Ein Reisebericht aus dem polnischen Łódź

Von Clara Weiss
23. Januar 2016

Im Folgenden geben wir die Eindrücke einer WSWS-Reporterin wieder, die in die polnische Stadt Łódź gereist ist.

Vom „polnischen Manchester“ zum „polnischen Detroit“

Nur wenige Städte in Osteuropa haben eine so große Rolle in der Geschichte der Arbeiterbewegung gespielt wie Łódź. Łódź war nicht nur ein wichtiges industrielles Zentrum des russischen Zarenreichs, sondern nahm auch eine Schlüsselstellung in der Entwicklung der polnischen sozialistischen Bewegung ein. Heute drückt sie, wie vielleicht keine andere Stadt in Polen, die verheerende Deindustrialisierung seit der Wiedereinführung des Kapitalismus aus und ist Abbild des allgegenwärtigen Traumas, das der Zweite Weltkrieg und der Holocaust hinterlassen haben.

Anders als viele andere polnische Städte wurde Łódź von den Nazis im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört. Den Spuren der industriellen Vergangenheit der Stadt begegnet man auf Schritt und Tritt, auch wenn viele der stolzen Gebäude und Fabriken aufgegeben und dem Verfall preisgegeben wurden.

Wer heute durch die Stadt geht, wird zwangsläufig mit den Auswirkungen dieser sozialen Konterrevolution konfrontiert.

Die meisten Menschen, denen man auf der Straße begegnet, sind arm. Die Kinder sehen blass und müde aus, ein Passant zeigt ein vom offenen Tumor entstelltes Gesicht. Menschen in Rollstühlen oder mit Kinderwagen sieht man selten: Sie meiden offenbar die schlechten Straßen. Wie so oft in der ehemaligen Sowjetunion und den früheren Ostblockstaaten sind die Straßen so heruntergekommen, dass sogar gesunde Erwachsene aufpassen müssen, damit sie sich nichts brechen. Die steilen Einstiegsstufen in die jahrzehntealten Straßenbahnen sind für jeden ein Problem und für ältere Menschen geradezu gefährlich.

Der Prozentsatz an Senioren ist in dieser Stadt offenbar hoch. In der Straßenbahn hat man den Eindruck, dass sechs von zehn Fahrgästen über sechzig Jahre alt sind. Im Verlauf des letzten Jahrzehnts haben schätzungsweise zwei Millionen Menschen (bei einer Gesamtbevölkerung von 38 Millionen) Polen verlassen, um im Ausland eine besser bezahlte Arbeit zu finden, die überwiegende Mehrzahl davon waren junge Menschen.

In den vergangenen Jahren hat die Stadt vermehrt ausländischer Investoren angezogen und es hat sich eine dünne Mittelschicht herausgebildet. Riesige Einkaufszentren, Banken und Hotels wurden inmitten der Ruinen einer ehemaligen Industriestadt von Weltrang hochgezogen. Die wenigen modisch Gekleideten im Stadtzentrum wirken in diesem Umfeld deplatziert. Man bekommt den Eindruck, dass die wachsende Mittel- und Oberschicht von Łódź die Straßen meidet, abgesehen von der Hauptstraße, der Piotrkowska, mit ihren Bars und Cafés. Zum großen Teil halten sich die Bessergestellten in den riesigen Einkaufszentren, Hotels und Banken auf. Die Arbeiterbevölkerung betrachtet sie mit beinahe greifbarem Argwohn und Missbehagen.

Teil eines Gebäudes, das früher zur Scheibler-Fabrik gehörte. Karol Scheibler war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einer der einflussreichsten und vermögendsten Textilfabrikanten in Łódź.

Früher war Łódź berühmt für seine riesige Textilindustrie, die in den 1920er-Jahren Hunderte von Fabriken umfasste. Als Polen nach 1989 wieder in den Weltmarkt eingegliedert wurde, sorgten billigere Textilfabrikate besonders aus China sehr rasch für den totalen Zusammenbruch der Textilindustrie von Łódź. Viele Fabriken wurden mittlerweile in Museen oder Clubs umgewandelt, während andere einfach nur verfallen. Der Prozess der Deindustrialisierung hatte einen dramatischen Rückgang der Bevölkerungszahl zur Folge: Seit 1989 haben 150 000 von 850 000 Einwohnern die Stadt verlassen.

Nach Polens Beitritt zur Europäischen Union (EU) im Jahr 2004 wurde der Prozess des Industriezerfalls ansatzweise aufgehalten. In einer Aufstellung der Länder mit der konkurrenzfähigsten Fertigungsindustrie der Welt stand Polen auf Platz vierzehn und auf Platz zwei innerhalb der EU. Von allen Ländern in Zentralosteuropa besitzt Polen heute die mit Abstand bedeutendste industrielle Basis. Diese „Konkurrenzfähigkeit“ der industriellen Fertigung in Polen ist das Ergebnis von Hungerlöhnen und den erbärmlichen Lebensbedingungen für die arbeitende Bevölkerung.

Łódź ist ein Paradebeispiel für diesen Prozess. 1997 hat die Kommunalverwaltung hier eine von Polens vierzehn Sonderwirtschaftszonen (SWZ) errichtet. Sie gehört heute zu den zwanzig lukrativsten SWZ der Welt. Zu den Firmen, die sich hier niedergelassen haben, zählen Bosch, Phillips, General Electric, Gillette, Dell, Hutchinson und Coca-Cola.

Der heruntergekommene Zustand der Stadt hat viele veranlasst, eine Parallele zu Detroit zu ziehen. Beide Städte waren früher bedeutende Industriezentren und wurden vom industriellen Niedergang besonders hart betroffen. In Osteuropa fiel die weltweite soziale Konterrevolution mit der Wiedereinführung des Kapitalismus zusammen. Anders als im Fall von Detroit reicht die Blütezeit von Łódź jedoch bis ins 19. Jahrhundert zurück und ist mit der damaligen schnellen, frühen Entwicklung des europäischen Kapitalismus verbunden.

Baufällige Gebäude im Stadtzentrum

Łódź wurde seit dem frühen 13. Jahrhundert in schriftlichen Aufzeichnungen erwähnt. Damals war sie jedoch nur eine kleine Handelsstadt, bis sie 1815 nach dem Wiener Kongress Russland eingegliedert wurde. Der Wiener Vertrag regelte die Aufteilung Polens unter Preußen, Österreich-Ungarn und dem russischen Zarenreich. In Folge eines Erlasses des Zaren von 1816 ließen sich deutsche Einwanderer in der Stadt nieder und bauten die ersten Fabriken. 1825 wurde die erste Baumwollfabrik eröffnet, und 1839 nahm hier die erste, mit Dampf betriebene Fabrik Osteuropas den Betrieb auf.

Als Industriestandpunkt im wirtschaftlich rückständigen und überwiegend bäuerlich geprägten russischen Zarenreich galt Łódź als „das gelobte Land“ (Ziemia Obiecana). Die Stadt zog aufstrebende Unternehmer aus ganz Europa an. Der polnische Regisseur Andrzej Wajda beschreibt in seinem Film „Das gelobte Land“ (Ziemia Obiecana) von 1975 in hervorragender Weise das Łódź des 19. Jahrhunderts und die brutalen Bedingungen, die in diesem „polnischen Manchester“ vorherrschten. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Władysław Reymont.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war Łódź ein internationales Zentrum der Textilverarbeitung, dessen Produkte fast ausschließlich auf den großen russischen Markt exportiert wurden. Zwischen 1823 und 1873 verdoppelte sich die Einwohnerzahl der Stadt alle zehn Jahre, und von 1878 bis 1895 stieg sie von 100 000 auf 315 000 an. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs war sie auf eine halbe Million angewachsen. Der Pianist Arthur Rubinstein, Sohn eines kleinen Textilfabrikanten, verkörperte den Typ der Persönlichkeiten, die die Stadt auf dem Höhepunkt ihrer industriellen Entwicklung hervorbrachte.

Die rasante industrielle Entwicklung bedeutete, dass Łódź die Geburtsstadt der polnischen Arbeiterbewegung wurde und eine zentrale Rolle für die Entwicklung der größten polnischen Marxistin, Rosa Luxemburg, spielte. Die Analyse der Textilindustrie von Łódź bildete einen wichtigen Bestandteil von Rosa Luxemburgs Dissertation und ihres ersten großen Werks „Die industrielle Entwicklung Polens“. Łódź war auch ein wichtiges Zentrum der proletarischen Revolution von 1905, als Massenstreiks und Proteste das gesamte russische Zarenreich erschütterten. Während des ganzen zwanzigsten Jahrhunderts blieb die Stadt ein Mittelpunkt der Arbeiterbewegung.

Unter dem polnischen stalinistischen Nachkriegsregime fanden in Łódź in den 1970er- und 1980er-Jahren gewaltige Demonstrationen und Streiks statt. Von besonderer Bedeutung waren die Demonstrationen und Streiks während des „Hungersommers“ von 1981, als nicht weniger als 50 000 Frauen mit ihren Kindern auf die Straße gingen, um gegen Hungerlöhne und die massive Nahrungsmittelknappheit zu protestieren. Außer Butter und Mehl gab es in der Stadt zu diesem Zeitpunkt faktisch keine Nahrungsmittel zu kaufen. Die Demonstranten trugen Transparente mit Aufschriften wie: „Wir sind zu schwach, um zu arbeiten“, „Hungernde aller Länder – vereinigt Euch!“ und „Unsere Kinder hungern“. Die Protestaktionen fanden in den Monaten vor der Verhängung des Kriegsrechts durch General Wojciech Jaruzelski im Dezember 1981 statt, als dieser versuchte, die wachsende Arbeiterbewegung zu brechen, die vor allem in der Gewerkschaft Solidarność organisiert war. Anfang der 1980er-Jahre hatte Solidarność zehn Millionen Mitglieder, erheblich mehr als die regierende Polnische Vereinigte Arbeiterpartei.

Die Kontrolle der rechten Solidarność-Führung über die Arbeiterbewegung und die Tatsache, dass sie über keine revolutionäre Perspektive und Partei verfügte, führte schließlich zu ihrem Zusammenbruch. In einem freimütigen Kommentar, der 1981 in der New York Times erschien, erklärte Jerzy Kropiwnicki, stellvertretender Solidarność-Vorsitzender in Łódź und ehemaliger Student der Universität von Wisconsin: „Optimistisch stimmt uns die Tatsache, dass wir eine derartige Demonstration vor einem halben Jahr aus Angst vor Provokationen oder unkontrollierbaren Situationen nicht hätten organisieren können. Jetzt haben wir die Polizeibehörde gebeten, den Verkehr für die Demonstration zu regeln, und das tut sie auch. Sie wird jede Provokation von außerhalb verhindern, und wir kümmern uns um das, was innerhalb der Demonstration passiert.“

Die enorme Wirtschaftskrise unter jedem stalinistischen Regime und die Gefahr eines Aufstands der Arbeiterklasse bewog die Bürokratie in Polen dazu, eine Vereinbarung mit der Solidarność-Führung zu treffen. Mit ihrer Hilfe machte sie den Weg für die Wiederherstellung des Kapitalismus frei. Die Führungsriege der Gewerkschaft Solidarność gelangte so auf lukrative Posten in den obersten Rängen von Politik und Unternehmen, sowohl auf nationaler als auch auf lokaler Ebene. Der oben zitierte Kropiwnicki wurde beispielsweise Bürgermeister von Łódź (2002–2010) und Mitglied der rechten nationalistischen Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS). Das Leben der großen Mehrheit der Arbeiter, welche Solidarność in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft unterstützt hatten, wird hingegen bis heute vom Verrat der Gewerkschaftsbewegung und der Wiedereinführung des Kapitalismus geprägt.

Gedenktafel zur Erinnerung an die Jugendlichen von Łódź, die als Zwangsarbeiter nach Deutschland deportiert wurden.

Spuren des Zweiten Weltkriegs und des Ghettos von Łódź

Jeder Besucher der Stadt nimmt sofort die soziale Katastrophe wahr, die die Wiedereinführung des Kapitalismus unter den Bewohnern von Łódź angerichtet hat. Dagegen sind die Spuren des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust sehr viel schwieriger ausfindig zu machen, obwohl auch diese Ereignisse die Stadt stark geprägt haben.

Im August 1939 unterzeichnete Stalin einen Pakt mit Hitler, der für den Fall eines deutschen Angriffs auf Polen eine Teilung des Landes in eine deutsche und eine sowjetische Zone vorsah. Der Molotow-Ribbentrop-Pakt, benannt nach den sowjetischen und deutschen Außenministern, ebnete den Weg für den Angriff der Nazis auf Polen am 1. September 1939. Polen wurde in drei Teile geteilt: das sogenannte Reichsland Warthegau, das die westlichen Gebiete umfasste, das Generalgouvernement, das in etwa der heutigen Zentralregion Polens entspricht, und Ostpolen, das bis zum Angriff der Nazis auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 unter der Kontrolle des Kremls stand.

Das nationalsozialistisch besetzte Polen im Jahr 1941 nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion.

Wegen seiner wirtschaftlichen Bedeutung und seiner umfangreichen deutschen Bevölkerung wurde Łódź nicht in das Generalgouvernement, sondern in das Reichsland Warthegau eingegliedert. Die Stadt wurde nach dem deutschen General, der im Ersten Weltkrieg ihre Besetzung geleitet hatte, in Litzmannstadt umbenannt. Am Hauptbahnhof erinnert eine Gedenktafel an jene, die als Zwangsarbeiter nach Deutschland deportiert wurden. Andere Tafeln sind speziellen Gruppen von Arbeitern und Kindern gewidmet, die ebenfalls deportiert wurden. Insgesamt wurden zirka drei Millionen Polen, viele von ihnen minderjährig, im Dritten Reich als Zwangsarbeiter beschäftigt. Viele von denen, die aus Łódź deportiert wurden, mussten für deutsche Firmen arbeiten, wie z. B. Krupp, das es heute noch gibt, oder den Elektrokonzern AEG, der erst Ende der 1990er-Jahre aufgelöst wurde.

Weniger deutlich sichtbar, aber politisch und historisch immer noch gegenwärtig ist die Geschichte der jüdischen Gemeinde von Łódź, eine der bedeutendsten in Osteuropa, sowie ihrer letzten Jahre im Ghetto von Łódź. In deutlichem Unterschied zum Warschauer Ghetto, in dessen Gebiete während der letzten dreißig Jahren zahlreiche Denkmäler und Gedenktafeln errichtet wurden, erinnern heute nur wenige Schilder und Tafeln an die Geschichte des Ghettos von Łódź. Wo vermutlich die Mauer des Ghettos stand, gibt es nur eine Tafel auf dem Boden. Das größte einzelne Mahnmal ist der Bahnhof Radegast, von dem aus Zehntausende Juden nach Auschwitz und Chełmno deportiert wurden. Die Gedenkstätte wurde 2004 eingeweiht und umfasst auch ein Museum. Doch im größten Teil der Innenstadt und im Gebiet des ehemaligen Ghettos deutet fast nichts darauf hin, dass der Boden, über den die Passanten laufen, Schauplatz von Verbrechen historischen Ausmaßes war.

Gedenktafel auf dem Boden zur Erinnerung an das Ghetto von Łódź, genannt Litzmannstadt-Ghetto

Dies ist umso bemerkenswerter als Ghetto von Łódź, das von allen osteuropäischen Ghettos 1944 als letztes aufgelöst wurde, keineswegs dem Erdboden gleichgemacht wurde. Fast sämtliche Gebäude aus dieser Zeit stehen noch.[1] Da andere Stadtteile während des Kriegs stärker beschädigt wurden, zogen 1945 viele überlebende Einwohner der Stadt in diesen Bezirk. Heute ist es wie auch schon vor der Errichtung des Ghettos eines der ärmsten Arbeiterviertel der Stadt.

Es gibt tatsächlich nur wenige Städte, deren Geschichte so deutlich den engen Zusammenhang zwischen dem Schicksal der Arbeiterbewegung und dem Holocaust zum Ausdruck bringen wie Łódź. Die sozialistische Bewegung umfasste zahlreiche Angehörige des jüdischen Proletariats und der unteren Mittelschichten. Ihre Stärke und Tradition provozierte die besondere Grausamkeit der nationalsozialistischen Besatzungsmacht.

Die Entscheidung für die Errichtung des Ghettos – eins der ersten im besetzten Polen – wurde schon am 8. September 1939 von SS-Oberführer Friedrich Uebelhoer getroffen. Am 30. April 1940 war das Ghetto abgeriegelt. Zu diesem Zeitpunkt lebten hier etwa 164 000 Menschen, die meisten von ihnen Juden aus Łódź. Viele Angehörige der wohlhabenderen jüdischen Schichten und der Intelligenz waren entweder in das Generalgouvernement deportiert worden oder in die sowjetisch besetzte Zone geflohen, bevor das Ghetto abgeriegelt wurde. Die überwiegende Mehrheit der Ghettobewohner kam daher aus der Arbeiterklasse und den ärmeren Schichten des Kleinbürgertums.

Ein Stück Mauer des jüdischen Friedhofs

Später wurden Zehntausende Juden aus ganz Europa sowie mehrere Tausend Sinti und Roma in das Ghetto deportiert. Bis zu seiner Auflösung 1944 lebten im Ghetto Łódź (oder Litzmannstädter Ghetto) etwa 200 000 Menschen, von denen die meisten in den Gaskammern von Auschwitz und Chełmno (auch bekannt unter dem deutschen Namen Kulmhof) ermordet wurden. Der Leiter der Naziverwaltung des Ghettos war Hans Biebow, einer der wenigen Kriegsverbrecher, die sich vor Gericht verantworten mussten und nach dem Krieg verurteilt wurden. Nachdem die Alliierten Biebow an Polen ausgeliefert hatten, wurde er im Juni 1947 in Łódź hingerichtet.

Ursprünglich war das Ghetto nur als Durchgangsstation gedacht. Bis Anfang 1941 hatte es jedoch große wirtschaftliche Bedeutung für die deutsche Rüstungsindustrie erlangt. Seine Einwohner, einschließlich der Kinder ab zehn Jahren, für die ein besonderes Ghetto errichtet wurde, mussten als Zwangsarbeiter für die deutsche Kriegsmaschinerie schuften. Schätzungsweise neunzig Prozent der Produktion gingen an die deutsche Wehrmacht. Je länger der Krieg dauerte, desto größer wurde die wirtschaftliche Bedeutung des Ghettos, vor allem als die Alliierten begannen, deutsche Städte und Industrieanlagen zu bombardieren. Da das Ghetto nicht bombardiert wurde, schickten viele Firmen aus dem Reich ihre Bestellungen dorthin. Im Jahr 1943 gab es im Ghetto 117 Fabriken, Werkstätten, Sortierstellen und Lagerhäuser. Ein deutscher Funktionär hat es einmal mit einem „Großunternehmen“ verglichen. In den Jahren 1942 und 1943 arbeiteten im Ghetto 95 Prozent aller Erwachsenen.

Die Arbeitsbedingungen im Ghetto wurden folgendermaßen beschrieben:

„Die Arbeit in den Einrichtungen [d. h. den Fabriken und Werkstätten] war anstrengend und schlecht bezahlt. Die Termine waren kaum einzuhalten, die Löhne waren niedrig und wurden willkürlich festgesetzt. Wenn dringende Bestellungen hereinkamen, war ein Zwölfstundentag zwingend vorgeschrieben. Die Arbeitsbedingungen waren brutal: kleine, schlecht beleuchtete und ungenügend belüftete Räume, völlig ungeeignet für die verschiedenen Produktionsarten. Viele Arbeiten, die normalerweise von Maschinen erledigt wurden, mussten manuell gemacht werden, weil es an Ausrüstung fehlte. Das Arbeitspensum für Juden war sehr hoch, wenn man bedenkt, dass die Arbeiter hungerten. [Hans] Biebow selbst schrieb im April 1943 in einem Bericht an seine Vorgesetzten, dass zum Beispiel für Juden ein Pensum von 300 bis 320 hölzernen Schuhsohlen pro Tag festgesetzt war, während das Pensum für polnische Arbeiter in den Fabriken von Łódź nur bei 180 bis 200 Sohlen lag.“[2]

Die Lebensbedingungen waren nicht besser. Bevor die Deportationen begannen, mussten 164 000 Menschen in 48 000 kleinen Zimmern leben. Die Überfüllung verschlimmerte sich noch, als weitere 40 000 Juden aus Österreich, Deutschland und anderen Ghettos in Polen sowie der Tschechoslowakei nach Łódź deportiert wurden. Eine deutsche Überlebende des Ghettos, Grete Stern, erzählt in einem Interview mit Yad Vashem (World Center for Holocaust Research) über die Lebensbedingungen im Ghetto Łódź: „Das waren Häuser ohne Unterkellerung, d.h. sie waren feucht bis hinauf zum Dach… Sie waren in einem schrecklichen Zustand: keine Kanalisation, das Klo draußen auf dem Hof, im Winter zugefroren – man konnte überhaupt nicht hinein und hinaus. Es waren fürchterliche sanitäre Bedingungen, und es war eiskalt.“ Es gab nur Einzimmerwohnungen, die jeweils mit mehreren Familien gleichzeitig belegt waren. „Die Haustüren, die hat man im ersten Winter vom Ghetto schon verheizt… man hat kein Holz gehabt und keinen Brennstoff. Es waren offene Korridore, und der Schnee wehte durch den ganzen Korridor und unter den Türen durch ins Zimmer. Manchmal sind wir aufgewacht und sahen an der Tür einen Schneehaufen im Zimmer. Er ist nicht geschmolzen, so kalt war es damals.“

Das Ghetto von Łódź ist ein krasses Beispiel für die extreme soziale Ungleichheit, die in den Ghettos herrschte. Es zeigt auch beispielhaft die Zusammenarbeit von Teilen der Juden mit den Nazis, um ihr eigenes Leben und das ihrer Angehörigen zu retten. An der Spitze des Ghettos stand Chaim Rumkowski, der anders als viele seiner Pendants in anderen Ghettos von den Ghetto-Bewohnern fast ausnahmslos gehasst und verachtet wurde.

Rumkowski glaubte, dass der einzige Weg, so viele Menschen wie möglich zu retten, darin bestehe, die Ghetto-Arbeiter für die deutsche Rüstungsindustrie unverzichtbar zu machen. Es ist allerdings auch eine historische Tatsache, dass er und viele in seiner unmittelbaren Umgebung persönlich von seiner Unterwürfigkeit gegenüber den Besatzungsorganen und der ökonomischen Bedeutung des Ghettos für die deutsche Kriegswirtschaft profitiert haben. Obwohl er praktisch alle Forderungen der Deutschen erfüllte, wurde Rumkowski am Ende selbst nach Auschwitz verschleppt, wo er von vormaligen Ghetto-Bewohnern umgebracht wurde.

Die unzumutbaren Lebensbedingungen und die faschistischen Verbrechen entfachten binnen Kurzem den Widerstand politischer Aktivisten, von Arbeitern, Jugendlichen und Intellektuellen. Im August 1940 fanden Demonstrationen statt, an denen sich zirka zweitausend Arbeiter beteiligten, und es kam zu Hungerunruhen. Die Deutschen lösten sie auf, da sich Rumkowski anfänglich weigerte, die jüdische Polizei gegen die Demonstranten einzusetzen. Obwohl sie eigentlich hart gegen die Proteste vorgehen wollten, beschlossen die Nazis und der Judenrat kleine Verbesserungen für die hungernden Arbeiter. Von da an wurden Selbsthilfeorganisationen, z. B. Suppenküchen und Gemüsegärten, erlaubt. Eine weitere Welle von Streiks und Demonstrationen brach Anfang 1941 aus.[3]

Wie in anderen Ghettos auch standen verschiedene linke Arbeiterorganisationen an der Spitze des Widerstands. Es waren dieselben Organisationen, die schon in der Zeit vor dem Krieg eine Schlüsselrolle in der Arbeiterbewegung der Stadt gespielt hatten. An der Spitze der Organizacja Antyfaszystowska – Lewica Związkowa (Antifaschistische Organisation –Vereinigte Linke) stand die Schauspielerin Rachela Pacanowska-Krengel, besser bekannt als Zula Pacanowska, die seit 1925 Mitglied der Polnischen Kommunistischen Partei war.

Zur Organisation gehörten auch Vertreter der linken Poale Zion, einer sozialistischen zionistischen Organisation, und des Jüdischen Arbeiterbunds. Laut einem der wenigen Überlebenden der Widerstandsbewegung, Michael Moshe Checinski, der Mitglied der kommunistischen Jugendorganisation war, wurde auf Veranlassung von Zula Pacanowska bei Protesten und Streiks auch mit Trotzkisten zusammengearbeitet.[4]

Der Widerstand im Ghetto war mit den schwierigsten Bedingungen konfrontiert, die man sich vorstellen kann. Abgesehen von der Tatsache, dass seine Bewohner halb verhungert waren, war das gesamte Ghetto fast vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. Aufgrund seiner wirtschaftlichen Bedeutung, sowie der sozialistischen Traditionen und Stärke seiner Arbeiterbewegung wurde das Ghetto von Łódź von allen Ghettos in Osteuropa am dichtesten abgeriegelt. Anders als bei anderen Ghettos war das Einschmuggeln von Lebensmitteln und Waffen von der „arischen“, großenteils von Deutschen bewohnten Seite fast unmöglich. Informationen von draußen erreichten die Ghetto-Einwohner nur selten. Die Nazis hatten außerdem von Anfang an bestimmt, dass jeder, der versuchte, über die Ghettomauer zu klettern, sofort erschossen wurde. Das war eine Maßnahme, die in anderen Ghettos erst im weiteren Verlauf des Kriegs eingeführt wurde, als bereits deren Liquidierung und die Deportation der Bewohner in Vernichtungslager bevorstanden.

Hinzu kam, dass sich die Arbeiterbewegung in Polen wie auch im übrigen Europa bei Ausbruch des Krieges in einer schweren politischen Krise befand. Der Aufstieg der stalinistischen Bürokratie in der Sowjetunion, der Kampf der Stalinisten gegen die Linke Opposition und der Mord an den Führern der russischen Revolution und der sowjetischen Linken Opposition sorgten für enorme politische Verwirrung. Im Jahr 1938 ließ Stalin die kommunistische Partei in Polen auflösen, nachdem fast die gesamte Führung und viele der wichtigsten Mitglieder ermordet worden waren. Während des darauffolgenden Genozids erhielt die Widerstandsbewegung im Ghetto keine organisierte Hilfe von der Kommunistischen Partei der Sowjetunion.[5]

Trotzdem hielten die Sozialisten und Kommunisten Bildungsveranstaltungen ab, die nicht nur zum Ziel hatten, die Gefangenen im Ghetto weiterzubilden, sondern auch, ihnen Mut zu machen und vollkommene Demoralisierung zu verhindern. Außerdem organisierten sie zahlreiche Streiks und versuchten die Ghetto-Arbeiter dafür zu mobilisieren, die deutschen Kriegsanstrengungen unter dem Motto Pracuj powoli (PP, arbeitet langsam) zu sabotieren. Darüber hinaus kämpfte die Organisation für Solidarität unter den Ghetto-Einwohnern, die zunehmend von Zwangsarbeit, Hunger und Kälte zermürbt waren, und unterstützte sie dabei, die Hilfebedürftigen mit zusätzlicher Nahrung zu versorgen. In einem Interview mit der USC Shoah Foundation gab Michail Moshe Checinski an, dass sich 1500 Menschen im Widerstandsnetz engagiert hatten. Ein weiterer Überlebender des kommunistischen Widerstands schätzte die Zahl in einem Interview mit der Shoah Foundation aus dem Jahr 1995 auf 2000.

Die Juden aus dem Ghetto von Łódź waren unter den ersten, die während des Holocausts in systematischer Weise vergast wurden. Anfangs wurden die meisten nach Chełmno deportiert, das ab Ende 1941 betrieben wurde. Es war das erste der sechs Todeslager, das massenhaft Menschen vergaste. Die späteren Transporte gingen meist nach Auschwitz-Birkenau.

Als erste wurden all jene aus dem Ghetto deportiert, die nicht arbeiten konnten: Kinder unter zehn Jahren sowie die Kranken und Alten. In den ersten neun Monaten des Jahres 1942 wurden rund 90 000 Menschen nach Chełmno deportiert und fast alle sofort vergast. Die nächste große Deportation folgte im August 1944, kurz vor der Auflösung des Ghettos, als 65 000 Menschen nach Auschwitz-Birkenau gebracht wurden. Als Łódź im Januar 1945 von der Roten Armee befreit wurde, fanden die Soldaten dort nur noch 900 Juden vor, die geblieben waren, um „aufzuräumen“, oder sich versteckt hatten. Insgesamt überlebten den Holocaust nur 12 000 von über 200 000 Juden des Ghettos von Łódź.

Neben den etwa 200 000 Juden, die in Chełmno und Auschwitz ermordet wurden, starben 40 000 Ghetto-Bewohner an Hunger, an Folter, durch Hinrichtungen oder durch die Kälte. Zumeist wurden ihre Leichen in Massengräber auf dem jüdischen Friedhof von Łódź gekippt; dort fanden auch mehrere Massenhinrichtungen statt.

Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof

Auch bei einer nur oberflächlichen Nachfrage zur Geschichte der jüdischen Gemeinde unter den Einwohnern der Stadt wird offensichtlich, dass dieses Thema bis heute eine offene Wunde ist. Eine ältere Frau von siebzig Jahren, geboren am Kriegsende, antwortet auf die Frage, ob das Schicksal der jüdischen Bevölkerung den Einwohnern der Stadt nach dem Krieg bekannt sei: „Ja, natürlich.“ Sie stammt aus einer Familie, die seit mehr als hundert Jahren in Łódź lebt, und ist in einer der Häuser des ehemaligen Ghettos aufgewachsen. Sie erzählt, dass ihre Schwester mit einem Mann verheiratet ist, dessen Vater und Onkel als einzige ihrer Familie Auschwitz überlebt hatten. Allerdings bricht sie hier abrupt, wenn auch freundlich, die Diskussion nach ein paar Minuten ab und wechselt das Thema. Vorher zeichnet sie aber sorgfältig einen Plan mit dem Weg vom Hostel zum jüdischen Friedhof.

Eine weitere ältere Frau ist nicht so freundlich, als ich sie, nur fünf Minuten vom jüdischen Friedhof entfernt, frage, ob sie mir den Weg zeigen könne. „Nein“, erwidert sie, mit einer fast aggressiven Entschlossenheit, als ob sie unterstreichen wolle, dass sie niemandem helfe, der Fragen nach Dingen stellt, die irgendetwas mit dem Begriff „jüdisch“ zu tun haben. Glücklicherweise ist eine andere Frau so freundlich, mir den Weg zu zeigen.

Der Friedhof liegt an der Bracka-Straße und wird von der Straße her von einer massiven Mauer umgrenzt. Er wurde 1892 errichtet. Heute gibt es hier mehr als 180 000 Gräber und 65 000 Grabsteine. Der Friedhof befindet sich in einem sehr schlechten Zustand. Teile der Friedhofsmauer bröckeln, und die alten Grabsteine verkommen. Einige Grabsteine wurden zerstört, entweder von Menschen oder durch Naturgewalt, andere sind von Gras überwachsen. Nur auf den neuesten Grabsteinen für Menschen, die in den letzten 25 Jahren gestorben sind, liegen die charakteristischen kleinen Steine, mit denen Juden ihre Toten ehren. Erst in jüngerer Zeit wurden Erinnerungstafeln mit bestimmten Familiennamen an der Innenseite der Friedhofsmauer angebracht. Auf der Außenseite wird an größere Opfergruppen erinnert. An der Außenseite des Friedhofs befindet sich außerdem das einzige Denkmal der Stadt, das insgesamt an jene erinnert, die im Ghetto und den Gaskammern von Auschwitz und Chełmno gestorben sind.

Der Friedhof ist fast vollständig leer. Nur ein paar Touristengruppen aus Israel werden unter besonderem Schutz von ihrem Reiseleiter über den Friedhof geführt.

Die sogenannten Ghetto-Felder, mit den Gräbern der im Ghetto von Łódź Gestorbenen und Ermordeten

Der schlechte Zustand dieses jüdischen Friedhofs, des größten in Europa, zeugt nicht nur von dem Ausmaß des Völkermords, sondern auch von der Tatsache, dass die vielen Zehntausenden Menschen, die von den Nazis im Interesse des deutschen Imperialismus ermordet wurden, im Wesentlichen vergessen werden. Es gab Bemühungen der lokalen jüdischen Gemeinde, die sogenannten Ghetto-Felder (Gräber derjenigen, die zwischen 1941 und 1944 gestorben sind) zu erneuern. Die jüdische Gemeinde in Łódź hat heute zirka 300 Mitglieder. Die Gelder stammen allerdings fast ausschließlich aus Spenden dreier Privatleute, die vom Holocaust betroffen waren, und vom israelischen Militär.

Es gibt keinerlei Hinweise auf irgendeine staatliche Unterstützung, am allerwenigsten von Seiten des deutschen Staat oder der zahlreichen deutschen Firmen, die von der Zwangsarbeit im Ghetto von Łódź profitiert und dann den Massenmord an seinen Bewohnern unterstützt haben. Zu diesen Unternehmern gehörte Josef Neckermann, früher Mitinhaber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dem die Neckermann-Textilfabrik gehört und die Wehrmacht mit Schuhen und Kleidern belieferte. Nach dem Krieg wurde er nie vor Gericht gestellt und zahlte keinen Cent an seine Opfer. Stattdessen wurde ihm 1987 das Bundesverdienstkreuz, eine der höchsten Auszeichnungen des deutschen Staats, verliehen.[6]

Anmerkungen:

[1] Eine englischsprachige Online-Tour durch das ehemalige Ghetto mit historischen Erläuterungen und Fotos gibt es auf: http://www.lodz-ghetto.com/

[2] Isaiah Trunk, “A History of the Lodz Ghetto”, introduction by Israel Gutman, Indiana University Press 2008, S. xli.

[3] Ebd, S. liii-liv.

[4] Siehe: Michael Moshe Checinski, Die Uhr meines Vaters, Frankfurt a. M. 2001, S. 155.

[5] In seinen Memoiren erinnert sich Checinski daran, dass Zula Pacanowska einem lokalen Führer des kommunistischen Untergrunds vorgeschlagen hatte, Verbindungen mit dem polnischen nationalistischen Untergrund aufzunehmen und um logistische Unterstützung zu bitten. In einem Brief von Ignacy Loga-Sowinski wurde dieser Vorschlag zurückgewiesen. Siehe: Ebd., S. 155-156.

[6] Eine deutsche Dokumentation über die Karriere von Josef Neckermann, gibt es unter: https://www.youtube.com/watch?v=pbZbXdPFQFY