51 Tote bei Selbstmordanschlag auf Hochzeit in der Türkei

Von Alex Lantier
23. August 2016

Am Samstag wurden bei einem verheerenden Selbstmordanschlag auf eine kurdische Hochzeitsfeier in der türkischen Stadt Gaziantep nahe der syrischen Grenze. Dabei kamen mindestens 51 Menschen ums Leben, viele weitere wurden zum Teil schwer verletzt.

Die prokurdische Demokratische Partei der Völker (HDP) bestätigte, dass eines ihrer Mitglieder auf der Feier heiraten wollte. Die Hochzeitsfeier ging zu Ende und die Gäste begannen nach Hause zu gehen, als ein Selbstmordattentäter, möglicherweise ein Junge zwischen zwölf und vierzehn Jahren, seinen Sprengstoffgürtel zur Explosion brachte. Einer der Gäste berichtete: „Die Feier ging zu Ende, und dann gab es eine große Explosion. Es war alles voll mit Blut und Leichenteilen.“

Viele der Opfer waren Kinder, weil sie sich bei einem Volkstanz scheinbar auf einer Seite zusammengestellt hatten und damit näher an der Explosion standen.

Die Braut und der Bräutigam Besna und Nurettin Akdogan wurden ebenfalls verletzt. Die Braut erklärte der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus: „Sie haben unsere Hochzeit in ein Blutbad verwandelt.“

Angeblich war das Paar aus Siirt nach Gaziantep geflohen, um den Kämpfen zwischen der türkischen Armee und kurdischen Milizen in der Türkei zu entkommen. Die Offensive der Regierungstruppen gegen kurdische Separatisten eskalierte, als kurdische Milizen von der anderen Seite der syrischen Grenze begannen, eine größere Rolle in dem Krieg im Land zu spielen.

Am Sonntag fand ein Massenbegräbnis für die Opfer des Bombenanschlags statt. Die Behörden erklärten jedoch, zur Identifikation aller Opfer seien weitere DNA-Tests notwendig, da viele von ihnen in Stücke zerrissen wurden.

Mehrere internationale Staatschefs verurteilten den Anschlag. Der russische Präsident Wladimir Putin nannte ihn „erschütternd grausam und zynisch“, der französische Präsident Francois Hollande sprach von einem „abscheulichen Terroranschlag.“ Bundeskanzlerin Angela Merkel schickte dem türkischen Ministerpräsidenten Bainali Yıldırım einen Brief, in dem sie bedauerte, dass „wieder einmal unschuldige Männer, Frauen und Kinder Opfer feiger und heimtückischer Gewalt geworden sind.“

Auffällig war das Schweigen von US-Präsident Barack Obama über den Anschlag. Obamas Beziehungen zu dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan haben sich stark verschlechtert, seit Erdogan Washington öffentlich vorgeworfen hat, es habe den gescheiterten Militärputsch gegen ihn im letzten Monat unterstützt.

Zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Artikels hat zwar noch niemand die Verantwortung für den Anschlag in Gaziantep übernommen, internationale Medien und mehrere türkische Regierungsvertreter machten jedoch den Islamischen Staat (IS) für die Bluttat verantwortlich. Angeblich habe der IS auch Kinder als Selbstmordattentäter angeworben.

Bei einem Besuch in Gaziantep bezeichnete Erdogan den Anschlag als „abscheuliches Verbrechen“ und erklärte: „Die ersten Hinweise deuten darauf hin, dass es ein Anschlag des IS war. Er erklärte, die Attentäter wollten „ethnische und religiöse Konflikte ausnutzen, um die Menschen zu provozieren. Unser Land und unsere Nationen haben denen, die uns angreifen, nur eines zu sagen: ihr werdet es nicht schaffen.“

Die Bluttat in Gaziantep ist das Ergebnis des jahrelangen Schürens von islamistischem Terror und ethnischem Blutvergießen in der Region durch Washington und seine imperialistischen Verbündeten in Europa im Rahmen ihres Stellvertreterkriegs zum Regimewechsel in Syrien. Seit 2011 haben die Nato-Mächte und ihre Verbündeten im Nahen Osten Milliarden Dollar und riesige Mengen von Waffen an islamistische und kurdisch-nationalistische Milzen geliefert, die in Syrien kämpfen. Hunderttausende von Syrern wurden getötet, mehr als zehn Millionen sind aus ihrer Heimat geflohen und haben die größte weltweite Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst.

Erdogans Versuche, den ständigen Wendungen der imperialistischen Politik zu folgen, haben verheerende Folgen für die Türkei selbst. Vor allem seit Washington und seine europäischen Verbündeten 2014 begonnen haben, den IS anzugreifen, nachdem sich dieser im Irak ausbreitete und das Überleben des US gestützten Marionettenregimes in Bagdad gefährdete. Der IS hat in der Türkei ein umfangreiches Logistiknetzwerk entwickelt und schlägt seit letztem Jahr mit Terroranschlägen in der Türkei zurück.

Zu diesen Anschlägen zählt der in Ankara im Oktober 2015 mit 105 Todesopfern und der Anschlag auf die Istiqlal Caddesi (Unabhängigkeitsstraße) in Istanbul im März 2016. Beide Anschläge wurden von IS-Kräften in Gaziantep geplant.

Der jüngste Anschlag ist eine Vergeltungsaktion für die Veränderung des Kräfteverhältnis in Syrien, die den Konflikt zwischen der Regierung Erdogan und dem IS verschärft hat. Seit letztem Jahr hat die russische Militärintervention das Kriegsgeschick zu Gunsten des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad verschoben. Die türkische Regierung hat daraufhin ihre Politik langsam aber stetig geändert. Nachdem sie sich nach dem leichtfertigen Abschuss eines russischen Bombers über Syrien im letzten Herbst zunehmend isoliert fand und den amerikanischen Stellvertreterkräften im Irak eine Niederlage drohte, orientierte sie sich politisch wieder stärker auf Moskau und das Assad-Regime.

Diese Umorientierung beschleunigt sich, nachdem Moskau Erdogan vor dem Putsch gewarnt hatte, den türkische Offiziere vom Luftwaffenstützpunkt Incirlik aus vorbereiteten. Incirlik ist ein wichtiger Luftwaffenstützpunkt für amerikanische- und Nato-Luftangriffe auf Syrien und den Irak. Letzte Woche hat auch China angekündigt, es werde seine Hilfe für das Assad-Regime ausweiten. Sowohl Washington als auch der IS sind erbost über die wachsenden Beziehungen zwischen der Türkei, Syrien, Russland und nun auch China.

Kurz vor dem Anschlag in Gaziantep am Samstag machte der türkische Ministerpräsident Binali Yıldırım deutlich, dass seine Regierung den beispiellosen Schritt erwägt, Moskau die Benutzung des Luftwaffenstützpunkts Incirlik für Luftangriffe auf den IS zu erlauben.

Yıldırım erklärte bei einer Pressekonferenz: „Die Türkei hat den Luftwaffenstützpunkt Incirlik geöffnet, um gegen IS-Terroristen zu kämpfen. Er wird von den Vereinigten Staaten und Katar benutzt. Auch andere Länder, beispielsweise die Deutschen, möchten ihn benutzen.“ Auf die Frage, ob Moskau den Luftwaffenstütztpunkt Incirlik benutzen dürfe, antwortete Yıldırım: „Wenn es nötig ist, können sie den Stützpunkt Incirlik benutzen.“

Der Stützpunkt wurde historisch bislang immer von Washington benutzt, um seine Pläne gegen Moskau zu verfolgen. Vor wenigen Tage hatte der Abgeordnete des russischen Oberhauses Igor Morosow gefordert, Moskau solle sich mit Erdogan „darauf einigen, dass wir den Nato-Stützpunkt bei Incirlik als neuen primären Luftwaffenstützpunkt erhalten.“

Amerikanische Regierungsvertreter sind zunehmend verzweifelt über diese Entwicklungen. Sie könnten zu einem Austritt der Türkei aus der Nato und einer Neuausrichtung der Großmächte in Eurasien gegen die USA führen. Darauf reagieren sie mit einer Eskalation ihrer Kriegsdrohungen gegen russische und syrische Regierungstruppen, die zu einem globalen Krieg führen könnte.

Letzte Woche hatten Assads Luftstreitkräfte kurdische Milizen bombardiert, in deren Reihen amerikanische Spezialeinheiten rechtswidrig in Syrien operieren. Daraufhin warnten Sprecher des Pentagon, die USA seien bereit, jeden anzugreifen, der ihre Truppen bedrohe. Ein solcher Angriff könnte leicht zu einem direkten Zusammenstoß mit russischen, iranischen oder syrischen Truppen führen.

Am Samstag sprach der Befehlshaber der US-Truppen im Irak und Syrien, Generalleutnant Stephen Townsend, eine offizielle Drohung mit Militäraktionen gegen Russland und Syrien aus. Er erklärte auf CNN: „Wir haben den Russen mitgeteilt, wo wir sind... Sie sagen uns, sie hätten die Syrer informiert. Und ich möchte nur sagen, dass wir uns verteidigen werden, wenn wir uns bedroht fühlen.“

Ein anonymer hoher US-Militär erklärte gegenüber CNN: „Wenn die Syrer das noch einmal versuchen, könnten sie dabei ein Flugzeug verlieren.“ Kommentatoren von CNN fügten hinzu, die Lage „erhöhe die Wahrscheinlichkeit eines direkten Konflikts“ zwischen US-Truppen auf der einen, und Moskau und Damaskus auf der anderen Seite.