65. Berlinale

Haiti und Rumänien: Drama und soziales Leben in Mord in Pacot und Warum ich?

Teil 5

Von Stefan Steinberg
28. März 2015

Dies ist der fünfte und letzte Teil einer Artikelserie über die Berlinale, die vom 5. bis zum 15. Februar stattfand. Der erste Teil wurde am 19. Februar, der zweite am 12. März, der dritte am 14. März, und der vierte am 21. März veröffentlicht.

Eines der fesselndsten Werke beim 65. Internationalen Filmfestival in Berlin war der Film von Raoul Peck. Der Regisseur wurde in Haiti geboren und hat beeindruckende Filme, wie Lumumba (2000), Moloch Tropical (2009) und Fatal Assistance (2013) gedreht. Der zuletzt genannte Dokumentarfilm handelte von den verheerenden Folgen des Erdbebens in Haiti von 2010 – insbesondere von dem geldgierigen Verhalten westlicher Politiker, Geschäftemacher und Hilfsorganisationen, die versuchten, die Katastrophe für ihre eigenen Interessen auszunutzen.

Dieses Erdbeben bildet auch den Hintergrund von Pecks jüngstem Film, Meurtre à Pacot (Mord in Pacot), der sich in fiktiver Form mit den Nachwirkungen der Tragödie befasst.

Mord in Pacot

Der Film handelt von dem Schicksal eines Ehepaars aus der Mittelschicht von Port-au-Prince. Für sie, wie für viele andere, bedeutete das Erdbeben, den Ruin. Ohne Dach über dem Kopf und ohne wirkliches Einkommen, sind sie gezwungen in der Unterkunft ihres Dienstmädchens zu wohnen, das bei dem Erdbeben verschwand. Um an Geld zu kommen, vermieten die Eheleute den einzigen bewohnbaren Teil ihrer Villa an eine Person aus dem Westen. Alex, ein internationaler Katastrophenhelfer, hat Geld und bringt seine junge haitianische Geliebte, Andrémise, mit.

Geht es ums blanke Überleben, so verliert Geld weitgehend an Bedeutung. Ein abscheulicher Gestank macht sich in den Ruinen der Villa breit, als wollte er der Fäulnis der Gesellschaft Ausdruck verleihen. Der Villenbesitzer muss feststellen: die Klassenbeziehungen haben sich umgekehrt.

Ohne ihr Dienstmädchen scheitert die nach westlichem Vorbild erzogene Ehefrau an den einfachsten Hausarbeiten. Sie hat Mühe, den lebensnotwendigen Nachschub an Wasser aus den Ruinen ihres Swimmingpools zu holen. Für die junge, aus bescheidenen Verhältnissen stammende Frau aus Haiti dagegen, sind solche Aufgaben kein Problem. Sie trägt den großen Wasserkübel einfach auf ihrem Kopf. Ihre Lebenskraft hebt sich eindrucksvoll von der Hilflosigkeit des kleinbürgerlichen Ehepaars ab.

Wie auch in seinem Dokumentarfilm verliert Peck kein positives Wort über die internationalen Hilfsorganisationen. In einer Szene ist eine kleine, mit Besen bewaffnete Militäreinheit von Haitianern zu sehen, die, eingekleidet in T-Shirts einer Hilfsorganisation, eine Straße kehren, obwohl sie völlig in Trümmern liegt. In einer anderen Szene konfrontiert Alex einen jungen Haitianer, der seine Geliebte entführen und heiraten möchte, mit der Frage: „Bist du ein Dealer?“ Daraufhin antwortet der junge Mann: „Ja, genau wie du“. Der Drogendealer ist nicht bereit, sich von einem Dealer mit Menschenleben und Hilfsgütern belehren zu lassen.

Schließlich gelingt es dem Ehepaar und Alex letztendlich doch noch eine Art Klassenausgleich herzustellen. Gemeinsam stürzen sie sich auf das grausame Schicksal der Proletarierin, Andrémise. Nun haben sie eine reale Person, die sie für ihre missliche Lage verantwortlich machen können. So gelingt es ihnen unter den widrigsten Bedingungen eine gewisse gesellschaftliche Überlegenheit und Selbstgefälligkeit wiederherzustellen.

Mit Spannung erwarten wir das nächste Projekt von Peck – ein Film über den jungen Karl Marx.

Warum ich?

Warum ich?

Warum ich? ist ein fesselnder Politthriller über neuere Ereignisse, bei dem der rumänische Filmemacher Tudor Giurgiu (Liebeskrank 2006, Von Schlangen und Menschen 2012) Regie führte. Er handelt von einem jungen rumänischen Staatsanwalt, der bei seiner Arbeit auf Hindernisse und Feindschaft stößt.

Der Film gehört zu einem relativ neuen Trend im osteuropäischen Kino, in dem die Folgen von zwei Jahrzehnten kapitalistischer Restauration mit mehr Ernsthaftigkeit thematisiert werden. Warum ich? befasst sich mit der allgegenwärtigen Korruption in Politik, Justiz und Medien. Giurgius Arbeit folgt dem kürzlich erschienenen slowakischen Film Der Kandidat, der ähnliche Fragen in satirischer Art und Weise behandelt.

In seinen Aufzeichnungen zum Film schreibt Giurgiu: „Der Film (...) handelt gewissermaßen vom Versagen meiner Generation – dem Versagen, die sozialen und politischen Zustände in Rumänien zu ändern. Es handelt von idealistischen Menschen, die im Kommunismus erzogen wurden, und dann, beflügelt von hohen Idealen, die Revolution von 1989 erlebten. Eine Generation, die glaubte, die politischen Veränderungen der Revolution von 1989 würden einen endgültigen Bruch mit dem verkommenen und korrupten 'alten System' auslösen. Aber wir irrten uns.“

Ich sprach in Berlin mit Tudor Giurgiu. Viele Fragen blieben natürlich unbeantwortet. So z. B. Fragen zur Geschichte und zum Wesen des Stalinismus, den er, wie so viele, als Kommunismus bezeichnet. Dennoch waren seine Antworten ernsthaft und ehrlich.

Tudor Giurgiu

Zunächst wollte ich wissen, weshalb er Warum ich? drehte, ein ganz anderer Film als seine früheren.

Tudor Giurgiu antwortete: „Ich bin ein großer Bewunderer von Regisseuren, die verschiedene Genres beherrschen. Ich wollte etwas anderes probieren. Gleichzeitig bin ich in den letzten Jahren immer mehr zu einem politisch bewussten Menschen geworden. Mich haben immer mehr soziale und politische Fragen beschäftigt. Ich denke, dass sich das Kino, zumindest in unserem Land, mit diesen Verhältnisse beschäftigen sollte. Sie geben viel Stoff für gute Filme. Ich habe kein Interesse an der Produktion von Propagandafilmen oder von Filmen mit einer offen ideologischen Botschaft. Stattdessen geht es mir darum, Filme zu machen, die das gesellschaftliche Leben in Rumänien beeinflussen.“

Stefan Steinberg: „In der Fragestunde nach dem Film sagten Sie, dass persönliche Gründe hinter Ihrer Entscheidung für die Produktion dieses Films standen.“

Tudor Giurgiu: „Das ist richtig. Als ich 33 war, bekam ich das Spitzenangebot, den staatlichen rumänischen Fernsehsender TVR zu leiten. Das habe ich von 2005 bis 2007 getan. Ich war sehr naiv. Ich dachte, ich könnte diesen korrupten Fernsehsender, mit antiquierten Strukturen und einem fürchterlichen Programm, ändern.

Nach zwei Jahren trat ich zurück und es kam zu einem schrecklichen Medienskandal. Ich wurde damals in einen politischen Kampf zwischen dem Präsidenten und dem Premierminister verwickelt. Ich folgte den Befehlen der Politiker nicht. Ich war nicht nett zu ihnen. Ich rief sie nicht jeden Tag an. Sie brauchten Marionetten, ergebene Diener. Sie verlangten immer nur nach Live-Auftritten im Fernsehen.

Ich musste mir eingestehen, dass ich mit meinen anfänglichen Plänen gescheitert war. Ich will das System nicht als allmächtig bezeichnen, aber ich fühlte mich damals sehr allein. Nach einigen Monaten wollte ich meine Erfahrungen und die damit geweckten Dämonen verarbeiten – den Zusammenstoß von Politikern, Geheimdiensten und Medien. Schließlich beschloss ich, keinen Film über mich zu machen. Ich hielt Ausschau nach möglichen Stories und es fiel mir dieser Fall von 2003 ein: Ein Kerl in meinem Alter, ein junger Staatsanwalt mit moralischen Prinzipien, der glaubte, er könne die Welt von innen heraus verändern.“

Stefan Steinberg: „Sie verweisen in Ihrem Film auf ‚das System‘. Wie definieren sie das System?“

Tudor Giurgiu: „Ich wurde im Kommunismus erzogen und erlebte seinen Niedergang. 1990 war ich gerade 18 Jahre alt. Das System ist ein Geflecht von Menschen, die untereinander in Beziehung stehen. Größtenteils sind das Schlüsselpersonen im Umfeld der Securitate, des Geheimdienstes unter (dem ehemaligen stalinistischen Führer Nicolae) Ceausescu. Auch Jahre nach 1990 funktionierte die Securitate noch und hielt ihre Kontrolle über Rumänien aufrecht.

Diese Leute bauten enge Beziehungen zu Journalisten, Politikern und Geschäftsleuten auf. Das System ist ein unsichtbares Netzwerk. Ihre Aufgabe ist die Geschäftsinteressen zu schützen, um selbst eine politische Karriere zu machen. Menschen interessieren überhaupt nicht, allein persönliche Interessen zählen. Sie haben keinerlei moralische Prinzipien. 2002 gab es in Rumänien sieben verschiedene Geheimdienste, die sich untereinander bekämpften. Es ist verrückt.“

Stefan Steinberg: „Eine der Reaktionen auf ihren Film war die Bemerkung, dass sich die Lage seit 2002 verbessert habe. Stimmt das ihrer Meinung nach?“

Tudor Giurgiu: „Ich denke, es gab beachtliche Veränderungen (...). 2002 war es noch unvorstellbar, dass es Ermittlungen gegen Spitzenpolitiker und strafrechtliche Verfolgung wegen Korruption geben würde. Heute findet das statt. Dennoch gibt es die gleiche Korruption, bloß auf breiterer Ebene. Die jungen Staatsanwälte müssen immer noch mit ihren Vorsitzenden kämpfen. Auf dieser Ebene hat sich nicht viel geändert.“

Stefan Steinberg: „Bei Ihrer Pressekonferenz in Berlin sprachen sie verschiedene internationale Parallelen an. Diese Korruptionsskandale werden oft benutzt, um alte Eliten loszuwerden und neue zu installieren. Das beste Beispiel ist vielleicht Italien mit der Kampagne mani pulite (saubere Hände), die letztendlich den Weg für (Silvio) Berlusconi und (Romano) Prodi frei machte.

Heute verlangen der Internationale Währungsfond und die Weltbank von Griechenland, es solle sich zunächst von seiner Korruption befreien, bevor es Geld gibt. Bei all dem verbessert sich die Situation der normalen Bevölkerung nicht, sie wird vielmehr schlechter. Ist das nicht auch eine Gefahr für die Antikorruptionskampagne in Rumänien?“

Tudor Giurgiu: „Zwischen 2006 und 2012 gab es eine neue junge Elite, die angeblich für Demokratie kämpfte. Sie waren Mitte dreißig und standen hinter den Liberaldemokraten. Jetzt sind genau diese Leute selbst in Skandale verwickelt. Es gibt den Microsoft-Skandal, vier Skandale im Umkreis der Politikerin Elena Udrea. Ihre Beobachtung ist sehr richtig. Jedes Mal, wenn eine neue Partei an die Macht kommt, sagen sie, sie würden für Demokratie eintreten, aber unter der Oberfläche fahren sie mit den gleichen Praktiken fort. Die einfachen Leute in einer schweren Zeit, in der Fabriken schließen müssen, sind ihnen egal.

Aber das kann nicht ewig so weitergehen. Die Menschen haben die herrschende Gier und Arroganz immer mehr satt. Die Kluft zwischen dem Reichtum der korrupten Eliten und der einfachen Bevölkerung ist erschütternd. Ich bin sehr beunruhigt über die Schicht junger Leute, die jetzt die gleichen korrupten Methoden anwenden, wie ihre Vorgänger.“

Schluss