Berliner Arbeiter zu Griechenland: „Wir brauchen eine Revolution“

Von Franci Vier, Denis Krassnin und Philipp Frisch
28. Juli 2015

In den letzten Wochen warben Unterstützer der Partei für Soziale Gleichheit (PSG) intensiv für eine Veranstaltung zur Verteidigung der griechischen Arbeiter am heutigen Dienstag in Berlin. In hunderten Diskussionen und Gesprächen konnten sie die weit verbreitete Solidarität mit der griechischen Bevölkerung und die wachsende Opposition gegen die Bundesregierung feststellen.

„Es trifft immer die falschen, egal in welchem Land, immer die ärmste Bevölkerung“, sagt eine Zahnarzthelferin aus Tempelhof. „Man sollte als erstes bei den Banken ansetzen, aber da passiert ja nichts. Eigentlich regieren die Banken und die Politik macht, was die Banken und die Wirtschaft vorgeben.“

Berliner Arbeiter zu Griechenland (Untertitel können im Video-Player aktiviert werden)

Harry findet vor allem die diktatorischen Maßnahmen verstörend, mit denen das Spardiktat in Griechenland durchgesetzt wird. In dem Referendum hätte sich die große Mehrheit der Bevölkerung gegen das Kürzungsdiktat ausgesprochen, aber das habe nichts geändert. „Es gibt nur solange Demokratie, wie ihr das Richtige wählt“, fasst er die Haltung der Herrschenden zusammen.

Gerade unter den Besuchern der Berliner Jobcenter ist die Solidarität groß. Sie sind genauso vom kapitalistischen Niedergang betroffen wie die griechischen Arbeiter, Jugendlichen und Rentner. Ein Sicherheitsmitarbeiter des Jobcenters im Berliner Stadtteil Wedding ist sich sicher, dass die Alternativlosigkeit, vor der die griechische Arbeiterklasse stehe, bald zur sozialen Explosion führen werde.

Auch in Deutschland seien die Verhältnisse nicht grundlegend anders. Die Altersarmut nehme zu, „Aufstocker“ seien den Schikanen in den Jobcentern ausgesetzt und die Arbeitslosigkeit steige. „Mindestens 20 Prozent der Bevölkerung leben unter dem Minimum“, erklärt er. „Ich sage es mit ganz einfachen Worten“, setzt der Sicherheitsmitarbeiter mit italienischen Wurzeln gewichtig an. „Wir brauchen eine Revolution.“

Auch Devrim, der als „teilselbständiger“ Koch zu den „Aufstockern“ gehört, greift die Bundesregierung für ihr brutales Vorgehen in Griechenland an. „Die beuten alles aus und sagen dann noch: Wir helfen doch.“ Hunderte Milliarden schulde der deutsche Staat der griechischen Bevölkerung noch aus der Nazizeit. So wie Devrim stellen viele das jetzige Vorgehen der Bundesregierung in Zusammenhang mit ihren historischen Vorgängern, den Nationalsozialisten. Der deutsche Fraport-Konzern wolle die Krise jetzt nutzen, um die profitablen Flughäfen in Griechenland zum Schleuderpreis zu kaufen, empört sich Devrim.

Der 23-jährige Auszubildende Mohammed kennt sowohl die griechischen als auch die deutschen Zustände. Er war 2010 aus Afghanistan nach Griechenland geflüchtet und 2012 nach Deutschland weitergezogen. In der Woche vor dem Referendum war er wieder in Griechenland.

„Vor der Krise waren die Einkommen ganz gut, nun ist die Bezahlung geringer und es gibt sehr wenig Arbeit, teilweise sind die Jobmöglichkeiten gleich null.“ Früher hätten er und seine Freunde etwa 50 Euro pro Tag verdient. Heute läge der Lohn unter 30 Euro. Arbeiter auf dem Markt z.B. müssten sich mit lediglich 100 Euro für einen ganzen Monat begnügen. „Und dazu die Obdachlosigkeit. Das gab es früher auch nicht.“

Mohammed versteht die harte Haltung Deutschlands nicht: „Und wenn jetzt durch die neuen Auflagen alles teurer wird, sei es durch Privatisierungen oder die Erhöhung der Mehrwertsteuer, wie sollen die Leute das überhaupt noch bezahlen können? Schon jetzt hat doch kaum jemand mehr Geld in Griechenland.“ Er schüttelt den Kopf. „Wir sind doch alle Menschen, wir müssen aneinander helfen.“

Büchertisch der PSG am Tempelhofer Hafen

Später kommt ein Ehepaar mit seinen zwei Söhnen aus dem Gebäude heraus: Giorgios, 33 Jahre alt, und Eva, 32. Sie arbeitet in der Gastronomie und er auf Baustellen. Sie stammen aus der ehemaligen Sowjetunion und waren vor dem Krieg in den zentralasiatischen Republiken geflüchtet. Sie zogen nach Griechenland und ließen sich dort als Staatsbürger eintragen. Sie sprechen auf Russisch mit einem WSWS-Reporter auch über die soziale Lage in Griechenland.

Seit vier Jahren leben sie nicht mehr in Griechenland, so Giorgios. „Wir sprechen mit Verwandten in Griechenland. Dort ist es übel: Die Steuern werden erhöht, die Löhne gesenkt, die Renten gekürzt.“ Er wisse nicht, wohin das führt: „Die Leute fangen an zu hungern, werden wütend. Denn wenn du keine Arbeit, aber Hunger hast, gehst du auf die Straße und protestierst und streikst.“

„Von den Reichen muss man nehmen“, meint Eva. Sie berichtet von Pensionären, die nach 1991 ins Land gekommen sind. Ihnen bezahle man gar keine Rente mehr. Giorgios‘ Großmutter bekomme schon seit zwei Jahre lang keine Rente. Die Regierung habe jemanden gefunden, von dem sie die Schulden eintreibt, „von den Alten, die nicht mehr arbeiten können“, fügt Eva bitter hinzu. „Die Regierung hat Griechenland vollkommen ausverkauft.“

Was die regierende Syriza allerdings nicht gemacht habe, sei an das Geld der Reichen zu gehen. „Man muss alles von den Reichen konfiszieren“, so Giorgios. „Sie haben ihren Reichtum nicht mit Schweiß erarbeitet, wie die Arbeiter, das normale Volk. Wir sind alle gleich und wir sollten alle gleich leben.“

Wie Eva und Georgios reagieren Mitglieder der griechischen Gemeinde in Berlin sehr positiv auf die Kampagne der PSG. Nikos, der eine Taverne im Stadtteil Neukölln betreibt, hat gleich eines der Plakate ins Fenster gehängt. „Es ist wichtig, dass die deutschen und griechischen Arbeiter zusammen kämpfen“, sagt er.

Von Syriza hat Nikos von Anfang an wenig gehalten. „Ich dachte nicht, dass sie ihre Wahlversprechen umsetzen“, sagte er. „Aber, dass sie weiter gehen als jede frühere Regierung, hat mich geschockt.“ Als er aufs Referendum zu sprechen kommt, wird er richtiggehend zornig. Mit Demokratie habe das nichts zu tun.

Auch im griechischen Gemeindezentrum in Steglitz stehen die Ereignisse in Griechenland und der Verrat Syrizas im Zentrum der Diskussion. An einem Tisch im Garten der Anlage spricht Aris, ein Logistikarbeiter, gerade mit seinen Tischnachbarinnen, einer Büroleiterin und einer Altenpflegerin, die anonym bleiben wollen.

Aris klagt die deutschen Medien an, die versucht hätten, Griechen und Deutsche gegeneinander aufzubringen. „Die haben alles so dargestellt, als wären die Griechen faul, als hätten alle Geld.“ Diese Propaganda und Lügen „gehen auf das Herz“, fügt die Altenpflegerin ein.

Beim Thema Syriza wird Aris sehr ernst. „Syriza ist Ende Januar an die Regierung gekommen. Die hatten die Zeit von Ende Januar bis Anfang Juni Zeit die ganze Sache zu kontrollieren und die richtigen Pläne zu machen. Aber bis zum letzten Moment haben die nur gewartet.“ Schritt für Schritt habe die Syriza-Regierung ihre Positionen zugunsten der Gläubiger aufgegeben, in der Hoffnung einen Deal auszuhandeln. Jetzt setze sie ein Spardiktat um, an das sich keine bisherige Regierung wagte.

Die Büroleiterin reagiert mit Ratlosigkeit auf den Verrat Syrizas nach dem Referendum. Für sie sei aber positiv, dass sich die Bevölkerung Griechenlands klar gegen Austerität ausgesprochen habe. Das Nein der arbeitenden Bevölkerung Griechenlands habe ein Signal an ganz Europa gesendet, und man habe „das Gefühl, nicht allein zu sein“.