Syrien: US-Spezialeinheiten fliehen vor „gemäßigten“ Rebellen

Von Bill Van Auken
20. September 2016

Am Freitag mussten amerikanische Spezialeinheiten aus einem Dorf in Nordsyrien fliehen. Teile der sogenannten Freien Syrischen Armee, einer uneinheitlichen Gruppe aus islamistischen Milizen, die Washington in seinem seit fünf Jahren andauernden Krieg für einen Regimewechsel unterstützt hat, hatten sie mit dem Tode bedroht.

In einem Online veröffentlichten Video war eine Kolonne von Fahrzeugen zu sehen, in der amerikanische Spezialkräfte aus dem Dorf fliehen. Eine Menschenmenge aus islamistischen Dschihadisten schwingt dazu automatische Gewehre und stößt antiamerikanische Parolen und Todesdrohungen aus.

Die sogenannten „gemäßigten Rebellen“ riefen: „Wir werden euch abschlachten“, „Nieder mit Amerika“ und „Verschwindet, ihr Schweine.“

Eine Person, offenbar der Anführer der Demonstration, rief: „Die Kollaborateure mit Amerika sind Hunde und Schweine. Sie führen einen Kreuzzug gegen Syrien und den Islam.“ Ein anderer rief: „Christen und Amerikaner haben bei uns nichts verloren.“

Die Veröffentlichung des Videos fiel zusammen mit dem jüngsten Bericht des Wall Street Journal, laut dem das Pentagon eine Einheit von 40 Spezialkräften zur Unterstützung des türkischen Militärs aufgestellt hat. Letzten Monat waren türkische Truppen im Rahmen einer Operation mit dem Decknamen „Schutzschild Euphrat“ in Syrien eingefallen. Der Einsatz der Spezialkräfte war der erste direkte Versuch einer amerikanisch-türkischen Zusammenarbeit in Syrien, seit die Obama-Regierung im letzten Frühjahr die Stationierung mehrerer hundert Spezialeinheiten angeordnet hatte.

Offiziell soll durch die gemeinsame Operation der Islamische Staat (IS) aus den besetzten nordsyrischen Städten vertrieben werden. Ankaras übergeordnetes Ziel ist es jedoch, die syrisch-kurdischen Kämpfer der Volksverteidigungseinheiten (YPG) zurückzudrängen und sie daran zu hindern, einen autonomen kurdischen Staat an der türkischen Grenze zu konsolidieren.

Der Vorfall auf dem Video ereignete sich vor dem Dorf al-Rai nahe der türkischen Grenze. Das Dorf liegt an der Straße, die nach Süden zu der vom IS kontrollierten Stadt al-Bab führt. Diese gilt als strategische Verbindung zwischen den vorwiegend kurdischen Kantonen Kobani und Afin. Die Truppen der YPG sind entschlossen, die Stadt zurückzuerobern, die Türkei hingegen will sie ihnen vorenthalten.

Die YPG waren bis vor kurzem das Rückgrat der Demokratischen Kräfte Syriens, den wichtigsten US-Stellvertretertruppen im Krieg gegen den IS. Sie wurden von „Beratern“ aus den Reihen der Spezialkräfte des US-Militärs bewaffnet, ausgebildet und unterstützt. Der Versuch, amerikanische Spezialkräfte zusammen mit den von der Türkei unterstützten Milizen einzusetzen, könnte durchaus dazu führen, dass sich US-Soldaten im Kampf auf unterschiedlichen Seiten gegenüberstehen.

Das Bündnis zwischen den USA und den kurdischen Truppen war zweifellos ein Grund für die Wut der sogenannten FSA-Kämpfer, die in dem Video zu sehen sind. Diese sunnitischen Milizen lehnen jedoch nicht nur die Kurden ab, sondern vertreten auch im Wesentlichen die gleiche Ideologie wie al-Qaida.

Die Konfrontation wurde von den amerikanischen Medien weitgehend totgeschwiegen. Sie entlarvt jedoch den wahren Charakter der sogenannten „gemäßigten Opposition“, die von Washington und seinen regionalen Verbündeten – hauptsächlich der Türkei, Saudi-Arabien und Katar – unterstützt werden. Sie verdeutlicht außerdem die unlösbaren Widersprüche, die Washingtons verbrecherische und leichtsinnige Politik in den letzten fünf Jahren durch die systematische Zerstörung Syriens geschaffen hat.

Aus der Sicht der Obama-Regierung hat der Vorfall außerdem auf peinliche Weise den Vorwurf Russlands bestätigt, Washington sei entweder nicht in der Lage oder nicht gewillt, die von der CIA bewaffneten und bezahlten islamistischen Milizen dazu zu zwingen, die Bedingungen des Waffenstillstandsabkommens einzuhalten, das US-Außenminister John Kerry und sein russischer Amtskollege Sergei Lawrow letzte Woche ausgehandelt haben.

Der Vertreter des russischen Verteidigungsministeriums Generalmajor Igor Konaschenkow erklärte am Freitag: „Obwohl der Waffenstillstand in Syrien, den die USA und Russland ausgehandelt haben, schon vier Tage andauert, ist noch unklar, ob die ‚gemäßigte Opposition' ihn einhält. Alle Versuche unserer amerikanischen Partner, der Welt zumindest eine gewisse Kontrolle über ihre oppositionellen Aktivisten in Syrien zu demonstrieren, sind bisher gescheitert.“

Wladimir Sawtschenko, der Vorsitzende des russischen Zentrums für die Versöhnung der kämpfenden Parteien in Syrien, erklärte, in den letzten vierundzwanzig Stunden habe es 39 Vorfälle gegeben, bei denen sogenannte Rebellen Stellungen der Regierung und zivile Wohngebiete beschossen haben. Die Angriffe deuteten darauf hin, dass die von den USA unterstützte Opposition den Waffenstillstand „wieder einmal benutzt, um seine Kampfkraft zu regenerieren und seine Truppen umzugruppieren.“

Russische Regierungsvertreter zeigten sich besonders frustriert darüber, dass Washington ihnen keine Informationen über die genauen Standorte und die Größe der sogenannten „gemäßigten Rebellen“ liefern konnte. Laut den Bedingungen des Waffenstillstands sollen sie sich von der mit al-Qaida verbündeten al-Nusra-Front trennen, die sich vor kurzem in Dschabhat Fatah al-Sham umbenannt hat.

In Wirklichkeit sind die al-Qaida-Truppen die stärksten bewaffneten Milizen, die gegen die syrische Regierung von Präsident Baschar al-Assad kämpfen. Dass es eine „gemäßigte“ oder gar eine säkulare Opposition geben soll, ist eine propagandistische Erfindung der USA und ihrer Verbündeten. Die von der CIA unterstützten Milizen sind größtenteils in die al-Nusra-Truppen eingebunden und könnten unabhängig von ihnen nicht überleben.

Die USA versuchten derweil, der syrischen Regierung und ihrem Verbündeten Russland die Schuld dafür zu geben, dass eine Kolonne von Lastwagen mit Hilfsgütern die belagerte Stadt Aleppo nicht erreichen konnte. US-Regierungsvertreter machten deutlich, dass Washington bereit ist, die Verzögerung als Vorwand für einen Rückzieher von dem Waffenstillstandsabkommen zu benutzen. Unter anderem drohen sie damit, auf die Schaffung eines „gemeinsamen Umsetzungszentrums“ zu verzichten, das die amerikanischen und russischen Militäroperationen in Syrien koordinieren soll.

Der Sprecher des Außenministeriums John Kirby erklärte am Freitag vor der Presse: „Wenn wir am Montag noch immer, wenn auch reduzierte Gewalt erleben und keine Hilfsgüter die Stadt erreichen, wird es kein gemeinsames Umsetzungszentrum geben.“

Die Blockade des Hilfskonvois erklärt sich aus den Sicherheitsvorkehrungen auf der Straße, die von der türkischen Grenze in den von „Rebellen“ kontrollierten Ostteil von Aleppo führt. Dieser wurde immer wieder durch von den USA unterstützte Milizen bombardiert. Die al-Nusra-Truppen, die in dem Gebiet die dominierende Kraft sind, haben außerdem in öffentlichen Demonstrationen geschworen, aus Protest gegen den Waffenstillstand alle UN-Hilfslieferungen zu blockieren.

Die Obama-Regierung hat zudem die Vorschläge Russlands abgelehnt, die Bedingungen des Waffenstillstands öffentlich zu machen und dem UN-Sicherheitsrat zur Bewilligung vorzulegen.

Der Grund für diese Haltung sind tiefgehende Streitigkeiten innerhalb des amerikanischen Staatsapparats über das Abkommen mit Russland. Pentagon-Funktionäre, darunter die höchsten uniformierten Kommandanten im Nahen Osten, haben öffentlich Vorbehalte gegen das Abkommen geäußert und angedeutet, sie würden sich nicht daran halten, obwohl es vom US-Präsidenten angeordnet wurde.

Obama traf sich am Freitag mit Kerry, Verteidigungsminister Ashton Carter (der den Waffenstillstand Berichten zufolge abgelehnt hatte) und anderen hochrangigen Sicherheitspolitikern.

Die tieferen Gründe für die politischen Streitigkeiten zwischen der US-Regierung und den Äußerungen hoher Generäle, die teilweise an Befehlsverweigerung grenzen, sind nicht nur Meinungsverschiedenheiten über die krisengeschüttelte Strategie der USA in Syrien. Viel wichtiger ist, dass sich die amerikanische Militärführung zunehmend auf eine direkte militärische Konfrontation mit Russland konzentriert, der zweitgrößten Atommacht der Welt. Den Waffenstillstand betrachten sie als Störung der Vorbereitungen auf einen solchen katastrophalen Konflikt.