Militärpropaganda beim Wacken Open Air

Von Gustav Kemper
5. August 2015

Als die etwa 70,000 Heavy-Metal-Fans in der vergangenen Woche zum Open Air Festival in Wacken kamen, erlebten sie eine Weltneuheit: Das Musikkorps der Bundeswehr trat auf.

Gemeinsam mit der bekannten Heavy-Metal-Band U.D.O. rockte die Bundeswehrkapelle unter der musikalischen Leitung von Oberstleutnant Scheibling. Offensichtlich steckt die Bundeswehr mit ihrer Rekrutierungskampagne unter Jugendlichen derart in der Krise, dass sie verzweifelt nach neuen, außergewöhnlichen Methoden sucht.

In Wacken hätte der Gegensatz zwischen der Ausgelassenheit und Partylaune der Heavy-Metal-Fans und dem stumpfsinnigen Drill der Bundeswehr kaum größer sein können. Das „Schlammbaden“ gehört zwar zum Ritual des Wacken-Festivals, aber es macht einen großen Unterschied, ob Jugendliche in Feierstimmung eine Schlammschlacht organisieren, oder in Uniform, feldmarschmäßig, mit Gepäck und Waffe auf Kommando eines Unteroffiziers durch den Schlamm robben.

Während die Heavy-Metal-Gemeinde an guter Musik interessiert war und für die Militärpropaganda wenig Interesse hatte, versuchten die Medien den musikalischen Bundeswehreinsatz in Wacken hochzujubeln. „Tausende Musikfans haben beim Rockfestival in Wacken die Siegburger Soldatenmusiker bejubelt“, frohlockte die Rhein-Sieg Rundschau am Tag danach. „Die Premiere des Musikkorps der Bundeswehr beim weltgrößten Heavy Metal Festival...war gelungen und eine gute Werbung für die Bundeswehr,“ schrieb die Zeitung weiter.

Der deutsche Flottillenadmiral Michael Busse, der auch Abteilungsleiter Führung im Kommando der Streitkräftebasis in Bonn ist, zeigte sich „total begeistert“ und hoffte bereits bei den vorhergehenden Proben von U.D.O. und dem Musikkorps in Siegburg, „dass hier ein unverkrampftes Signal ausgeht von der Veranstaltung in Wacken“.

Udo Dirkschneider, der Bandleader von U.D.O., der auf den bezeichnenden Spitznamen „German Tank“ [deutscher Panzer] hört, fand es laut ZDF-Interview in der Sendung 'Drehscheibe' „ganz gut zu zeigen, dass die Bundeswehr 'open minded' ist“, das sei „auch für die Bundeswehr ganz gut“. Er habe „keine Berührungsängste“, der gemeinsame Auftritt sei „ein gutes Zeichen nach Außen“.

Dirkschneider hat schon lange Kontakt zur Armee und zu Soldaten. Aber wenn er von „guten Beziehungen“ spricht, spricht er für sich selbst und nicht für die Fans seiner Band. Schon in den 70er Jahren trat Dirkschneider mit seiner damaligen Band „Accept“ in vielen Konzerten vor amerikanischen Soldaten auf. Vor einem Jahr drehte seine Band ein Musikvideo auf einer Fregatte der Bundesmarine und gab im Februar 2014 ein Konzert in Tuttlingen mit dem Marinemusikkorps Nordsee.

„Ich glaube, dass wir dem Publikum etwas präsentieren, was die Welt so noch nicht gesehen hat“, erklärte der musikalische Leiter und Dirigent des Musikkorps, Oberstleutnant Scheibling, dem ZDF. Das sei „ein Eintrag ins Geschichtsbuch, ins ganz private, ganz persönliche, aber auch in das der Musik“, hob er hervor.

Mit seinem Eintrag ins Geschichtsbuch knüpft Oberstleutnant Scheibling an die Rede von Bundespräsident Gauck an, der vor der Führungsakademie der Bundeswehr im Juni 2012 den Befehl erteilte: „Generäle, Offiziere, Bundeswehrsoldaten – zurück in die Mitte unserer Gesellschaft!“ Die WSWS schrieb damals, Gauck wolle den Widerstand gegen die Rückkehr von Militarismus, Kriegsvorbereitung und eine aggressive Innen- und Außenpolitik rasch und energisch überwinden.

Seither hat die Bundeswehr ihre Anstrengungen vervielfacht, „in die Mitte der Gesellschaft“ zu gelangen. Zum 60-jährigen Bestehen der Bundeswehr öffneten bundesweit „die Standorte ihre Kasernentore und lockten Besucher mit einem attraktiven Erlebnisprogramm“, heisst es auf der Bundeswehr-Webseite.

Der Wacken-Einsatz der Bundeswehr sollte ein weiteres attraktives Erlebnis werden. Doch der aufputschende Heavy-Metal-Sound mit seinen schrillen Gitarren-Riffs, harten Drummerschlägen und dem Stakkato der Rhythmusgitarren, der in den 70er Jahren aus dem Hard Rock, Blues Rock und Psychedelic Rock entstand, war Ausdruck des Freiheitsdrangs einer rebellischen Jugend, die sich nicht an das bestehende System anpassen und schon gar nicht einem Generalstab unterordnen wollte.

Wenn die Komissköpfe der Armee glauben, sie könnten den Tatendrang von Jugendlichen, der mit dem Bankrott einer Gesellschaft zusammenprallt, die für viele nur Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit zu bieten hat, für ihre Zwecke ausnutzen, dann unterschätzen sie die politische Intelligenz vieler junger Menschen.

Die Verbrechen der deutschen Armee im Ersten und Zweiten Weltkrieg sind bekannt und die Wiederkehr des Militarismus steht in dieser Tradition. Oberst Klein, der im afghanischen Kunduz den Befehl zur Bombardierung von Zivilisten gegeben hat, wir nicht als Held, sondern als Kriegsverbrecher gesehen.

Trotz des Propagandafeldzugs mit vielen neuen Informationszentren und Karriereberatern wird der Widerstand gegen die Bundeswehr größer. Daher hat die NATO mit ihrem „Joint Air Power Competence Centre“ (JAPCC) die Verbesserung der „strategischen Kommunikation“ zum Hauptthema der diesjährigen „Air-& Space Power“ Konferenz gemacht, die vom 23. bis 25. November in Essen stattfinden soll.

In der Einladung zur Konferenz wird das Leistungsvermögen der Luftwaffe gepriesen und die Gewinnung der öffentlichen Meinung zum strategischen Ziel erklärt.

Die Gegner der NATO versuchten durch Beeinflussung der öffentlichen Meinung gegen die überwältigende Stärke der Luftwaffe anzugehen. Die NATO wiederum sei auf die Unterstützung der Öffentlichkeit angewiesen, um ihre militärischen Ziele durchsetzen zu können.

Daher sollen auf der Konferenz Experten aus politischen, akademischen, militärischen und medialen Kreisen nach Lösungen suchen, um das Informationsumfeld zur Förderung der militärischen Zielsetzungen besser nutzen zu können. „Dieses Panel wird professionelle Journalisten und Public-Relations-Experten der NATO zusammenbringen, um ihr Verständnis der Beziehungen zwischen Medien und Militär zu erkunden sowie Mittel zu identifizieren, mit denen die Medien und die militärische Macht [vom Feind verursachte] „Missverständnisse“ durch den Aufbau einer stärkeren gemeinsamen Sichtweise entschärfen könnten“, heisst es auf der englischsprachigen Webseite des JAPCC.

Ein spezielles Thema der Konferenz sei die Untersuchung, wie Russland wichtige Medienkampagnen einsetze, um die NATO zu unterminieren und zu diskreditieren. Es sei wesentlich, „die Fähigkeit unserer Feinde zu beseitigen, die öffentliche Meinung zu korrumpieren“. [aus dem Englischen] Diese Zielsetzung richtet sich direkt gegen jede kritische Berichterstattung über die Machenschaften der politischen Eliten, ihrer Geheimdienste und Militärs. In diesem Licht sind die jüngsten Ermittlungen des Generalbundesanwalts gegen den Blog Netzpolitik.org zu sehen.