Der Bluesmusiker B.B. King, 1925-2015

Ein Nachruf

Von James Brewer
20. Mai 2015

Am 15. Mai verstarb die Blueslegende B.B. King in seinem Haus in Las Vegas. Er wurde 89 Jahre alt. Eine Reihe von Schlaganfällen setzte Kings Leben ein Ende. Der langjährige Diabetiker (Typ 2) konnte noch bis Oktober letzten Jahres als Sänger auftreten. King brachte es, unermüdlich von Tournee zu Tournee reisend, in vierzig Jahren durchschnittlich auf 200-300 Shows pro Jahr.

B.B. King, 2009

Lieder wie „Sweet Little Angel”, „Every Day I Have the Blues” und „The Thrill Is Gone” machten King seit Ende der 1960er Jahre zu einer Kulturikone. Sein leidenschaftlicher Gesangsstil in einzigartigem Zusammenspiel mit seiner Gitarrenkunst formte seinen sofort erkennbaren und unnachahmlichen Sound. Ein Markenzeichen von Kings Stil ist der hingebungsvolle und feierliche Glanz, der sowohl sein Gitarrenspiel als auch seinen Gesang auszeichnet.

King kam im Jahr 1925 tief im US-amerikanischen Süden zur Welt, in dem von 1876 bis 1964 die Rassentrennung (Jim-Crow-Gesetze) galt. Er wurde auf einer Baumwollfarm nahe Indianola im Mississippi-Delta, im Bundesstaat Mississippi geboren. (In Indianola wurde 1954 der Rat der Weißen Bürger gegründet, ein örtlicher Ableger des Ku-Klux-Klans.) 225 Kilometer nördlich von Indianola liegt Memphis in Tennessee und New Orleans 412 Kilometer südlich. Im Farmerhaus der Kings konnte die Radiostation KFFA in Helena (Arkansas) empfangen werden, die die Radioshow „King Biscuit Time” ausstrahlte, bei welcher der Bluesmusiker und Mundharmonikakünstler Sonny Boy Williamson („Rice” Miller) seinen Durchbruch hatte. KFFA war eine der wenigen Radiostationen, die Konzerte afroamerikanischer Blueskünstler sendeten. Schon während seiner frühen Jugend entschied Riley B. King, dass er für den Rest seines Lebens Gitarre spielen werde. Zunächst spielte er für kleine Münzen an Straßenecken.

Nachdem seine beiden Eltern gestorben waren, begab er sich nach Memphis, wo er eine Einladung der WDIA erhielt, der einzigen Radiostation, die von Farbigen betrieben wurde. Aus Riley B. wurde erst Blues Boy und dann B.B. King.

Den meisten Einfluss auf Kings Gitarrenstil hatte die ältere Bluesmusikergeneration: Lonnie Johnson (1899-1970), Blind Lemon Jefferson (1893-1929), T-Bone Walker (1910-75) und Robert Johnson (1911-38). Ein Freund, der während des Zweiten Weltkriegs in Europa Soldat war, erzählte ihm vom Hot Club in Paris, wo der in Belgien geborene Sinti-Gitarrist Django Reinhardt (1910-53) spielte. Die Aufnahmen, die sein Freund mitgebracht hatte, und die Reinhardts klaren Gitarrenstil hören ließen, beeindruckten King.

Ein Cousin seiner Mutter war Booker (Bukka) White (1909-77), ebenfalls einer früheren Generation angehörend, der Slide-Gitarre unter Benutzung eines Stahlstreifens oder Bottlenecks spielte. King hielt seine Finger für zu ungeschickt, um das Slide-Spiel zu erlernen, aber er fand einen anderen Weg, ein Vibrato in seinen Sound zu integrieren: indem er seine Hand schüttelte während er eine Note hielt. Er hatte kein Interesse, Bookers Stil zu erlernen, vielmehr machte er sich alles zu eigen, was sein Gitarrenspiel eloquenter und präziser machte.

B.B. King,1985

Ende 1951, nachdem erste Versuche, mit dem legendären Produzenten Sam Phillips Platten aufzunehmen nur begrenzten Erfolg hatten, spielte King mit dem Label RPM Records „Three O’Clock Blues” ein. Im Februar 1952 wurde dieser Song zum ersten Nummer-Eins-Hit der Rhythm-and-Blues-Hitparade; anschließend besaß King ein Publikum im ganzen Land und begann auf Tournee zu gehen.

King spielte in seiner Karriere über drei Dutzend Studio- und ebenso viele Live-Alben ein. Seine künstlerische Haltung zur Musik bestand von Anfang an darin, durch sie mit Menschen zu kommunizieren. In mehreren Interviews, die er im Verlauf seines Lebens gab, sprach er seine Einzelgängernatur und seine mangelnde Fähigkeit an, sich verbal auszudrücken. Er musste ein Kindheitsstottern überwinden. Sein starkes Bedürfnis, sich durch seine Musik auszudrücken, fühlen und fühlen immer noch Millionen Menschen.

King bewahrte sich sein Leben lang seine Aufrichtigkeit und Bescheidenheit, aber seine glühende Leidenschaft für den Blues hörte nie auf. Im Jahr 2003 wurde er in Mike Figgis’ Filmbeitrag („Red, White and Blues”) zur siebenteiligen Dokumentarreihe „The Blues“ zur Frage interviewt, worum es beim Blues gehe. King fand folgende Worte für sein Verständnis der Universalität des Blues‘: „Er ist das Leben. Das Leben, wie wir es heute leben, wie wir es in der Vergangenheit gelebt haben, und wie wir es, wie ich glaube, auch in der Zukunft leben werden. Er handelt von Menschen. Ich denke, dies ist einer der Gründe, warum die jungen Leute ihn aufgegriffen haben. Er handelt von Menschen, Orten und Dingen.“

In einem weiteren Fernsehinterview beschrieb King den Augenblick, in dem er spürte, dass seine Popularität eine neue Stufe erreicht hatte. 1968 verpflichtete der Rock-Veranstalter Bill Graham ihn für ein Konzert im Fillmore Auditorium in San Francisco. Als Graham ihn im ausverkauften Haus, in dem überwiegend junge, weiße Leute saßen, mit den Worten vorstellte: „Ladies und Gentlemen, ich stelle ihnen den Vorsitzenden B.B. King vor,“ erhielt er stehende Ovationen.

King sagte dem Interviewer: „Alle standen auf und ich musste heulen. So fing es an.“

Seit diesem Auftritt zählten Millionen Rock-Fans, die ihm über die Jahre treu blieben, zu Kings Publikum. Im Jahr 1969 eröffnete er die äußerst erfolgreiche Amerika-Tournee der Rolling Stones.

King beeinflusste viele Künstler aller Genres, von denen Jimi Hendrix, Eric Clapton und die Rolling Stones die namhaftesten sind. Der Blueskünstler Buddy Guy erstellte eine Hommage in Form einer interaktiven Zeitleiste zum Leben Kings.

Riding With The King

Eric Clapton, der das Album „Riding with King” aufgenommen hatte, veröffentlichte eine bewegende Huldigung, als er von Kings Tod hörte: „Ich möchte einfach meiner Trauer Ausdruck geben und meinem lieben Freund B.B. King danke sagen. Ich möchte ihm für all die Inspiration und Ermutigungen danken, die er mir als Musiker über die Jahre gab sowie für die Freundschaft, die wir genossen haben.“

„Er war ein Leuchtturm für uns alle, die wir diese Art Musik lieben und ich danke ihm vom Grunde meines Herzens.”

Live at the Regal

„Wenn Du mit seinem Werk nicht vertraut bist, dann solltest Du nach einem Album mit dem Titel ‘B.B. King Live at the Regal’ Ausschau halten. Es ist das, welches für mich als jungen Musiker alles in Gang gebracht hat.“

In der Figgis-Dokumentation sprach King von dem Popularitätsausbruch des Blues in England: „Wenn es die britischen Musiker und die weißen Musiker in Amerika nicht gegeben hätte, dann stünden wir jetzt immer noch da, wo wir schon lange zuvor gewesen waren. Darum gebührt allen von ihnen Dank, danke Leute, dass ihr die Türen geöffnet habt, von denen ich glaubte, ich würde sie mein Lebtag nicht geöffnet sehen. Habt vielen großen Dank.“

Die Leser werden keine Mühe haben, Würdigungen und Links zur Musik von B.B. King zu finden. Es gibt einige bemerkenswerte Interviews, die seine Leidenschaft für den Blues und sein Bemühen um Menschlichkeit nahebringen.

Wie jeder große Künstler artikulierte King in seiner Musik mehr als nur seine persönliche Gefühle und sein Schicksal. Er stammte aus einer der am meisten unterdrückten Regionen in den Vereinigten Staaten, wo er als Jugendlicher auf Baumwollfeldern für 75 Cents pro Tag arbeitete. Diese bewegte Geschichte und seine Liebe zum Leben blieben ihm stets erhalten und fanden während seiner Karriere tiefgehenden und vielfältigen künstlerischen Ausdruck. In einem Interview, das er 2008 einem Journalisten aus Jackson (Mississippi) gab, kommentierte King: „Und jungen Leuten, die denken, Bildung sei unwichtig, sagt folgendes: Mein Gehirn ist heute wie ein Schwamm. Ich interessiere mich für alles, was es dort draußen gibt. Ich will lernen.“

Der monumentale, makellose Charakter seiner im Leben verwurzelten persönlichen und musikalischen Grundlagen sowie sein Bedürfnis, ihnen immerfort Ausdruck zu verleihen, kommen in allen seinen Aufführungen zum Tragen. Zum Beispiel in diesen Darbietungen von „The Thrill is Gone” aus dem Jahr 1971, vom Montreux jazz festival 1993 und in dem gemeinsamen Auftritt mit dem legendären Bobby Blue Bland aus dem Jahr 1977.