Massenhafte Krankmeldungen zwingen TUI zu Flugstreichungen

Von Markus Salzmann
8. Oktober 2016

Mit einer massiven Welle von Krankmeldungen haben die Crews der Fluggesellschaft Tuifly gegen die Stellenstreichungen und die massive Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen reagiert. Sie sind dabei nicht nur mit den Luftfahrtkonzernen und der Bundesregierung, sondern auch mit den Gewerkschaften Verdi, Ufo und Vereinigung Cockpit konfrontiert, die ihnen in den Rücken fallen.

Die massenhaften Krankmeldungen sind die Reaktion auf die angekündigte Zusammenführung von Tuifly mit der kriselnden Fluglinie Air Berlin. Die damit verbundenen, umfangreichen Umstrukturierungspläne richten sich gegen die Beschäftigten und werden zu Arbeitsplatzabbau und schlechteren Bedingungen führen.

Der Protest der Piloten und Flugbegleiter hat die Form eines „Sickouts“ angenommen, weil die Gewerkschaften auf der Seite der Luftfahrtkonzerne stehen und jegliche Arbeitskampfmaßnahmen zurückweisen. Der frühere Ufo-Chef Nicoley Baublies, heute Chef der IG Luftverkehr (IGL), attackierte die Beschäftigten und ihre Krankmelde-Aktion. „Das ist definitiv kein Mittel zum Arbeitskampf für uns“, sagte Baublies am Donnerstag gegenüber der Deutschen Presse-Agentur.

Derweil beteiligen sich die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und die Piloten-Gewerkschaft Vereinigung Cockpit am Ausarbeiten der Streikbrecher-Pläne. In Berlin haben Vertreter der beiden Gewerkschaften mit dem Gesamtbetriebsrat zusammen eine Krisenvereinbarung unterzeichnet, in der Piloten, Flugbegleiter und Bodenpersonal bis einschließlich Sonntag zu freiwilligen Einsätzen aufgerufen werden.

Die Massenkrankmeldungen haben den Ferienkonzern TUI und dessen Fluggesellschaft Tuifly kalt erwischt. Die Unternehmensleitung war völlig überrascht und konnte keine Ersatzcrews organisieren. Der Konzern sah sich gezwungen, bisher weit über hundert Flüge zu streichen. Am Freitag musste der gesamte Flugbetrieb eingestellt werden.

Allein am Donnerstag sollen sich über 400 Crew-Mitglieder, teilweise unmittelbar vor dem Start, krankgemeldet haben. „Auch in den kommenden Tagen kann es zu weiteren Flugstreichungen kommen. Die extrem kurzfristigen Krankmeldungen machen es Tuifly unmöglich, frühzeitiger zu informieren und alternative Reisemöglichkeiten anzubieten“, erklärte TUI öffentlich.

Die Krankmeldungen bei Tuifly führen auch bei Air Berlin zu Flugausfällen, weil Tuifly insgesamt vierzehn Flugzeuge samt Crew an Air Berlin ausgeliehen hat. Auch diese Tuifly-Air Berlin-Flugzeuge, die etwa neunzig Flüge durchführen, mussten am Freitag am Boden bleiben. Mit Hochdruck wird derzeit konzernintern versucht, die Ausfälle zu kompensieren. Etihad Airways stellte Air Berlin ab Freitag Flugzeuge zur Verfügung. Dasselbe taten Alitalia und Air Serbia.

Von den Flugstreichungen sind bis zu zehntausend Passagiere betroffen, die entweder auf dem Weg in Ferienregionen sind, oder auf die Heimreise warten, wie ein TUI-Sprecher erklärte. Gleichzeitig ließ das Unternehmen verlauten, es sehe neben der Rückzahlung des Reisepreises keine Schadenersatzansprüche für die Urlaubsgäste. Es sei höhere Gewalt, wenn sich Hunderte von Crew-Mitgliedern plötzlich krank meldeten.

Hintergrund der Krankheitswelle bei Tuifly ist jedoch keineswegs „höhere Gewalt“, sondern die Pläne des Konzerns, mit der schwer angeschlagenen Air Berlin und dessen Großaktionär Etihad aus den Vereinigten Arabischen Emiraten Tuifly in einer Holding zusammen zu führen. Die Beschäftigten der Tuifly-Mitarbeiter befürchten zu Recht Arbeitsplatzabbau und schlechtere Tarif- und Arbeitsbedingungen.

Am vergangenen Mittwoch verkündete der Vorstand von Air Berlin bereits die Entlassung von 1200 Beschäftigten im Rahmen einer „strategischen Neuausrichtung“ des Unternehmens.

Die neue Holding soll insgesamt gut sechzig Flugzeuge umfassen, zwanzig von der Air-Berlin-Tochter Niki und vierzig von Tuifly. An der neuen Holding sollen der Reisekonzern TUI sowie Air-Berlin-Großaktionär Etihad jeweils ein Viertel der Anteile halten. Nach Presseberichten läge die Mehrheit bei einer österreichischen Stiftung.

Am Freitag riefen Vertreter der Bundesregierung zu raschen Verhandlungen auf, um die Proteste nicht weiter ausbreiten zu lassen. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) sprach gegenüber der Bild-Zeitung von einer „inakzeptablen Situation“. Interne Konflikte sollten „am Verhandlungstisch ausgetragen werden und nicht auf den Rücken der Passagiere“. Auch Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) forderte ein rasches Ende der Flugausfälle.

Die Aktion hat sich jedoch eher noch ausgeweitet. So steigt die Zahl der Beschäftigten, die sich krankschreiben lassen, offenbar auch bei anderen Fluggesellschaften an. Bei der Lufthansa-Tochter Eurowings beispielsweise hat sich der Krankenstand nach Angaben der Firmenspitze in etwa verdoppelt.

Der Sickout der TUI-Crews kommt mit einer wachsenden Welle spontaner Streiks und Aktionen zusammen, so zum Beispiel mit den wütenden Protesten von Kaiser’s-Tengelmann-Mitarbeitern. Im Ruhrgebiet und Berlin sind sie mit der Schließung mehrerer Betriebe konfrontiert. Auch weltweit haben spontane Streiks und Arbeitskämpfe zugenommen. In den USA entwickelt sich im Vorfeld der Präsidentschaftswahl eine neuartige Streikwelle, die außerhalb der Gewerkschaften entstanden ist.

Die Arbeiter beginnen zu verstehen, dass die Gewerkschafts-Funktionäre die Rolle von Streikbrechern übernehmen. Bei Tuifly wird dies sehr deutlich sichtbar: Während die Gewerkschaftsvertreter sich öffentlich empören und gegen die Kahlschlagpläne wettern, arbeiten sie hinter verschlossenen Türen eng mit der Unternehmensleitung und dem Management zusammen, um dieselben Pläne durchzusetzen.

Vor kurzem hat sich Verdi unmittelbar nach Bekanntgabe der geplanten Stellenstreichungen mit dem Air Berlin-Vorstand auf einen neuen Manteltarifvertrag für Flugbegleiter geeinigt. Vorstandschef Stefan Pichler bezeichnete diesen Vertrag als „Meilenstein in unserer neuen Geschichte“ und lobte die Gewerkschaft: „Die Tarifkommission Kabine der Verdi hat erkannt, dass die Restrukturierung und Neupositionierung für Air Berlin unabdingbar ist.“

Die Spartengewerkschaften spielen dieselbe Rolle. Ursprünglich hatten sie viel Unterstützung, weil sie sich gegen die Diktatur der DGB-Gewerkschaften stellten und sich als militanter und weniger korrupt präsentierten. Aber immer mehr zeigt sich, dass sie die gleiche national beschränkte Perspektive vertreten und die kapitalistische Logik akzeptieren.

Aus diesem Grund brauchen die Flugbegleiter und Piloten, wie alle Arbeiterinnen und Arbeiter, eine neue Perspektive. Dies gilt umso mehr, als sich Konzerne und Regierungen weltweit auf Handelskrieg und Krieg vorbereiten und die Kosten dafür der Arbeiterklasse aufhalsen. Alle Rechte und Errungenschaften können nur verteidigt werden, wenn sich Arbeiter von den Gewerkschaften lösen und sich einer internationalen sozialistischen Perspektive zuwenden.