Zum Tod von Ernst Nolte

Von Christoph Vandreier und Peter Schwarz
20. August 2016

Der Historiker Ernst Nolte, der am Donnerstag im Alter von 93 Jahren einer kurzen, schweren Krankheit erlag, starb, was seine akademische Reputation betrifft, schon vor 30 Jahren. Der Historikerstreit, den er 1986 mit seiner Verharmlosung des Nationalsozialismus auslöste, endete mit seiner Niederlage und Isolation.

Namhafte Intellektuelle und Historiker, wie Jürgen Habermas, Hans-Ulrich Wehler, Heinrich August Winkler, Hans Mommsen und Eberhard Jäckel, griffen ihn scharf an und wiesen nach, dass er die schlimmsten Verbrechen der Menschheit relativierte. Fortan bewegte sich Nolte nur noch in ultrakonservativen und offen rechtsextremen Kreisen.

Trotzdem erfolgte Noltes ideologische und politische Wiederauferstehung bereits vor seinem physischen Tod. 2000 verlieh ihm die Unions-nahe Deutschland-Stiftung den Konrad-Adenauer-Preis. Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel weigerte sich allerdings, den Preis persönlich an Nolte zu übergeben. Die spätere Kanzlerin, die ihren steilen politischen Aufstieg nicht zuletzt ihrem ausgeprägten Sinn für Opportunität verdankt, hielt das damals noch für karriereschädlich.

Inzwischen hat sich das geändert. Führende Medien – Die Welt, Der Spiegel, The European – boten Nolte in den vergangenen Jahren eine Plattform für seine geschichtsrevisionistischen Thesen, ohne dass sich dagegen Widerspruch erhob. Jörg Baberowski, Historiker an der Berliner Humboldt-Universität, bescheinigte ihm 2014 im Spiegel: „Nolte wurde unrecht getan. Er hatte historisch recht.“ Als die Studentenorganisation IYSSE dagegen protestierte, entfachten die Medien einen Sturm der Entrüstung. „Mobbing trotzkistisch“, titelte die FAZ.

Nun spenden die Nachrufe Nolte mit wenigen Ausnahmen Lob.

Berthold Seewald schreibt in der Welt, dass „viele Vorwürfe des Historikerstreits einer Überdramatisierung entsprangen“, und beschwert sich über die „erprobte Methode, unliebsame Thesen mit ihrer – scheinbaren – Nähe zu Nolte zu desavouieren“.

Bernhard Schulz schwärmt im Tagesspiegel und auf Zeit Online: „Um das Verstehen ging es ihm; nicht um das bloße Wer und Was, sondern um das Warum der Geschichte. Ein Geschichtsphilosoph ist er, mit gewissem Unterton, genannt worden; angesichts seines Lebenswerks stellt es eine Auszeichnung dar.“

Und Lorenz Jäger führt in der FAZ die „fühlbare Isolation“ Noltes auf die „harten Angriffe“ seiner Gegner und „eigenes Missgeschick“ zurück – als wäre die Rechtfertigung von Nazi-Verbrechen ein bloßes „Missgeschick“.

Dabei hat Nolte seine ultrarechten Auffassungen mit steigendem Alter keineswegs gemäßigt, sondern immer offener artikuliert.

Hatte er im Historikerstreit seine These, der „‘Klassenmord‘ der Bolschewiki [sei] das logische und faktische Prius des ‚Rassenmords‘ der Nationalsozialisten“ gewesen, noch in eine esoterische Sprache gefasst und mit einem Fragezeichen versehen, steigerte er in den 1990er Jahren die Verharmlosung des Nationalsozialismus bis an die Grenze der Holocaustleugnung.

So antwortete er 1994 in einem Spiegel-Interview auf die Frage, ob er „Zweifel an der gezielten Massenvernichtung der Juden durch Gas“ habe: „Ich kann nicht ausschließen, dass die meisten Opfer nicht in den Gaskammern gestorben sind, sondern dass die Zahl derer vergleichsweise größer ist, die durch Seuchen zugrunde gingen oder durch schlechte Behandlung und Massenerschießungen.“ Die Untersuchung der Gaskammern auf Blausäurespuren durch den amerikanischen Holocaust-Leugner Fred Leuchter nannte er „wichtig”.

Im selben Jahr bezeichnete Nolte die „unterschiedslose Stigmatisierung des ‚Antisemitismus‘“ als „bloßes, wenngleich erstaunlich erfolgreiches Kampfmittel“. Vier Jahre später behauptete er, Hitler habe „schwerwiegende Gründe“ gehabt, die Juden seit 1939 als feindlich gesinnt zu betrachten „und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen“.

2014 zitierte ihn der Spiegel – im selben Artikel, in dem ihm Baberowski bescheinigte, er habe „historisch recht“ gehabt – mit der Behauptung, Polen und Engländer trügen eine erhebliche Mitverantwortung für den Zweiten Weltkrieg, weil sie sich nicht mit Hitler geeinigt hätten. Den Juden unterstellte er einen „‘eigenen Anteil am Gulag‘, weil einige Bolschewisten Juden waren“.

Im September des gleichen Jahres veröffentlichte das Magazin The European unkommentiert einen Artikel Noltes unter dem Titel „Das Tabu brechen“. Darin beklagte Nolte, dass Hitler nach der Niederlage Deutschlands „vom Befreier zum ‚absolut Bösen‘“ gemacht geworden sei, „von dem ernsthaft und wissenschaftlich nicht gesprochen werden“ könne. „Diese einseitige Sicht schadet uns noch heute.“

Man vermisse in der offiziellen Politik der Bundesregierung „Tendenzen der ‚Selbstbehauptung‘“, als deren „vergessener Repräsentant“ Hitler erscheinen könne, erklärte Nolte weiter. Er nannte als Beispiel Hitlers Bemühungen, die „Tendenz zum ‚Volkstod‘“ zu bekämpfen, und warf der Bundesregierung „eine Politik der Tolerierung und sogar der Förderung einer ungeregelten Immigration“ vor.

Warum haben diese rechtsextremen Äußerungen, anders als 1986, keinen Widerspruch hervorgerufen? Warum erhielt Nolte dafür ein Forum? Und warum loben ihn jetzt viele Nachrufe?

Man kann dies nur mit der Rückkehr Deutschlands zum Militarismus und der damit verbundenen Rechtswendung im akademischen Milieu erklären. Um die tief verwurzelte Opposition breiter Bevölkerungsschichten zu überwinden, „genügen die Werbekampagnen des Verteidigungsministeriums und die Propaganda der Medien nicht“, schrieben wir im Vorwort zum Buch „Wissenschaft oder Kriegspropaganda“, das die Auseinandersetzung der IYSSE an der Humboldt-Universität mit Baberowski, Herfried Münkler und anderen Befürwortern einer deutschen Großmachtpolitik dokumentiert. „Erforderlich ist ein neues Narrativ des zwanzigsten Jahrhunderts, eine Verfälschung der Geschichte, die die Verbrechen des deutschen Imperialismus verniedlicht und rechtfertigt.“

Noltes Verharmlosung des Nationalsozialismus passt in dieses Bild. Er verkörpert wie kaum ein anderer die Kontinuität der deutschen Eliten in einer an Verbrechen und Katastrophen reichen Geschichte.

Ernst Nolte wurde am 11. Januar 1923 in ein bürgerlich-katholisches Elternhaus im nordrhein-westfälischen Witten geboren. Am selben Tag besetzten französische Truppen das Ruhrgebiet, einschließlich Noltes Geburtsstadt, und lösten damit eine katastrophale Inflation und gesellschaftliche Erschütterungen aus, die im Oktober in einem gescheiterten Aufstand der Kommunistischen Partei und im November in Hitlers Putschversuch in München gipfelten.

Auch wenn Nolte diese Ereignisse noch nicht bewusst miterlebte, waren sie bestimmend für sein Leben und seinen Antikommunismus, der ihn schließlich zum Apologeten Hitlers machte.

Eine angeborene Verstümmelung an der Hand bewahrte Nolte davor, wie die meisten anderen seiner Generation in die Wehrmacht eingezogen und an der Front verheizt zu werden. Er studierte Philosophie, Germanistik und Klassische Philologie und wurde zum Jünger Martin Heideggers.

Vor einem Jahr schilderte Nolte der Zeitschrift Tumult seine Bewunderung für den Philosophen, der maßgeblich zur Unterordnung der Universitäten unter das Nazi-Regime beitrug: „… sobald er die ersten Worte aussprach, verwandelte er sich in einen Redner, der mit äußerster Konzentration von ,Heraklits Lehre vom Logos‘ sprach und mit seinen strahlenden Augen das ganze Publikum in andächtige Zuhörer verwandelte.“

In den letzten Kriegswochen besuchte Nolte Heidegger in Messkirch, führte ausführliche Gespräche mit ihm und vereinbarte, bei Heidegger eine philosophische Dissertation zu schreiben „und damit dem engsten Kreis um ihn für die Dauer zuzugehören“. Das scheiterte daran, dass die Allliierten Heidegger die Lehrbefugnis entzogen.

Nolte wurde Gymnasiallehrer für Alte Sprachen und Deutsch. 1952 promovierte er im Fach Philosophie zum Thema „Selbstentfremdung und Dialektik im Deutschen Idealismus und bei Marx“. Erst 1963 habilitierte er sich mit dem Buch „Der Faschismus in seiner Epoche“ zum Historiker. Dieses Buch, dass den italienischen, den deutschen und den französischen Faschismus vergleicht, gilt als Klassiker und lässt die späteren rechten Tendenzen noch nicht deutlich erkennen.

Während der Studentenbewegung stand Nolte allerdings schon politisch rechts. 1970 war er Gründungsmitglied des Bundes Freiheit der Wissenschaft, der sich als Sprachrohr der Hochschullehrer gegen „den Gesinnungsterror ideologisch fanatisierter Gruppen an den Hochschulen“, d.h. der rebellierenden Studenten, und gegen eine weitere „Demokratisierung“ der Universitäten verstand.

Am 6. Juni 1986 veröffentlichte die Frankfurter Allgemeine Zeitung dann Noltes Artikel „Vergangenheit, die nicht vergehen will“ und eröffnete damit den Historikerstreit.