Young Euro Classic: Internationales Jugendmusikfestival im Schatten der EU-Krise

Von Verena Nees
9. September 2016

Vor wenigen Tagen ging das Jugendmusikfestival Young Euro Classic mit einem grandiosen Konzert des Orchestre Français des Jeunes unter Leitung von David Zinman zu Ende.

Das jährliche Sommerereignis in Berlin fand zum 17. Mal statt und zog erneut 26.000 Besucher ins Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt, dem traditionellen Aufführungsort. An den 18 Festivaltagen mit 24 Musikveranstaltungen waren über 1500 Musiker aus 25 Ländern beteiligt. Wieder umjubelte das Publikum, unter das sich viele Jugendliche mischten, die Orchesterauftritte.

Doch anders als in der Vergangenheit stieß in diesem Jahr die Idee des Festivals, mit Musik ein Zeichen für ein vereintes und friedliches Europa zu setzen, mit den harten Realitäten der Gegenwart zusammen. Young Euro Classic gerät in die Mühlen von EU-Krise und wachsenden nationalen und militärischen Spannungen.

Bereits das Eröffnungskonzert mit dem European Union Youth Orchester (EUYO) unter Leitung von Vasily Petrenko am 17. August machte dies sichtbar. Im Mai, während der Probenphase, stoppte die EU die Fördergelder für das prestigeträchtige Orchester, das in diesem Jahr seinen 40. Geburtstag feiert und als Vorzeigeprojekt europäischer Kulturpolitik gilt.

Bläser des European Union Youth Orchesters (© MUTESOUVENIR | KB)

Die Ankündigung löste einen Sturm des Protests aus. Orchester und Dirigenten, darunter Simon Rattle und das Amsterdamer Concertgebouw, gaben ihrer Empörung Ausdruck, Musikstudenten zogen mit ihren Instrumenten vor die EU-Büros. Im Juni nahm Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker schließlich die Entscheidung zurück und versprach eine Lösung auch für die nächsten Jahre.

1976 war das EUYO vom britischen Mäzenaten-Paar Joy und Lionel Bryer anlässlich des EU-Beitritts von England ins Leben gerufen und von Dirigent Claudio Abbado maßgeblich aufgebaut worden. Es gab sogar einen europäischen Parlamentsbeschluss zur Gründung des Orchesters. Laut Homepage sollte es „die europäische Idee einer Zusammenarbeit für Frieden und sozialen Zusammenhalt“ repräsentieren.

Wieweit die EU davon inzwischen entfernt ist, zeigt die Brexit-Abstimmung vor wenigen Monaten im Gründungsland des EUYO.

Das diesjährige Konzert des Orchesters mit Mozarts Konzert für zwei Klaviere Es-Dur (1779) und der 1. Symphonie des noch jugendlichen Gustav Mahler passt zu dieser Krise. Mozarts Stück, das er für sich und seine Schwester Nannerl komponiert hatte, steht für Aufklärung und Revolutionszeit und damit für den Auftakt einer reichen gemeinsamen Musikkultur des bürgerlichen Europa. Die Mahler-Symphonie von 1885 entstand an der Schwelle zum krisen- und kriegsgeschüttelten 20. Jahrhundert und dem beginnenden Niedergang der bürgerlichen Kultur.

Schade, dass die beiden Solistinnen Katia und Marielle Labèque Mozarts spritzigen Klavierdialog so teilnahmslos spielten, begleitet von einem eher zahmen Orchester. Umso leidenschaftlicher engagierten sich die jungen Orchestermusiker bei der Aufführung der Mahler-Symphonie, mit ihren heftigen Wechseln von „himmelhochjauchzend“ zu „zu Tode betrübt“, von der Faszination für Naturgeheimnisse zur walzertanzenden Wiener Dékadence, von Jubelakkorden zu apokalyptischen Klängen.

Immer wieder russische Musiktradition

Ein Schwerpunkt des diesjährigen Young Euro Classic Festivals war wieder Osteuropa, darunter die baltischen Staaten, sowie Russland. Das lettische Orchester „Jȃzeps Vĩtols“ gab mit zwei Klaviervirtuosen, den Brüdern Osokins, eine brillante und mitreißende Aufführung der Klavierkonzerte Nr. 2 und 3 von Sergei Rachmaninow. Am 1. September wurde die estnische Komponistin Liisa Hirsch für ihr Werk „Mechanics of Flying“ ausgezeichnet, das die Jury als ein „Bild des Perpetuum mobile, eines nicht enden wollenden Klangs“ bezeichnete.

Das erstmals auftretende bulgarische „Pioneer Youth Philharmonic“ präsentierte neben Dvořáks 9. Symphonie Werke der hier kaum bekannten bulgarischen Komponisten Pantscho Wladigerow und Petko Staynov. Die Thrakischen Tänze von Petko Staynov aus den 20er Jahren waren eine echte Überraschung und lösten stürmischen Beifall aus.

Ein Symphonieorchester aus der ehemaligen Sowjetrepublik Kasachstan stellte unter anderem moderne kasachische Komponisten vor, darunter Stücke von Alkuat Kasakbaev, bei denen auch ein traditionelles lautenähnliches Instrument aus der Zeit des kasachischen Nomadenvolks, die Kobyz, zum Einsatz kam. Leider dominiert in dieser postsowjetischen Musik national-romantische Nostalgie.

Konzert des Mussorgski-Konservatorium Ural - Dirigent Schaburow und Solist Mitinski (© MUTESOUVENIR | KB)

Große Bewunderung erregte das erstmals auftretende Symphonieorchester des Mussorgski-Konservatoriums Ural mit dem Dirigenten Anton Schaburow und dem Solobratschisten Alexander Mitinski, das mit ungeheurer Präzision und Musikalität spielte und erneut die große russische Musiktradition lebendig werden ließ. Das Studentenorchester, das 3500 Kilometer mit dem Bus aus Jekaterinburg nach Berlin gereist war, präsentierte ein rein russisches Programm mit Mussorgski, Rimski-Korsakow, Juri Abdokow (Uraufführung) und Tschaikowskis 6. Symphonie, der „Pathetique“,

Voller Intensität und ergreifend spielten die jungen russischen Musiker den letzten Satz der „Pathetique“, das von Trauer erfüllte Adagio lamentoso, das schon bei der Uraufführung in St. Petersburg 1893 die Menschen erschüttert hatte. Eine Woche danach starb der Komponist.

Auch den heutigen Zuhörer beschlich ein Gefühl drohenden Unheils – insbesondere nachdem das Orchester trotz anhaltenden Beifalls die Instrumente schweigen ließ und keine Zugabe spielte.

Stehende Ovationen für arabische Musiker

Politisch am brisantesten war der Auftritt des Arab Youth Philharmonic Orchestra. Das von dem ägyptischen Musikprofessor Fawzy El-Shamy gegründete Jugendorchester traf sich vor zehn Jahren, 2006, erstmals in Syriens Hauptstadt Damaskus, wo es wochenlang mit einem deutschen Dirigenten, Walter Mik, seine ersten Konzerte einstudierte.

Damals war Damaskus eine blühende, kulturell hochstehende Stadt. Heute wüten hier Krieg und Zerstörung, Schulen und Kultureinrichtungen sind geschlossen, Konzerte unmöglich geworden. Millionen sind auf der Flucht, Hunderttausende haben ihr Leben verloren.

Arab Youth Philharmonic Orchestra (© MUTESOUVENIR | KB)

Vor drei Jahren trat das arabische Ensemble zum ersten Mal bei Young Euro Classic auf, damals noch mit hundert Orchestermitgliedern. Unter vielen Schwierigkeiten und mithilfe persönlichem Einsatz des Dirigenten Heiner Buhlmann kamen dieses Mal 65 Musiker aus acht arabischen Ländern zusammen – aus Ägypten, Algerien, Tunesien, Kuwait, Vereinigte Arabische Emirate, Syrien, Irak und den Palästinensergebieten – darunter viele junge Frauen.

Ein Musiker, der vor einem Jahr nach Deutschland floh, schilderte der Deutschen Welle, wie der Hochschulbetrieb in Syrien zusammengebrochen ist, die vielen russischen Musikprofessoren das Land verlassen haben. Sein Freund, der noch in Damaskus ausharrt und direkt von dort nach Berlin kam, sagte, er sei „pausenlos gestresst von diesem Krieg“, und fügte hinzu: „Meine Geige ist mit mir und das hilft.“ Gleich nach dem Konzert musste er in die Hölle des Kriegs zurück.

Gemeinsame Proben in Syrien oder den Nachbarländern waren unmöglich. So fand nur eine einwöchige Probenphase in einem Gymnasium im Grunewald statt, finanziell unterstützt vom Auswärtigen Amt. Kein Wunder, dass die zweite Symphonie von Johannes Brahms noch nicht perfekt klang. Auch bei den beiden zeitgenössischen arabischen Kompositionen klappten die Einsätze nicht immer.

Die feinfühlige und professionelle Begleitung der Opernarien aus Bizets Carmen und Saint-Saens Samson et dalila, gesungen von der temperamentvollen ägyptischen Mezzosopranistin an der Dresdner Semperoper Gala El Hadidi, zeigte jedoch das Potential des Orchesters – wenn der Krieg nicht wäre.

Anders als beim „Friedenskonzert“ im letzten Jahr, das ebenfalls vom Auswärtigen Amt finanziell unterstützt wurde, trat Außenminister Steinmeier dieses Mal nicht persönlich auf. Während die jungen arabischen Musiker im Grunewald proben durften, stiegen deutsche Tornados über Syrien auf.

Pate des arabischen Konzerts war stattdessen Constantin Schreiber, der einige Allgemeinplätze zur tausendjährigen Beziehung von Okzident und Orient zum Besten gab. Schreiber ist ein junger, arabisch-sprechender TV-Journalist, der in der Sendung „Marhaba – Ankommen in Deutschland“ Flüchtlingen „deutsche Werte“ vermittelt, zuvor beim Auswärtigen Amt tätig war und die Bücher „Ausverkauf Deutschland. Wie ausländische Investoren unser Land übernehmen“ und „1000 Peitschenhiebe“ verfasst hat. Im April behauptete er in der Talkshow „Hart aber Fair“, der Terrorismus sei Teil des Islam.

Der Kontrast zur Reaktion der Konzertbesucher konnte nicht größer sein. Das Konzert war für sie ein Zeichen gegen den Krieg, der im Namen des Antiterrorkampfs geführt wird. Dem Orchester bereiteten sie einen triumphalen Applaus. Die nicht enden wollenden, stehenden Ovationen, die sich nach der Zugabe mit einem traditionellen arabischen Gesang noch steigerten, bewegten sichtlich auch die Musiker. Der ganze Saal schien plötzlich erfüllt zu sein von einer überwältigenden Stimmung der Solidarität, die an die große Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge im vergangenen Jahr erinnerte.

Festivalende in Moll

In ihrer Bilanz am letzten Konzertabend bedauerte Festivalleiterin Gabriele Minz fast wehmütig, dass das diesjährige Young Euro Classic vorbei sei. Sie verwies auf finanzielle und politische Schwierigkeiten und beschwor in einem emotionalen Appell das Publikum, mit den Veranstaltern „gemeinsam für die Zukunft“ des Festivals einzutreten. „Gerade in diesen chaotischen Zeiten, wo wieder dumpfer Nationalismus hochkommt“, so Minz, sei es wichtig, ein Zeichen für einen „friedlichen Weg zur Einigung Europas“ zu setzen.

Es war ein Festivalende in Moll, auch musikalisch. Das Konzert des französischen Jugendorchesters unterstrich laut Werkkommentar im Programmheft „die Farben der Spätromantik: Rätselhaft, elegisch, nervös“.

Orchestre Français des Jeunes mit Cellist Gautier Capuçon und Dirigent David Zinman (© MUTESOUVENIR | KB)

Nach Claude Debussys Marche écossaise(Schottischer Marsch) erklang das Cellokonzert von Henri Dutilleux Tout un monde lointain("Eine ganze Welt … in der Ferne"), 1970 uraufgeführt und von dem Cellisten Gautier Capuçon brillant und mit fantastisch zartem Bogenstrich gespielt. Angelehnt an Charles Baudelaires Gedichtzyklus Les fleures du mal (Die Blumen des Bösen) von 1868, ist das Werk voll harmonischer Brüche und Dissonanzen, rätselhaft, teilweise mystisch und düster – als wollte der Komponist (1916-2013) in sämtlichen verfügbaren Klangfarben die Zerrissenheit und Tragik des 20. Jahrhunderts malen.

Auch Rachmaninows wunderschöne Symphonie Nr. 3 a-Moll (1935/36), mit der das Konzert endete, ist von Trauer und Melancholie durchdrungen. Im letzten Satz erklingt das Thema der lateinischen Totenmesse „Dies Irae“. Doch belässt es der Komponist nicht bei den dunklen Orchesterfarben. Er endet mit vitalen Akkorden und Durklängen, als wollte er den damaligen düsteren Zeiten trotzen, die der Komponist aus seinem Schweizer Exil mitverfolgte.

Am Ende verließ ein nachdenkliches Publikum den Saal.

Ein Teil der Konzerte von Young Euro Classic ab dem 28. August bis zum 3. September wurde von Arte live aufgezeichnet und kann noch 30 Tage lang auf http://concert.arte.tv/de abgehört werden.