Offensive gegen Mossul schürt zahlreiche Konflikte

Von James Cogan
22. Oktober 2016

Truppen des irakischen Militärs und der Autonomen Region Kurdistan (KRG) rücken mit Unterstützung durch die Luftstreitkräfte der USA und ihrer Verbündeten weiter auf die nordirakische Stadt Mossul vor, die vom Islamischen Staat (IS) kontrolliert wird. In den letzten vierundzwanzig Stunden haben kurdische Truppen laut eigenen Angaben mehrere Dörfer und Städte im Norden und Osten der Stadt erobert, während Einheiten der irakischen Armee vom Süden her vorrücken. Schätzungsweise eineinhalb Millionen Zivilisten sind in der Stadt eingeschlossen.

Die Medien berichten kritiklos über den Angriff. „Eingebettete“ Journalisten äußern sich generell positiv über den Erfolg der kurdischen und irakischen Truppen im Kampf gegen den angeblich fanatischen Widerstand und die Selbstmordanschläge von IS-Kämpfern. Aus den Kampfgebieten steigen riesige schwarze Rauchsäulen auf, für die allgemein die IS-Kämpfer verantwortlich gemacht werden. Angeblich zünden sie Ölquellen und Berge von Reifen an, damit ihre Truppenbewegungen nicht aus der Luft entdeckt und zur Zielscheibe von Angriffen gemacht werden können.

Weder die kurdische, noch die irakische Regierung haben offizielle Schätzungen oder Zahlen über die Verluste des IS veröffentlicht. Das US-Militär bestätigte am Donnerstag, dass ein Mitglied einer ihrer Spezialeinheiten nördlich von Mossul durch eine Straßenbombe getötet wurde.

Die Zerstörungen und die Todesopfer durch Luftangriffe der USA und ihrer Verbündeten auf Ziele im Stadtgebiet werden fast nirgendwo erwähnt. Stattdessen behaupten die Medien, der IS setze „menschliche Schutzschilde“ ein, und rechtfertigen so bereits im Voraus zivile Todesopfer. Die USA, Großbritannien, Australien, Frankreich, Kanada und Jordanien unterstützen den Angriff durch Luftschläge mit Bombern, Jagdflugzeugen, Kampfhubschraubern, Drohnen und Aufklärern.

Ein Bericht der BBC vom 19. Oktober vermittelt einen Eindruck von der Zerstörung. Laut diesem Bericht sind von der Universität von Mossul, früher eine der am besten ausgestatteten im ganzen Nahen Osten, nur noch Ruinen übrig. In einer Quelle hieß es: „Die Universität ist komplett stillgelegt, weil man sie wegen der Luftangriffe nicht mehr besuchen kann. Die meisten Gebäude wurden bereits zerstört. Sie ist praktisch verschwunden.“

Amerikanische Militärkommandanten und ihre Verbündeten gehen davon aus, dass die Rückeroberung von Mossul bis zu drei Monate dauern wird. Das würde bedeuten, dass bis dahin ein Großteil der Stadt in Trümmern liegen und die vorwiegend sunnitisch-arabische Bevölkerung durch Luftangriffe, Hunger und Krankheiten schreckliche Verluste erleiden wird.

Doch nur fünf Tage nach Beginn der Offensive verschärfen sich die Konflikte zwischen Staaten, Ethnien und Konfessionen, die fünfundzwanzig Jahre imperialistischer Gewalt, Intrigen und die Destabilisierung des Irak, Syriens und des ganzen Nahen Ostens durch den US-Imperialismus ausgelöst haben. Zwischen den offiziell Verbündeten im Kampf gegen den Islamischen Staat könnten bereits vor der Einnahme von Mossul erbitterte Kämpfe ausbrechen.

Das syrische Regime, das von russischen Luftstreitkräften und schiitischen Milizen aus dem Libanon und dem Irak unterstützt wird, steht nach eigenen Angaben kurz vor der Rückeroberung der östlichen Stadtteile von Aleppo. Diese erhalten offene Unterstützung von sunnitischen Milizen, die von den USA, der Türkei, Saudi-Arabien und den Golfstaaten unterstützt werden und die Regierung von Präsident Baschar al-Assad stürzen sollen. Der Fall von Aleppo wäre praktisch das Ende der von den USA finanzierten Rebellion in den syrischen Küstenregionen. Assads Militär könnte sich dann auf die noch vom IS kontrollierten Gebiete im Landesinneren und im Osten konzentrieren, vor allem auf die Stadt Rakka.

Das syrische Regime und Russland werfen den von den USA unterstützten irakischen und kurdischen Truppen vor, sie würden den IS-Kämpfern in Mossul absichtlich die Flucht nach Westen in die IS-Gebiete in Syrien erlauben. Hunderte von ihnen konnten sich bereits nach Rakka durchschlagen und nehmen an den Kämpfen gegen die syrische Regierung teil.

Die als Volksmobilmachungseinheiten bekannten irakischen Schiitenmilizen stoßen auf die Gebiete westlich von Mossul vor, um die Fluchtrouten des IS abzuschneiden. Am Donnerstag erklärten sie, sie würden die vom IS kontrollierte Stadt Tal Afar im Nordwestirak angreifen. Den schiitischen Milizen wurde aufgrund der religiös motivierten Morde und Misshandlungen von Sunniten während früherer Kämpfe zur Rückeroberung der westirakischen Städte Falludscha und Ramadi die Teilnahme am Angriff auf Mossul untersagt.

Da Tal Afar vorwiegend von Turkmenen bewohnt wird, die teilweise den Status als autonome Provinz fordern, könnte ein Angriff von Milizen auf die Stadt eine Militärintervention der Türkei zur Folge haben. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat lautstark versprochen, er werde die türkische Diaspora, zu der auch die irakischen Turkmenen gehören, von Osteuropa über den Nahen Osten und Nordafrika bis nach Zentralasien und Afghanistan verteidigen.

Erdogan hat außerdem Bedenken darüber geäußert, dass die Kurdenregion im Nordirak durch die Unterstützung der USA an Stärke gewinnt. Die KRG erklärt offen, sie wolle die vom IS eroberten Gebiete nicht der schiitisch-arabisch dominierten Regierung in Bagdad unterstellen, sondern in ihre autonome Zone eingliedern. Ein Sprecher einer der größten schiitischen Milizen erklärte im September, die Miliz werde Widerstand gegen die Annektierungsversuche der KRG leisten.

Das türkische Establishment lehnt jede weitere Vergrößerung der Kurdenregion entschieden ab. Es befürchtet, dies könnte zur Ausrufung eines kurdischen Nationalstaates führen und die separatistische Agitation innerhalb der beträchtlichen kurdischen Bevölkerung im Osten der Türkei nahe der syrischen und irakischen Grenze verschärfen.

Da die Türkei nicht selbst in Mossul aktiv werden kann, flog sie am Donnerstag ihre bisher schwersten Luftangriffe auf die kurdische Miliz YPG in Nordsyrien. Diese hatte vor kurzem mehrere Dörfer vom IS erobert und ihre Kontrolle auf weitere Landesteile ausgedehnt. Das türkische Militär hat nach eigenen Angaben bis zu 200 Kämpfer der YPG getötet. Es bezeichnet die YPG als Frontorganisation der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), die sich für die Abtrennung der kurdischen Regionen von der Türkei einsetzt. Diese Operation könnte auch die ethnischen Konflikte innerhalb der Türkei drastisch verschärfen oder zu Angriffen kurdischer Truppen auf die schwachen türkischen Truppen führen, die sich im Irak nordöstlich von Mossul befinden.

Die syrische Regierung bezeichnete die türkischen Luftangriffe in einer Stellungnahme als Angriff auf ihre Souveränität und kündigte an, gegen alle weiteren Verletzungen vorzugehen.

Anthony Cordesman, ein einflussreicher Analyst der Denkfabrik Center for International and Strategic Studies (CSIS), drückte in einem Kommentar vom 17. Oktober die Ratlosigkeit der Strategen des US-Imperialismus aus: „Der wichtigste Aspekt des Kampfes ist möglicherweise nicht, ob der IS besiegt wird, sondern ob die zutiefst zerstrittenen Fraktionen im Irak im Falle ihres Sieges eine Möglichkeit zur Kooperation finden. Die Alternative könnte sogar noch schlimmer sein als der IS: Sunniten kämpfen gegen Schiiten; Araber gegen Kurden; die Türkei, der Iran, die anderen arabischen Staaten und Russland kämpfen alle um die Durchsetzung ihrer eigenen Interessen. Der ‚Sieg‘ könnte den Irak nur allzu leicht dauerhaft spalten oder neue innere Konflikte hervorbringen.“

Die Leidtragenden werden die ohnehin schon seit langem geplagten Massen des Irak und des Nahen Ostens sein. In den letzten Tagen sind fünftausend Menschen aus Mossul in eine primitive Zeltstadt im Nordosten Syriens gezogen, mehrere tausend haben das überfüllte Flüchtlingslager Dibaga in der Autonomen Region Kurdistan erreicht. Weitere hunderttausende werden ihnen folgen, und die unvorbereiteten Hilfsorganisationen werden davon völlig überfordert sein.

Es ist bereits ein abstoßendes Video aufgetaucht, auf dem irakische Regierungstruppen einen Jungen, der aus Mossul geflohen ist, mit einem Hammer verprügeln. Alle männlichen Einwohner über vierzehn Jahren werden wegen mutmaßlicher Beziehungen zum IS erst einmal verhaftet und verhört.