Mann Mobilia XXXL sperrt Mannheimer Belegschaft aus

Von Anna Rombach
6. Februar 2016

Am vergangenen Montagmorgen standen 99 Mitarbeiter der Möbelgruppe Mann Mobilia XXXL vor verschlossener Tür, als sie zur Arbeit kamen. Ohne Vorwarnung hatte das Unternehmen seine Sachbearbeiter im Mannheimer Zentrallager ausgesperrt und eine Sicherheitsfirma beauftragt, sie am Betreten der Arbeitsräume zu hindern.

Die Beschäftigten erhielten ein Blatt Papier in die Hand, auf dem stand, dass sie „freigestellt“ seien. Auf Nachfrage teilte das Management mit, sie erhielten ihre Löhne vorerst weiter, dürften aber nicht mehr arbeiten.

Im Lauf der Woche wurde bekannt, dass die Auftragssachbearbeitung von Mannheim an den Unternehmenssitz in Würzburg verlegt werden soll. Dort seien bereits sechzig neue Mitarbeiter eingestellt worden. Auch in Eschborn und Wiesbaden soll es zu Entlassungen kommen. Betroffene könnten sich für die Stellen in Würzburg bewerben, so der zynische Kommentar der Geschäftsleitung.

Die XXXLutz-Gruppe, das österreichische Möbelhaus mit dem riesigen roten Stuhl als Markenzeichen, ist ein „global player“ unter den Möbelhändlern. Die Firma ist in acht europäischen Ländern vertreten und hat nach eigenen Angaben 18.500 Beschäftigte. 2005 übernahm sie die Kette Mann Mobilia. In Deutschland betreibt die Gruppe mit Firmensitz in Würzburg 37 Einrichtungshäuser.

Die ausgesperrten Arbeiter in Mannheim haben bisher noch keine Kündigung erhalten. Die Betriebsleitung gab allerdings an, sie würden nur so lange weiter bezahlt, bis die Kündigungsmodalitäten ausgehandelt seien. Das Management versuchte im Nachhinein, den Arbeitern die Verantwortung zuzuschieben. In der betroffenen Mannheimer Abteilung hätten absolut „ineffiziente“ und „unhaltbare Zustände“ vorgeherrscht. Im Weihnachtsgeschäft seien Tausende Aufträge nicht oder verspätet bearbeitet worden.

Weiter heißt es aus der Würzburger Deutschlandzentrale, die Mitarbeiter hätten schnell „freigestellt“ werden müssen, da das Haus in Mannheim umgebaut werde und man die Räume benötige. Es sei geplant, Kundenservice, Logistik und Auftragssachbearbeitung neu zu strukturieren. Den Beschäftigten habe man ihre Freistellung erst am Montagmorgen mitgeteilt, um Verzögerungen bei der Auslieferung zu vermeiden, so die Betriebsleitung. Offenbar wollte die Direktion Kampfaktionen der Belegschaft von vorneherein verhindern.

Es ist klar, dass sich XXXL mit radikalen Methoden an die wachsende Konkurrenz auf dem Konsumgütermarkt anpasst, wo der Kampf immer gnadenloser und erbitterter geführt wird. Die Gruppe rüstet sich dafür durch den Umbau zentraler Unternehmensbereiche. Dabei haben die Rechte der Arbeiter keinen Platz mehr.

Der Bericht „Playing to Win“ (Um den Sieg spielen) der Unternehmensberatung McKinsey gibt einen Eindruck von dem Schlachtfeld, in das sich der globale kapitalistische Markt mittlerweile verwandelt hat: „Firmen brauchen die Wachsamkeit und die Vision, um neue Möglichkeiten zu entdecken – und die Aggressivität, sie schnell auszunutzen und ein wachsendes Feld auszumanövrieren.“

Bis 2020, so McKinsey, werden weltweit nahezu achtzig Millionen hoch und mittel qualifizierte und 95 Millionen niedrig qualifizierte Arbeitsplätze weggekürzt. Die Kürzungen hätten in den letzten zehn Jahren schon für viel Aufregung gesorgt. Weder Firmen noch Länderregierungen könnten daran jedoch etwas ändern, sie müssten sich einfach darauf einstellen. Regierungen sollten sich anpassen, indem sie beispielsweise Regulierungen ändern und eine neue Haltung gegenüber der allgegenwärtigen Konkurrenz entwickeln.

Am Mittwochmorgen versammelten sich rund hundert Arbeiter von XXXL vor dem Möbelhaus zu einer Demonstration. Sie wurden nach kurzer Zeit durch einen Unternehmenssprecher des Geländes verwiesen, setzten aber die Demonstration auf dem Bürgersteig fort.

Am Donnerstagnachmittag schlossen sich ihnen etwa dreihundert Arbeiter des Turbinenwerks Mannheim an, die ebenfalls mit Entlassungen konfrontiert sind. Der Weltkonzern General Electric, der ihr Werk letztes Jahr übernommen hatte, will über eintausend Stellen in Mannheim streichen. Die GE-Arbeiter demonstrierten gemeinsam mit den Beschäftigten von XXXL Mann Mobilia auf dem Platz vor dem Möbelhaus, ehe die GE-Belegschaften in sechs Bussen nach Stuttgart fuhren, um dort mit ihren ebenfalls von Stellenstreichungen bedrohten GE-Kollegen zu demonstrierten.

Inzwischen bemühen sich SPD-Politiker, Ver.di-Gewerkschafter und Betriebsräte, die Wut der Arbeiter unter Kontrolle zu halten und in die Sackgasse ungefährlicher Proteste zu leiten. Sie klammern sich an nationalstaatliche Regelungen und appellieren an Politiker, Behörden und Gerichte, die den Arbeitern zu ihrem Recht verhelfen sollen. Dies garnieren sie mit moralischer Entrüstung und illusorischen Boykottaufrufen.

Die baden-württembergische SPD-Sozialministerin Katrin Altpeter sagte am Mittwoch, die Arbeiter ohne jede Ankündigung auszusperren, sei Ausdruck „frühkapitalistischer Herrschaftsmanier“. Das Unternehmen gehe „zutiefst unmenschlich und verabscheuungswürdig“ vor. „Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ein Unternehmen im Jahre 2016 so mit seinen Mitarbeitern umspringt.“

Ver.di-Sekretär Stephan Weis-Will beschwerte sich vor allem, dass die Gewerkschaft nicht in die Manöver des Konzerns eingebunden war: „Der Betriebsrat hätte vorab informiert werden müssen.“

Er bezeichnete das XXXL-Unternehmen als „menschenverachtendes System“ und als „radikalen“ Arbeitgeber. Bei Ver.di dagegen wolle man einen „kühlen Kopf“ bewahren, auf Verhandlungen setzen und die rechtliche Situation prüfen. Seine Gewerkschaft lehne härtere Protestformen ab. „Über die Zäune jagen, das hätten sie vielleicht verdient, aber das ist nicht unser Niveau“, fügte der Ver.di-Sekretär hinzu und spielte damit auf einen Konflikt bei Air France in Frankreich an. Offenbar sitzt ihm die Angst vor einer möglichen Arbeiterrebellion im Nacken.

Im vergangenen Oktober hatten Hunderte streikende Arbeiter bei Air France das Betriebsratsbüro in der Nähe des Pariser Flughafens Charles de Gaulle gestürmt, wo Management und Gewerkschaftsvertreter gerade über den Abbau von 2900 Stellen verhandelten. YouTube-Videos zeigen, wie sich die Manager durch die Flucht über Absperrungszäune vor den Arbeitern retteten.

Nichts fürchten Unternehmer und Gewerkschaftsbosse mehr, als dass die arbeitende Bevölkerung ernst macht und sich international gegen die Auswirkungen der globalen kapitalistischen Krise zusammenschließt. Deshalb die Orientierung auf nationale Interessen, Standortverteidigung und die Unterordnung jedes Kampfes unter die nationale Gesetzgebung.

Nach dem Prinzip, je vereinzelter, umso besser, schlug Weis-Will mit den Worten: „Jeder Mensch kann selbst entscheiden, wo er seine Möbel kauft“, einen zahnlosen Konsumentenboykott vor.

Die Arbeiter stehen vor der Aufgabe, sich von diesen Funktionären zu trennen, weltweit untereinander Kontakt aufzunehmen und den Kampf auf sozialistischer Grundlage zu führen. Nur so können sie den Kapitalismus abschaffen, der zwangsläufig immer neue Krisen, Massenelend und Krieg verursacht.