Zum Tod des polnischen Theater- und Filmregisseurs Andrzej Wajda (1926-2016)

Von Dorota Niemitz und Stefan Steinberg
20. Oktober 2016

Am 9. Oktober starb in Warschau der neunzigjährige Film- und Theaterregisseur Andrzej Wajda an Lungenversagen. Er gehörte zu den prominentesten Persönlichkeiten im kulturellen Leben Nachkriegspolens.

Der 1926 in einer Kleinstadt im Nordosten Polens geborene Wajda begann seine Karriere als Filmschaffender in den 1950er Jahren. Er legte eine Reihe von Arbeiten vor, in denen er sich mit historischen Schlüsselereignissen des zwanzigsten Jahrhunderts wie dem Zweiten Weltkrieg, dem Holocaust oder der stalinistischen Nachkriegszeit auseinandersetzte. Seine Filme zählen zum Kanon des polnischen und europäischen Kinos und hatten großen Einfluss sowohl auf seine Zeitgenossen als auch auf nachfolgende Generationen.

Andrzej Wajda, 1970

In seinem Heimatland gilt Wajda als besonders geachteter und wichtiger „Dokumentarist” seiner Zeit. Er lehnte die Beschränkungen des stalinistischen „Sozialistischen Realismus“ ab und trat für die Wiederbelebung des Symbolismus im Geiste der romantischen Traditionen Polens des neunzehnten Jahrhunderts ein. Gemeinsam mit prominenten Persönlichkeiten wie Wojciech Has, Andrzej Munk und Kazimierz Kutz war er eine treibende Kraft jener Bewegung, die später als „Polnische Filmschule“ bekannt wurde.

Viele der frühen Wajda-Filme, darunter Eine Generation (1954), Der Kanal (1956) und Asche und Diamant (1958), sind ernsthafte und wertvolle Versuche, die Komplexität der zeitgenössischen Geschichte und Politik Polens darzustellen. Seine letzten Filme hingegen ähneln immer stärker einer staatlich verordneten Propaganda. Dieser betrübliche Niedergang eines sehr talentvollen Künstlers hängt mit Wajdas eigener politischer Sicht auf die umfassenderen historischen Entwicklungen im Nachkriegspolen zusammen.

Wajda gehörte einer Generation an, die zwischen den imperialistischen Weltkriegen geboren wurde. Wer den Zweiten Weltkrieg überlebt hatte, hatte sowohl die Erfahrung von Faschismus als auch von Stalinismus erlebt. Viele Künstler, darunter Wajda selbst, fühlten sich eine Zeitlang vom Sozialismus und Marxismus angezogen. Doch sie standen vor der Schwierigkeit, sowohl dem stalinistischen als auch nationalistischen Druck ihrer Zeit standzuhalten. Für kurze Zeit kam er mit dem antifaschistischen Widerstand der polnischen Heimatarmee (AK – Armia Krajowa) in Berührung, die für eine bürgerliche Republik kämpfte. Später erlebte der junge Wajda den Krieg im provinziellen Radom und danach in Krakau, wo er von der deutschen Besatzung relativ verschont blieb.

Sein Vater Jakób, ein Leutnant der polnischen Armee, galt seit September 1939 als vermisst. Später wurde erklärt, er sei unter mysteriösen Umständen von sowjetischen Einheiten erschossen worden. Das Trauma des Verschwindens seines Vaters machte Wajda lange zu schaffen. Erst sehr viel später in seiner Laufbahn versuchte er, das Erlebnis mit seinem Film Katyń (2007) aufzuarbeiten. Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges studierte er an der Akademie der Bildenden Künste in Krakau, und 1950 an der berühmten Filmhochschule Łódź. Im Jahr 1948 trat er der herrschenden stalinistischen PPR (Polska Partia Robotnicza, Polnische Arbeiterpartei) bei.

Damals war Wajda der Ansicht, dass Künstler und Intellektuelle den in ihrem Land stattfindenden sozialen und politischen Wandel unterstützen müssten. Als er sich 1950 um die Zulassung zur Filmhochschule Łódź bewarb (zu deren Absolventen auch Roman Polański und Krzysztof Kieślowski zählen), schrieb er: „Neben Talent und Realitätssinn benötigt ein Filmregisseur eine marxistische Haltung gegenüber Leben und Kunst.“

In Übereinstimmung mit dieser Grundhaltung drehte Wajda seinen Debütfilm als Regisseur: Eine Generation (1954), ein Schwarzweißfilm über junge kommunistische Partisanen im von Nazideutschland okkupierten Warschau. Die Partisanen werden im Gegensatz zu den Kräften der probürgerlichen Heimatarmee positiv dargestellt. Der vom italienischen Neorealismus inspirierte Film, getragen von guten Leistungen der Schauspieler und des Regisseurs, zeigt junge, oftmals sehr jugendliche Männer und Frauen, die unter Kriegsbedingungen vor extreme Situationen und dramatische Entscheidungen gestellt werden.

Der Kanal (1957)

Der zweite Teil von Wajdas Kriegstrilogie, und möglicherweise der beste, ist Der Kanal (1957). Hier lässt Wajda meisterhaft die letzten Tage im Leben verschiedener Kämpfer im Warschauer Aufstand lebendig werden, die versuchen, einen Weg durch das städtische Kanalsystem zu suchen. Der Kanal, dem die Silberne Palme beim Filmfestival von Cannes verliehen wurde, ist ein innovatives Meisterwerk des Antikriegskinos. Er verbindet Realismus mit Spannung und nutzt neuartige Ton- und Lichteffekte. In Polen selbst wurde er jedoch nicht wohlwollend aufgenommen. Der nutzlose Tod der Helden des Aufstands, inmitten von Schmutz und Exkrementen, entsprach nicht dem idealisierten Bild von Märtyrern der Nation.

Asche und Diamant (1958), der dritte Teil dieser Trilogie, war einer der umstrittensten und meistdiskutierten Streifen der polnischen Filmgeschichte. Wajdas Spielfilm, unter Mitwirkung des Darstellers Zbigniew Cybulski (häufig als „polnischer James Dean” bezeichnet), handelt von Nachkriegsunternehmungen antikommunistischer AK-Partisanen, denen befohlen wurde, prosowjetische Regierungsbeamte zu ermorden. Wajda zeichnet kunstfertig die Tragödie von Maciek (Cybulski). Dieser bekommt Zweifel an der Ausführung eines Mordes an einem Mann, einem kommunistischen Beamten, den er persönlich kennt. Die Mehrdeutigkeit der Filmhandlung brachte Wajda sowohl Kritik als auch Lob ein. Es wird deutlich, dass seine Sympathien bei Maciek liegen. Wajda porträtiert in diesem Film die Tragik der romantischen Kriegshelden seiner eigenen Generation, indem er ein „mythisches“ Bild von einem Tag im Leben eines tragischen Charakters zeichnet, der auf dem „Müllhaufen der Geschichte“ stirbt.

Asche und Diamant (1958)

Wajdas Haltung gegenüber nationalen Symbolen und Helden wurde kontrovers gesehen. So griffen die nationalistischen Kreise den Spielfilm Lotna (1959) massiv an, weil er den Septemberfeldzug (Hitlers Überfall auf Polen) angeblich ahistorisch behandelte. Darin zeigte er einen Angriff der polnischen Kavallerie gegen deutsche Panzer. Manche kritisierten Wajda auch im Fall von Eine Generation heftig, weil er sich zu sehr an das stalinistische Regime angelehnt habe.

Als im Jahr 1965 Feuer und Asche in die Kinos kam, entbrannte aufs Neue eine heftige Debatte über die Behandlung polnischer Geschichte. Kritiker und nationale Kreise attackierten Wajda, weil er die Geschichte auf wenig schmeichelhafte Weise darstelle. Das sensible Thema des Films, der zur Zeit der Napoleonischen Kriege spielt, ist die Rolle polnischer Soldaten. Während sie aufseiten der Napoleonischen Armee für Polens eigene Unabhängigkeit kämpfen, unterdrücken sie die Unabhängigkeitsbewegungen anderer Länder.

Zbigniew Cybulski, ein von Wajda bevorzugter Schauspieler, kam im Alter von vierzig Jahren auf tragische Weise bei einem Unfall ums Leben. Im Jahr 1968 setzte Wajda ihm ein filmisches Denkmal in dem sehr persönlichen Film Alles zu verkaufen, in dem Beata Tyszkiewicz, Wajdas damalige Ehefrau, die Hauptrolle spielt.

Im Jahr 1975 schuf Wajda mit Das gelobte Land ein besonders bemerkenswertes Werk. Der Film, der auf einem Roman des Nobelpreisträgers Władysław Reymont basiert, gilt als einer der besten polnischen Filme überhaupt. Wajda schafft darin ein lebendiges Bild der Industriestadt Łódź in der rauen frühkapitalistischen Umwelt des neunzehnten Jahrhunderts. An Hand der Geschichte dreier Freunde, des Polen Karol Borowiecki, des Deutschen Maks Baum und des Juden Moryc Welt, die gemeinsam eine Textilfabrik gründen wollen, zeigt der Film die Rohheit und Brutalität, die mit rücksichtlosem Profitstreben einhergehen.

Mitte der 1970er Jahren trat eine Veränderung in Wajdas Haltung zum stalinistischen Establishment ein. Er begann, das bürokratische Regime zu kritisieren, da es den künstlerischen und politischen Ausdruck seiner Generation stranguliere. Er schuf seinen ersten „antistalinistischen“ Film, Der Mann aus Marmor (1976). Dieser Film erzählt die Geschichte eines „Helden der Arbeit“ aus den 1950er Jahren, des Maurers Mateusz Birkut, aus der Perspektive von Agnieszka. Die junge Dokumentarfilmerin beginnt, Nachforschungen anzustellen, und enthüllt die bittere Wahrheit, die sich hinter Birkuts berühmtem Rekord von 30 000 in einer Schicht gelegter Ziegelsteine verbirgt. Zum Vorschein kommt das tragische Schicksal eines jungen Arbeiters mit bäuerlichem Hintergrund. Der Mann, der den „Kommunismus“ unterstützte, wird von eben diesem System vernichtet.

Der Mann aus Marmor (1976)

Der Mann aus Marmor vermittelt die Stimmung wachsender Unzufriedenheit. Vorausschauend nimmt der Film auch die spätere Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung Solidarność vorweg. Er endet mit einer Szene, in welcher es Agnieszka schließlich gelingt, Maciek, Birkuts Sohn, vor den Toren der Leninwerft in Danzig zu treffen. An diesem Ort sollten nur vier Jahre später, im Jahr 1980, Arbeiter durch einen historischen Streik die stalinistische Bürokratie in eine umfassende Krise stürzen. Wajdas Mann aus Eisen (1981) setzt eben dort an, wo der vorhergehende Film endete, und dokumentiert die Geburt der Solidarność im Jahr 1981. (Der Solidarność-Führer Lech Wałęsa hat darin einen Cameoauftritt.)

Im Anschluss an die Verhängung des Kriegsrechts und nach der Zerschlagung der Streikbewegung im Dezember 1981 durch die polnische stalinistische Regierung unter General Wojciech Jaruzelski, drehte Wajda in Paris seinen Danton (1983). Dieser Film, zu dem Jean-Claude Carrière das Drehbuch schrieb, untersucht die Ereignisse im nach-revolutionären Frankreich des Jahres 1794. Gerard Depardieu spielt in einer bemerkenswerten Darbietung den Danton, eine hochpopuläre Persönlichkeit, die wegen Verrats an der Revolution vor Gericht gestellt und exekutiert wird. Der Film spielt deutlich sowohl auf die Russische Revolution und den Aufstieg des Stalinismus als auch auf die Situation im damaligen Polen an.

Bevor Wajda Depardieu engagierte, lud er ihn auf die Danziger Werft ein. Er sollte „das unmenschlich ermüdete Gesicht der Revolution sehen, das plötzlich in Schlaf verfiel und einen Traum träumte, der nicht verwirklicht werden kann“.

1990 kehrte der Regisseur mit Korczak zurück zum Thema des Holocaust. Der schwarzweiß gedrehte Film erzählt die Geschichte des bekannten polnisch-jüdischen Arztes, Autors und Pädagogen Janusz Korczak (Wojciech Pszoniak). Dieser Autor beliebter Kinderbücher wurde ebenfalls Opfer des Holocaust. Wajdas bewegender Film zeigt Korczaks Kampf zur Rettung der Kinder aus seinem Waisenhaus im Warschauer Ghetto und ihren gemeinsamen letzten Gang in die Gaskammern von Treblinka.

Nach dem Zusammenbruch des stalinistischen Regimes und der Wiedereinführung des Kapitalismus in Polen wandte Wajda sich der Politik zu und wurde 1989, während Wałęsas Präsidentschaft, für die Solidarność in den Senat gewählt, wo er bis 1991 verblieb. Von 1992 bis 1994 war Wajda Vorsitzender des polnischen Kulturrats, in welchem er eine aktive politische Rolle spielte und die Wiederbelebung des Nationalismus ermutigte. Er wurde Mitglied der prokapitalistischen Partei Unia Demokratyczna (1990–1994), in der er als lautstarker Befürworter der proeuropäischen Bürgerlichen Plattform (PO) wirkte. Zudem wurde er zum Mitbesitzer der einflussreichen Zeitung Gazeta Wyborcza, die für ihre Kriegstreiberei gegen Russland berüchtigt ist.

Bewusst widmete sich Wajda zu dieser Zeit dem Erbe der polnischen Nationalliteratur. Er führte Regie bei einer umfangreichen Version von Pan Tadeusz (1998), basierend auf einem 1834 veröffentlichten Epos von Adam Mickiewicz, sowie bei Die Rache (2002), mit einer hervorragenden Rolle für Roman Polański. Das ist eine 1833 geschriebene Komödie von Aleksander Fredro, die auch zur Pflichtlektüre für polnische Schüler gehört.

Im Jahr 2007, im Alter von 81 Jahren, stellte Wajda seinen Film Katyń fertig. Dieser handelt von dem Mord an schätzungsweise 22 000 polnischen Offizieren und Intellektuellen, begangen von sowjetischen Truppen Anfang 1940. Katyń ist eine Stadt nahe Smolensk in Russland, wo die meisten der Exekutionen stattfanden. Wajdas Vater wurde im Rahmen derselben Operation in einem NKWD-Gefängnis im ukrainischen Charkow exekutiert.

Jahrzehntelang war im stalinistischen Nachkriegspolen jegliche Diskussion über das Massaker, das in Katyń stattgefunden hatte, verboten. In der Sowjetunion selbst wurde die Schuld für den Massenmord den deutschen Truppen zugeschoben, die ihn nach dem Bruch des Hitler-Stalin-Paktes durch Hitler begangen hätten.

Wajdas Film ist der erste filmische Versuch, diese tragischen Ereignisse zu verarbeiten, aber er ist höchst mangelhaft. Der Regisseur präsentiert eine Folge von Szenen, die in dramatischer Form alle Themen des heutigen polnischen Nationalismus beinhalten: die Angst, Polen könnte von Deutschland im Westen und der Sowjetunion oder Russland im Osten überrannt werden, die Rolle der katholischen Kirche in Polen, die heroisch im Namen „der christlichsten aller Nationen“ eingreift, und die quasi-demokratischen Bedenken eines polnischen Eliteoffiziers der Kavallerie aus dem Jahr 1939. Dessen erster Gedanke soll laut Wajda gewesen sein, der Feind halte sich nicht an die Genfer Konvention. Wajda behauptete, sein Film sei nicht russlandfeindlich, doch alle sowjetischen Figuren, mit einer bemerkenswerten Ausnahme, sind Schurken und Barbaren.

Noch bedenklicher als Katyń ist der letzte Teil von Wajdas Solidarność-Trilogie, Wałęsa: Der Mann aus Hoffnung (2012). Der apologetische Film, der während wachsender Kritik an Solidarność und Wałęsa entstand, ist ein beschämendes Propagandawerk. Er behandelt die zwanzig Jahre, die auf die Restaurierung des Kapitalismus in Polen folgten. Zugleich verkörpert er den verzweifelten Versuch des Regisseurs, die Reputation Wałęsas als Nationalheld wiederherzustellen.

Das „Happy End” des Films zeigt Wałęsa, wie er den imperialistischen Mächten seinen Vasallentribut zollt. Gleichzeitig erhalten die Wiedereinführung des Kapitalismus in Polen und die Plünderung des Staatseigentums die irreführende Bezeichnung „Weg zur Freiheit“.

Wajda war nicht der einzige Desorientierte. Es fällt schwer, mehr als eine Handvoll osteuropäischer oder sowjetischer bzw. russischer Intellektueller aufzuzählen, die auf die Restauration des Kapitalismus in den Jahren 1989–1991 kritisch oder sogar mit Bedenken reagierten. Durch den Stalinismus vom authentischen linken Verständnis abgeschnitten, akzeptierten sie die Behauptung des Regimes und der westlichen Bourgeoisie, dass die Herrschaft der Stalinisten eine Form des „Sozialismus“ oder „Kommunismus“ sei. Die jahrzehntelangen Kampagnen im Umfeld der leeren und abstrakten Phrase von der „Demokratie“ ließen insbesondere die Künstler schließlich dem imperialistischen Sirenengesang verfallen.

Wajdas Kniefall vor der politischen Reaktion fand seinen deutlichsten Ausdruck in seiner Begrüßung des faschistischen Putschs in der Ukraine. In seinen Anmerkungen vor der Premiere von Wałęsa: Der Mann aus Hoffnung im ukrainischen Fernsehen im April 2014 machte Wajda den folgenden Kommentar: „Liebe Freunde, in allem was ihr durchmacht, wird euch vielleicht interessieren, wie wir, als wir die Solidarność unter Lech Wałęsas Führung schufen, die Freiheit errangen und eine freie Nation wurden. (…) Ich bin zutiefst überzeugt, dass ihr siegen werdet. Vom Grunde meines Herzens wünsche ich euch diesen Sieg. Lang lebe die freie Ukraine!“

Wajdas letzter Film, Nachbilder (2016), behandelt die letzten Lebensjahre des Avantgardekünstlers Władysław Strzemiński (Boguslaw Linda) im Nachkriegspolen. In den 1920er Jahren identifizierte Strzemiński sich mit der revolutionären Bewegung in Kunst und Politik. Dann lehnt er den „Sozialistischen Realismus“ ab und verfolgt seinen eigenen künstlerischen Weg. Die polnischen stalinistischen Behörden fürchten und unterdrücken ihn, werfen ihn aus der Künstlervereinigung und berauben ihn der Möglichkeit zum Lebenserwerb. Er stirbt 1952.

In einem seiner letzten Interviews deutete Wajda an, er möchte „vor der Einmischung der Regierung in Belange der Kunst warnen“. Wajda war besorgt über den brutalen Eingriff in das Kunstleben Polens, der 2015 unmittelbar nach der Regierungsübernahme durch die weit rechts stehende Partei der PiS (Partei für Recht und Gerechtigkeit) stattfand. Doch seine Warnung, insbesondere im Lichte seiner eigenen jüngsten Vergangenheit betrachtet, welche diesen reaktionären Kräften zur Macht verhalf, ist recht dürftig und kommt zu spät:

„Wir erleben jetzt Versuche der Behörden, in die Kunst einzugreifen. Sie sprechen darüber, was Nationalkunst sein und was sie nicht sein solle. Ich habe einen Film über vergangene Ereignisse gemacht, der die Botschaft enthält, dass Einmischung in die Kunst keine Aufgabe der Behörden ist. Es ist die Aufgabe von Künstlern, nicht der Regierung.“

Katyń (2007)

Nach der Berlinale von 2008 schlossen wir unsere Besprechung von Wajdas Katyń mit dem Fazit: „Wajda geht es darum, eine nationale Tradition wiederzubeleben. Der Kritiker der New York Times schrieb: ‚Katyn möchte eindeutig dem Patriotismus im positivsten Sinn des Wortes Auftrieb geben.‘ Doch sowohl die globale Integration des Weltkapitalismus wie auch die Korruptheit der polnischen Bourgeoisie machen eine unabhängige nationale Entwicklung Polens unmöglich. Nichts könnte die reaktionäre Sackgasse des polnischen Nationalismus klarer zum Ausdruck bringen als die Tatsache, dass die polnische herrschende Elite bei ihren Bemühungen, dem Einfluss Deutschlands vom Westen und dem Einfluss Russlands von Osten entgegenzutreten, immer stärker um Unterstützung aus dem Weißen Haus buhlt.

In den Nachkriegsjahrzehnten haben viele von Andrzej Wajdas Filmen wirkliche Einsichten in das Funktionieren des stalinistischen und auch des nationalsozialistischen Totalitarismus vermittelt. Seine Filme drehten sich um die Möglichkeit und die Notwendigkeit von Opposition gegen repressive Regimes. Damit bot sein Werk einen wirklichen Ausgangspunkt für eine Wiederbelebung von Kultur und Film in Polen. Heute ist die Weiterentwicklung der Kultur in Polen und anderswo nur möglich, wenn man Wajdas Verherrlichung des Nationalismus und seine unkritische Befürwortung der Werte des freien Marktes entschieden bekämpft.“