Europäische Zentralbank gibt überraschend beschleunigten Ankauf von Staatsanleihen bekannt

Von Nick Beams
22. Mai 2015

Die Europäische Zentralbank (EZB) wird im Rahmen ihrer Politik des billigen Geldes (quantitative easing) mit einem Volumen von 1,1 Billionen Euro den Kauf von Staatsanleihen beschleunigen. Das zeigt die wachsende Nervosität in Finanzkreisen infolge der Turbulenzen an den Anleihemärkten im vergangenen Monat.

EZB-Direktor Benoit Coeuré sagte am Montag in London, dass die Zentralbank einen Teil ihrer Aufkäufe von Staatsanleihen auf Mai und Juni vorziehen werde, um einer ifür Juli und August befürchteten Liquiditätskrise entgegenzuwirken.

Coeuré zitierte Befürchtungen über die Verwerfungen auf dem Markt für Euroraum-Anleihen und sagte, die „Geschwindigkeit“ der Trendwende beim Preis von deutschen 10-Jahres-Bundesanleihen, auch Bunds genannt, zeige „wieder einmal die starke Anfälligkeit der globalen Kapitalmärkte, die auf einen möglichen Liquiditätsmangel hinweisen.“

Mitte April fiel die Rendite für die Bunds, die als wichtiger Marktindikator gilt, auf 0.05 Prozent. Anfang Mai stieg sie allerdings auf 0.55 Prozent. Das entsprach einer massiven Veränderung im Markt, wo die tägliche Renditeveränderung normalerweise höchstens einige Hundertstel Prozent beträgt. Der Anstieg der Rendite, der sich umgekehrt proportional zum Preis der Anleihe bewegt, zeigte an, dass Verkäufe in großem Stil stattgefunden hatten.

Der von Coeuré angesprochene „Liquiditätsmangel“ macht Befürchtungen deutlich, dass das Angebot auf dem Markt nicht genügend Käufer findet. Das kann zu einem „fluchtartigen Ausstieg " führen und eine Kettenreaktion auslösen.

Die Instabilität auf den Finanzmärkten kam auch in der Kritik an der Form der öffentlichen Bekanntmachung der Entscheidung zum Vorschein. Coeuré hielt seine Rede am Montagabend vor ausgewählten Bankern und Hedgefondsmanagern, aber die Öffentlichkeit erfuhr davon erst am Dienstagmorgen.

Frederik Ducorzet, ein Ökonom der Crédit Agricole, sagte der Financial Times: „Dass so viel Zeit verstreicht zwischen der Rede und ihrer Veröffentlichung, ist schon etwas seltsam. Die EZB sollte so etwas in Zukunft vermeiden, gerade auch weil die Nervosität im Markt sehr groß ist.“

Die EZB teilte mit, die Rede sollte parallel zum Vortrag veröffentlicht werden, doch eine interne Panne habe zu der Verzögerung geführt.

Der Preisverfall für Bundesanleihen und der Anstieg ihrer Rendite gaben zunächst zu der Hoffnung Anlass, die Märkte befänden sich an einem Wendepunkt, ein „willkommener Durchbruch der Vernunft“, wie eine Zeitung titelte, unter Bedingungen, da der Anleihenhandel mit Negativrenditen ein Volumen von drei Billionen US-Dollar erreicht hat.

Diese Hoffnungen zerschlugen sich schnell. Der Entscheidung der EZB lag die Furcht zugrunde, ein Anstieg der Zinsraten und ein Zurück zu normaleren Zinsraten – damit ein Ende der „Unvernunft“, wo die Spekulanten eine Negativrendite erzielen, wenn sie ihre Anleihen bis zur Fälligkeit halten – würde eine Krise auslösen.

Die Finanzmärkte treibt die Sorge um, was passiert, falls und wann die US-Notenbank Fed die Zinssätze anhebt, eine zu einem späteren Zeitpunkt des Jahres erwartete Maßnahme, und welche Folgen eine Entscheidung der EZB haben würde, den Ankauf von Staatsanleihen in geringerem Tempo fortzusetzen.

Coeurés Bemerkungen wurden dahingehend interpretiert, dass sie Befürchtungen zerstreuen sollten, die EZB werde in den kommenden Monaten weniger Staatsanleihen aufkaufen – wodurch die Zinssätze steigen könnten. EZB-Präsident Mario Draghi versuchte letzte Woche die Spekulationen einzudämmen, dass die EZB weniger Anleihen aufkaufen würde.

Der Gouverneur der französischen Notenbank, Christian Noyer, ebenfalls Mitglied des EZB-Direktoriums, deutete an, dass die Bank über ihre ursprüngliche Entscheidung hinausgehen würde. „Das Anleihekaufprogramm wird, wie geplant, bis September 2016 fortgeführt, auch darüber hinaus, falls wir die angestrebte Inflationsrate nicht erreichen“, sagte Noyer. [

Quantitative easing soll nach offizieller Diktion die Inflationsrate in Europa, die momentan nahe Null liegt, auf die von der EZB geplante Höhe knapp unter 2 Prozent bringen. Der wirkliche Zweck ist, den Banken und Finanzhäusern für ihre Spekulationsgeschäfte gigantische Summen billigen Geldes zur Verfügung zu stellen.

Die Finanzmärkte bejubelten die Entscheidung der EZB. Die europäischen Aktienkurse stiegen nach Bekanntgabe an und der Dow Jones Industrieindex schloss bei einem Allzeithoch. Doch andere Indexe verzeichneten einen Rückgang, weil man befürchtete, dass die Fed früher als erwartet an den Zinssätzen schraubt. Marktanalysten sprachen von „viel Angst“ über die Folgen einer Anhebung der Zinssätze.

Die EZB brach zwar nicht das Tabu, über eine Abwertung des Euro als Wettbewerbsvorteil auf den Weltmärkten zu sprechen. Doch ist ihre Entscheidung auch als Attacke im globalen Währungskrieg zu verstehen.

In den USA wurden Befürchtungen laut, der Anstieg des Dollars gegenüber dem Euro und den Währungen anderer wichtiger Handelspartner könnte sich negativ auf transnationale US-Unternehmen im High Tech- und Pharmabereich auswirken, die einen großen Teil ihrer Umsätze auf dem Weltmarkt erwirtschaften. Daher wurde erwartet, dass die Fed erst nächstes Jahr die Zinssätze anhebt, was den Kurs des Dollars in den letzten Wochen nach unten trieb.

Die EZB hat darauf reagiert. Nach Coeurés Ausführungen verlor der Euro am zweitstärksten an einem einzelnen Tag in den letzten drei Jahren. Brenda Kelly, Chefanalystin bei der London Capital Group, meinte: „Eines kann man aus der heutigen Entscheidung ganz sicher ablesen. Die EZB will, dass der Euro an Wert einbüßt.“

Die anhaltenden Marktturbulenzen und die Reaktionen und Gegenreaktionen der Notenbanken bringen täglich zum Ausdruck, dass jede auch noch so moderate Entscheidung, die Versorgung des Finanzsystems mit ultrabilligem Geld aufzugeben, große Angst vor den Folgen hervorruft.

Nach dem Anstieg der Renditen der Bundesanleihen schrieb der Wirtschaftskorrespondent Gayn Davies in der Financial Times, dass diese plötzliche Veränderung „in heilsamer Weise daran erinnert, wieviel schlimmer der Schock ausfallen könnte, wenn die Notenbanken ihre Null-Zins-Politik einmal aufgeben werden, auch wenn dies nicht unmittelbar bevorzustehen scheint.“

Davies machte darauf aufmerksam, dass die Renditesteigerungen bei den Anleihen während eines weltweiten wirtschaftlichen Rückgangs stattfinden, „was äußerst ungewöhnlich ist“. Die jüngsten Wirtschaftsdaten aus den USA besagen, dass der vielbeschworene Aufschwung im zweiten Quartal, nach einer Wachstumsrate von nur 0,2 Prozent in den ersten drei Monaten von 2015, nicht stattfindet. Außerdem gibt es Anzeichen, dass Chinas Wachstumsrate 2015 unter der offiziellen Zielvorgabe von etwa 7 Prozent liegen wird.

Davies warnte, dass einige Produkte der „Finanzanlagen-Industrie“, die im Zusammenhang mit dem Niedrigzins-Regime entwickelt wurden, zu einer systemischen Gefahr für die Marktstabilität werden können, sobald die Notenbanken zu normalen Zinssätzen zurückkehren. Die „Explosion“ der Bund-Renditen könne „eine Warnung vor künftigen Entwicklungen in viel größerem Umfang“ sein.“

Die Verfassung der Finanzmärkte ist so prekär, dass einige der größten Banken und Finanzhäuser, darunter HSBC, UBS und der Hedgefonds BlackRock, gewarnt haben, dass die niedrigen Zinssätze zur Instabilität beitragen. Ihre vom Weltwirtschaftsforum veröffentlichte Erklärung rief zu einer „Politik makroprudenzieller Regulierung“ auf – eine Regulierung, die über die Vorschriften für einzelne Banken hinausgeht,– statt über Zinssätze die „Überhitzung von Anlageklassen“ wie Immobilien zu beeinflussen.

Doch die Finanzhäuser argumentierten, im Sinne ihrer ureigensten Interessen, dass solche Maßnahmen allgemein gelten müssten, nicht nur für gegenwärtig regulierte Institutionen. Sonst würden die Geldströme ihren Weg in den Schattenbankensektor finden und die Gefahr eines „systemischen Risikos“ erhöhen. Ein Mehr an makroprudenzieller Regulierung könnte selbst eine Quelle systemischen Risikos werden.

Diese Risiken entstehen aber gerade durch die Versuche der großen Banken und Finanzhäuser, Methoden zur Umgehung von Regulierungen zu entwickeln, entweder durch Entwicklung noch komplizierterer Finanzprodukte oder durch Verlagerung ihrer Aktivitäten in den Schattenbankensektor.

Die weitgehend dem Eigeninteresse dienende Erklärung nannte keinerlei konkrete Maßnahmen, um die selbst von führenden Vertretern der Finanzbranche erkannte Krisenentwicklung aufzuhalten. Sie erfüllte allerdings einen nützlichen Zweck, indem sie deutlich machte, dass es solche Möglichkeiten der Reform einfach nicht gibt. Die Entscheidungen, die maßgebliche Finanzinstitutionen und –behörden treffen, um ein Problem zu beseitigen, verlagern es im günstigsten Fall in einen anderen Teil des Systems, wo es sich noch verheerender auswirken kann.