Russische Athleten für Paralympics gesperrt

Von Andrea Peters
27. August 2016

Russland wird keine Mannschaft zu den Paralympics schicken können, die am 7. September in Rio de Janeiro beginnen. Dem Land wird staatlich organisiertes Doping vorgeworfen.

Die Entscheidung des Sportgerichtshofs CAS, alle behinderten Athleten Russlands von den Weltspielen auszuschließen, bestätigt einen früheren Beschluss des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) von Anfang August. Russland hatte Einspruch dagegen erhoben, aber der CAS nannte die einmütige Entscheidung des IPS angemessen und betonte, dass das Russische Paralympische Komitee keine Beweise vorgelegt habe, die die Faktenlage veränderten.

Den russischen Behindertensportlern wird auch das Recht verweigert, individuell Einspruch einzulegen, sodass sie nicht beweisen können, dass die kollektiv erhobenen Beschuldigungen sie nicht betreffen. Zusätzlich haben die zuständigen Gremien erkennen lassen, dass die russischen Siege bei den Olympischen und Paralympischen Spielen 2014 in Sotschi noch einmal überprüft werden.

Die Entscheidung des CAS von dieser Woche steht im Widerspruch zu einem Beschluss der Führung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) vom Juli über die russischen olympischen Athleten. Damals schreckten die Verantwortlichen davor zurück, dass russische Team in vollem Umfang zu sperren. Der IOC-Präsident bezeichnete diese Möglichkeit damals als „nukleare Option“. Stattdessen erlaubten sie den Athleten, jeden Einzelfall prüfen zu lassen, entsprechend den Regularien der Dachverbände ihrer jeweiligen Sportart. Das Vorgehen des IOC zog damals viel Kritik auf sich, weil es angeblich nicht hart genug gegen Russland sei.

Die Dopingvorwürfe gegen die russischen olympischen und paralympischen Teams stützen sich auf einen Bericht, der im Juli im Auftrag der Welt-Antidoping-Agentur (WADA) erstellt wurde. Darin heißt es, die Agentur habe ein kompliziertes System entdeckt, wie leistungssteigernde Mittel eingesetzt worden seien. In die Verschleierung der Praktiken seien die höchsten Spitzen des russischen Staates verwickelt. Die Indizien, die sich in erster Linie auf die Aussagen von D. Grigory Rodschenko stützen, einem früheren Laborleiter der WADA in Moskau, wurden bisher nicht bekannt gemacht und können nicht öffentlich überprüft werden.

Angesichts der Geschichte der Olympiade und der ungeheuren politischen und finanziellen Vorteile, die mit dem Gewinn von Medaillen verbunden sind, ist durchaus denkbar, dass die Vorwürfe zutreffen. Aber selbst dann wäre es höchst unwahrscheinlich, dass jeder russische Sportler und jede russische Sportlerin mit im Sumpf steckt. Das macht die Entscheidung des CAS, das gesamte Paralympioniken-Team zu bestrafen, so brutal. Russischen Presseberichten zufolge, zerstört die Entscheidung des CAS die Lebensträume vieler Athleten, deren Zustand sich oftmals so schnell verschlechtert, dass sie kein weiteres Mal die Möglichkeit haben werden, an paralympischen Spielen teilzunehmen.

Russische Behörden erhoben gegen die Entscheidung des Sportgerichts den Vorwurf, sie sei herzlos und politisch motiviert. „Man kann sich kein größeres Verbrechen und keinen größeren Zynismus vorstellen“, erklärte Michael Mamiaschwili, der Vorsitzende des russischen Sportbunds. „Das ist ein inhumaner Akt“, fügte er hinzu.

Wladimir Lukin, Präsident des Russischen Paralympischen Komitees, erklärte: „Die ganze Situation ist so weit über das Ziel hinausgeschossen, dass Sport nicht mehr friedlich ist, sondern kalter Krieg und eiserner Vorhang.“ Der Kreml hat sich bisher nicht geäußert.

Lukins Stellvertreter, Pawel Roskow, sagte, seine Organisation lote weitere juristische Schritte aus, um die Entscheidung des CAS zu kippen. Einzelne Athleten werden ebenfalls versuchen, etwas zu bewirken. Roskow zufolge hören die Athleten nicht auf zu trainieren. Es gibt allerdings nur geringe Chancen, dass die Sperre aufgehoben wird, denn der CAS ist das weltweit höchste Sportgericht. CAS und IPC haben keine weitere Einspruchsmöglichkeit gegen die Entscheidung zugelassen. Andere internationale Gerichte bräuchten Jahre, um den Fall zu überprüfen.

Russische Medien haben erklärt, das Vorgehen des CAS bezwecke zumindest teilweise, russische Wettbewerber aus dem Feld zu schlagen. Russland gewann bei den jüngsten Sommerspielen 2016 die viertmeisten Medaillen, obwohl über hundert seiner Athleten gesperrt waren. 2014 gewann das russische Paralympics-Team achtzig Medaillen, fast vierzig Prozent aller vergebenen Medaillen.

Als das IPC im August seine Pläne bekannt gab, Russland von der Teilnahme auszuschließen, kritisierte der Organisationspräsident das Land mit den Worten: „Russland wertet die Medaillen höher als die Moral“, das Land sei „trunken nach Ruhm“. Er bezeichnete Russlands Antidoping-Programm als „beschädigt, korrupt und völlig unglaubwürdig“.

Würden dieselben Standards an alle potentiellen Teilnehmer angelegt, dann gäbe es keine Olympiade und keine Paralympics.

Die Spiele bringen zwar enorme menschliche Errungenschaften und physische Leistungen hervor. Aber sie sind gleichzeitig abscheuliche Orgien von Nationalismus, Profitmacherei, Korruption und beinharter Konkurrenz zwischen den Weltgroßmächten. Dies gilt besonders für die Vereinigten Staaten. So kommt es bei Olympiaden und anderen großen Sportfestivals ständig vor, dass Athleten, Mannschaften, Staatsbehörden und Politiker in Doping, Bestechung, Diebstahl und anderes verwickelt sind, um Medaillen, Weltrekorde und lukrative Verträge zu ergattern.

Die Sperrung der russischen Behindertensportler von den bevorstehenden Spielen ist ein weiteres Beispiel für die zunehmend hysterische und gefährliche anti-russische Propaganda, wie sie die Medien und das Establishment, besonders in den USA und Europa, betreiben. Die Entscheidung der führenden Sportorganisationen, Russland anzugreifen, geht Hand in Hand mit der Verschärfung der Spannungen in Osteuropa, wo die US-freundliche ukrainische Regierung Russland wegen der Krim provoziert. Parallel dazu betreibt das Wahlkampfteam der Demokratischen Präsidentschaftsbewerberin Hillary Clinton eine anti-russische Hetze gegen Donald Trump, die an McCarthy erinnert.

Hätte Russland vergleichbare Aktionen gegen behinderte Athleten unternommen, dann stünde der Kreml im Zentrum hysterischer Beschuldigungen wegen Benachteiligung einer Minderheit. Der Vorwurf eines Verbrechens gegen die „Menschlichkeit“ würde laut werden, wogegen die internationale Gemeinschaft dann dann vorgehen müsste.

Die Dämonisierung Russlands wegen staatlich organisierten Dopings ist Teil der ideologischen Vorbereitung auf Krieg, die die amerikanische herrschende Klasse rücksichtslos vorantreibt. Wenn hunderte gewöhnliche Athleten unterschiedslos ins Visier genommen werden, ist das Ausdruck der Bereitschaft der Großmächte, nicht nur die russische Regierung anzugreifen, sondern auch die Bevölkerung insgesamt.