Der Film Son of Saul im Land der Täter

Von Verena Nees
8. April 2016

Seit dem 10. März läuft der Film Son of Saul (Saul Fia) über das Sonderkommando in Auschwitz in deutschen Kinos, allerdings in diesen Tagen nur noch in kleineren Programmkinos. Damit erfolgte der Filmstart in Deutschland erst fast ein Jahr nach seiner Premiere bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes, wo er den Großen Preis der Jury gewann, die höchste Auszeichnung nach der Goldenen Palme.

Ausgerechnet im Land der Täter wurde dieser herausragende Film somit lange blockiert und erst in die Kinos gebracht, nachdem er im Januar 2016 noch den Golden Globe Award sowie Ende Februar den Oscar als bester fremdsprachiger Film erhielt. In Ungarn, der Heimat des Regisseurs László Nemes, hatte diese Tatsache zu kritischen Fragen und Protesten geführt.

Regisseur Nemes, aus dessen Familie zahlreiche Mitglieder ihr Leben im Holocaust, darunter in Auschwitz verloren, hatte sich ursprünglich für die Berlinale 2015 beworben, wurde allerdings für den Wettbewerb abgelehnt – offensichtlich mit der formalen Begründung, dass es sich um einen Debütfilm eines unbekannten jungen Regisseurs handle. Dies obwohl der weltberühmte Regisseur Claude Lanzmann (Shoah, 1985, u.a.) Nemes‘ Film hochgelobt und empfohlen hatte.

Das Angebot, die Weltpremiere des Films in der Nebenreihe „Panorama“ laufen zu lassen, lehnte Nemes ab und bewarb sich stattdessen für Cannes. Schon im Vorfeld, berichtet der Regisseur, habe er sich von potentiellen Geldgebern in Deutschland nur Absagen eingehandelt. Nemes drehte, nachdem er auch in Österreich, Israel und Frankreich Abfuhren erhielt, den Film im 35-mm-Format ausschließlich in Ungarn und finanzierte das Projekt mithilfe des ungarischen Filmfonds und der Claims Conference, die als einzige jüdische Institution zu einem finanziellen Beitrag bereit war.

An seinem Drehbuch arbeitete er gemeinsam mit Clara Royer fünf Jahre lang und bemühte sich, im Gegensatz zu manch anderen modernen Filmemachern, um gründliche historische Recherchen und Genauigkeit. Zum Inhalt seines Films sagte er im vergangenen Jahr, er wollte im Unterschied zu anderen Holocaust-Filmen „die Geschichte der Toten statt die Geschichte der Überlebenden“ erzählen. Denn das Überleben sei die Ausnahme gewesen. Er wollte den Toten „ihre Würde” zurückgeben.

In Ungarn ist der Film im vergangenen Juni in die Kinos gekommen und hat bisher die höchste Zahl an verkauften Tickets für einen ungarischen Film seit 2010 erreicht, viel mehr als erwartet wurde.

Anders in Deutschland, wo der Film kaum beworben und bekannt gemacht wird und sich entsprechend wenige Besucher in den Kinos einfinden. Die Reaktionen der Kritiker in den großen Medien sind zum Teil regelrecht gehässig.

Während Daniel Kothenschulte in der Frankfurter Rundschau noch von „einem der ganz wenigen künstlerisch relevanten Filme“ zum Thema Auschwitz schreibt, ereifert sich Verena Lueken in der FAZ über den „KZ-Kitsch“. Der Film sei „eine Fantasy-Sinngebung unter dem Vorwand eines ‚ganz neuen Blicks‘. Worauf denn?“ In einer Videobesprechung setzt sie noch eins drauf: Die Filmtechnik mit den schemenhaften Ausschnitten der Vernichtung finde sie „zum Kotzen“, der Filmregisseur betreibe eine „ausbeuterische Gewaltpornographie“.

Im Berliner Tagesspiegel verurteilt Jan Schulz-Ojala den Film zynisch als gewöhnlichen Thriller: „Eine Geisterbahnfahrt ist ‚Son of Saul‘, mit fragwürdigem Schauer.“

In der Süddeutschen Zeitung wiederholtdie Autorin Susan Vahabzadeh die abstoßende Bemerkung der FAZ. Der Film sei eine „Pornographie des Schmerzes“. Was sie aufbringt, ist die Realität der industriellen Vernichtung von Menschen in Auschwitz-Birkenau, die in Son of Saul gerade dadurch so schmerzlich deutlich wird, dass Saul einen toten Jungen wie einen Menschen begraben will. Im weiteren Verlauf ihres Artikels klagt sie: „Man fühlt sich da, als hätte einen der Filmemacher mitgenommen auf eine Reise in ein anderes Leben“, und: „Was genau sollen diese Bilder also bewirken – und ist es nicht ganz oft so, dass sie einfach nur der Kontrast sind zu unserem relativ bequemen Leben im wohlhabendsten, sichersten Teil der Welt?“

Ganz recht, fühlt man sich verleitet zu sagen! Was Frau Vahabzadeh nicht hören und sehen will, ist dennoch wahr. Und gerade weil die Schrecken von Elend, Krieg und Faschismus in der Gegenwart wieder näher kommen, fällt der Kontrast zum „bequemen Leben“ in den oberen gesellschaftlichen Kreisen, zu denen auch etliche Redakteure der Leitmedien gehören, besonders auf.

Auch wenn die großen Kinos den Film Son of Saul bereits aus dem Programm verbannt haben, möchte die Autorin unseren Lesern den Film wärmstens empfehlen. Unten drucken wir die Übersetzung einer Besprechung der WSWS ab, die schon im Januar erschienen ist.