Polizei in den USA tötet täglich mehr als 2 Personen

Von Patrick Martin
3. Juni 2015

Laut einem Artikel auf der Titelseite der Washington Post vom vergangenen Sonntag, hat die Polizei in den USA in den ersten fünf Monaten diesen Jahres fast 400 Menschen erschossen. Durch Polizeigewalt gegen Bürger, denen sie offiziell "dienen" und die sie "beschützen" sollen, sterben pro Tag 2,6 Menschen. Dies entspricht ungefähr einer Person alle neun Stunden. Bei diesem Tempo wird die amerikanische Polizei bis zum Ende des Jahres fast eintausend Menschen erschossen haben.

Die Studie der Washington Post beinhaltet nur Opfer durch Polizeischüsse. Dies schließt diejenigen aus, die in Polizeigewahrsam durch andere Arten von Gewalt sterben, so wie Freddie Gray in Baltimore, der nach einem absichtlichen "Rough Ride" (Folter Fahrt) im Kofferraum eines Polizeiwagens am 19. April einem Wirbelsäulenbruch erlag.

Die Zeitung hat eine umfassende einjährige Untersuchung von polizeilichem Schusswaffengebrauch durchgeführt, weil es keine zentrale Aufzeichnung über solche Todesfälle gibt. Eine FBI-Schätzung von 1,1 Erschießungen durch die Polizei pro Tag, erwies sich als viel zu konservativ und ergab viel geringere Zahlen, als die Washington Post dokumentieren konnte, indem sie Interviews, Polizeiberichte, lokale Nachrichten und andere Quellen nutzte.

Die vorläufigen Ergebnisse für die ersten fünf Monate diesen Jahres zeigen ein düsteres Bild der täglichen Opferzahl von Polizeigewalt.

In nur drei Todesfällen von 385 wurde gegen einen Polizeibeamten Anklage erhoben. Dies entspricht weniger als einem Prozent der Fälle. In jedem dieser Fälle gab es Videobeweise gegen die Beamten, die geschossen hatten. Dazu gehören die weithin bekannten Tötungen von Walter Scott, einem 50-jährigen afroamerikanischen Mann aus South Carolina, wobei der Polizist Michael Slager mit einer Handy-Kamera dabei aufgenommen wurde, wie er das Opfer in den Rücken schoss; die Tötung von Eric Harris, einem 44- jährigen afroamerikanischen Mann, durch Robert Bates in Oklahoma; und die Tötung von David Kassick, einem 59-jährigen weißen Mann, durch die Beamtin Lisa Mearkle in Pennsylvania, die ihn zweimal in den Rücken schoss, nachdem er sich geweigert hatte, für eine Verkehrskontrolle an die Seite zu fahren.

Der Bericht der Washington Post machte auf der ganzen Welt Schlagzeilen, wobei viele Zeitungen Auszüge des Berichts unter Überschriften wie "Polizei in den USA tötet zwei pro Tag" veröffentlichten. Zu den Nachrichtenagenturen, welche die Aufmerksamkeit ihrer Leser auf die behördliche Brutalität in den Vereinigten Staaten richteten zählten die Sputnik International (Russland), Press TV (Iran), Daily Sabah (Türkei), der Manila Standard (Philippinen), die Hindustan Times (Indien), der Toronto Star (Kanada) und der Sydney Morning Herald (Australien).

Seit dem Ausbruch der Proteste der Bevölkerung im letzten August in Folge des ungestraften Polizeimordes an Michael Brown in Ferguson (Missouri) und der massiven Unterdrückung der Proteste durch die Polizei und Truppen der Nationalgarde mit quasi militärischen Mitteln haben Presseberichte und insbesondere Soziale Medien der Weltbevölkerung eine ganz anderes und viel genaueres Verständnis der brutalen Realität der sozialen Beziehungen in den Vereinigten Staaten vermittelt.

Und das Gemetzel geht weiter. Am Freitagabend erschoss ein Beamter der Highway Patrol Oklahomas einen Mann, dem sie angeblich zuhilfe kam, nachdem sein Kleinlaster im steigenden Hochwasser stecken blieb. Zwei Männer, offenbar Brüder, versuchten, den LKW freizubekommen, als die Polizei kam und ihnen befahl, das Fahrzeug zu verlassen und sich auf eine weiter oben gelegene Fläche zu begeben. Es folgte ein Streit. Nehemiah Fischer, 35, griff die Polizei angeblich an und sie erschossen ihn auf der Stelle. Der zweite Mann, Brandon Fischer, 40, wurde verhaftet und ins Okmulgee County Gefängnis gebracht.

In derselben Nacht töten zwei State Police Trooper in Oregon einen Mann im ländlichen Josephine County, als sie auf einen Anruf wegen familiären Streits reagierten. Das Opfer, der 55-jährige Robert Box, starb im Three Rivers Medical Center in Grants Pass. Es wurden bis jetzt keine Angaben zu den Umständen der Tötung veröffentlicht.

Am selben Tag erschoss die Polizei in Lyndhurst (New Jersey) den 36-jährigen Afroamerikaner Kevin K. Allen. Die Polizei behauptet, dass Allen, für den es einen Haftbefehl wegen nicht Erscheinens bei einem Arbeitsprogramm des Countys gab, mit einem Messer auf sie los ging, als sie ihn in einer öffentlichen Bibliothek erkannt hatten und ansprachen. Dies war die zweite Erschießung im Nordosten New Jerseys in zehn Tagen, nach der Tötung von Elvin Diaz, 24, in Hackensack am 21. Mai nach einer Auseinandersetzung mit zwei Polizisten, die im Auftrag seines Bewährungshelfers zu seinem Haus gegangen waren.

Am Donnerstagabend erschoss ein Polizist in Carrollton (Georgia) einen Mann, von dem er behauptete er habe nach einer im Holster steckenden Waffe gegriffen. Der Polizist Chad Cook schoss Kenneth Joel Dothard zweimal in den Kopf. Dothard, ein 40-jähriger Veteran der Air Force, war nach seiner Entlassung aus dem Militär zweimal wegen Drogen verurteilt worden, das letzte mal vor sechs Jahren, und lebte zum Zeitpunkt seines Todes in einem Motelzimmer.

Am vergangenen Mittwoch erschoss die Polizei in Long Beach (Kalifornien) einen 20-jährigen Mann nachdem er in Folge einer Auseinandersetzung mit Freunden im Zustand der Trunkenheit durch ein Fenster im zweiten Stock fiel. Feras Morad hatte Schnittwunden und war blutverschmiert, als die Polizei kam, und "verhielt sich weiterhin irrational", drohte dem Polizisten, der ihn dann erschoss, so der Polizeibericht. Morad war Student der Cal State Long Beach und hatte an seiner High School einen Wettbewerb im Debattieren gewonnen. Er war unbewaffnet.

Zu allen diesen Tötungen durch die Polizei kam es in der Woche, nachdem ein Richter in Ohio den Polizisten Michael Brelo freigesprochen hatte, der 49 Schüsse auf den unbewaffneten Afroamerikaner Timothy Russel, 43, und seine Begleiterin Malissa Williams, 30, im November 2012 in ihrem Auto abgefeuert hatte. Brelo gehörte einer Lynchbande von mehr als 100 Polizisten in Cleveland an, die an der Verfolgungsjagd teilnahmen, und die mit 137 abgefeuerten Schüssen endete. Alle Schüsse wurden von der Polizei abgegeben. Brelo stand auf der Motorhaube des Autos und feuerte die letzten 15 Schüsse der Salve ab, nachdem alle anderen Polizisten schon aufgehört hatten zu schießen. Der Richter sprach ihn auf der fadenscheinigen Rechtsgrundlage frei, dass es nicht mit Sicherheit genau bestimmt werden könne, welche Polizisten die 47 Schüsse abgefeuert hatten, welche die zwei Opfer trafen.

Der Freispruch Brelos ist keine Ausnahme, sondern die Regel, nicht nur in Ohio, sondern überall in den Vereinigten Staaten. Laut einem Bericht in der New York Times vom Sonntag, der sich mit dem polizeilichen Schusswaffengebrauch in Broward County (Florida), nördlich von Miami, seit 1980 beschäftigte, wurde kein Polizist je angeklagt. In dem Zeitraum hatte die Polizei 168 Menschen erschossen.

Die Obama Regierung hat keine Mühen gescheut, die Polizei auf allen Ebenen gegen Anklagen wegen Brutalität und Mordes zu verteidigen. Nur drei Tage nach dem Freispruch Brelos gab das Justizministerium eine Einigung mit der Polizei von Cleveland bekannt, die eine Reihe von zahnlosen "Reformen" vorsieht, während sie die Strafverfolgung von Beamten, die sich der Brutalität schuldig gemacht haben, verhindert, einschließlich des Beamten, der den 12-jährigen Tamir Rice letztes Jahr in Cleveland erschossen hat. Die Absicht der Einigung war klar: die Regierung wollte den Freispruch Brelos und anderer Polizisten billigen, die sich des Mordes schuldig gemacht haben. Gleichzeitig wollte sie die, von der Demokratischen Partei dominierte Stadtverwaltung unterstützen.

Eine Woche zuvor reiste Obama selbst für einen Fototermin mit der örtlichen Polizei nach Camden (New Jersey), bei dem er zusätzliche Mittel von 163 Millionen US Dollar für die örtliche Polizei ankündigte, von denen ein Großteil für die Ausbildung der Polizei an militärischer Hardware verwendet werden soll. Obama erklärte: "Die überwiegende Zahl der Polizeibeamten ist gut, fair, ehrlich und ihre Gemeinde, in der sie täglich ihr Leben aufs Spiel setzen, liegt ihnen sehr am Herzen".

Laut Berichten der Bundesregierung starben im Jahr 2013, dem letzten Jahr, für das umfassende Statistiken vorliegen, insgesamt 57 Polizeibeamte (von mehr als einer Million kommunalen, staatlichen und bundesstaatlichen Polizeibeamten) durch Gewalt im Dienst. Entgegen der Behauptung von Polizeiverfechtern, macht dies den Beruf des Polizisten zu einem relativ sicheren Beruf in Amerika, viel weniger gefährlich jedenfalls als Arbeiterberufe mit körperlicher Arbeit wie im Bergbau, der Produktion, dem Transport oder der Landwirtschaft.