Angst vor „hartem Brexit“ lässt das britische Pfund abstürzen

Von Nick Beams
11. Oktober 2016

Die zunehmende Interaktion zwischen geopolitischen Spannungen und Kursschwankungen auf den Finanzmärkten zeigte sich vergangenen Freitag in einem dramatischen Absturz des britischen Pfunds kurz nach der Eröffnung des Handels an den asiatischen Finanzmärkten.

Vor dem Hintergrund von Meldungen, dass ein „harter Brexit“ bevorstehe, verlor das Pfund in nur zwei Minuten mehr als sechs Prozent seines Wertes. Ein „harter Brexit“ wäre ein Austritt aus der Europäischen Union, bei dem das Vereinigte Königreich auch den freien Zugang zum europäischen Binnenmarkt einbüßen würde.

Zeitgleich mit diesem Kursverlust vertrat der französische Präsident François Hollande in einer Rede eine harte Haltung hinsichtlich der Bedingungen des britischen Rückzugs. Die Verhandlungen über den Austritt sollen laut Premierministerin Theresa May im April beginnen.

Hollande erklärte: „Großbritannien hat den ‚Brexit‘ beschlossen, ich meine sogar, einen harten Brexit. Dann müssen wir eben diesem Willen Folge leisten, und zwar bis zum bitteren Ende. Und wir müssen konsequent sein. Wenn nicht, stellen wir die Grundsätze der EU in Frage.“

Er forderte eine harte Haltung und warnte, andernfalls würden auch andere Länder versuchen, die EU zu verlassen und dabei die Vorteile der Mitgliedschaft zu behalten, ohne die damit verbundenen Pflichten zu erfüllen.

Er erklärte: „Es muss eine Drohung geben, ein Risiko, einen Preis. Andernfalls werden wir in Verhandlungen treten, die nicht gut enden können.“ Diese Äußerungen machte er in einer Rede am Donnerstagabend, d. h. zeitgleich mit dem Beginn des Handelstags in Asien.

Nach dem anfänglichen Absturz konnte das Pfund seine Verluste weitgehend wieder wettmachen. In den ersten Berichten wurde als Grund für den Kurssturz angegeben, ein Trader habe sich vertippt oder ein automatisierter Handelsalgorithmus habe nicht richtig funktioniert. Dieser Effekt sei durch einen eher zögerlichen Handel auf den asiatischen Märkten verstärkt worden.

Der Kursverlust vom Freitag war der größte seit der Bekanntgabe des Ergebnisses des Brexit-Referendums am 24. Juni. Damals war das Pfund um 11,1 Prozent abgesunken. Dem jüngsten Einbruch war allerdings bereits ein einwöchiger Rückgang vorausgegangen. Bei seinem Tiefststand am Freitag sank das Pfund auf 1,1841 US-Dollar und stieg anschließend wieder auf 1,2434 Dollar, hatte also bei Handelsschluss gegenüber dem Vortag 1,4 Prozent und gegenüber der Vorwoche 4,2 Prozent seines Werts eingebüßt. Vor dem Referendum hatte der Kurs bei 1,50 US-Dollar gelegen.

Der britische Finanzminister Phillip Hammond meldete sich aus Washington zu Wort, wo er gerade an Treffen des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank teilnahm. Er versuchte die Märkte zu beruhigen und leugnete im Gespräch mit Journalisten, dass sich die Regierung bereits für die Strategie eines „harten Brexit“ entschieden habe. May habe lediglich den Zeitpunkt angekündigt, zu dem sie den Austrittsbeschluss gemäß Artikel 50 des EU-Vertrags mitteilen werde, um die offiziellen Verhandlungen über die britische Entscheidung in die Wege zu leiten.

Doch langfristig dürften Hammonds Äußerungen die Lage nicht beruhigen. Er beschrieb die Situation am Freitag als „turbulent“ und sagte voraus, sie werde es auch in den nächsten fünf Jahren für die Dauer der Verhandlungen bleiben.

Die wichtigste Frage ist, ob Großbritannien trotz seines Austritts aus der EU weiterhin Teil der Europäischen Zollunion bleibt. Bei einem vollständigen Austritt würden seine Handelsbeziehungen mit der EU den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) und nicht den Vorschriften für die Zollunion bzw. den Europäischen Wirtschaftsraum unterliegen. Dies hätte negative Auswirkungen auf britische Unternehmen.

Hammond erklärte, die Frage der Zollunion sei noch nicht entschieden, und die britische Regierung sei noch dabei, ihre Verhandlungsstrategie zu entwickeln.

Britische Wirtschaftsvertreter fürchten nun, dass sich die Regierung für einen „harten Brexit“ entscheiden könnte. Laut einem Bericht der Financial Times hat ihr Dachverband Confederation of British Industry (CBI) in einem offenen Brief an die Premierministerin gefordert, dass bei einem Austritt Großbritanniens die besonderen Beziehungen zum Binnenmarkt gewahrt bleiben.

Die CBI bezeichnete den uneingeschränkten Zugang zum Binnenmarkt als „wichtig für das Wohlergehen der britischen Wirtschaft, vor allem für den Fertigungs- und Dienstleistungssektor“. Die Regierung solle „den Unternehmen Sicherheit geben, indem sie diese Option [die WTO-Option] unter allen Umständen ausschließt“.

Die Angst vor einem „harten Brexit“ wurde durch die populistische Rhetorik verstärkt, mit der May auf dem Jahresparteitag der Tories die „internationale Elite“ anprangerte.

Die CBI erklärte: „Die Regierung muss einen klaren Fahrplan entwerfen und sich mit Unternehmen aus allen Wirtschaftszweigen und jeder Größe beraten, um das Vertrauen zu stärken, dass diese komplexen Entscheidungen auf der Grundlage von Fakten und einem echten Verständnis ihrer wirtschaftlichen Folgen getroffen werden.“

Der Gouverneur der britischen Nationalbank Mark Carney erklärte, er halte den plötzlichen Fall des Pfunds und seinen anschließenden Anstieg für eine technische Angelegenheit und habe die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich um eine Untersuchung gebeten.

Aber die Art und Weise, wie die Kommentatoren des Finanzmarkts auf den Absturz des Pfunds reagierten, zeigte klar, dass sie darin weit mehr erkennen als einen bloßen „Blitzabsturz“.

Ein Stratege von Morgan Stanley namens Hans Redeker erklärte, die britische Regierung habe „einen wirtschaftlichen Kurs eingeschlagen, der beträchtliche Risiken bergen könnte“. Das Gerede über einen „harten Brexit“ würde das Problem nur verschlimmern.

Die Stabilität des britischen Pfunds ist für die Wirtschaft des Landes von entscheidender Bedeutung. Sie braucht das aus dem Ausland einfließende Kapital, um das Leistungsbilanzdefizit in Höhe von sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu decken. Seine Finanzmärkte befürchten, dass dieser Zufluss bei einer weiteren Entwertung des Pfunds versiegen könnte.

Laut Ulrich Leuchtmann von der Commerzbank hat sich das Risiko einer massiven Entwertung des britischen Pfunds erhöht. Er erklärte gegenüber der Financial Times: „Daher überrascht es nicht, dass wir jetzt öfter Situationen erleben könnten, in denen Verkäufern von Pfund Sterling der Markt verschlossen bleibt. Der plötzliche Kurssturz war mehr als eine Marktanomalie. Er zeigte auch, dass ein ,Sudden Stop‘ wahrscheinlicher wird.“ Damit würde der Kapitalzufluss aus dem Ausland, mit dem das Leistungsbilanzdefizit finanziert wird, plötzlich versiegen.

Die Folgen des Kursverlusts des britischen Pfunds zeigten sich auch auf anderen Finanzmärkten. Die britischen Börsenindizes legten zu, weil Aktien durch den niedrigeren Wert des Pfunds billiger geworden sind. Allerdings stieg die als Referenzzinsniveau geltende Rendite auf britische Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit (die im umgekehrten Verhältnis zu ihrem Preis steht) um elf Basispunkte, d. h. 0,11 Prozentpunkte. Bis zum Ende der Woche war sie damit um 23 Basispunkte auf knapp 1 Prozent gestiegen.

Wenn die Zinssätze aufgrund des sinkenden Pfundkurses weiter ansteigen, werden die Finanzmärkte die Folgen zu spüren bekommen. Denn sie sind abhängig von der Zufuhr billigen Geldes, um weiterhin Finanzspekulationen finanzieren zu können. Die City of London ist einer der weltweit führenden Finanzplätze für Spekulationsgeschäfte.