40 Millionen Russen verschuldet

Von Clara Weiss
4. Mai 2016

Westliche Sanktionen und der niedrige Ölpreis haben Russland in eine wirtschaftliche und soziale Krise gestürzt, die einen scharfen Ausdruck in der Verschuldung von 40 Millionen Privatpersonen findet.

Die russische Wirtschaft befindet sich seit zwei Jahren in der Rezession. In ihrem jüngsten Bericht vom 6. April hat die Weltbank für 2016 einen Wirtschaftsrückgang von 1,9 Prozent vorhergesagt. Erst 2017 soll die Wirtschaft wieder um 1,1 Prozent wachsen. Die Higher School of Economics in Moskau sagt für die Periode 2015-2019 insgesamt einen Einbruch des Bruttoinlandsprodukts von 8,1 Prozent voraus.

Die Prognose der Weltbank geht von einem Anstieg des Ölpreises auf 50 US-Dollar pro Barrel im Jahr 2017 aus. Die russische Wirtschaft und der Staatshaushalt hängen in hohem Maße von Rohölexporten ab. Experten schätzen, dass der Staatshaushalt nur bei einem Ölpreis von 119 US-Dollar pro Barrel ausgeglichen werden könnte.

Die anhaltende Rezession hat zu einer sozialen Krise geführt, die sich sehr deutlich in der verbreiteten Verschuldung von Privathaushalten zeigt. Inzwischen sind 40 Millionen Russen, fast ein Drittel der Gesamtbevölkerung von 140 Millionen, verschuldet. Betroffen ist ein Großteil der arbeitsfähigen Bevölkerung.

Seit 2008 haben sich die Privatschulden nach den Angaben des Nationalen Büros für Kreditgeschichte mehr als verdoppelt. Sie belaufen sich auf 10,3 Billionen Rubel (ca. 159 Milliarden US-Dollar). Laut New York Times stieg der Anteil unbezahlter Schulden im Jahr 2015 um 50 Prozent auf 15 Milliarden US-Dollar. Im selben Jahr sanken die Reallöhne um 10 Prozent. Die Zahl der Schuldner im Verzug, die seit drei Monaten nichts gezahlt haben, stieg zwischen März 2015 und März 2016 von 6 auf 7,5 Millionen.

Laut New York Times basiert ein Großteil der Schulden auf kurzfristigen Kleinkrediten, die einen durchschnittlichen Umfang von gerade einmal 125 US-Dollar haben. Der Durchschnittszins für diese Kredite beträgt 2 Prozent pro Tag. Bei den Kreditnehmern handelt es sich meist um Arbeiter, die mit ihren Familien von wenigen hundert Dollar im Monat leben müssen. Unter solchen Bedingungen bedeutet eine Entlassung oder ein Krankheitsfall schnell, dass die gesamte wirtschaftliche Existenz in Frage gestellt wird.

Ein wichtiger Grund für die wachsende Armut ist auch das Zurückhalten von Gehältern durch die Unternehmen. Laut der offiziellen Statistik von Rosstat stieg die Summe der zurückgehaltenen Gehälter im März um 1168 Milliarden auf 4471 Milliarden Rubel.

Am 1. April haben laut offiziellen Angaben insgesamt 78.000 Menschen kein Gehalt bekommen. Davon waren 35 Prozent in der verarbeitenden Industrie, 23 Prozent im Baugewerbe und 25 Prozent im Transport beschäftigt.

Im März 2016 wurde zum ersten Mal seit 2008 mehr als die Hälfte der Einkommen für Lebensmittel und Zigaretten ausgegeben. Unter solchen Bedingungen sind immer mehr Arbeiter gezwungen, trotz der horrenden Zinssätze kurzfristige Kleinkredite aufzunehmen.

Michail Karpenko, ein Anwalt im Ural, wo es zahlreiche verarmte Industriestädte gibt, erklärte dem Guardian: „Zumindest in unserer Region, dem Oblast Tscheljabinsk, ist die Bevölkerung tief verschuldet. Die Menschen fallen einfach in ein schwarzes Loch von Schulden und kommen nicht mehr raus.“

Immer mehr verschuldete Familien werden dabei Opfer des Terrors von Schuldeneintreibern, die von kleinen Finanzinstituten angeheuert werden. Die Opfer haben in der Regel niemanden, an den sie sich wenden können. Der Polizei vertraut in Russland kaum jemand, da ihre Verbindungen zu kriminellen Strukturen allgemein bekannt sind. Die Zustände ähneln immer mehr denen der 1990er Jahre, die russische Arbeiter in traumatischer Erinnerung haben. Damals wüteten auf der Straße Gangster- und Mafia-Banden, die vom Staat entweder direkt gestützt wurden oder walten konnten, wie sie wollten.

Im Dezember musste ein Kindergarten in Südrußland evakuiert werden, weil Schuldeneintreiber drohten, ihn in die Luft zu sprengen. Der Ehemann einer Mitarbeiterin hatte seine Schulden nicht bezahlt.

Ein anderes Ehepaar aus Novosibirsk berichtete, dass Schuldeneintreiber im Januar Freunden eine gefälschte Nachricht über den Tod ihrer Tochter geschickt und die persönlichen Daten der Ehefrau auf einer Website für Prostitution hochgeladen hatten.

Am 27. Januar wurde ein Kleinkind in Uljanowsk schwer verletzt, als Schuldeneintreiber mit einem Molotow-Cocktail ein Haus anzündeten. Grund für den Brandanschlag war ein unbezahlter Kredit über 51 US-Dollar, den der Großvater des Kleinkindes aufgenommen hatte.

Neu ist der Terror gegen Arbeiter und ihre Familien durch Schuldeneintreiber nicht. So nahm sich im Jahr 2012 eine 47-jährige Frau in Podmoskowje das Leben, nachdem ihr Schuldeneintreiber gedroht hatten, sie wegen eines unbezahlten Kredits für ihre Wohnung auf die Straße zu setzen.

Im Oktober erließ die russische Regierung ein Gesetz, das es Individuen ermöglicht, Bankrott zu erklären. Helfen wird das Gesetz jedoch kaum jemandem: die Bankrotterklärung ist erst ab einer Schuldenhöhe von 500.000 Rubel möglich – eine Summe, die kaum jemand aufnimmt.

Die Wut über die ungeheure Brutalität der Schuldeneintreiber hat das staatliche Fernsehen gezwungen, über einige Fälle ausführlich zu berichten. So lud der erste russische Kanal am 11. April Natalja Gorbunowa zu einer Talk-Show ein, die Opfer von massivem Telefonterror und Drohungen wurde, bevor die Schuldeneintreiber in ihrer Wohnung einbrachen, den Sohn verprügelten und sie vergewaltigten. Dabei ging es um eine Summe von 5000 Rubel, was etwa 60 Euro entspricht, die sie im September 2014 geliehen hatte. Der Tageszins betrug 2 Prozent. Ihr Gehalt, von dem die gesamte fünfköpfige Familie lebt, beträgt 25.000 Rubel (etwa 335 Euro).

In der Talk-Show wurde die Frau von den meisten anderen Gästen – Schauspielern, Anwälten und Duma-Abgeordneten – angegriffen und erniedrigt. Sie warfen ihr vor, dass sie den Kredit aufgenommen und ihre Schulden nicht rechtzeitig bezahlt habe und dass sie zu wenig arbeite. Mehrere Studio-Gäste, darunter die bekannte Schauspielerin Ljudmila Zwetkowa, bezichtigten die Frau, sie habe über ihre Vergewaltigung gelogen. Ein Duma-Abgeordneter warf ihrem 17-jährigen Sohn vor, nicht gearbeitet zu haben, um der Mutter zu helfen.

Das Youtube-Video der Sendung kommentierten hunderte Menschen. Ein Nutzer schrieb: „Die Gangster werden durch das Gesetz gedeckt.“ Woraufhin ein anderer antwortete: „Ich würde nicht sagen, durch das Gesetz, aber durch die gut situierten Leute im Land. Schauen Sie nur, was [für Kleidung] diese wandelnden Geldbeutel [tolstosumy] im Studio tragen.“

Eine andere Nutzerin empörte sich über die erniedrigende Behandlung von Natalja Gorbunowa: „Die [Studiogäste] haben’s im Überfluss. Nicht jeder kann so viel verdienen wie Duma-Abgeordnete oder Schauspieler. … Eine Familie kann mit 25.000 Rubel nicht für die Ernährung der Kinder, die Ausbildung und die ärztliche Behandlung des Ehemanns zahlen. Es kann einfach jeder in eine solche Situation kommen, wenn er kein Geld hat.“

Ein weiterer Kommentar lautete: „Unsere verf** ‚Elite‘ lebt in einer Parallel-Welt, sie versteht nicht das Geringste von den Problemen normaler Menschen.“

Mehrere Duma-Abgeordnete fordern inzwischen – nicht zum ersten Mal – ein Verbot der Schuldeneintreiber-Firmen. Im September stehen in Russland Duma-Wahlen an und das Putin-Regime ist angesichts der wachsenden sozialen Krise zunehmend nervös. Der Terror durch Schuldeneintreiber ist momentan eines der meistdiskutierten Themen in Russland.

Ein Opfer von Schuldeneintreibern kommentierte die Gesetzesvorschläge gegenüber dem Guardian mit den Worten: „Gesetze, die den Oligarchen helfen, werden innerhalb einer Woche verabschiedet, aber Gesetze für die [normalen] Menschen brauchen Jahre, um durchzukommen. Diese Gesetzesentwürfe sind wahrscheinlich nur PR.“