Die herrschende Klasse und das Gespenst Leo Trotzkis

23. August 2016

Vor 76 Jahren wurde Leo Trotzki ermordet. Ramon Mercader, der sich Zugang zu seinem Haus in einem Vorort von Mexiko City verschafft hatte, schlug ihm einen Eispickel in den Kopf. Trotzki setzte sich noch zur Wehr. Am nächsten Tag erlag er seinen schweren Verletzungen.

Der Auftraggeber des gedungenen Mörders, Joseph Stalin, wollte auf diese Weise seinen Hauptwidersacher zum Schweigen bringen und die russische und internationale Arbeiterklasse ihres größten revolutionären Führers berauben.

Es gelang ihm nicht. Von dem Diktator der Sowjetunion und seinen Gefolgsleuten wird heute nur noch mit Abscheu gesprochen. Stalin ging, um mit Trotzki zu sprechen, als „der Totengräber der Revolution“ in die Geschichte ein, der Name Trotzkis hingegen wird für alle Zeiten mit dem unversöhnlichen Kampf gegen den Stalinismus und für den internationalen Sozialismus verknüpft bleiben.

Dabei ist Trotzki nicht nur eine herausragende historische Persönlichkeit, sondern auch von höchst aktueller politischer Bedeutung für Arbeiter in aller Welt. Bestätigt wird dies durch die Art und Weise, wie sein Name im Zusammenhang mit der Krise der britischen Labour Party in jüngster Zeit immer wieder genannt wird.

Der rechte Flügel der Labour Party beklagt sich bitterlich über eine angebliche „trotzkistische Unterwanderung“ und stellt alle Anhänger des Parteivorsitzenden Jeremy Corbyn als nützliche Idioten dieser finsteren Kraft dar. Den Anfang machte am 9. August der stellvertretende Labour-Vorsitzende Tom Watson in einem Beitrag für die Zeitung Guardian.

Das solcherart angegriffene Corbyn-Lager reagierte mit ungläubiger Empörung. Corbyn versicherte gegenüber dem Blatt Observer: „Nicht einmal in seiner lebhaftesten Fantasie könnte man sich je ausmalen, dass in unserem Land 300.000 sektiererische Extremisten frei herumlaufen und mir nichts, dir nichts in die Labour Party eingedrungen sind.“ [Hervorhebung hinzugefügt.]

Doch der Ball war ins Rollen gekommen. In beiden großen britischen Zeitungen erschienen unzählige Beiträge über Trotzki, um ihn in den Schmutz zu ziehen und vor seinen Ideen zu warnen. Wiederholt wurde davon gesprochen, dass die Labour Party „vom Gespenst Trotzkis“ heimgesucht werde und Schauplatz eines politischen Kampfs zwischen Reformisten und Revolutionären sei.

Dass der Name Trotzkis in den Mittelpunkt der Debatte rückt, ist unabhängig von den Fraktionszielen der Labour-Rechten von unverkennbarer objektiver Bedeutung. Jedes Mal, wenn der Kapitalismus in die Krise gerät und sich soziale und politische Kämpfe der Arbeiterklasse ankündigen, macht sich Trotzkis Gegenwart bemerkbar.

Woran liegt das?

Angesichts der tiefen Spaltung der Gesellschaft, der politischen Nachwehen des Brexit-Referendums und vor allem des drohenden Auseinanderbrechens der Labour Party, die seit mehr als 100 Jahren die Arbeiterklasse knebelt, sind sich die herrschende Klasse und ihre Medien der akuten Gefahr bewusst, die von Trotzki und dem Trotzkismus ausgeht – und wenn sie ihn noch so oft für „bedeutungslos“ erklären.

Millionen Arbeiter und Jugendliche suchen nach Mitteln und Wegen, sich gegen Sozialabbau und Militarismus zu wehren. Corbyns Versuch, sich als eine entsprechende Alternative darzustellen, zugleich aber jeden Bruch mit der Labour Party zu verhindern, kann keinen Bestand haben. Die Frage nach dem Aufbau einer neuen, wirklich sozialistischen Partei wird sich unausweichlich stellen.

In dieser Hinsicht spiegelt die Lage in Großbritannien eine weltweite Entwicklung wider. Die Arbeiterklasse bewegt sich politisch nach links, hat sich jedoch noch nicht die sozialistische Führung aufgebaut, die sie benötigt.

Der 100. Jahrestag der Oktoberrevolution von 1917 steht kurz bevor. Neben dem Namen Lenins ist derjenige Trotzkis synonym mit diesem epochalen Ereignis, das zur Gründung des ersten Arbeiterstaats der Welt führte. Heute steckt der Weltkapitalismus wieder in einer wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Krise, die sich zusehends verschärft und die Menschheit erneut vor die Frage stellt, ob sie in ein Zeitalter von Diktatur, Barbarei und Krieg gestürzt wird oder ob es der Arbeiterklasse gelingen wird, Klassenausbeutung und Nationalismus durch die Errichtung des Weltsozialismus ein Ende zu setzen.

Trotzki war der Kopf der Linken Opposition gegen die Degeneration der Sowjetunion unter Stalin. Ihr Kampf, der 1938 in der Gründung der Vierten Internationale gipfelte, widerlegt die Kernaussage der antikommunistischen Propaganda, dass ein gerader Weg von Lenin zu Stalin geführt habe und die bürokratische Tyrannei ein Ergebnis des Sozialismus gewesen sei.

Auf Trotzki geht die Theorie der permanenten Revolution zurück, und er prägte epochemachende Ausdrücke wie die „Todeskrise des Kapitalismus“. In seiner Person verkörpert sich die Perspektive der sozialistischen Weltrevolution. Aus Sicht der britischen und internationalen herrschenden Klasse macht ihn dies zur schlimmsten und gefährlichsten Gestalt der Geschichte.

Trotzkis Schriften sind auch nach Jahrzehnten noch von unmittelbarer Bedeutung. Den Klassenkampf in Großbritannien hat er nicht nur genau verfolgt, sondern dabei auch die Labour Party und ihre Rolle als Verteidiger der kapitalistischen Herrschaft scharfsinnig eingeschätzt und angeprangert. Sein Klassiker „Wohin geht England?“ erschien 1925, nur ein Jahr, bevor die Labour Party und der Gewerkschaftsdachverband Trades Union Congress (TUC) den Generalstreik verrieten. Seine Schriften über die Unfähigkeit, Ohnmacht und Heuchelei der linken Fabier lesen sich wie eine heilsame Warnung davor, Vertrauen in Corbyn und seine Unterstützer in der Gewerkschaftsbürokratie zu setzen:

„Labour bildet die Hauptstütze des britischen Imperialismus und der Bourgeoisie in Europa oder sogar weltweit. Diese selbstgefälligen Pedanten, eklektischen Dummschwätzer, karrieregeilen Waschlappen und gelackten Kofferträger der Bourgeoisie müssen der Arbeiterklasse unbedingt in ihrer wahren Gestalt vor Augen geführt werden. Sobald sie als das sichtbar werden, was sie wirklich sind, ist es endgültig um ihre Glaubwürdigkeit geschehen. Wer sie bloßstellt, leistet dem historischen Fortschritt einen hervorragenden Dienst.“

Die dringendste Aufgabe der nächsten Zeit besteht darin, den fortgeschrittensten Arbeitern und Jugendlichen weltweit die Bedeutung von Trotzki und seinem politischen Vermächtnis zu vermitteln. Das Internationale Komitee der Vierten Internationale (IKVI) – die trotzkistische Weltbewegung, die in Großbritannien von der Socialist Equality Party (SEP) vertreten wird – hat sich zum Ziel gesetzt, die „poststalinistische Schule der Geschichtsfälschung“ in Bezug auf Trotzki, sein Leben und Werk, zu widerlegen.

Im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, kurz vor dem Finanzkrach von 2008, brachten die britischen Historiker Ian Thatcher, Geoffrey Swain und Robert Service je eigene Trotzki-Biografien heraus. Der Chefredaktuer der World Socialist Web Site, David North, hat die darin enthaltenen Lügen und Fälschungen systematisch entlarvt. In seinem Buch, das 2010 unter dem Titel Verteidigung Leo Trotzkis erschien, bezeichnete North diese tendenziösen Schriften als „präventive Biografien“, mit denen versucht werde, Trotzki im Vorfeld neuerlicher revolutionärer Kämpfe als historische Figur restlos zu diskreditieren.

In der Einleitung schätzt North die Beweggründe der heutigen Versuche, Trotzki herabzuwürdigen, folgendermaßen ein:

„In erster Linie war Trotzki der herausragende Führer und Theoretiker der sozialistischen Weltrevolution. Die leidenschaftlichen Reaktionen, die sein Name auslöst, belegen die bleibende Bedeutung seiner Ideen. Diskussionen über Trotzki drehen sich niemals nur um die Vergangenheit; Sie kreisen in gleichem Maße um heutige Ereignisse und die zukünftige Entwicklung.“

Seither wurde noch mehr Tinte vergossen und Papier vergeudet, um Trotzki schlecht zu reden und zu verleumden. Doch seine Präsenz wird sich dadurch auch in Zukunft nicht verscheuchen lassen. Denn der Trotzkismus ist nicht nur ein Gespenst, sondern auch eine politische Bewegung. Die von Trotzki gegründete Organisation, die Vierte Internationale, ist der bewusste Ausdruck objektiver historischer Widersprüche, die heute die Arbeiterklasse weltweit wieder in revolutionäre Kämpfe gegen das kapitalistische System treiben.

Chris Marsden