Bericht aus Athen

„Syriza missachtet die Wünsche der griechischen Bevölkerung“

Von Robert Stevens und Christoph Dreier
2. Juli 2015

Im Athener Stadtteil Pagrati im Süden der Stadt standen die Menschen den ganzen Tag Schlange vor den Geldautomaten und diskutierten über das Referendum zum Spardiktat der EU und des Internationalen Währungsfonds (IWF) am nächsten Sonntag.

Einwohner von Pagrati stehen Schlange, um Geld am Automaten abzuheben.

Das Gebiet ist sozial gemischt; ein Großteil der Einwohner sind Arbeiter. Seit die Syriza-Regierung am Sonntag Kapitalverkehrskontrollen eingeführt hat, können die Menschen nur noch bis zu 60 Euro am Tag von der Bank abheben. WSWS-Reporter sprachen mit den Anwohnern vor einem Supermarkt.

Chris arbeitet als Freiberufler für einen Reinigungsdienst. Bei der Wahl im Januar hatte er für Syriza gestimmt. Er erklärte, er sei mit ihrer Ideologie nicht völlig einverstanden, aber er wolle gegen den Sparkurs der rechten Vorgängerregierung stimmen. Seit etwa einem Monat sei ihm jedoch klar geworden, dass auch Syriza mit den anderen europäischen Regierungen zusammenarbeite. „Sie bekämpfen sie gar nicht“, sagte er.

Heute betrachtet er Syriza als Teil des Lagers der Austeritätsbefürworter. „Nicht nur Deutschland, Frankreich und Italien missachten die Wünsche der griechischen Bevölkerung, sondern auch Syriza. Die Partei fordert uns auf: Sagt 'Nein' zu ihrem Sparkurs, aber sagt 'Ja' zu unserem Sparkurs. Eigentlich müssten die Griechen zweimal Nein sagen, weil die Programme fast gleich sind.“

Deshalb wird Chris in dem Referendum mit „Nein“ stimmen. Am Montag nahm er an einer Protestaktion gegen die Sparvorschläge der EU und des IWF in Athen teil. Er erklärte: „Wenn man am Wochenende 'Nein' sagt, bedeutet das dennoch, dass man zu Europa 'Ja' sagt, nämlich zu einem demokratischen Europa.“

Chris glaubt, dass eine Mehrheit mit „Nein“ stimmen werde. „Wenn das Referendum jetzt stattfände, würden 65 Prozent mit 'Nein' stimmen. Ich kann den Meinungsumfragen nicht trauen.“ Er rechnet jedoch auch damit, dass die Austeritätsbefürworter eine riesige Kampagne veranstalten werden, die möglicherweise zu einem Stimmungsumschwung führen kann.

Chris sprach darüber, dass die Kürzungen in Griechenland in direktem Zusammenhang mit den Angriffen auf Arbeiter in anderen europäischen Staaten stehen. „Die deutsche Regierung kann ihre Sparforderungen gegen Griechenland nicht einfach aufgeben, denn sie sagt ihren eigenen Arbeitern, sie könne ihnen wegen der Probleme in der Europäischen Union und in Griechenland nicht mehr Geld geben.“

Auf die Frage, welche Auswirkungen die Sparmaßnahmen auf seine Familie hätten, erklärte er: „Meinem Vater wurde die Rente um dreißig Prozent gekürzt. Sie haben uns vorgelogen, die Löhne müssten gesenkt werden, um Investitionen anzulocken.“

Yiota ist Lehrerin an einer öffentlichen Schule. Sie erklärte der WSWS, sie habe im Januar für Syriza gestimmt. Weiter sagte sie: „Ich stimme im Referendum mit 'Nein'. Ich glaube, wir müssen Ruhe bewahren und abwarten. Ich weiß nicht, ob Griechenland in der Eurozone bleiben wird. Wenn wir den Euro aufgeben, haben wir eine Menge, worüber wir nachdenken müssen.“

Sie glaubt, die Bevölkerung habe keine echte Wahl. „Ein Austritt wird große Auswirkungen auf unser Leben haben, aber selbst wenn wir im Euro bleiben, wird es große Auswirkungen haben. Wenn wir bleiben, wird es Lohnsenkungen geben und die Lebensqualität wird sinken.“

Yiota war sich nicht sicher, was sie von Syrizas Verhandlungsstrategie halten solle. „Viele Berichte sind erlogen. Ich glaube, Syriza hat das Richtige getan. Ich will glauben, dass sie das Richtige getan hat“, fügte sie etwas nachdenklich hinzu.

Giorgos

Der arbeitslose Giorgos ist sicher, dass bei dem Referendum eine Mehrheit mit „Nein“ stimmen wird. „Ich werde auch mit 'Nein' stimmen, aber es ist bereits zu spät. Griechenland hätte das schon im März 2010 machen müssen. Damals hätten wir das Merkel sagen müssen. Jetzt können wir es nicht mehr. Egal ob wir in der Eurozone bleiben oder sie verlassen, es wird beides eine vergleichbar große Katastrophe werden. Vielleicht wird es mit der Rückkehr zur Drachme noch schlimmer.”

Giorgos betrachtet die Gläubiger nicht als Partner, sondern als Kredithaie. „Das erste, was sie 2010 gemacht haben, war, dass sie das englische Recht für diese Schulden eingeführt haben. Das bedeutet, die Gläubiger können herkommen und alles beschlagnahmen, was sie wollen.“

Giorgos erklärte, die Vertreter der Gläubiger hätten in ihrem ganzen Leben keinen Tag lang gearbeitet. „Das sind Leute, die einem immer nur den Vertrag vorhalten, egal welche Ideen man ihnen erklärt. Das tun sie im Auftrag ihrer Herren. Das ist der Plan, friss oder stirb. Und der Plan besteht darin, die Welt in Armut zu stürzen. In den 1980ern war die Selbstmordrate in Griechenland die zweitniedrigste. Jetzt ist sie die zweithöchste. Wir sind auf der Selbstmordskala 27 Plätze nach oben gerückt.“

Giorgos ist 54 Jahre alt und sagt, er sehe keine Chance, je wieder eine reguläre Arbeit zu bekommen. Wie so viele Arbeiter wird er von seiner Mutter und ihrer Rente versorgt. „Nur zehn Prozent der Arbeitslosen bekommen überhaupt Geld, und auch die nur 335 Euro pro Monat. Ich habe seit zwei Jahren kein Geld bekommen. Letztes Jahr habe ich für vier Monate gearbeitet, aber ich habe diese Stelle wieder verloren. Seit November habe ich kein Geld bekommen.”

Über die internationalen Auswirkungen der Krise in Griechenland erklärte Giorgos: „Ich will, dass die Leute verstehen, dass sich diese Krise ausbreiten wird. Sie wird sich auch in die Länder ausbreiten, denen es momentan gut geht, wie Österreich, Holland und auch Deutschland.“

Giorgos hatte im Januar zum ersten Mal für Syriza gestimmt, mittlerweile steht er der Regierung jedoch kritisch gegenüber. „Ich glaube, Syriza hat zu lange gebraucht, um zu verstehen, dass sich diese Kerle nicht ändern werden. Die vorherige Regierung war für das Establishment, die Reeder in Griechenland sind stinkreich. Sie haben ihr Geld bereits auf der ganzen Welt in Sicherheit gebracht.“

Weiter sagte er: "Giovanni Agnelli [der ehemalige Präsident von Fiat] hat mal gesagt, die Linken sind wichtig, weil sie Maßnahmen durchsetzen können, die andere nicht durchsetzen könnten. Die Regierung hat gesagt, sie wird alles, alles akzeptieren, solange die Schulden beglichen werden.“