Joyce Carol Oates, Russell Banks und 143 weitere Autoren protestieren gegen Verleihung des Preises für Meinungsfreiheit an Charlie Hebdo

Von David Walsh
15. Mai 2015

Die Liste der Autoren, die sich gegen die Preisverleihung des amerikanischen PEN Centers an das islamfeindliche französische Satiremagazin Charlie Hebdo ausgesprochen haben, ist auf 145 Unterzeichner angewachsen. Das Center will seinen Preis für Meinungsfreiheit und Mut an die Satirezeitschrift verleihen, auf deren Pariser Büroräume im Januar Terroristen einen Anschlag verübt haben.

Zu den prominentesten unterzeichnenden Persönlichkeiten gehören die Schriftsteller Joyce Carol Oates und Russell Banks, der dominikanisch-amerikanische Pulitzer-Preisträger Junot Díaz, die Drehbuchschreiber Eve Ensler und Craig Lucas, der Autor und Schauspieler Wallace Shawn, die Kurzgeschichtenautorin Deborah Eisenberg, der Schauspieler und Drehbuchautor Eric Bogosian, der serbisch-amerikanische Dichter Charles Simić, der nigerianische Schriftsteller Chris Abani, der Belletrist Nell Freudenberger, die Autorin und Belletristik-Lehrerin Janet Burroway, der Historiker und Journalist Russell Shorto sowie der Kurzgeschichtenautor Lorrie Moore.

Peter Carey, Teju Cole, Rachel Kushner, Michael Ondaatje, Francine Prose und Taiye Selasi, die als Gäste für das PEN-Gala-Dinner am 5. Mai vorgesehen waren, sagten ihre Teilnahme ab.

In ihrem Protestbrief verurteilen die 145 zunächst die Angriffe auf Charlie Hebdo als „widerwärtig und tragisch“, betrachten aber weder die Entscheidung, den Preis für „Mut und Meinungsfreiheit“ an das französische Magazin zu verleihen noch die Kriterien, die von den PEN-Vertretern für diese Entscheidung angewandt wurden, als „eindeutig und überzeugend“. Die Unterzeichner führen aus, dass „es einen eindeutigen Unterschied zwischen einer standhaften Verteidigung von Verstößen gegen das Zulässige und einem begeisterten Prämieren dieser Verstöße gibt.“

Die 145 PEN-Mitglieder erklären, Elemente von “Macht und Prestige” seien in aller Art literarischer Arbeit präsent, auch in der Satire. „Die Ungleichheiten zwischen der Person, die den Stift führt und dem Motiv, welches vom Stift zu Papier gebracht wird, können nicht und dürfen nicht ignoriert werden.“

Und weiter: “Jenen Teilen der französischen Bevölkerung, die bereits an den Rand gedrängt, bedrängt und schikaniert wurden, die von dem Erbe verschiedener französischer Kolonialexperimente gezeichnet sind und zu einem hohen Prozentsatz aus tiefreligiösen Muslimen bestehen, mussten die Karikaturen des Propheten, die Charlie Hebdo anfertigte, als bewusste Demütigung und Steigerung ihres Leids erscheinen.“

Dieser Brief und die dazugehörige Opposition erfordern ein gewisses Maß unabhängigen Denkens und der Courage. Der Anschlag auf die Büros von Charlie Hebdo war der Signalschuss für eine breite Flut von heuchlerischen und egoistischen Kommentaren in den nordamerikanischen und europäischen Medien. Immer wieder erzählte man uns, der islamistische Anschlag von Paris stehe für eine fundamentale Bedrohung der Meinungsfreiheit und der Prinzipien der demokratischen Gesellschaft, von Rechten und Prinzipien, die den westlichen Staaten sehr am Herzen liegen, und dass er wieder einmal demonstriere, wie sehr fanatische Muslime unsere „Freiheiten“ hassen.

Während dieser Müll auf uns niederprasselte gingen Regierungen und das politische Establishment daran, den Prozess der Beseitigung demokratischer Rechte zu beschleunigen und insbesondere den Polizeistaat in ganz Europa aufzurüsten. Die repressiven Maßnahmen, die in Frankreich, Großbritannien, Italien, Deutschland und anderswo angekündigt oder umgesetzt wurden, lagen schon lange vor dem Angriff vom 7. Januar in den Schubladen. Der Anschlag diente lediglich als willkommener Vorwand. Außerdem wurde die Angelegenheit um Charlie Hebdo zwangsläufig Bestandteil der prinzipiellen Argumentation für eine imperialistische Intervention im Nahen Osten, um die terroristische Bedrohung „an der Wurzel“ anzugehen.

Die Entscheidung des PEN, den Preis an Charlie Hebdo zu verleihen, muss in diesem politischen Kontext betrachtet werden. Sie ist ein Element der Bemühungen um die Legitimierung bornierter Islamfeindlichkeit und um öffentliche Unterstützung für den „Krieg gegen den Terror“.

Die politische Biographie von Suzanne Nossel, der leitenden Direktorin des PEN und ehemaligen Beamtin im amerikanischen Außenministerium, macht deutlich, welche Art Operation eigentlich vorgesehen war. Nossel ist uneingeschränkte Unterstützerin einer „Kombination aus harter Macht, Militärgewalt und Zwang sowie der sogenannten weichen Macht; Diplomatie, Berufung auf die amerikanische Kultur, auf Amerikas Bevölkerung, auf Wirtschaftsbeziehungen.“ Sie empfiehlt „eine kluge Wahl aus einem großen Angebot verschiedener Mittel“ zu treffen, das heißt: zu wählen zwischen Bomben und Propaganda. Die Preisverleihung an Charlie Hebdo ist eine Option für das Letztgenannte.

Die 145 PEN-Mitglieder haben nun Sand in das Getriebe gestreut und damit einen wütenden Aufschrei aus den Kreisen wohlhabender Ex-Linker und Ex-Liberaler provoziert. Die Handlung der protestierenden Autoren verdient Lob und außerdem hat sie eine bestimmte objektive Bedeutung. Es ist schon eine ganze Weile vergangen, seitdem eine Künstler- oder Intellektuellenvertretung das letzte Mal Stellung zu solch einer Frage bezog.

Die politische Situation beginnt aufzubrechen. Einige Leute beziehen Positionen; andere, darunter solche, die sich über Jahrzehnte als „Linke“ aufgespielt hatten, werden als das entlarvt, was sie tatsächlich sind: nicht mehr als Sprachrohre des Establishments und des Staatsapparats. Vor unseren Augen findet eine politische und moralische Polarisierung statt.

Die Verteidigung des Preises an Charlie Hebdo durch die Nation-Kolumnistin Katha Pollitt ist insoweit beachtenswert, als sie besonders schockierend ist. Pollitt zieht es, wie auch alle anderen Apologeten des französischen Magazins vor, den politischen Kontext zu ignorieren: nämlich das Auftreten des islamfeindlichen Rassismus und die Legitimierung des neo-faschistischen Front National in Frankreich, und der endlose „Krieg gegen den Terror“ und die imperialistischen Interventionen im Nahen Osten.

Ganz nebenbei behauptet sie, Charlie Hebdo sei “ein kleines Satiremagazin, das von alternden Linken aus den 1960er Jahren vertrieben wird“ sowie, dass es „Muslime nicht verspottet.“ Ein Leitartikel der WSWS vom Januar führte dagegen aus: „Charlie Hebdo begünstigte eine politisch aufgeladene Islamfeindlichkeit, die beängstigend an die Entwicklung eines ebensolchen Antisemitismus als Massenbewegung im Frankreich der 1890er Jahre erinnert. Die Veröffentlichung plumper und vulgärer Karikaturen, die ein düsteres und klischeehaftes Islambild zeichnen, erinnert an die billigen rassistischen Publikationen, die während der berüchtigten Dreyfus-Affäre erheblich zur damaligen Welle des Antisemitismus in Frankreich beitrugen.“

Pollit und andere (wie der ex-liberale britische Kriegsbefürworter Nick Cohen zum Beispiel) stoßen sich an dem Protest der 145 Schriftsteller und identifizieren sich mit diesen „alternden Linken aus den Sechzigern“, die scharf nach rechts gegangen sind und der armen muslimischen Bevölkerung Frankreichs und der Arbeiterklasse ganz allgemein mit Verachtung begegnen. Gleich und Gleich gesellt sich gern.

Sie behauptet, die “Linke” sei “hoffnungslos verwirrt über den Islam: teils versichern wir uns gegenseitig, dass gewaltbereite Fundamentalisten, wie jene, die die Charlie-Hebdo-Morde begangen haben, nur eine kleine Fraktion der 1,6 Milliarden Muslime auf der Welt darstellen, die einfache, gewaltlose Menschen guten Willens sind, und teils sprechen wir so, als ob sie berechtigte Anliegen hätten, selbst wenn sie bei der Wahl der Mittel danebengreifen. Was denn nun?“

Es ist bezeichnend, worüber Pollitt hier ihren Spott ausgießt: über die beiden Möglichkeiten, dass die Mehrheit der Muslime „einfache, gewaltlose Menschen guten Willens“ seien und darüber, dass es „echte Übel“ zu beseitigen gebe. Tatsächlich ist der Terrorismus eine bankrotte und reaktionäre Antwort auf die „echten Übel“: auf die lange Geschichte kolonialer Unterdrückung des Nahen Ostens und die fortgesetzte ungehemmte Plünderung der Region durch die Großmächte sowie die Feindschaft und Brutalität, mit denen das französische politische Establishment, ob rechts oder „links“, den Menschen mit Migrationshintergrund begegnet.

Wenn der Terrorismus keine Antwort auf die „echten Übel“ darstellt, was ist er dann? Dann muss der muslimischen Bevölkerung oder dem Islam als Religion eine „terroristische“ Qualität innewohnen. Ist es dies, was Pollitt glaubt? Sie sollte sich uns genauer erklären. Ihre demagogische Wortwahl – “gewaltbereite Fundamentalisten” und “Mörder” – reflektiert die Sprache der rechten Boulevardpresse.

Sozialisten bekämpfen den Einfluss der Religion auf die Masse der Bevölkerung mittels Kampf gegen das soziale Elend, welches ideologische Rückständigkeit erschafft, und nicht durch zynische und erniedrigende „satirische“ Angriffe auf jene, die an ihren religiösen Vorstellungen festhalten. Pollitt spricht als Repräsentantin des selbstzufriedenen amerikanischen Kleinbürgertums, das den Bedingungen, unter denen die Unterdrückten leben, sowie ihren Gefühlen gegenüber, vollständig teilnahmslos ist.

Um es geradeheraus zu sagen: Charlie Hebdo war eine schmutzige, rassistische Provokation. Sein Hervortreten als islamfeindliches Blatt hat etwas mit dem Erscheinen von kriegsbefürwortenden und die CIA glorifizierenden Filmen wie Kathryn Bigelows Tödliches Kommando – The Hurt Locker und Zero Dark Thirty, David Ayers Fury, Clint Eastwoods American Sniper undsoweiter gemein. Um Kolonialkriege und imperialistische Gewalt zu verteidigen, schließen sich die korruptesten Elemente zusammen,

Pollitts Verteidigung von Charlie Hebdo ist verachtenswert.

Ihre Blindheit und Heuchelei sind geradezu umwerfend. In ihrer Schilderung von Charlie Hebdo kommentiert sie an einer Stelle: „In der Tat, es ist blasphemisch. Aber ist das nicht eine ehrenwerte linke Eigenschaft?“ Und später bemerkt sie: “Brauchen wir nicht Literatur und Kunst, die die Grenzen des Akzeptablen überschreiten?“

Und dies ist dieselbe Kolumnistin, die sich im Jahr 2010 an der Schmierenkampagne beteiligte, mit der Julian Assange in den Schmutz gezogen werden sollte, als gegen ihn erfundene Vorwürfe sexueller Übergriffe erhoben wurden, die darauf abzielten, die WikiLeaks-Enthüllungen über die kriminellen Machenschaften des US-Imperialismus und amerikanischer Konzerne zu beenden.

Als jemand, der mit seiner wahrhaftig “blasphemischen” und „ehrenwerten” Arbeit ganz real „die Grenzen des Akzeptablen überschritten“ hatte und infolgedessen der Verfolgung durch die amerikanische Regierung und ihre Verbündeten, durch zahllose Geheimdienste und Polizeikräfte sowie der mächtigsten Medienorgane ausgesetzt war, da stellte sich Pollitt auf die Seite der Verfolger. Wo war denn damals ihr Feuereifer für die „Meinungsfreiheit“?

Auf der Grundlage fabrizierter Vorwürfe sexueller Übergriffe, die schwedische Behörden gegen Assange erhoben, schrieb Pollitt damals: „Sobald es um Vergewaltigung geht, kann die Linke nicht wegsehen.“ Man glaubt es kaum, aber die Nation-Kolumnistin gab zu verstehen, dass der WikiLeaks-Gründer in die Kategorie jener “Weltberühmtheiten“ gehöre, die glauben, ungeschoren mit ihren Verbrechen davonkommen zu können. Ihre Feindschaft gegenüber Assange sprang dem Leser geradezu ins Gesicht.

Klasseninstinkt ist unfehlbar. Die Ex-Linke Pollitt beteiligte sich an der Kampagne gegen Assange, der das Verdienst besitzt, sich die Feindschaft der globalen herrschenden Eliten zugezogen zu haben. Auf der anderen Seite verwendet sie sich für Charlie Hebdo, ein Magazin, das die Armen und Machtlosen mit Hohn und Spott überzieht. Darin zeigt sich die Logik von Pollitts Entwicklung und derjenigen einer ganzen sozialen Schicht.