Kursexplosion beim Börsengang von Snap

Trumps Politik versetzt Wall Street in Spekulationsrausch

4. März 2017

Die Aktie von Snap Inc. schloss ihren ersten Handelstag mit einem Aufschlag von 44 Prozent gegenüber dem Emissionspreis. Das Unternehmen, das den Messenger-Dienst Snapchat betreibt, hat nur eine Handvoll Angestellte und machte im vergangenen Jahr 514,6 Mio. US-Dollar Verlust. Trotzdem ist es nun höher bewertet als etwa der Einzelhandelsriese Target mit mehr als 300.000 Mitarbeitern.

Etwa anderthalb Stunden nach der feierlichen Einführungszeremonie kam der Handel mit dem neuen Papier in Schwung, und das Vermögen der beiden Snap-Gründer, Evan Spiegel und Bobby Murphy, vermehrte sich binnen Sekunden auf 5,3 Mrd. US-Dollar (USD). Der Kurs hatte sich gegenüber dem Ausgabepreis von 17 USD auf mehr als 24 USD erhöht – ein sprunghafter Anstieg um 44 Prozent. Im Laufe des Handelstages zog er noch weiter an, bevor er zum Handelsschluss leicht zurückging. Auch andere Unternehmen legten zu, beispielsweise die Venture-Capital-Gesellschaften Benchmark Capital und Lightspeed Venture Partners um 903 bzw. 613 Mio. USD.

In der Kursexplosion bei den Snap-Aktien kommen zwei verbundene Prozesse zum Ausdruck: Zum einen veranschaulicht sie, dass im Zentrum des Wirtschafts- und Finanzsystems der USA das Parasitentum immer weiter um sich greift. Zum anderen macht sie erneut deutlich, wie begeistert die Wall Street und die Finanzelite der USA darüber sind, dass die Trump-Regierung die Jagd nach Profit von jeder staatlichen Aufsicht und Regulierung befreien und ihre „tierischen Instinkte“ entfesseln will.

Selbst die Warnung der Snap-Geschäftsführer, dass ihr Unternehmen womöglich niemals Gewinn abwerfen werde, konnte die Anleger nicht schrecken. Snapchat hat 158 Millionen Nutzer, vorwiegend in der Altersgruppe der 18- bis 34-Jährigen, die täglich mehr als 2,5 Milliarden Fotos und Nachrichten verschicken. Doch diese potenzielle Einnahmequelle war nicht der Hauptgrund, weshalb den Spekulanten das Wasser im Munde zusammenlief. Wichtiger war die in Minuten oder auch nur Sekunden bemessene Aussicht auf riesige unmittelbare Gewinne infolge des Kursanstiegs.

Die Reaktion auf den Snap-Börsengang wurde an der Wall Street als Zeichen dafür bejubelt, dass die niedrige Bewertung von Börsenneulingen der letzten zwei Jahre zu Ende gehe und weitere Vermögen angehäuft werden könnten, sobald sich Unternehmen wie Uber (Fahrtenvermittlung) oder Airbnb (Unterkunftvermittlung) zum Börsengang entscheiden.

Hintergrund ist ein Aufschwung an den Börsen, der mit dem Wahlsieg Trumps vor vier Monaten einsetzte. Seither haben die Bewertungen der gehandelten Papiere um 15 % zugelegt, und am Mittwoch erreichte der Dow Jones mit 21.000 Punkten einen neuen Höchststand, nachdem er am 25. Januar die 20.000-Marke überschritten hatte.

In derselben Woche, in der die Snap-Aktie durch die Decke ging, kündigte Trump eine Erhöhung der Militärausgaben um 53 Mrd. US-Dollar an, die durch Kürzungen bei den Sozialausgaben und der Entwicklungshilfe finanziert werden soll. Gleichzeitig werden Einwanderer ohne Papiere massenhaft abgeschoben.

Wie Trump dieser Tage in seiner Ansprache vor dem Kongress prahlte, ist der Wert der börsengehandelten Unternehmensaktien seit seiner Wahl um mehr als 3 Mrd. USD gestiegen. Ausschlaggebend war dabei nicht die Aussicht auf einen echten Aufschwung der US-Wirtschaft – die Wachstumsrate liegt weiterhin bei unter 2 % –, sondern die Überzeugung, dass die neue Regierung alle rechtlichen und administrativen Beschränkungen der Raffgier aufheben wird.

Kurz, die wirtschaftlichen und finanziellen Machenschaften, die Trumps Karriere als Unternehmer prägten – Spekulation, Schwindel, Niedriglöhne und rechtswidriges Geschäftsgebaren – werden sich in der gesamten amerikanischen Wirtschaft noch weiter ausbreiten.

Offen ausgesprochen wurde diese Perspektive von Trumps Chefstrategen Stephen Bannon, der als faschistischer Ideologe und Wirtschaftsnationalist die „Dekonstruktion des administrativen Staates“ ankündigte.

Der Snap-Börsengang war Ausdruck dieser übergeordneten Entwicklung. Snap ist ein Unternehmen, das nichts produziert und sehr wenige Mitarbeiter beschäftigt. Seine Bewertung rührt aus der Überzeugung, dass es sich für Finanzgeschäfte verwenden lässt, bei denen sich Geld wie von selbst vermehrt.

Dass diese Art der Spekulation nun zur bevorzugten Methode der Vermögensakkumulation wird, zeigt, dass der amerikanische Kapitalismus bis ins Innerste verfault ist. Billionen Dollar können in der Realwirtschaft nicht produktiv angelegt werden. Daher versuchen Investoren, mit Finanzmanipulationen eine Rendite zu erzielen.

Dieses Phänomen ist allgegenwärtig. Einen großen Beitrag zum Kursanstieg an den Börsen leisteten die Bankaktien, insbesondere diejenige von Goldman Sachs. Ehemalige Führungskräfte und Mitarbeiter dieser Bank besetzen hochrangige Posten in der Trump-Regierung.

Der Kursanstieg der Bankaktien ergibt sich nicht aus der Erwartung einer vermehrten Kreditvergabe für die Produktion, sondern aus der Überzeugung, dass die Trump-Regierung gesetzliche Auflagen für die Finanzmärkte abschaffen wird. Insbesondere der Dodd-Frank Act – ein Gesetzespaket, mit dem nach der Finanzkrise von 2008 einige wenige Beschränkungen erlassen worden waren – soll fallen.

Auch die Kurszuwächse bei Aktien von Unternehmen, die an Infrastrukturprojekten beteiligt sind (wie etwa Caterpillar) lassen sich nicht auf echte staatliche Vorhaben zurückführen. Zwar hat Trump in seiner Rede vor dem Kongress die Erneuerung von Straßen, Brücken, Tunneln, Flughäfen und Eisenbahnstrecken im ganzen Land angekündigt. Doch die Konzernchefs wissen genau, dass der eigentliche Kern dieses angeblichen Milliarden-Infrastrukturprogramms in Steuernachlässen und neuen Abschreibungsmöglichkeiten für Großunternehmen besteht.

Die Rüstungsunternehmen erfreuen sich steigender Kurse, weil Trump angekündigt hat, die Militärausgaben auf Kosten lebenswichtiger Sozialleistungen zu erhöhen. Hinzu kommt das Versprechen umfassender Steuersenkungen, sowohl für Privatpersonen als auch für Unternehmen.

Die Aussicht darauf, dass die Spitzen der amerikanischen Gesellschaft, die sich ohnehin in obszönem Luxus wälzen, sich unter Trump noch mehr bereichern können – das ist der wesentliche Inhalt der Kursorgie beim Börseneinstand von Snap.

Mit der Wahl von Trump begann ein neues Stadium der sozialen Konterrevolution, die bereits unter Obama eingesetzt hat. Die Bereicherung der Finanzoligarchie wird ins Unermessliche gesteigert, indem die Arbeiter in Armut gestoßen, die sozialen Dienste zerschlagen und alle staatlichen Auflagen für Finanzgeschäfte, den Umweltschutz, die Arbeitssicherheit und andere Bereiche ganz abgeschafft oder nicht mehr angewendet werden.

Ursache für diese Entwicklung ist das kapitalistische System, das für seine wirtschaftliche, geopolitische und gesellschaftliche Krise keine andere Lösung hat, als die Menschheit um mehr als 100 Jahre zurückzuwerfen – in die Zeit der Räuberbarone.

Trumps reaktionäre wirtschafts- und sozialpolitische Agenda hat bereits zu den größten Massenprotesten in der Geschichte der USA seit dem Beginn des Irakkriegs von 2003 geführt. Die Regierung befindet sich auf Kollisionskurs mit der Arbeiterklasse. Um sich zu wehren, müssen Arbeiter begreifen, dass Trump nicht einfach als Einzelperson handelt. Er ist kein Schandfleck auf einem ansonsten gesunden kapitalistischen System, sondern repräsentiert dessen innerstes Wesen: Parasitentum, Diktatur und Militarismus.

Der Kampf gegen die Trump-Regierung ist der Kampf gegen seine gesellschaftliche Klasse – die amerikanische Finanzoligarchie – und gegen das kapitalistische System. Die Arbeiterklasse kann diesen Kampf nur gewinnen, wenn sie sich eine sozialistische Strategie zu eigen macht, die auf den Sturz des Kapitalismus und die Überführung der Produktionsmittel in öffentliches Eigentum abzielt.

Nick Beams