniechef uns mit seinen Soldaten vor, wie man mit dem Feind umzugehen habe. Die tschechische Bevölkerung wurde vollkommen unvorbereitet durch den Kurpark gescheucht und mit Gewehren und Platzpatronen bedroht.

Am 20. April 1945, dem Geburtstag von Hitler, sollten wir dann alle mit dem Zug die Hauptstadt Prag verlassen. Doch kurz vor der geplanten Abfahrt mussten alle Schüler, die 14 Jahre und älter waren, den Zug wieder verlassen. Sie sollten Prag mit der Waffe gegen die übermächtigen Armeen der Sowjetunion verteidigen. Ich hatte Glück. Ich habe erst am 21. April Geburtstag, war also noch 13. Nur wenige Stunden haben mich von dem Schicksal getrennt, das meine Schulkameraden ereilte. Nur 17 von ihnen kamen mit ihrem Leben davon. Ich selbst kehrte nach Kriegsende ins zerbombte Duisburg zurück.

Umso erschütterter bin ich, dass das Werben der Bundeswehr an Universitäten und sogar Schulen massiv zunimmt. Eine neue Rekrutierungsoffensive der Bundeswehr, mit der Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) das Militär massiv aufstocken und in den nächsten Jahren tausende neue Soldaten für die Armee rekrutieren will, kann nur eines bedeuten: junge Menschen sollen, wie in den beiden vergangenen Weltkriegen, wieder als Kanonenfutter für die geostrategischen und wirtschaftlichen Interessen des deutschen Imperialismus verheizt werden.

Im Zweiten Weltkrieg fiel von den eingezogenen Männern zwischen 25 und 30 Jahren mehr als die Hälfte. Von den nach 1920 geborenen Rekruten, also Kindern, Jugendlichen und jungen Männer im Alter von 14 bis 24 Jahren, fielen jeweils mehr als 30 Prozent. In den Kriegen des letzten Jahrhunderts haben Millionen Eltern den Verlust ihrer Kinder erleiden müssen. Damit sich das nicht wiederholt, ist es dringend erforderlich, eine internationale Antikriegsbewegung aufzubauen.