Parasitismus auf den internationalen Finanzmärkten nimmt zu

26. Mai 2015

Die Europäische Zentralbank EZB hat in der vergangenen Woche angekündigt, im Rahmen ihrer Politik des billigen Gelds („quantitative easing“) Aufkäufe von Staatsanleihen vorziehen zu wollen. Dieser Schritt wirft ein bezeichnendes Licht auf die Verfassung der globalen Finanzmärkte. Er macht ihre Anfälligkeit deutlich und zeigt, dass die Finanzbehörden, die angeblich die Märkte kontrollieren, keinerlei Gesamtplan haben. Sie eilen nur von einem Krisenherd zum anderen, um den Ausbruch einer neuen Finanzkrise zu verhindern.

Die Entscheidung, die Anleiheaufkäufe im Mai und Juni zu erhöhen, ist eine Reaktion auf den Preisverfall bei den deutschen 10-Jahres-Bundesanleihen, auch Bunds genannt. Ihre Rendite, die sich umgekehrt proportional zum Preis der Anleihe bewegt, stieg von nahe Null auf über 0,55 Prozent innerhalb von wenigen Tagen.

Benoit Coeuré, Mitglied des EZB-Direktoriums, betonte am Montag vor einer Woche, beunruhigend seien nicht die sinkende Preise der Bunds und anderer Staatsanleihen, sondern die Geschwindigkeit, mit der sie verfallen. Dies verweise auf eine „starke Anfälligkeit“ der Märkte und auf „Liquiditätsmangel“. Mit anderen Worten, die EZB befürchtet, der Abverkauf von Anleihen könne sich beschleunigen und eine neue größere Krise auslösen, und hat sich daher zum Eingreifen entschieden.

Die Reaktion der Finanzmärkte auf die Entscheidung der EZB zeigt, dass der Parasitismus zum zentralen Faktor in der Finanzwelt und der gesamten globalen Wirtschaft geworden ist.

Ungeachtet des Niedergangs der amerikanischen Wirtschaft, deren Wachstumsraten nach dem Absinken auf nur 0,2 Prozent oder weniger im ersten Quartal sich auch für das zweite nicht erholen werden, und ungeachtet andauernder Stagnation in Europa und zunehmender Anzeichen für einen erheblichen Wirtschaftsrückgang in China feierten die Finanzmärkte die EZB-Entscheidung mit Börsensprüngen. Der Schlüsselindex der Wall Street, Standard & Poors 500, erreichte in der vergangenen Woche zweimal Rekordumsätze, und auch der Dow Jones kletterte an einem Tag auf ein Rekordhoch.

Diese Börsenanstiege drücken nicht etwa eine Erholung, sondern vielmehr die fortschreitende Krankheit der Weltwirtschaft aus. Das zeigte der Börsenrückgang, als am Freitag die Präsidentin des Federal Reserve Board (FED) Janet Yellen eine vorsichtige Rückkehr zu einer normaleren Zinspolitik Ende des Jahres in Aussicht stellte. Mit ziemlicher Sicherheit reagieren die Finanzmärkte immer dann positiv, wenn schlechte Wirtschaftsdaten präsentiert werden, weil sie dann davon ausgehen, dass der Geldhahn für billiges Geld nicht zugedreht wird.

Daten über den chinesischen Finanzmarkt zeigten diese Woche, dass der ungezügelte Parasitismus ein weltweites Phänomen ist. Chinesische Börsenmakler haben in diesem Jahr 14 Milliarden Dollar Gewinn gemacht, mehr als in den vergangenen drei Jahren zusammen, und haben dieses Kapital zur Hälfte wieder in die Börse gepumpt.

Das Geld wird für Liquiditätsmargen im Wertpapiergeschäft eingesetzt. Obwohl sich das chinesische Wirtschaftswachstum verlangsamt – so hat sich nach dem jüngsten Handelsindex die Wirtschaftstätigkeit den dritten Monat in Folge verringert und befindet sich auf einem Jahrestiefstand –, stieg der Shanghai Composite Index um 44 Prozent seit Beginn dieses Jahres. Die steigenden Börsenwerte werden durch die Erwartung befördert, dass die chinesischen Finanzbehörden die Zinsraten senken und weitere Maßnahmen zur Kreditausdehnung beschließen könnten.

Das Zentrum dieser krankhaften Entwicklung liegt jedoch im Herzen des globalen wirtschaftlichen und finanziellen Systems, den USA. Die New York Times berichtete letzte Woche, dass die Profite des Finanzsektors wieder den prozentualen Anteil der Wirtschaft erreicht haben wie Anfang der 2000er Jahre, und dass mehr Fusionen und Aufkäufe durch die Finanzhäuser der Wall Street organisiert werden als vor dem Finanzkrach 2008.

Mit verstärkten Finanzaktivitäten verstärkt sich auch die Kriminalität. Ein anderer Artikel in der New York Times hatte Anfang des Monats über eine Umfrage bei Einkommensbeziehern mit mehr als 500.000 Dollar im Jahr berichtet. Darin gab ein Drittel der Befragten zu, dass sie entweder selbst Zeuge von illegalen Praktiken wurden oder dies aus erster Hand erfahren hätten. Fast einer von fünf Befragten erklärte, „Finanzprofis müssen manchmal unethisch oder illegal arbeiten, um in ihrer aktuellen Umgebung erfolgreich zu sein.“ Bedenkt man, dass für gewöhnlich kriminelle Aktionen auch in Umfragen nicht zugegeben werden, so kann man sich ausrechnen, dass die Prozentzahlen noch höher liegen.

Die Ausbreitung von Finanzparasitismus deutet auf den Ausbruch einer neuen Finanzkrise hin. Allerdings macht die Intervention der EZB in der vergangenen Woche deutlich, dass sich die Situation in den letzten sieben Jahren deutlich verändert hat.

Vor 2008 waren die Zentralbanken nicht direkt an den täglichen Finanzoperationen der Märkte beteiligt. Sie übernahmen die Rolle der Wächter des Finanzsystems, die für dessen Stabilität und Rahmenbedingungen sorgten. Heute sind sie aktive Teilnehmer des Finanzmarkts, und ihre Transaktionen sind, wie sich im Fall der EZB zeigt, eine neue Quelle der Instabilität.

Nach der Entscheidung, Staatsanleihen ab März bis mindestens Ende September 2016 in Höhe von 60 Milliarden Euro pro Monat aufzukaufen, sank die Rendite der Anleihen auf Null und darunter, da ein weiterer Preisanstieg aufgrund der Aufkäufe der Zentralbank erwartet wurde. Doch als die Anleihepreise fielen, musste die EZB plötzlich intervenieren, damit das von ihr geschaffene Kartenhaus nicht zusammenbricht.

Man kann unmöglich vorhersehen, welches Ereignis letztlich den unmittelbaren Anlass für eine neue Krise liefern wird. Wahrscheinlich wird es etwas sein, was die Finanzbehörden nicht voraussagen. In der Periode vor dem Ausbruch der Finanzkrise am 15. September 2008 hatte es Warnungen vor der anwachsenden amerikanischen Subprime-Immobilienblase gegeben. Der damalige Fed-Chef Ben Bernanke behauptete jedoch, diese Entwicklung werde wegen des beschränkten Umfangs des Immobilienmarkts im Vergleich zum gesamten Finanzsystem keine größeren Auswirkungen haben.

Was auch immer der unmittelbare Auslöser sein wird, die objektiven Bedingungen für eine neue Krise werden durch die Aktivitäten des Finanzmarkts selbst geschaffen. Profite durch Finanzgeschäfte können nicht unbeschränkt steigen, wenn gleichzeitig die reale Wirtschaft stagniert und in eine ausgemachte Rezession stürzt. Letztlich repräsentieren finanzielle Anlagen einen Anspruch auf reale Werte. Der Wert der Anlagen kann zwar eine Zeitlang steigen, solange Geld in die Märkte gepumpt wird. Doch wenn die Blase platzt, erweisen sie sich als „giftig“.

Die Entwicklung der Finanzmärkte kann man nicht präzise voraussagen, aber die Antwort der herrschenden Eliten ist bereits jetzt klar. In den letzten sieben Jahren haben Spekulanten und hochgradig kriminelle Elemente riesige Vermögen an der Spitze der Gesellschaft zusammengerafft, während sich die Lebensbedingungen der Masse der arbeitenden Bevölkerung verschlechtert haben.

Jetzt werden sie diesen Kahlschlag und Angriff auf die Bevölkerung verschärfen. Dass sie dazu entschlossen sind, brachte am letzten Wochenende EZB-Präsident Mario Draghi bei der Konferenz im portugiesischen Sintra zum Ausdruck, als er „Strukturreformen“ forderte, um „ungenutzte Potenziale“ für ein größeres Wachstum auszuschöpfen.

Das Gerede von höherem Wachstum ist Augenwischerei, wie der Wirtschaftsexperte Paul De Grauwe in London deutlich machte. Er sagte, dass die Forderung der EZB nach „Strukturreformen“ in Wirklichkeit bedeutet, das System staatlicher Arbeitsregeln und Schutzbestimmungen zu beenden. Die Bank, sagte er, stellt „sich außerhalb des demokratischen Prozesses“.

Die Errichtung einer Finanzdiktatur ist keine hypothetische Frage. Sie wurde bereits in Griechenland durchgesetzt und hat zur Verarmung von Millionen Menschen geführt. Die Finanzeliten und ihre politischen Repräsentanten, die keine Antwort auf die Verschärfung der Krise haben, fordern eine Ausweitung dieser Diktatur.

Nick Beams