Nach Vorstößen des IS droht massive militärische Eskalation im Irak

Von Niles Williamson
23. Mai 2015

Wie das Pentagon am Donnerstag ankündigte, wird es nach der Eroberung von Ramadi, der Hauptstadt der westirakischen Provinz Anbar, durch den Islamischen Staat im Irak und Syrien (IS) die Lieferung von 2.000 AT-4 Panzerabwehrraketen an das irakische Militär vorantreiben. Bei seiner Flucht hat das irakische Militär Panzer, Artillerie und große Mengen von Munition zurückgelassen, die daraufhin von den IS-Kämpfern erbeutet wurden. Mehr als 40.000 Zivilisten sind vor dem Vormarsch des IS geflohen.

US-Präsident Barack Obama erklärte in einem Interview mit der Zeitschrift The Atlantic, der Verlust von Ramadi sei ein „taktischer Rückschlag“, er glaube jedoch nicht, dass die USA den Kampf gegen den IS verlieren würden. Weiter erklärte er: „Zweifellos werden wir in den sunnitischen Gebieten nicht nur die Ausbildung, sondern auch deren Einsatz verbessern müssen, und wir müssen die sunnitischen Stämme stärker mit einbeziehen als dies momentan der Fall ist.“

Der Verlust der 112 Kilometer westlich von Bagdad gelegenen Stadt Ramadi am letzten Wochenende ist eine schwere Niederlage in dem Feldzug gegen den IS. Etwa 7.000 irakische Soldaten wurden in die Flucht geschlagen. Der Islamische Staat setzte bei seiner erfolgreichen Offensive mindestens 30 Autobomben ein, zehn davon waren Berichten zufolge so stark wie die Bombe, die 1995 bei dem Anschlag in Oklahoma City eingesetzt wurde. Ganze Häuserblocks wurden zerstört.

Der Militärsprecher Colonel Steve Warren erklärte vor der Presse, das irakische Militär werde die Raketen benutzen, um mögliche Autobomben aus einer viel größeren Entfernung zu zerstören, als es mit automatischen Schusswaffen möglich wäre. Waren erklärte: „Das ist ein guter Schutz gegen [diese Art von Bombenanschlägen].“

Warren dementierte Berichte, laut denen die USA erwägen, irakische Soldaten auszubilden, so dass sie in der Lage sind, amerikanische Luftschläge gegen IS-Ziele anzufordern. Er erklärte: „Wenn der JTAC [Fliegerleitoffizier] sagt: 'werft dort Bomben ab,' werden keine Fragen gestellt. Das ist nichts, was wir an jemand anderen als an Amerikaner delegieren. Punkt.“ Vielmehr würden die USA den irakischen Truppen beibringen, ihre Anforderung von Luftunterstützung zu verbessern. Sie sollten ihre Funksprüche vereinheitlichen und ihre Stellungen angeben, um nicht selbst von amerikanischen Bomben getroffen zu werden.

Während die USA ankündigen, die Lieferung der Raketen zu beschleunigen, rückte der IS weiter auf Habbaniyah vor, das knapp 38 Kilometer östlich von Ramadi liegt. Der irakische Polizeimajor Khalid al-Fahdawi erklärte am Donnerstag gegenüber Reuters, IS-Kämpfer hätten knapp zehn Kilometer außerhalb von Ramadi die Verteidigungsstellungen in Husaibah durchbrochen.

Anstatt die sunnitischen Stämme einzubeziehen, wie es Obama vorschlägt, stationiert die irakische Regierung mit Unterstützung der USA zur Vorbereitung auf einen Gegenangriff gegen den IS etwa 4.000 schiitische Milizionäre in einem Stützpunkt außerhalb von Habbaniyah.

Nach dem Zusammenbruch des irakischen Militärs in Anbar setzte der irakische Premierminister Haidar Al-Abadi schiitische Milizen, die vom Iran unterstützt werden, als Stoßtruppen zur Rückeroberung der vorwiegend sunnitischen Provinz ein. Die Milizen erhielten die Anweisung, mit den Überresten der zerstreuten irakischen Militäreinheiten und mindestens 2.000 Polizeibeamten zusammenzuarbeiten.

Der Einsatz schiitischer Milizen bei der Rückeroberung der größtenteils von Sunniten bewohnten Stadt Ramadi wird die religiösen Spannungen noch weiter verschärfen. Von den USA unterstützte schiitische Milizen und irakische Spezialkräfte agierten bei früheren Offensiven gegen den IS in sunnitischen Gebieten als Todesschwadronen, die sunnitische Gefangene folterten und hinrichteten.

Laut Human Rights Watch hatten die schiitischen Milizen, nachdem sie im September 2014 den IS aus Amerli vertrieben hatten, in einem Rachefeldzug mindestens 3.200 Gebäude, darunter zivile Wohnhäuser, geplündert und niedergebrannt. Es sind Fotos und Videos aufgetaucht, auf denen Männer in der Uniform irakischer Spezialkräfte zu sehen sind, die mit abgetrennten Köpfen posieren und Leichen hinter ihren Geländewagen herschleifen.

Das logische Ergebnis der Entwicklungen ist die erneute Stationierung von Tausenden von amerikanischen Kampftruppen im Irak und eine Verschärfung der Luftangriffe. Präsident Obama hat jetzt schon etwa 3.000 Soldaten als Ausbilder und Berater des irakischen Militärs in den Irak geschickt.

Der Republikanische Senator und Vorsitzende des Militärausschusses des Senats John McCain kritisierte das Weiße Haus am Montag und erklärte, aufgrund des jüngsten Debakels im Irak seien mehr US-Truppen dort notwendig. „Wir werden mehr Truppen im Land brauchen, denn der Verlust von Ramadi, ist eine wirklich ernste Sache“, erklärte McCain in einem Interview auf MSNBC.

Frederick Kagan, einer der Verantwortlichen für die Erhöhung der Truppenstärke im Irak im Jahr 2007, forderte am Donnerstag bei einer Anhörung vor dem Militärausschuss des Senats die Entsendung von bis zu 20.000 amerikanischen Soldaten, um das irakische Militär bei einem möglichen Rückeroberungsversuch von Ramadi zu unterstützen.

Kagan erklärte, mit dem Verlust von Ramadi seien die Pläne zur Rückeroberung der nordirakischen Stadt Mosul, die Anfang des Jahres präsentiert wurden, „völlig durcheinander geraten“. Er sagte: „Ich denke, der Kampf um Ramadi wird schwer genug werden. Ich denke, diese Operationen in und um Ramadi zeigen, dass die irakischen Sicherheitskräfte mit der Unterstützung, die sie bisher von den USA erhalten, nicht einmal in der Lage sind, ihr Gebiet gegen einen entschlossenen Angriff des IS zu verteidigen, ganz zu schweigen davon, eine der wichtigsten Hochburgen des IS zurückzuerobern.“

Der General des Marine Corps, Gregory Newbold, der 2002 aus Widerstand gegen die Kriegspläne gegen den Irak zurückgetreten war und Obama im Präsidentschaftswahlkampf 2008 beraten hatte, erklärte am Donnerstag gegenüber NPR, er lehnte die Strategie des Weißen Hauses gegen den IS im Irak ab.

Er forderte eine Eskalation der Luftangriffe und einen massiven Einsatz amerikanischer Bodentruppen. „Wir müssen die effektivste und die für diese lokalen Regierungen willkommenste Option werden“, erklärte Newbold. „Und wenn wir das tun, dürfen wir uns in unserem Einsatz nicht zurückhalten. Er muss so entschlossen durchgeführt, und in der Wirkung so überwältigend sein, dass der IS ideologisch und als Machtfaktor niedergeschlagen wird.“

Während die USA und die irakische Regierung einen Gegenangriff vorbereiteten, konnte der IS am Donnerstag nach einem zweiten strategischen Vorstoß die syrische Stadt Palmyra, 640 Kilometer nordwestlich von Ramadi erobern. Während die USA ein neues Programm zur Ausbildung und Ausrüstung der „gemäßigten“ Rebellen begonnen haben, machte der IS bedeutende Vorstöße in Syrien.

Die Operationen der CIA und enger Verbündeter der USA wie Saudi-Arabien und Katar dienen zwar offiziell dem Ziel, gegen den IS zu kämpfen, für dessen Entstehen die US-Politik verantwortlich. Ihr tatsächliches Ziel ist jedoch der Sturz von Präsident Baschar al-Assad, einem wichtigen Verbündeten des Iran und Russlands. Obwohl die USA und ihre Verbündeten seit Juni letzten Jahres ständig Luftangriffe gegen den IS fliegen, kontrolliert er mindestens 50 Prozent des syrischen Staatsgebietes und ein Drittel des irakischen.

Die USA bombardieren zwar Ziele des IS und ihre Spezialkräfte in Syrien machen Jagd auf IS-Mitglieder, dennoch sind sie de facto noch immer mit der al-Nusra-Front, dem syrischen Ableger von al-Qaida, gegen Assad verbündet. Die islamistischen Kämpfer haben sich bei der Durchsetzung von Amerikas Ziel - dem Sturz von Assad - als fähiger erwiesen als die sogenannten „Gemäßigten“. Die Waffen, die die USA nach Syrien geliefert haben, u.a. Panzerabwehrraketen, sind häufig Kämpfern der al-Nusra-Front oder des IS in die Hände gefallen.