„Ringelblums Vermächtnis“: Die Geschichte des Untergrundarchivs des Warschauer Ghettos

Von Clara Weiss
22. August 2015

Samuel D. Kassow: Ringelblums Vermächtnis. Das geheime Archiv des Warschauer Ghettos, Hamburg 2010, 750 Seiten.

Es ist eigentlich ungewöhnlich, ein Buch mehrere Jahre nach seinem ersten Erscheinen zu besprechen. Doch „Ringelblums Vermächtnis“ von Samuel Kassow ist ein bedeutendes historisches Werk und verdient es, auf der World Socialist Website besprochen zu werden. Kassows Geschichte des Untergrundarchivs des Warschauer Ghettos, Oyneg Shabes, verbindet eine bemerkenswerte Objektivität mit einem tiefen Verständnis für das tragische Schicksal der Warschauer Juden im Zweiten Weltkrieg.

„Ringelblums Vermächtnis“, © Rowohlt

Das Oyneg Shabes (Froher Sabbat) war das größte Untergrundarchiv im nationalsozialistisch besetzten Polen. Es wurde kurz nach Errichtung des Warschauer Ghettos im November 1940 von einer Gruppe jüdischer Lehrer, Schriftsteller, Rabbis und Historiker unter der Leitung des polnisch-jüdischen Historikers Emanuel Ringelblum gegründet. Bis zur Zerstörung des Warschauer Ghettos im Jahr 1943 sammelten die Mitglieder des Oyneg Shabes viele tausend Dokumente zur Verfolgung der polnischen Juden unter den Nazis. Das Archiv umfasst nicht nur Tagebücher und Essays, sondern auch tausende Interviews mit Ghettobewohnern und mehrere statistische Erhebungen über die Zusammensetzung der Ghettobevölkerung, die die Mitglieder des Archivs durchgeführt hatten.

Von den insgesamt drei Verstecken des Archivs konnten nach dem Krieg nur noch zwei gefunden werden. Dennoch stellen die 6.000 Dokumente, die zwischen 25.000 und 30.000 Blatt Papier umfassen, bis heute die wichtigste dokumentarische Grundlage für historische Studien zur Vernichtung des polnischen Judentums dar. Allerdings ist bis jetzt nur wenig veröffentlicht worden, und davon das meiste nur auf Hebräisch, Polnisch und Jiddisch.

Hersh und Bluma Wasser, zwei der drei Mitglieder von Oyneg Shabes, die den Holocaust überlebt haben, mit einem Teil des Geheimarchivs. © The Ghetto Fighters Museum Israel

Samuel Kassow ist Professor für osteuropäische Geschichte am Trinity College in Connecticut. In „Ringelblums Vermächtnis“ präsentiert er nicht nur die erste historische Studie des Archivs und einige seiner wichtigsten Dokumente, sondern versucht auch, das kulturelle Klima und die politischen Überzeugungen der Vorkriegsperiode zu vermitteln, auf denen sich die heroischen Anstrengungen von Oyneg Shabes während des Krieges gründeten.

Ringelblum und die Linke Poalei Zion

Emanuel Ringelblum wurde 1900 als Kind einer verarmten jüdischen Familie in der galizischen Stadt Bichuch geboren. Galizien war damals Teil des Habsburger Reiches und gehört heute zur Ukraine. Anders als im Russischen Reich genossen die Juden in Galizien, sofern sie über ausreichend finanzielle Mittel verfügten, Zugang zu höherer Bildung. Galizien wurde so Heimat einer gebildeten jüdischen Intelligenz, die zugleich sehr nationalistisch orientiert war. Nach der Gründung der Zweiten Polnischen Republik verließ Ringelblum Galizien und zog in die neue polnische Hauptstadt Warschau, wo er Geschichte studierte.

Emanuel Ringelblum

Das Warschau der 1920er Jahre war eine hochpolitisierte Stadt und Heimat der größten jüdischen Gemeinde Europas. Hier profilierte sich Ringelblum bald als eine wichtige Figur in der polnischen Arbeiterbewegung und Geschichtsschreibung. In einem detaillierten, komplexen und sehr objektiv gehaltenen Kapitel beschreibt Kassow die linken politischen Tendenzen unter den jüdischen Organisationen dieser Periode, die Ringelblums Weltanschauung als Historiker prägten.

Angesichts seiner großen jüdischen Bevölkerung, die sowohl die am stärksten unterdrückten Schichten der Arbeiterklasse als auch unterschiedliche kleinbürgerliche Schichten umfasste, wurde Polen zum Zentrum einer Vielzahl jüdischer politischer Organisationen.

Neben dem Bund, der im Jahr 1903 von den Bolschewiki und Menschewiki gespalten hatte, war die Poalei Zion die bedeutendste jüdische Organisation. Die Partei war Anfang der 1900er Jahre gegründet worden und ideologisch vor allem vom sozialistischen Zionisten Ber Borochow beeinflusst. Borochow lehnte die Positionen der Bolschewiki in der jüdischen Frage ab und vertrat die Auffassung, dass das jüdische Proletariat seinen eigenen Nationalstaat brauche, um gegen die jüdische Bourgeoisie und die nationale Unterdrückung zu kämpfen.

Nach der Revolution der Arbeiterklasse in Russland im Oktober 1917 gewährte die bolschewistische Regierung zum ersten Mal in der Geschichte großen Teilen der osteuropäischen jüdischen Bevölkerung volle Bürgerrechte (Siehe auch: Antisemitismus und Russische Revolution). Als Reaktion auf diese Entwicklungen kam es in der Poalei Zion im Jahr 1920 zu einer Spaltung in einen rechten und einen linken Flügel. Der rechte Flügel stellte sich gegen die Revolution und orientierte sich auf den britischen Imperialismus, um Unterstützung für die Gründung eines jüdischen Nationalstaates in Palästina zu gewinnen. In Palästina traten viele Mitglieder der Rechten Poalei Zion der Achdutha Awoda (Einheit der Arbeit) von David Ben-Gurion bei, der Vorläuferorganisation der Israelischen Arbeiterpartei, die eine wichtige Rolle bei der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 spielen sollte.

Die Linke Poalei Zion hingegen, deren Mitglieder in Russland aktiv die Bolschewiki im Bürgerkrieg unterstützten, verteidigte die Sowjetunion und trat für die Weltrevolution ein. Dennoch lehnte Lenin den Antrag der LPZ auf Beitritt zur Dritten Internationale (Komintern) ab, da die Partei an der Ideologie von Ber Borochow festhielt. Die Linke Poalei Zion unterstützte weiterhin die Gründung eines jüdischen Nationalstaates in Palästina, die aber „auf sozialistischer Grundlage“ erfolgen sollte. Ein zentraler Bestandteil der politischen und kulturellen Arbeit der Organisation bestand in der Betonung der Bedeutung der jiddischen Kultur. Jiddisch war damals die Sprache der verarmten jüdischen Massen Osteuropas.

Insgesamt war die LPZ damit deutlich linker orientiert als der größere und besser bekannte Bund, der die Revolution von 1917 von Anfang an ablehnte und nie mit der Zweiten Internationalen brach. Viele Mitglieder der LPZ und ihrer Jugendorganisation „Yugnt“(Jugend) traten in den späten 1920er und frühen 1930er Jahren der Kommunistischen Partei Polens bei. Beide Organisationen arbeiteten eng zusammen.

Die enorme Armut großer Teile der jüdischen Arbeiterklasse und Intelligenz und der wachsende Antisemitismus unter dem Regime von Józef Piłsudski in Polen verschafften dem Bund und der LPZ bedeutenden Zulauf. Beide Organisationen verfügten über beeindruckende Netzwerke von Zeitungen, hatten ihre eigenen Schulen und waren in zahlreichen Selbsthilfeorganisationen und Gewerkschaften aktiv. Kassow erläutert dazu:

„Für einen jungen Menschen, der im Lodzer Armenviertel Balut oder an der Warschauer Smocza-Straße in einem Kellerloch hauste, waren Gruppierungen wie der Bund oder die LPZ sehr viel mehr als nur politische Parteien. Sie eröffneten die Perspektive auf ein menschenwürdiges Leben, auf die Möglichkeit, etwas Besseres zu erreichen.“ (S. 64)

Politisch konnte die LPZ den Aufstieg des Stalinismus in der Sowjetunion jedoch nicht überleben. Kassow deutet nur an, welchen Einfluss der Zickzackkurs in der sowjetischen Nationalitätenpolitik, die Moskauer Prozesse, die Ermordung der gesamten Parteiführung und bedeutender Teile der Mitgliedschaft der Polnischen Kommunistischen Partei, die Stalin der Sympathie für seinen wichtigsten politischen Gegner Leo Trotzki verdächtigte, und schließlich die Auflösung der Polnischen Kommunistischen Partei durch Stalin im Jahr 1938 hatten. Dem könnte man auch noch den Antisemitismus hinzufügen, dessen sich die stalinistische Bürokratie seit Mitte der 1920er Jahre im Kampf gegen die Linke Opposition unter Führung Leo Trotzkis bediente. Nach einer langen und tiefen politischen und finanziellen Krise seit Beginn der 1930er Jahre kehrte die LPZ schließlich 1937, kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges, wieder zum zionistischen Weltkongress zurück.

Ringelblum wurde kurz vor der Spaltung der Partei Mitglied der Poalei Zion und schloss sich dann ihrem linken Flügel an. Er sollte bis zum Ende seines Lebens in der LPZ bleiben. In den 1920er und 30er Jahren spielte Ringelblum eine führende Rolle in der Jugendorganisation der Partei, „Yugnt“, und widmete einen Großteil seiner Arbeit der Erziehung armer jüdischer Jugendlicher im Rahmen der von der LPZ organisierten „Ovntkursnfararbiter“ (Abendunterricht für Arbeiter).

Warschau löste in dieser Periode langsam St. Petersburg als Zentrum der Forschung zum osteuropäischen Judentum ab. Ringelblum gründete gemeinsam mit anderen Historikern wie Isaac Schiper und Bela Mandelsberg den „Yunger Historiker Krayz“ (Junger Historikerkreis), der sowohl vom Marxismus als auch vom Zionismus beeinflusst war. Die Historiker dieses Kreises betonten die Bedeutung historischer Forschung als Waffe im Kampf für die nationale Emanzipation des jüdischen Volkes und gegen den wachsenden Antisemitismus im Polen der Zwischenkriegszeit.

Emanuel Ringelblum mit seinem Sohn Uri in den 1930er Jahren, © YadVashem

Besonders wichtig war für Ringelblum das „zamling“(Sammeln von Material). Er war der Auffassung, dass das Studium der Geschichte ein kollektives Projekt sein und so viele Menschen wie möglich involvieren sollte. In der Tat waren diese jüdischen Historiker so arm und politisch isoliert, dass sie in ihrer Arbeit vor allem auf die Unterstützung der polnisch-jüdischen Gemeinde angewiesen waren. Ringelblum arbeitete in dieser Zeit auch als Organisator für das Joint Distribution Committee, eine Hilfsorganisation mit Sitz in den Vereinigten Staaten, die sich bemühte, den polnischen Juden angesichts des wachsenden politischen und wirtschaftlichen Drucks der 1930er Jahre zu helfen.

Oyneg Shabes im Warschauer Ghetto

Ringelblums Überzeugungen als Politiker und Historiker bildeten die Grundlage für seine Arbeit während des Krieges, als Polen mit seiner jüdischen Bevölkerung von über 3 Mio. Menschen zum Hauptschauplatz der Vernichtung der europäischen Juden wurde.

Die Nazis errichteten das Warschauer Ghetto, das größte Ghetto in Europa, im November 1940. Hier wurden 400.000 Menschen, etwa 30 Prozent der Stadtbevölkerung, auf nur 3,1 Quadratkilometer, was nur 2,4 Prozent der Stadtfläche entspricht, eingepfercht. Die mageren Essensrationen von 184 Kalorien pro Tag verdammten den Großteil der Bevölkerung zum Hungern. Unter Bedingungen extremer Überbevölkerung und mangelnder hygienischer Einrichtungen konnten sich Krankheiten wie Typhus rasch verbreiten. Schätzungsweise 80 Prozent der vielen Kinder im Ghetto waren arm. Bis zum Juli 1942, d.h. noch vor dem Beginn der Großen Deportation, starben rund 100.000 Menschen an Hunger und Krankheiten.

Um diese verheerenden Bedingungen etwas zu verbessern, gründeten mehrere politische und soziale Aktivisten die so genannte „Aleynhilf“ (Selbsthilfe). Die verschiedenen politischen Parteien, die hinter der „Aleynhilf“ standen, bauten ihre eigenen Suppenküchen auf, von denen viele auch die Untergrundpresse des Ghettos vertrieben. Die „Aleynhilf“ spielte auch bald eine wichtige Rolle in den Hauskomitees, die sich zunächst spontan herausgebildet hatten. Ringelblum zählte zu den Führern der „Aleynhilf“ und gründete unter ihrem Deckmantel Anfang 1941 das Archiv Oyneg Shabes. (Der Begriff Oyneg Shabes bedeutet Froher Sabbat; der Name geht darauf zurück, dass die Archivmitglieder sich zu Beginn immer am Sabbat getroffen hatten.)

Das Oyneg Shabes bestand aus rund 60 Mitgliedern, die alle einen unterschiedlichen beruflichen, politischen und persönlichen Hintergrund hatten. Kassow stellt einiger ihrer herausragenden Vertreter in kurzen biographischen Skizzen vor. Darunter waren die wichtige jiddische Schriftstellerin Gustawa Jarecka (1908–1943); der Lehrer Abrahm Lewin (1893–1943), wie Ringelblum ein Mitglied der LPZ; der Geschäftsmann Shmuel Winter (1891–1943); Yitzhak Giterman (1889–1943), ein linker Zionist und Vorsitzender des Joint Distribution Committee in Polen; der Schriftsteller und Journalist Peretz Opoczynski (gest. 1942); sowie die Wirtschaftswissenschaftler Menakhem Linder (1911–1942) und Jerzy Winkler (gest. 1942). Nur drei Mitglieder des Archivs sollten den Krieg überleben.

Ringelblum beschrieb die Mitglieder von Oyneg ShabesEnde 1942 mit folgenden Worten: „Jedes Mitglied des Oyneg Shabes wusste, dass seine Mühen und Anstrengungen, seine harte Arbeit und seine Qualen, die ständigen Risiken bei der gefährlichen Arbeit der Verlagerung von Materialien von einem Ort zum anderen – dass all dies im Namen eines höheren Ideals getan wurde. … Das Oyneg Shabes war eine Bruderschaft, ein Orden von Brüdern, die Opferbereitschaft, gegenseitige Loyalität und Dienst an der [jüdischen Gesellschaft] auf ihre Fahnen schrieben.“ (Zitiert S. 239)

Abraham Lewin mit seiner Tochter Ora vor Ausbruch des Krieges. Beide wurden Anfang 1943 ermordet. © YadVashem

Die Archivmitarbeiter sammelten tausende Dokumente über die nationalsozialistische Judenverfolgung. Um ein so vollständiges Bild der jüdischen Gesellschaft im Ghetto wie möglich zu vermitteln, untersuchten sie unter anderem die Rolle des Schmuggelns für die Wirtschaft im Ghetto und im Rest des Landes. Sie organisierten auch Aufsatzwettbewerbe, die dazu dienten, Material über die Zerstörung der Shtetl (traditionelle kleine jüdische Dörfer) durch die Nazis und über die polnisch-jüdischen Beziehungen während des Krieges zu sammeln.

Der Wirtschaftswissenschaftler Menakhem Mendel Kon (1881–1943), der ebenfalls für Oyneg Shabes arbeitete, schrieb: „Ich betrachte es als die heilige Pflicht eines jeden, ob er darin geübt sei oder nicht, alles aufzuschreiben, was er gesehen oder von anderen darüber gehört hat, was die Deutschen getan haben…. Es muss festgehalten werden, ohne dass ein einziger Punkt unerwähnt bleibt. Und wenn die Zeit kommt – sie wird sicher kommen –, soll die Welt lesen und erfahren, was die Mörder getan haben. Wenn die Trauernden über diese Zeit schreiben, wird das ihr wichtigstes Material sein. Wenn diejenigen, die uns rächen, antreten, um die Rechnung zu begleichen, werden sie auf [unsere Schriftstücke] zurückgreifen können.“ (S. 252)

Ein weiteres wichtiges Motiv für die Arbeit des Archivs bestand darin, Dokumente über das jüdische Leben und den Widerstand aufzubewahren, und das kulturelle Vermächtnis der jüdischen intellektuellen Elite zu retten.

Kassow bemerkt dazu: „Nur 25 Jahre lagen zwischen der Schaffung eines modernen säkularen Schulwesens in hebräischer und jiddischer Sprache und dem Angriff der Nazis. Aber diese kurze Zeitspanne hatte eine neue Generation osteuropäischer jüdischer Schriftsteller, Lehrer, Ökonomen und Journalisten hervorgebracht – eine Intelligenz, die jetzt so schnell vernichtet und so vollständig ausgerottet wurde, dass Ringelblum fürchtete, sie werde völlig in Vergessenheit geraten.“ (S. 574)

Auf der Grundlage der Arbeiten des Oyneg Shabes zeichnet Kassow ein komplexes Bild der Ghettogesellschaft mit ihrer ungeheuren sozialen Ungleichheit und den verschiedenen politischen Tendenzen. Er analysiert unterschiedliche Positionen zum umstrittenen Judenrat sowie das Verhalten der jüdischen Polizisten und die Haltung der Bevölkerung ihnen gegenüber.

Kassow beschreibt auch die vielschichtigen Stimmungen in der Bevölkerung des Ghettos mit zahlreichen Zitaten aus Tagebüchern und anderen Dokumenten. Im Angesicht der unglaublichen Brutalität und Barbarei der Nazis, die Abraham Lewin treffend als „Hunnen des 20. Jahrhunderts“ bezeichnete, machten sich im Ghetto zunehmend Demoralisierung und Pessimismus breit. Der beispiellose Zusammenbruch der Zivilisation ließ viele die Realisierbarkeit der Werte und Überzeugungen der Aufklärung und der Französischen Revolution in Frage stellen.

Auch Ringelblum musste dagegen ankämpfen, von der Verzweiflung überwältigt zu werden. Wie so viele, die den verheerenden Einfluss des Stalinismus in den 1920er und 30er Jahren nicht verstehen konnten, war er von dem vollkommenen politischen Zusammenbruch der deutschen Arbeiterklasse in den 1930er Jahren entsetzt. Doch trotz vorübergehender Anfälle der Verzweiflung glaubte Ringelblum bis zum Ende seines Lebens an die Weltrevolution und den menschlichen Fortschritt.

In einem Gespräch mit Hersh Wasser, einem der drei überlebenden Mitglieder des Archivs, erklärte Ringelblum: „Ich verstehe unsere Arbeit nicht als ein Projekt, das nur Juden einschließt, nur Juden betrifft und nur Juden interessiert. In mir wehrt sich alles gegen diese Auffassung. Ich kann mich als Jude, als Sozialist oder als Historiker mit seinem solchen Verständnis nicht anfreunden. Bedenkt man, wie beängstigend komplex soziale Prozesse sind, bei denen alles mit allem interagiert, würde es keinen Sinn ergeben, wenn wir uns isoliert betrachten würden [kon nisht zayn keyn reyd vegn opshlisn zikh in unzere daled omes]. Jüdisches Leiden, jüdische Befreiung und Erlösung sind integrale Bestandteile des allgemeinen Unglücks und des universellen Bemühens, das verhasste Joch [der Naziherrschaft] abzustreifen. Wir müssen uns als Teilnehmer an einem universalen Versuch sehen, ein solides Gebäude objektiver Geschichtsschreibung zu errichten, das der Menschheit zum Wohl gereichen wird. Hoffen wir, dass die Backsteine und der Mörtel unserer Erfahrung und unseres Wissens ein tragfähiges Fundament bilden können.“ (S. 603-604)

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 verschärfte das Nazi-Regime in ganz Osteuropa seine anti-jüdische Politik. Anfang 1942 begannen die Nazis, Juden aus dem Łódzer Ghetto in das Todeslager Chełmno zu deportieren. Bald darauf begannen die Deportationen in Kraków. Ein Shtetl nach dem anderen wurde samt seiner Bewohner ausgelöscht. Das Ausmaß der Ermordung der Juden war selbst für jemanden wie Ringelblum, der Zugang zu Informationen aus ganz Europa hatte, schwer zu begreifen.

Auf der Grundlage von Informationen, die das Oyneg Shabes dem polnischen Untergrund weitergeleitet hatte, sendete die BBC Ende Mai 1942 einen der ersten umfassenden Berichte über den Genozid. Kurz darauf, am 22. Juli 1942, begann die Große Deportation aus dem Warschauer Ghetto. Innerhalb weniger Monate wurde ein Großteil der Ghettobevölkerung zum berüchtigten Umschlagplatz gebracht und nach Treblinka deportiert, wo alle vergast wurden.

Die Mitarbeiter des Oyneg Shabes analysierten den Umfang der Großen Deportation in einer statistischen Erhebung der Ghettobevölkerung nach Alter und Geschlecht aus dem November 1942. Demnach waren 99 Prozent der Kinder zwischen eins und neun und fast 88 Prozent der Menschen über 50 ermordet worden. Vor der Deportation hatten im Ghetto 51.458 Kinder gelebt. Im November 1942 waren es nur noch 498. Insgesamt wurden zwischen dem 22. Juli und 21. September 1942 mindestens 265.000 Warschauer Juden umgebracht.

Warschauer Juden auf dem berüchtigten Umschlagplatz während der Großen Deportation, © YadVashem

Das bereits gesammelte Archivmaterial wurde in den ersten Wochen der Großen Deportation in drei Milchkanistern versteckt. Mehrere Archivmitarbeiter, darunter Abraham Lewin und Peretz Opoczynski, führten in dieser Zeit ihre Tagebücher auch dann noch weiter, als Mitglieder ihrer eigenen Familie nach Treblinka in den Tod geschickt wurden.

Nach den Deportationen veränderte sich die Stimmung im Ghetto radikal. Praktisch jeder hatte den Großteil seiner Familie verloren. Es mehrten sich jedoch nicht nur die Anzeichen des sozialen Zusammenbruchs, sondern auch für eine wachsende Entschlossenheit, den Nazi-Mördern Widerstand zu leisten. Viele Mitarbeiter des Oyneg Shabes beteiligten sich an den Vorbereitungen für den Warschauer Ghettoaufstand vom April-Mai 1943. Sowohl im Polnischen als auch im Jiddischen Bulletin (Wiadomości und Miteylungen) warnte Oyneg Shabes die polnischen Juden vor der bevorstehenden Auslöschung und rief sie zum Widerstand gegen die Besatzer auf.

Die Nazis reagierten auf den Aufstand, der von 200 jungen Menschen angeführt wurde, indem sie das Ghetto niederbrannten. Ringelblum konnte mit seiner Familie noch rechtzeitig vor der Zerstörung des Ghettos fliehen. Sie kamen schließlich in einem Bunker („Krysia“) unter, in dem ein polnischer Professor namens Wolski die Ringelblums gemeinsam mit über 30 weiteren Juden versteckte. Im März 1944 wurde das Versteck von den Deutschen entdeckt (es wird vermutet, dass Wolskis Freundin ihn verraten hatte). Wolski und mehrere seiner Familienmitglieder wurden erschossen. Ringelblum wurde vermutlich von der Gestapo gefoltert, bevor er gemeinsam mit seiner Familie und den anderen Gefangenen zu den Ruinen des Warschauer Ghettos gebracht wurde. Ein Angebot des jiddischen Schriftstellers Yekhiel Hirschhaut, allein ohne Frau und Sohn aus Polen geschleust zu werden, lehnte er ab. Wenige Tage später wurde Ringelblum gemeinsam mit seiner Familie, Hirschhaut und den anderen Gefangenen in den Ruinen des Warschauer Ghettos erschossen.

Eine SS-Patrouille marschiert während des Aufstandes durch das brennende Warschauer Ghetto

Noch in den letzten Monaten seines Lebens setzte Ringelblum seine Arbeit fort. Kassow hebt zurecht hervor, welch enorme Leistung Ringelblums Aufsatz zu den polnisch-jüdischen Beziehungen im Krieg darstellt. Obwohl er unter den denkbar schwierigsten Bedingungen geschrieben wurde, zeichnet sich der Essay durch eine beeindruckende Objektivität aus – Ringelblums Credo war, „sine ira et studio“ zu schreiben. Bis heute ist es eine der bedeutendsten Arbeiten zu diesem Thema. Der Aufsatz setzt sich mit Problemen wie den antijüdischen Pogromen von Teilen der polnischen Bevölkerung auseinander, die nach 1945 für viele Jahrzehnte von Historikern gemieden wurden.

Samuel Kassow gebührt große Anerkennung dafür, die Geschichte des Oyneg Shabes und mehrerer seiner wichtigsten Repräsentanten einem breiten, internationalen Publikum zugänglich gemacht zu haben. Das Buch ist genau recherchiert, durchweg objektiv in seiner Darstellung und stellt damit eine wichtige Errungenschaft der historischen Forschung dar.

Eine der größten Leistungen des Buches besteht in der detaillierten Beschreibung der politischen und intellektuellen Kultur des Polens der Zwischenkriegszeit, die Ringelblums Verteidigung der historischen Wahrheit geprägt hatte. Im Gegensatz zu dem erbitterten Antikommunismus, der insbesondere unter Historikern der polnischen Geschichte des 20. Jahrhunderts weit verbreitet ist, geht Kassow sehr ernsthaft und objektiv an die Politik und Ideologie der Linken Poalei Zion und ihrer Mitglieder heran. Ein Problem des Buches ist allerdings, dass der verheerende Einfluss des Stalinismus auf die polnische Arbeiterbewegung zu wenig betont wird.

Obwohl Kassow selbst Ringelblums Orientierung auf den Marxismus als dessen größte Schwäche ansieht, zeigt das Buch, dass es vor allem die Russische Revolution und der Marxismus waren, die die bemerkenswerte Objektivität, Ehrlichkeit und auch den Optimismus beförderten, durch die sich Ringelblums Arbeiten auszeichnen.

Dass es mehr als sechs Jahrzehnte dauerte, bis die erste umfassende Studie über Oyneg Shabes erschienen ist, sagt viel über das politische und intellektuelle Klima aus, das nach der Niederlage des Deutschen Reiches im Jahr 1945 infolge der Restabilisierung des Kapitalismus herrschte. (Es ist außerdem festzuhalten, dass deutsche Historiker nicht-jüdischer Herkunft sehr wenig Quellenforschung über den Holocaust in Polen betrieben haben.) Vor allem Emanuel Ringelblum ist bislang von Akademikern und einer breiteren polnischen und internationalen Öffentlichkeit viel zu wenig Beachtung geschenkt worden.

Die Erstveröffentlichung des Buches auf Englisch im Jahr 2007 wurde von Kritikern zurecht enthusiastisch begrüßt. Der amerikanische Verlag, Indiana University Press, und die Hauptredakteurin, Janet Rabinowitch, haben das Buch hervorragend herausgegeben. Inzwischen ist es in mehrere Sprachen, darunter Deutsch und Französisch, übersetzt worden. Momentan wird zudem ein Film auf der Grundlage des Buches geplant. Der Erfolg von „Ringelblums Vermächtnis“ zeigt, dass das Thema und seine Behandlung einen Nerv getroffen haben.

„Ringelblums Vermächtnis“ sticht umso mehr hervor, weil in einem vom Postmodernismus beeinflussten ideologischen Klima die Ablehnung der historischen Wahrheit und jedes ernsthaften Studiums der Geschichte weit verbreitet sind.

Samuel Kassow selbst fasste die wichtigste Botschaft seines Buches in einem Radio Interview 2009 folgendermaßen zusammen: „Ich denke, das Vermächtnis von Oyneg Shabes besteht darin, dass man in Zeiten von Katastrophen nicht nur mit Gewehren, sondern auch mit Stift und Papier Widerstand leisten kann. Ringelblum und viele andere Juden verstanden, dass die Deutschen, wenn sie den Krieg gewinnen sollten, auch bestimmen würden, wie an die Juden erinnert würde, dass sie die Quellen, das Gedächtnis und das Bild kontrollieren würden. Obwohl Juden und Historiker im Ghetto verstanden, dass sie voraussichtlich nicht überleben würden, hielten sie es für wichtig, Zeitkapseln zu hinterlassen, Quellen zu hinterlassen, so dass sich die Nachwelt der polnischen Juden, ihres letzten Kapitels, auf der Grundlage von jüdischen Quellen erinnern würde. Die wirkliche Botschaft ist, dass Geschichte wichtig ist. Es ist wichtig, Dokumente aufzubewahren, es ist wichtig, Aufzeichnungen zu bewahren. Das ist nicht nur für Antiquare und Bibliothekare von Interesse, sondern es geht um die Zukunft eines ganzen Volkes. Allgemeiner gesprochen verschafft es einen gesunden Respekt für die Wahrung der Bedeutung der Vergangenheit.“

Es spricht für die Bedeutung des Vermächtnisses von Oyneg Shabes, dass Kassow auf der Grundlage ihrer Arbeit in der Lage war, in seinem Buch die politischen und intellektuellen Traditionen und Figuren wieder zum Leben zu erwecken, die der Faschismus aus der Geschichte löschen wollte. Ringelblums Vermächtnis ist in vielerlei Hinsicht eines der bedeutendsten Geschichtsbücher der vergangenen Jahre und verdient die größtmögliche Leserschaft.

Eine Einführung in das Material von Oyneg Shabes wird auf Englisch online von YadVashem angeboten.

Auf Deutsch ist von Emanuel Ringelblum außerdem erschienen:Ghetto Warschau. Tagebücher aus dem Chaos, Seewald 1967.

Die Autorin empfiehlt außerdem: Sozialismus und historische Wahrheit